{"id":2817,"date":"2015-02-15T14:09:22","date_gmt":"2015-02-15T13:09:22","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=2817"},"modified":"2017-10-22T12:09:41","modified_gmt":"2017-10-22T10:09:41","slug":"die-fracht-am-rhein-teil-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=2817","title":{"rendered":"Die Fracht am Rhein (Teil 8)"},"content":{"rendered":"<p>Kommen wir nun zum Abschluss meiner Beschreibungen des ADR-Lehrgangs im Fr\u00fchjahr 2013.<\/p>\n<p>Auch als im B\u00fcro arbeitender Gefahrgutbeauftragter erlebt Herr Bach scheinbar genug. Da rief ihn eines Tages die Polizei an, weil ein Transoflex Fahrzeug nicht ausreichend gekennzeichnet gewesen sei: Den Beamten hatte missfallen, dass sich die orangefarbene Gefahrgutwarntafel an der Heckt\u00fcr nach ihrem Empfinden nicht ausreichend vom ebenfalls orangefarbenen Transoflex Schriftzug oder den orangefarbenen &#8220;Rallystreifen&#8221; abhob. Wozu, meinte Herr Bach zu dem Anrufer, sei wohl die deutliche schwarze Umrandung der Warntafel da? Und ob er denn auch konsequent alle Fahrzeuge der Stadtwerke rauswinke, wenn sie zwecks einer Instandsetzung eine kennzeichnungspflichtige Menge brennbarer Lackfarbe geladen h\u00e4tten? Schlie\u00dflich seien doch auch die deutschlandweit mit den Warntafeln farbgleich. Der Vorwurf wurde nat\u00fcrlich fallen gelasen. <\/p>\n<p>Anderswo hatte sich ein Polizist Verkehrssicherheit und Umweltschutz zur vorrangigsten Aufgabe gemacht und ging so weit, t\u00e4glich einige Hundert Meter vor dem Tor eines ToF-Depots ein Schild aufzustellen, das die Lieferfahrer pauschal dazu aufforderte, zwecks Kontrolle auf dem n\u00e4chsten Parkplatz zu halten.<br \/>\nHaltenetz nicht heruntergezogen? Bu\u00dfgeld.<br \/>\nPakete nicht formschl\u00fcssig geladen? Bu\u00dfgeld.<br \/>\nGefahrgut nicht in der entsprechenden Box? Bu\u00dfgeld.<br \/>\nFahrt- und Kontrollnachweise vernachl\u00e4ssigt? Bu\u00dfgeld.<br \/>\nFeuerl\u00f6scherplombe durch Unachtsamkeit entfernt? Bu\u00dfgeld.<br \/>\nFrachtpapiere nicht vollst\u00e4ndig oder nicht unterschrieben? Bu\u00dfgeld.<br \/>\nSchlie\u00dflich, als die Fahrer wussten, was kam und entsprechend penibel vorsorgten, ging er dazu \u00fcber, die Transportsicherheit von Gefahrgutsendungen im Besonderen  zu \u00fcberpr\u00fcfen, indem er feststellte, ob man noch ein Blatt Papier dazwischen einschieben konnte. Wenn Ja: Nicht formschl\u00fcssig &#8211; Bu\u00dfgeld. Davon hatte der Konzern alsbald genug und man reichte eine Beschwerde ein, worauf die Schikane aufh\u00f6rte. <\/p>\n<p>Auch nicht schlecht war die Geschichte von dem Lieferfahrer, der auf winterlicher Fahrbahn auf einem Eisfleck weggerutscht und gegen einen Baum geprallt war. Der Schaden an der Fahrzeugfront war beachtlich und es war zu keinem Austritt gef\u00e4hrlicher Stoffe gekommen, aber der Fahrer hatte wohl einen Schock erlitten, denn w\u00e4hrend ein aufmerksamer Autofahrer den Unfall schon bald meldete und das Fahrzeug von der Feuerwehr gesichert werden konnte, wurde der Fahrer erst zwei Stunden sp\u00e4ter ziellos in der Gegend umherirrend aufgefunden. <\/p>\n<p>Am allerirrsten fand ich die Geschichte, dass ein scheinbar radikaler Umweltaktivist einen Sprinter mit Radioaktiv-Kennzeichnung von der Stra\u00dfe abgedr\u00e4ngt hatte, weil er der Meinung war, es handele sich um einen Transport von Brennst\u00e4ben in ein nahes Atomkraftwerk oder vom Atomkraftwerk in ein Zwischenlager. Dabei transportieren wir ausschlie\u00dflich radioaktives Material zu medizinischen Zwecken &#8211; aber wer wei\u00df das schon? Die Zeiten, wo Atomkraft als saubere Energie verkl\u00e4rt und anerkannt war, sind ja mittlerweile vorbei und dank entsprechender Berichterstattung in allen Medien geht Otto Normaldosenbiertrinker davon aus, dass &#8220;Radioaktiv = Teufelszeug&#8221;.