{"id":2776,"date":"2015-01-16T20:47:24","date_gmt":"2015-01-16T19:47:24","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=2776"},"modified":"2017-10-22T12:10:27","modified_gmt":"2017-10-22T10:10:27","slug":"die-fracht-am-rhein-teil-5-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=2776","title":{"rendered":"Die Fracht am Rhein (Teil 5)"},"content":{"rendered":"<p>Nun pendelte ich also t\u00e4glich nach Koblenz, im dicksten Februarwinter. Auf der Fahrt h\u00f6rte ich Radio und fand ganz unerwartet mehrere aktuelle Songs, die mir gefielen, so sehr, dass ich sie auch kaufte. <em>&#8220;Everything at once&#8221;<\/em> war dabei (ein Lied, das m\u00f6glicherweise niemals so weit gekommen w\u00e4re, h\u00e4tte es diese Kinowerbung damals nicht gegeben&#8230;), auch <em>&#8220;Guardian&#8221;<\/em>, <em>&#8220;Geboren um zu leben&#8221;<\/em>, <em>&#8220;Euphoria&#8221;<\/em> lief ab und zu, <em>&#8220;Move in the right direction&#8221;<\/em>&#8230; Irgendwann auch dieses Lied von <em>SELIG<\/em>&#8230; wo man sich bei Stress am Paketband dabei erwischte, wie man auf einmal laut <em>&#8220;Bitte, bitte, bitte, bitte, bitte nicht alles auf einmal!&#8221;<\/em> sang. Radio h\u00f6ren war ungewohnt befriedigend in jenen Tagen, wenn man davon absah, dass der Moderator einem schnell auf den Keks gehen konnte. Nach wenigen Wochen, als all die sch\u00f6nen Lieder wieder out waren, war es dann aber auch schon wieder vorbei. <\/p>\n<p>Dienstlich hatte ich mit Peter um diese Zeit das Gespr\u00e4ch, dass ich den Druck nicht ewig aushalten w\u00fcrde, denn immerhin arbeitete ich bereits seit Mitte November \u00fcber 12 Stunden pro Tag (gerechnet ab 0430 am Morgen, bis ich denn um 17 Uhr, um 18 Uhr oder sogar noch sp\u00e4ter endlich nach Hause kam) &#8211; was immerhin dazu f\u00fchrte, dass er mir anbot, an zwei Wochenenden, genauer jeweils Sonntag auf Montag, ein Zimmer f\u00fcr mich zu reservieren, damit ich in Koblenz auf Wohnungssuche gehen konnte, da die f\u00fcr mich angedachte Verwendung voraussetzte, dass ich nah am Arbeitsplatz wohnte, und die neuen Aufgaben \u00fcbernehmen zu k\u00f6nnen, war die Voraussetzung f\u00fcr weniger Arbeitsstunden.<br \/>\nDer Plan war gut gemeint, machte aber nat\u00fcrlich wenig Sinn, da man heutzutage Wohnungen per Internet sucht, dann einen Termin mit dem Vermieter aushandelt und nach Absprache hinf\u00e4hrt. Diese komplexe Kette von Handlungen an einem Sonntag hinzubekommen, war fast unm\u00f6glich (ich hatte die Woche \u00fcber nicht wirklich Zeit, mich abends noch um sowas zu k\u00fcmmern), aber ich tat (bzw. versuchte) es trotzdem. <\/p>\n<p>Ich nahm den Laptop meiner Freundin und setzte mich ins Ibis Budget Hotel in M\u00fclheim-K\u00e4rlich, das anpries, kostenloses W-LAN zur Verf\u00fcgung zu stellen.<br \/>\nDie Zimmer mit Dusche waren sauber, das Bett bequem &#8211; was will man mehr? Na, ich wollte W-LAN. Aber der Empfang war in den Zimmern (zumindest in den beiden, die ich bewohnte) so schlecht, dass da kein Blumenpott und schon gar keine Wohnungssuche mit zu gewinnen war. W-LAN hatte man genau dann, wenn man sich im Eingangsbereich direkt an den Router setzte, und da der Lobbybereich nach den Fr\u00fchst\u00fcckszeiten wieder geschlossen wurde, blieb einem nur der Fu\u00dfboden. Alternativ gab es einen frei zug\u00e4nglichen Rechner am Eingang, wo man nach Lust und Laune surfen konnte &#8211; im Stehen. Tolle Wurst.