{"id":2735,"date":"2014-06-27T22:00:28","date_gmt":"2014-06-27T20:00:28","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=2735"},"modified":"2017-10-22T12:10:59","modified_gmt":"2017-10-22T10:10:59","slug":"die-fracht-am-rhein-teil-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=2735","title":{"rendered":"Die Fracht am Rhein (Teil 3)"},"content":{"rendered":"<p>Fahren wir doch fort mit meiner Beschreibung des Personals in Koblenz. <\/p>\n<p><strong>Der Rasterfahnder<\/strong>: Schlaksiger B\u00fcromensch, etwas gr\u00f6\u00dfer als ich, schmal, t\u00e4towiert, Raucher, kantiger Humor mit Hang zum Slapstick, singt gern und falsch, und wohnt auch erst seit Ende 2012 in Koblenz. Ich nenne ihn Rasterfahnder, weil er einer der Leute ist, die autorisiert sind, unauffindbare Pakete fehlzumelden, sie also aus meinem Dispoauftrag verschwinden zu lassen, damit ich endlich auf die Stra\u00dfe komme. Nat\u00fcrlich hat auch der mal schlechte Tage, wo ihm alle den Buckel runter rutschen k\u00f6nnen (zum Beispiel wenn andauernd einer kommt, weil er seinen Scannerakku &#8211; selbst verschuldet hin oder her &#8211; nicht aufgeladen bekommen hat und von ihm eine Wechselbatterie braucht), ich vergesse aber nicht, wie er kurz nach meiner Ankunft sagte: <em>&#8220;Wenn Du mal Hilfe brauchst, komm einfach zu mir, okay?&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Er hat mir schon einige Male Zeit gespart und ich gebe mir M\u00fche, ihn keine zu kosten. Die M\u00f6glichkeiten, Pakete zu finden, sind ja da &#8211; sie kosten halt nur mehr M\u00fche, als technisch notwendig. Wir haben Dutzende \u00dcberwachungskameras in der Halle, die in der Lage sind, die Position jedes gedruckten Barcodes zu erfassen, aber jemand von der Verwaltung muss sich halt an den Bildschirm setzen und eine entsprechende Suche eingeben. In den Genuss kam ich bislang zweimal &#8211; eine Mitarbeiterin suchte den Barcode und auf dem Bildschirm erschien ein aktuelles Bild der gesuchten &#8220;Palette&#8221;, anhand der ebenfalls dargestellten Umgebung wusste ich schnell, wo sie sich befand. De facto aber muss tats\u00e4chlich einer mit raus und mit den eigenen Augen suchen. Ich verstehe nicht, warum. <\/p>\n<p>Ebenso verstehe ich nicht, warum man um 0800 nicht einfach sagt: <em>&#8220;Schluss mit Suchen, nicht gefundene Colli werden fehlgemeldet!&#8221;<\/em> Bei GLS macht man das scheinbar so. Die Fracht w\u00e4re bis um 0830 unterwegs. Bis zum heutigen Tag sind ALLE so fehlgemeldeten Pakete am Folgetag wie durch ein Wunder aufgetaucht. Man gewinnt den Eindruck, dass das Suchen verpasster Pakete (wohl im Hinblick auf den Schutz vor Warendiebstahl) bei Transoflex wichtiger ist, als die p\u00fcnktliche Zustellung von Expresspaketen, deren Limit bei der Zustellungszeit doch in den meisten F\u00e4llen einen Sinn hat. <\/p>\n<p><strong>Der Alte Kroate<\/strong>: \u00c4lterer Typ, oft brummig, wenn ihm der Stress zu viel wird, kam bereits vor dem B\u00fcrgerkrieg, der Jugoslawien Anfang der Neunziger in Einzelteile zerriss, mit seiner Familie nach Deutschland; wird von JP-Transporte zwischen TNT und Transoflex hin und eher geschoben. TNT sei klasse, erz\u00e4hlt er. Man fahre erst einmal nur Expresse, dem entsprechend sei man um 12 oder kurz danach fertig, und danach m\u00fcsse man noch bis 1630 auf Mitteilung warten, ob irgendwo etwas abzuholen sei. Aber er kenne seine Kunden im Industriegebiet und er frage gegebenenfalls beim Lager kurz nach, ob etwas da sei und in den meisten F\u00e4llen bliebe die Antwort bis Dienstschluss auch g\u00fcltig. Dass sich kurzfristig eine Abholung ergebe, komme nat\u00fcrlich vor.<br \/>\n<em>&#8220;Dann sitz ich da und geh Kaffee trinken. Gestern hab ich gegessen zweimal D\u00f6ner&#8230; und noch Kuche. Wenn ich TNT fahre, nehme ich zu, wenn ich Transoflex fahren muss, nehme ich sechs Kilo in einer Woche ab.