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df ja selbst nicht alles&#8230; so war mir zum Beispiel zwar klar, dass so genannte Alphastrahler nur wenig Reichweite besitzen, aber ich wusste nicht, dass sie auch so schwach sind, dass man die Strahlung mit einem Blatt Papier aufhalten kann. Gef\u00e4hrlich sind diese Stoffe nur bei dauerhaftem Aufenthalt im Gefahrenbereich mit entbl\u00f6ssten Hautstellen &#8211; oder bei Aufnahme in den K\u00f6rper, zum Beispiel als Staubpartikel in der Lunge oder im Verdauungssystem. Dann wirkt das Partikelchen konstant auf lebende Zellen in der direkten Umgebung und l\u00f6st mit h\u00f6chster Wahrscheinlichkeit Mutationen, also Krebs aus.<br \/>\nMan muss sich also dar\u00fcber im Klaren sein, dass Strahlung nicht haften bleibt. Strahlung dringt gegebenenfalls durch das Gewebe und sch\u00e4digt lebende Zellen. Das ist alles. Wird die Quelle entfernt, besteht mangels Strahlen auch keine Gefahr mehr. Nur aus psychologischen Gr\u00fcnden sei es angebracht, erl\u00e4uterte Herr Bach, eine Zusammenladung von zum Beispiel Babybrei mit Plutoniumbeh\u00e4ltern gegen\u00fcber den aller Wahrscheinlichkeit nach unwissenden Anwesenden im Eingangsbereich eines Krankenhauses zu verschleiern, zum Beispiel mit Hilfe einer kleinen Decke. Die k\u00f6nnten glauben, der Brei sei jetzt verstrahlt und sch\u00e4dlich f\u00fcr die neugeborenen Empf\u00e4nger, w\u00e4hrend die einzige tats\u00e4chlich feststellbare Ver\u00e4nderung im Nahrungsmittel darin bestehe, dass die Joghurtkulturen &#8220;ausgedreht&#8221; h\u00e4tten. <\/p>\n<p>Die Kursteilnehmer, etwa zwei Dutzend, waren allesamt M\u00e4nner, und die meisten waren keine Leuchten, soll hei\u00dfen: Menschen von v\u00f6llig durchschnittlicher Bildung, von zwei oder drei Ausnahmen abgesehen, die den Schnitt unterboten. Ich habe mit dem einen oder anderen auch mal zwei oder drei S\u00e4tze geredet, aber zu mehr kam es nicht. Ich hatte den Eindruck, dass ich der einzige Teilnehmer war, der von seiner Firma quasi als Einzelg\u00e4nger geschickt worden war. Die anderen kannten sich vom Arbeitsplatz her und es gab auch zwei, die fr\u00fcher mal im selben Unternehmen gearbeitet hatten. Die H\u00e4lfte der Leute bestand aus den Kindern oder Enkeln von Zuwanderern, darunter ein t\u00fcrkischer Deutscher Anfang Zwanzig, der mir wegen seines Kommunikationsverhaltens am Telefon auffiel, als er in der Mittagspause mit jemandem telefonierte, und das lief etwa so ab:<br \/>\n<em>&#8220;(t\u00fcrkischt\u00fcrkischt\u00fcrkischt\u00fcrkisch)? Ey, alles klar, (t\u00fcrkischt\u00fcrkischt\u00fcrkischt\u00fcrkisch). (t\u00fcrkischt\u00fcrkischt\u00fcrkischt\u00fcrkisch), wei\u00dft Du? Ey, ich schw\u00f6r, (t\u00fcrkischt\u00fcrkischt\u00fcrkischt\u00fcrkisch)!&#8221;<\/em><br \/>\nAls Linguist muss es einen in den Fingern jucken, entsprechende Studien zu machen. <\/p>\n<p>Es war ein &#8220;deutscher Deutscher&#8221; dabei, der entweder zu der Sorte geh\u00f6rte, die gern vorgab, schlauer zu sein, als tats\u00e4chlich der Fall war, oder zu den Leuten, die es nicht ertragen konnten, ein Nichtwissen zuzugeben. Oder beides zusammen. Seine Kommunikationsstrategie zum \u00dcberspielen von Nichtwissen war dabei immer die gleiche:<br \/>\n&#8220;Stickstoff siedet bei -196\u00b0 C und gefriert bei -210\u00b0 C.