<\/p>\n<p>Ich suchte auf einschl\u00e4gigen Seiten und fand auch Angebote, die mich reizten (h\u00f6chstens 600 E Warmmiete, 3ZKB, kein Dachgeschoss, h\u00f6chstens 30 Fahrminuten vom Depot weg, vielleicht auch nicht gerade ein Dorf mitten in der Pampa, wo meine Freundin ohne Auto und F\u00fchrerschein keine Jobchancen h\u00e4tte und der Wocheneinkauf schwierig w\u00e4re), aber auf telefonische Anfrage hin erhielt ich entweder Absagen oder es offenbarte sich das andere Problem, n\u00e4mlich, dass ein Besichtigungstermin so kurzfristig nicht zu machen sei. Es lief also so, wie erwartet.<br \/>\nGefrustet besuchte ich einen in Koblenz lebenden Schulkameraden und verbrachte den ersten Sonntag Nachmittag mit Schwatzen und Fernsehen (die Neufassung von <em>&#8220;True Grit&#8221;<\/em> mit Jeff Bridges und Matt Damon von 2010 &#8211; guter Film \u00fcbrigens).<br \/>\nDie beiden anberaumten Wochenenden vergingen so eher nutzlos, da ich nur das tun konnte, was ich auch von Trier aus h\u00e4tte tun k\u00f6nnen: Im Netz nach Wohnungen suchen. Es sollte danach noch ein paar Wochen dauern, bis ich auf konventionellem Wege eine Wohnung fand und den Umzug nach Koblenz in Angriff nehmen konnte. Dazu sp\u00e4ter mehr. <\/p>\n<p>2013 war (nun auch in Retrospektive) so etwas wie ein ewiges Vorweihnachten. Ich bekam mehr Stopps, als ich je f\u00fcr m\u00f6glich gehalten hatte. Der erste Rekord waren 63 Kunden auf der Eifeltour, das sind bei meinen F\u00e4higkeiten genug, um bis abends um Sechs mit Ausliefern besch\u00e4ftigt zu sein. Ich verlor die Nerven, k\u00f6nnte man sagen: Mit einem FedEx-Umschlag kam ich zu einer Kundin, die auf dem Veterin\u00e4ramt arbeitete und nie zuhause war. Ich brauchte Wochen, bis sie endlich eine Anliefervereinbarung (ALV) einreichte, die es mir erlaubte, ihre Pakete ohne Unterschrift in die Garage zu stellen. Die Nachbarn nahmen nichts mehr f\u00fcr sie an und beschrieben sie als eine Art Zicke, die sich nicht dazu herablie\u00df, auch mal Danke zu sagen&#8230;<br \/>\nIhre ALV galt jedenfalls nur f\u00fcr Transoflex-Pakete, nicht f\u00fcr FedEx-Packst\u00fccke, auch, wenn sie vom selben Fahrer gebracht werden (FedEx verlangt einen eigenen Vertrag). Ich wollte das Paket aber loswerden, denn erstens hatte ich so schon genug Stress und zweitens wurde die Stra\u00dfe ausgebessert, das hei\u00dft, ich musste 200 m durch die Baustelle gehen, um \u00fcberhaupt zu ihrer Adresse zu gelangen.<br \/>\nWas tun? Ich schrieb in das Namensfeld des Scanners &#8220;Meier&#8221; und improvisierte eine Unterschrift. Wen interesiert schon, wer der Herr Meier ist, wenn das Paket da ankommt, wo es hinsoll? Ich legte es an den gleichen Platz, wo auch sonst immer die anderen Pakete hinkamen, schloss die Garage fest zu und fuhr weiter. <\/p>\n<p>Unerwarteterweise wurde ich am folgenden Tag vom Rasterfahnder und dem R. in die Mangel genommen: Wo das Paket und wer der Herr Meier sei, der sei dort unbekannt. Nein, ich hatte das Paket nicht gestohlen &#8211; was sollte ich mit einem St\u00fcck Damenbekleidung (&#8220;Rumba Skirt&#8221; sagte die Inhaltsbeschreibung)? Ich legte die Karten auf den Tisch, der Rasterfahnder informierte die Kundin, die f\u00fcnf Minuten brauchte, um ein P\u00e4ckchen mit auff\u00e4llig buntem &#8220;FedEx&#8221; Aufdruck in ihrer kleinen Garage zu finden, und ich hatte bei der Gelegenheit bei R. einen