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Seine Schilderungen von TNT klangen nat\u00fcrlich interessant, gerade, wenn man wie ich das Gef\u00fchl hat, unter den 60 bis 70 (und manchmal mehr) Arbeitsstunden pro Woche \u00fcber Kurz oder Lang zusammenzubrechen. Ich recherchierte zuhause also das &#8220;TNT Depot Koblenz&#8221; und schrieb mir die Telefonnummer ab. Wenn TNT so organisiert ist, wie Transoflex, h\u00e4tte das Depot keinen eigenen Fahrdienst, aber man k\u00f6nnte doch sicherlich die Nummer der Fuhrunternehmer erfragen?<br \/>\nEs dauerte dann ein paar Tage, bis ich eine Gelegenheit fand &#8211; ich bin im Kopf immer schon ein bis zwei Stops weiter, da vergisst man solche Dinge schnell. Ich rief die notierte Nummer an und fragte nach den Nummern der Fuhrunternehmer. Daraufhin erkl\u00e4rte mir die jung klingende Dame am anderen Ende der Leitung, dass ich zwar mit einem Versandwarenlager verbunden sei, aber nicht mit TNT. Ah, peinlich. Sie erkl\u00e4rte sich aber \u00fcberraschenderweise bereit, mir die korrekte Nummer zu besorgen und gab sie mir durch. Ich bedankte mich und wandte mich umgehend an die neu erhaltene Rufnummer. <\/p>\n<p>Diesmal hatte ich die richtige Gegenstelle erreicht. Auch dort sa\u00df eine jung klingende Stimme im B\u00fcro, die mir sagte, sie habe die notwendigen Informationen nicht vorliegen und von den Disponenten der Fuhrunternehmer sei auch keiner mehr im Haus, aber &#8211; Fortuna l\u00e4chelte mir zu &#8211; sie k\u00f6nne ja schnell jemanden fragen. Zwei Minuten sp\u00e4ter war sie zur\u00fcck und gab mir vier Nummern: JP-Transporte und der Tourenf\u00fcrst waren ebenfalls dabei, aber das musste mich ja nicht st\u00f6ren. Die anderen beiden waren von Bedeutung.<br \/>\nAllerdings hatte ich das Gef\u00fchl, bereits genug Zeit verloren zu haben und setzte die Tour fort. Die Telefonnummern lagen dann \u00fcber die kommenden Wochen in meiner Apfelkiste auf dem Beifahrersitz herum. Die w\u00fcrden ja nicht schlecht werden. Allein die Anwesenheit eines Fallschirms steigert bereits die Moral. <\/p>\n<p><strong>Der Tourenf\u00fcrst<\/strong>: Sechstagebart, charismatische Stimme, strenger Blick, aber mit Hang zu einer rauen Kameradschaftlichkeit, nach seiner Heirat im Prozess eines schleichenden Gewichtszuwachses; der einzige Mensch, den ich kenne, der direkt aus dem Bett zur Arbeit erscheinen und mit v\u00f6llig desorganisiertem Haar dennoch irgendwie cool wirken kann. Er hat was von einem Steppenreiter; obwohl er nat\u00fcrlich keiner ist, er stammt irgendwo aus dem orientalisch-christlich-orthodoxen Raum und ist Subunternehmer im Umfeld der JP-Transporte und zust\u00e4ndig f\u00fcr die Touren im linksrheinischen Gebiet bei Transoflex und hat Zust\u00e4ndigkeiten bei TNT-Touren. Meine Idee f\u00fcr seinen Decknamen entstammt der Namensgleichheit mit jemandem, den nicht nur die Boulevardpresse mal den &#8220;Terrorf\u00fcrsten&#8221; nannte.<br \/>\nDer Tourenf\u00fcrst ist der direkte Vorgesetzte des Alten Kroaten und somit dessen Beschwerden \u00fcber den Stress bei Transoflex ausgesetzt. So klagte der Kroate eines, dass ihm dies und das wehtue und es deshalb nicht so gut gehe, und das nicht nur einmal, sondern den halben Morgen lang. Bis er dem Tourenf\u00fcrst so auf den Keks ging, dass der ihm \u00fcber den Mund fuhr und rief: <em>&#8220;Wenn Dir was wehtut, dann geh gef\u00e4lligst zum Arzt! Das ist nicht mein Problem, ich will morgen nichts mehr h\u00f6ren von ah, mein Fu\u00df, mein Arsch, mein Schwanz&#8230;!&#8221;<\/em><br \/>\nWie gesagt: Etwas rau, aber er k\u00fcmmert sich auch um seine Leute und ich habe den nicht unbegr\u00fcndeten Eindruck, dass sein Laden besser organisiert ist, als der von Peter und Rama. <\/p>\n<p><strong>Der Rocker<\/strong>: Der Herr des Verschlusslagers (VL), \u00fcbergewichtig, t\u00e4towiert, langhaarig, Schlagzeuger im Bereich Deathmetal, achtet penibel auf die Einhaltung der Regeln und Vorschriften, reagiert tendentiell unwirsch auf gegenl\u00e4ufige Tendenzen von Seiten der Fahrer.