&#8221;<br \/>\n<em>&#8220;Ah ja, genau, absoluter Nullpunkt und so.&#8221;<\/em><br \/>\nEr wartete regelm\u00e4\u00dfig Aussagen und Antworten ab und gab dann durch solche Einw\u00fcrfe vor, sich in genau dem Moment an eben jene genannten Details erinnern zu k\u00f6nnen. Es h\u00e4tte ihn bestimmt keiner sch\u00e4l angesehen, wenn er in solchen Situationen die Klappe gehalten h\u00e4tte (ich wei\u00df ja selbst nicht auswendig, bei welcher Temperatur Fl\u00fcssigstickstoff transportiert wird, wozu auch?), aber er litt wohl an einem ausgepr\u00e4gten Geltungsbed\u00fcrfnis und ging mir auf den Keks.<br \/>\n(Abgesehen davon hat der so genannte Absolute Nullpunkt rein gar nichts mit dem Gefrierpunkt von Sticktoff zu tun.)<\/p>\n<p>Ich muss aber gestehen, dass ich selbst ein bisschen \u00fcberdreht war. Ich hatte schon v\u00f6llig vergessen, wieviel Spa\u00df es machen konnte, sich mal hinzusetzen und sich neues Wissen anzueignen. Ich f\u00fchlte mich pudelwohl und man merkte es wohl an meinen &#8220;Suggestionen&#8221;. Wir behandelten in einer Situation die Weisung, dass ein Fahrzeug mit Gefahrgut, gerade, wenn es sich um radioaktive Stoffe handelte, bei jedem Stopp zu verschlie\u00dfen sei, um eine unbefugte Entnahme durch Dritte zu verhindern, schlie\u00dflich sei Terrorismus eine reale Gefahr. Herr Bach beschrieb dann eine Adresse in K\u00f6ln:<br \/>\n&#8220;Da steht ein gro\u00dfer Geb\u00e4udekomplex, wissen Sie, um was es sich handelt?&#8221;<br \/>\n<em>&#8220;Die Leichenverbrennungsanlage?&#8221;<\/em><br \/>\n&#8220;Nein, das Wasserwerk! (Was glauben Sie, was los ist, wenn einer eine Plutoniumkapsel aus Ihrem Wagen entwenden und sie in einem der Tanks versenken kann? Usw.)&#8221;<br \/>\nAn anderer Stelle kamen wir auf Kaliumcyanid (auch als Zyankali bekannt) zu sprechen:<br \/>\n&#8220;Wof\u00fcr verwendet man das?&#8221;<br \/>\n<em>&#8220;Zum Selbstmord?&#8221;<\/em><br \/>\n&#8220;Ja, auch&#8230; in erster Linie braucht man es f\u00fcr Galvanisierungsverfahren in der Industrie.&#8221;<br \/>\nMein rechter Nebenmann konnte ein Lachen nicht unterdr\u00fccken:<br \/>\n<em>&#8220;Sag mal, was bist Du denn f\u00fcr einer??&#8221;<\/em><br \/>\nIch war also auch nicht ohne in diesem Zusammenhang, hatte aber ganz andere unterbewusste Gr\u00fcnde daf\u00fcr. <\/p>\n<p>Unser Praxisunterricht bestand aus dem Bet\u00e4tigen eines Feuerl\u00f6schers. Da kam einer von der Feuerwehr, baute eine Anlage auf, die aus einer Gasflasche und einem angeschlossenen, aufrecht stehenden Rohr bestand, aus dessen Auslass\u00f6ffnung das Gas str\u00f6mte. Das Gas wurde entflammt und einer nach dem anderen spr\u00fchte es mit dem Feuerl\u00f6scher aus, worauf es jeweils erneut entz\u00fcndet wurde, bis alle durch waren. Ich wei\u00df nicht, ob diese Unterrichtseinheit einen gro\u00dfen Lerneffekt erzielte, aber immerhin hatte ich bis zu jenem Zeitpunkt noch nie einen Feuerl\u00f6scher bedient. <\/p>\n<p>Als wir beim Radioaktivkurs angelangt waren, hatte sich die Anzahl der Teilnehmer deutlich verringert, schlie\u00dflich braucht nicht jedes Fuhrunternehmen einen Spezialisten f\u00fcr dieses Feld. Wir waren dann noch sieben oder acht Leute und ich bemerkte anhand der unterrichtsrelevanten \u00c4u\u00dferungen der anderen einen sp\u00fcrbaren Anstieg des Intelligenzquotienten im Kursdurchschnitt &#8211; die Kellerkinder waren nach dem Basiskurs zufrieden nach Hause gegangen. Leider erinnere ich mich nicht mehr an das Zahlenverh\u00e4ltnis von ethnischen Deutschen zu Migranten (oder deren Nachkommen).