nicht geringen Teil meines guten Rufs verloren. Zum Kotzen war das. Nicht nur, dass ich mich hatte gehen lassen, die Frau war scheinbar genau so d\u00e4mlich, wie die Nachbarn das behaupteten. <\/p>\n<p>Ich war nat\u00fcrlich nicht der einzige, der nicht wusste, wo ihm der Kopf stand. Die Suche nach Paketen trieb so manchen bis kurz vor die Verzweiflung und bei Doc hatte ich ab und zu den Eindruck, er sei den Tr\u00e4nen nah. Ich half ihm, wo ich konnte (wie ich das bei jedem tat, der es n\u00f6tig hatte) und sparte ihm durch entsprechende Tipps auch einiges an Zeit. Dann verschwand das verzweifelt zerknitterte Gesicht und machte einem strahlenden L\u00e4cheln Platz. Die Verwandlung war angesichts der Polarisierung von einem Extrem ins andere immer wieder am\u00fcsant. Er versprach mir, bei Gelegenheit vorbeizukommen und nigerianisches Essen zu kochen, seine Mutter habe nicht vers\u00e4umt, ihm entsprechende F\u00e4higkeiten mit auf den Weg nach Europa zu geben. <\/p>\n<p>Dann kam er einmal zu mir und beschwerte sich \u00fcber einen Kollegen, der ihn unh\u00f6flich behandelt hatte. <em>&#8220;He&#8217;s a fucking racist!&#8221;<\/em> sagte er. Ich dachte einen Moment \u00fcber den Angeklagten nach, meinte aber dazu: <em>&#8220;Nein&#8230; der redet mit allen so, wenn er einen schlechten Tag hat. Alle Rassisten sind Idioten, aber nicht jeder Idiot ist auch ein Rassist.&#8221;<\/em> Leuten mit Vorurteilen gegen\u00fcber Minderheiten rutschen in der Regel immer wieder herablassende W\u00f6rter heraus (z.B. &#8220;Hakennase&#8221; f\u00fcr &#8220;Jude&#8221;\/&#8221;Israeli&#8221;), die f\u00fcr sie normale Sprache sind (und viele kleiden die fraglichen Vokabeln unterbewusst in einen sp\u00f6ttischen Sprechklang, um dem Ganzen den Anschein eines Scherzes zu geben), das hei\u00dft, es f\u00e4llt ihnen nicht auf, dass sie sich jeden Tag outen; das war bei dem Gemeinten aber nicht der Fall, von daher blieb und bleibe ich bei meinem Urteil. <\/p>\n<p>Es gab nat\u00fcrlich auch unterhaltsame Momente&#8230; so sprach er mich einmal an (mit dem situationsgem\u00e4\u00df verzweifelt in Falten gelegten Gesicht) und klagte, dass er viele Pakete und einen 12-Uhr-Express in einem der abgelegenen Eifeld\u00f6rfer habe &#8211; wie solle er das schaffen? Bert war in der N\u00e4he und hatte das mit angeh\u00f6rt. Er schlurfte zu uns her\u00fcber, legte mir br\u00fcderlich die Hand auf die Schulter und sagte mit einem Grinsen zu mir:<br \/>\n<em>&#8220;Don&#8217;t listen to him&#8230; you know, for him, everything is, like, faaar and cooomplicated&#8230;&#8221;<\/em><br \/>\nSogar Doc lachte dar\u00fcber und rief: <em>&#8220;Shut the fuck up!&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Ein andermal ging es um sein Haar, um die Ansammlung desselben auf seinem Kopf. Leider wei\u00df ich nicht mehr, wie wir darauf gekommen waren, aber ich kam nicht umhin, meinen Verdacht laut zu \u00e4u\u00dfern:<br \/>\n<em>&#8220;Are you dyeing your hair!?&#8221;<\/em><br \/>\nEin Ausdruck des Ertapptseins erschien auf seinem Gesicht, und er erwiderte mit einer Stimme, als flehe er den Richter um Gnade an: <em>&#8220;I&#8217;m not a young man anymore&#8230;&#8221;<\/em><br \/>\nEin schlicht k\u00f6stlicher Moment. <\/p>\n<p>Als kleine Anekdote sei hinzugef\u00fcgt, dass er Anfang Januar 2013 ein paar Tage krankgeschrieben war, ich wurde an seiner statt in die Eifel geschickt. In Neuerburg erwartete mich die bereits fr\u00fcher beschriebene Frau des Tierarztes, dr\u00fcckte mir 20 E in die Hand und sagte: <em>&#8220;Hier, Ihr Weihnachtsgeld, ich hab schon auf sie gewartet.