<\/p>\n<p>Ein bisschen Sorge bereitete mir die Ank\u00fcndigung, dass die Abschlusspr\u00fcfungen (eine f\u00fcr den Basiskurs und eine f\u00fcr den Radioaktiv-Aufbaukurs) direkt im Anschluss an die letzte Unterrichtseinheit stattfinden w\u00fcrde. Das hie\u00df ja, dass keine Zeit war, noch einmal das Wichtigste durchzugehen und das Aufgenommene einsinken zu lassen. Die Sorge erwies sich allerdings als unbegr\u00fcndet. Ein Gro\u00dfteil der Fragen lie\u00df sich mit gesundem Menschenverstand beantworten, der Rest beinhaltete u.a. Fragen zur Bedeutung von Warnhinweisen.<br \/>\nIch bestand beide Pr\u00fcfungen problemlos und hatte lediglich eine Frage falsch beantwortet. Ich ging danach zum Pr\u00fcfer und wollte wissen, um welche Frage es sich handele und was denn die richtige Antwort sei, aber er wies darauf hin, dass er diese Frage auf Grund der geltenden Regularien nicht beantworten d\u00fcrfe.<\/p>\n<p>Witzig war, dass mir just zu jener Zeit das Lied <em>&#8220;Radioactive&#8221;<\/em> von <strong>Imagine Dragons<\/strong> auffiel, ich h\u00f6rte es auf einer der Fahrten nach K\u00f6ln zum ersten Mal, also wurde es mein pers\u00f6nliches Lehrgangslied und wollte mir nicht mehr aus dem Kopf gehen. Ich verbinde es mit einer guten Phase inmitten einer arbeitszeitlich extrem anspruchsvollen Zeit.<\/p>\n<p>Moralisch gest\u00e4rkt kam ich also aus dem Lehrgang zur\u00fcck und wartete darauf, entsprechend eingesetzt zu werden, doch es gingen weitere Wochen ins Land, ohne, dass sich irgendetwas in dem Bereich tat. Das hei\u00dft leider tat sich etwas anderes, was meine l\u00e4ngerfristigen Hoffnungen d\u00e4mpfte. <\/p>\n<p>Dhalsim, neben Stranski und mir eine St\u00fctze des von Peter erdachten Dispoteams, sprach mich eines Morgens am Band locker an und deutete an, sich im Rahmen von JP Transporte selbst\u00e4ndig machen zu wollen (also als Sub-Subunternehmer, wie Peter und der Tourenf\u00fcrst). Ich h\u00e4tte doch was auf dem Kasten und er k\u00f6nne einen k\u00fchlen Denker als Partner brauchen.<br \/>\nIch war zun\u00e4chst irritiert. Woher kam dieser Plan? Hatte Peter seine Vorstellung von der Firmenreorganisation \u00fcberhaupt mit jemand anderem als mir besprochen? Wusste davon irgendjemand was? Oder wusste Dhalsim nur mehr als ich? Diese Fragen verst\u00f6rten mich, aber ich behielt sie f\u00fcr mich.<br \/>\nIch lehnte aus anderen Gr\u00fcnden ab. Klar h\u00e4tte ich nichts dagegen, mich als Fuhrunternehmer selbst\u00e4ndig zu machen &#8211; aber nicht als Subunternehmer von JP Transporte, sondern bestenfalls bei Transoflex direkt. Ich hatte die Schnauze voll von schrottigen Autos und einer unf\u00e4higen, unwilligen oder &#8211; am ehesten noch &#8211; &#8220;angeleinten&#8221; Werkstatt, der man, so meine Mutma\u00dfung, aus Kostengr\u00fcnden von ober her verbot, Reparaturen auszuf\u00fchren, die nicht T\u00dcV-relevant waren. Wie anders sollte ich mir erkl\u00e4ren, dass Kratzer und Beulen von den Verursachern zwar bezahlt werden mussten, die berechneten Instandsetzungen aber nie ausgef\u00fchrt wurden?<br \/>\nDhalsims Angebot jedenfalls war der erste Streich, und der zweite&#8230; folgte nicht sogleich, aber er folgte. <\/p>\n<p>Zun\u00e4chst spielte sich eine entscheidende &#8220;Begegnung&#8221; mit meinen beiden Arbeitgebern ab, die sich an dieser Stelle gut macht, um die Skurrilit\u00e4t der Ereignisse der kommenden Monate f\u00fcr den geneigten Leser sp\u00fcrbarer zu machen, soll hei\u00dfen: Man versteht mit diesen Informationen im Hinterkopf besser, wie ich mich bei all dem f\u00fchlte. <\/p>\n<p>Im April waren die beiden noch voll \u00fcberzeugt, das angedachte Dispoteam durchsetzen zu k\u00f6nnen, w\u00e4hrend ich wegen der sich mir darbietenden realen Verh\u00e4ltnisse bereits Zweifel hegte. Als Disponent musste man im Idealfall eine halbe Stunde vor den Fahrern im Depot sein, das hei\u00dft, zur Erinnerung, so gegen Vier Uhr morgens. In meinem Fall war das schwierig, da ich ja in Trier wohnte. Bei den aktuellen Arbeitszeiten bedeutete dies, dass ich um 0215 aufstand, um in Ruhe ein Fr\u00fchst\u00fcck zu mir nehmen zu k\u00f6nnen, und um Viertel nach Drei losfuhr, um um halb F\u00fcnf im Depot sein zu k\u00f6nnen.<br \/>\nDispoarbeit h\u00e4tte nun all das um eine halbe Stunde verschoben, Aufstehen um 0145, Abfahrt um 0245, das alles in der Hoffnung, durch die neuen Aufgaben vom Fahren etwas entlastet zu werden und zumindest mal wieder um 17 Uhr zuhause sein zu k\u00f6nnen &#8211; man erkennt an dieser Stelle also deutlich, wie bescheiden man als Paketfahrer in seinen Anspr\u00fcchen wird. Gerade dann, wenn man bedenkt, was f\u00fcr Arbeitsk\u00e4mpfe Mitte der 1980er stattgefunden haben, um (in der Metallindustrie) die 35-Stunden-Woche durchzusetzen. In der Paketlogistik wirken solche Forderungen wie Utopia, Schlaraffenland, Nimmerland und Wolkenkuckucksheim in einem: Eine 60-Stunden-Woche h\u00e4tte mir schon zur Zufriedenheit gereicht.<br \/>\nMan f\u00fchlt sich an den Band <em>&#8220;Asterix und Cleopatra&#8221;<\/em> erinnert, wo die Pyramidenbauarbeiter streiken &#8211; und zwar nicht etwa, weil sie h\u00f6here Bezahlung oder mehr Freizeit verlangen, sondern weil sie weniger Peitschenhiebe w\u00fcnschen. Genau so kam ich mir manchmal vor. Nur ohne den Streik. <\/p>\n<p>Mitte April also kamen Rama und Peter zu mir, um das Thema anzusprechen.<br \/>\n<em>&#8220;Wann willst Du eigentlich umziehen?&#8221;<\/em><br \/>\nMeine letzten ernsthaften Versuche, eine Wohnung im Koblenzer Gebiet zu finden, lagen zwei Monate zur\u00fcck.<br \/>\n&#8220;Ich will zuerst sehen, ob sich Euer Plan realisiert, sonst ziehe ich am Ende vergeblich um!&#8221;<br \/>\n<em>&#8220;Hm, nein&#8221;<\/em>, meinte Rama, <em>&#8220;Du musst erst umziehen, sonst k\u00f6nnen wir Dich nicht so einsetzen, wie geplant.&#8221;<\/em> Denn es ging ja nicht nur um B\u00fcroarbeit, meine Aufgabe sollte auch darin bestehen, spontan bei Problemen einzuspringen, was nat\u00fcrlich schwierig ist, wenn man \u00fcber eine Stunde weit entfernt wohnt. Und dann f\u00fcgte er einen Satz hinzu, der so typisch ist f\u00fcr die Pers\u00f6nlichkeitsmerkmale, die ihn von seinem Bruder unterscheiden:<br \/>\n<em>&#8220;Wenn das nicht so klappt, dann&#8230; m\u00fcssen wir uns was anderes \u00fcberlegen.&#8221;<\/em><br \/>\nDiese reichlich unverhohlene Drohung machte mich w\u00fctend, aber da diese zombiehafte Existenz mir immer noch besser erschien, als beim Arbeitsamt betteln zu gehen, forcierte ich das Vorhaben &#8220;Umzug&#8221;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kommen wir nun zum Abschluss meiner Beschreibungen des ADR-Lehrgangs im Fr\u00fchjahr 2013. Auch als im B\u00fcro arbeitender Gefahrgutbeauftragter erlebt Herr Bach scheinbar genug. 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