&#8221;<\/em> Wahn-sinn! Es gibt Tage, da wei\u00df man, dass man etwas richtig macht. <\/p>\n<p>Aber als der Winter dann vorbei war, verlie\u00df uns Doc wieder. Er hatte wohl Ende Sommer ein Kind gezeugt, dessen Geburt f\u00fcr Ende Mai angek\u00fcndigt war, und plante voraus. Um das Kind in guten H\u00e4nden zu wissen, hatte er den Umzug von Trier nach St. Wendel beschlossen, in die Nachbarschaft seiner Schwiegermutter, die einspringen w\u00fcrde, wenn seine Frau arbeitete, und um die Sache abzurunden, hatte er einen Wechsel ins Transoflex Depot in St. Ingbert erwirkt. Ich telefonierte ein paar Wochen sp\u00e4ter mit ihm und fragte, wie es ihm so ginge und er zeigte sich guter Stimmung. Er brauche zehn Minuten bis zum ersten Kunden und sei um 16 Uhr zuhause. Ich sprach ihn auf sein Versprechen mit dem Essen an und er versicherte mir, dass er das keinesfalls vergessen habe. Aber der Mai stand vor der T\u00fcr und ich fragte ihn, ob es m\u00f6glich sei, in den kommenden vier Wochen einen Termin zu finden &#8211; denn wenn das Kind erst mal geboren sei, werde er keine Zeit mehr f\u00fcr egal was haben. Nein, im Mai habe er leider keine Zeit, aber das werde sicherlich noch im Laufe des Jahres 2013 hinhauen.<br \/>\nNat\u00fcrlich kam es letztendlich so, wie ich es prophezeit hatte. Wir standen auch nach Mai 2013 noch in lockerem Kontakt, aber sein Familienleben nahm ihn voll und ganz in Anspruch. Es sei ihm geg\u00f6nnt. <\/p>\n<p>Bei Elmo kam es zu einem Kurzschluss. Es d\u00fcrfte im April oder Mai gewesen sein. Er arbeitete auch viel zu viel und zu lang, und er machte (zumindest nicht ganz zu Unrecht) die mangelnde Kompetenz von Peter und Rama daf\u00fcr verantwortlich. An einem warmen Fr\u00fchlingstag kam es um etwa Viertel nach Acht zur Konfrontation der drei. Es wurde laut und emotional und Rama sprach eine fristlose K\u00fcndigung aus, und danach tat er etwas, was ich ihm bei aller sonstiger Sympathie nachtrage: Er forderte die Richtung Trier abfahrenden Fahrer auf, Elmo keinesfalls mitzunehmen, der solle selber gucken, wie er heimk\u00e4me.<br \/>\nIch ignorierte diese Aufforderung geflissentlich, sammelte Elmo am Ende der Stra\u00dfe auf und fuhr ihn zu einer Bekannten nach Ehrang, da ich zu dem Zeitpunkt Trier Nord fuhr.<br \/>\nEin paar Wochen sp\u00e4ter traf ich ihn erneut, in Ruwer: Er hatte einen Job bei GLS gefunden (Mike lie\u00df gr\u00fc\u00dfen), wenn auch als Sprinterfahrer. Aber er sah zehn Jahre j\u00fcnger aus als an dem Tag, an dem man ihm in Koblenz gek\u00fcndigt hatte. Bei GLS sei auch nicht alles traumhaft, erz\u00e4hlte er, aber er k\u00f6nne nun wieder zu einer vertr\u00e4glichen Zeit aufstehen und habe eine vertretbare Arbeitslast zu tragen.<\/p>\n<p>Auch Bert ging zum Ende der ersten Jahresh\u00e4lfte. Er fand einen Lagerjob so nah an seinem Wohnort, dass er mit dem Fahrrad hinfahren konnte. Zuf\u00e4llig handelt es sich um einen Kunden der Saarburger Tour, von daher sah ihn Puck ab und zu, wenn er dort eine Zustellung machte. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun pendelte ich also t\u00e4glich nach Koblenz, im dicksten Februarwinter. 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