<br \/>\nTrier war der VL-Himmel &#8211; ich kam um 0445 an, ging mit meiner Abholware zu Antonius, der best\u00e4tigte den Empfang und gut war&#8217;s. In Koblenz dagegen gibt es zu viele Touren, um den \u00dcberblick zu wahren; um kurz vor F\u00fcnf st\u00fcnden mehrere Stapel Pakete vorm Lager und die Fahrer w\u00fcrden sich bei Bandstart zu ihrem Platz verkr\u00fcmeln. Ich sehe ein: Das ginge nicht. Deshalb geben die Koblenzer Leute ihre Abholer und Termine zwischen 0530 und 0630 ab und die &#8220;Moselaner&#8221; zwischen 0630 und 0730.<br \/>\nWenn man eine Stadttour mit vielen Paketen hat, kann es aber sein, dass diese so sch\u00f6n verteilt \u00fcbers Band kommen, dass der Fahrer nicht so einfach wegkommt. In dem Fall muss er sich konsequent mit seinen Nachbarn absprechen, wer wann zum VL geht, es kann nicht sein, dass zwei oder gar drei Fahrer, die nebeneinander abr\u00e4umen, gleichzeitig weg sind. Das bringt wieder die Schwierigkeit der gegenseitigen Tourkenntnis: Die Fahrer m\u00fcssen wissen, was der linke und der rechte Nachbar jeweils f\u00fcr Pakete braucht. Wegen der hohen Fluktuation der Mitarbeiter einerseits und wegen einer weit verbreiteten Ignoranz einiger Leute andererseits funktioniert das aber oft nicht optimal, und das hei\u00dft: Es laufen Pakete durch, sie landen am Bandende und m\u00fcssen dort umst\u00e4ndlich gesucht werden. <\/p>\n<p>Ich zum Beispiel habe mit diesem Szenario ein Problem, gerade dann, wenn ich neben einem stehe, dessen Kenntnissen oder dessen Motivationsgrad ich nicht trauen kann, und z\u00f6gere meinen Gang zum VL bis zum \u00c4u\u00dfersten hinaus, in der Hoffnung, dass der Ansturm vom Band vielleicht nachl\u00e4sst. Da kommt es dann in jedem Quartal mal vor, dass ich die Annahme bis 0730 verpasse. Nachdem ich einmal heftig angeschnauzt worden war, fand ich mich mit der Aufforderung ab, gef\u00e4lligst erst um 0800 wieder zu kommen und blieb in der sensiblen halben Stunde dem Lager fern. Der Rocker ist nat\u00fcrlich auch davon nicht erbaut, aber er gibt sich weniger ungehalten. <\/p>\n<p>Au\u00dferdem glaube ich ein wichtiges Verhaltensmerkmal festgestellt zu haben: Ich glaube, er hat einen gewissen Spa\u00df daran, wenn Leute, die zu sp\u00e4t dran sind (oder grobe Fehler gemacht haben, wegen denen das VL die betroffenen Pakete nicht annehmen darf) diskutieren und schimpfen, weil er gem\u00e4\u00df Vorschrift eindeutig im Recht ist. Viele nennen ihn deswegen &#8220;Regelnazi&#8221;. Ich zucke in der Regel mit den Schultern und sage: <em>&#8220;Okay, dann machen wir das so.&#8221;<\/em> Der fehlende Gegendruck z\u00fcgelt auch bei dem Rocker die Energien und die Situation bleibt ruhig. Ich komme gut mit ihm aus &#8211; und siehe da: Wenn man sich M\u00fche gibt, sich nur an die grundlegenden Regeln zu halten, erlangt man sein Vertrauen so weit, dass er auch mal Ausnahmen macht. Undenkbar in den Augen des Durchschnittsfahrers.<br \/>\nEs kam mal einer zu mir und erz\u00e4hlte mir mit ungl\u00e4ubigem Gesichtsausdruck: <em>&#8220;Eben kam einer zum Rocker ins Lager und er hat ihn tats\u00e4chlich begr\u00fc\u00dft &#8211; und sogar dabei gel\u00e4chelt!&#8221;<\/em> Das hat mich am\u00fcsiert.<\/p>\n<p>Es kommt also vor, dass man bei der Abfertigung erf\u00e4hrt, dass man diese oder jene Pakete doch noch im Lager abgeben muss auf Grund der Angabe <strong>KTL<\/strong>. Das steht f\u00fcr &#8220;<strong>K<\/strong>eine <strong>T<\/strong>eil<strong>L<\/strong>ieferung&#8221;. Manche Versender wollen das nicht, zum Beispiel Gardena. Die Pakete befinden sich zum Zeitpunkt aber im Normalfall bereits im Auto und sind nur m\u00fchsam wieder hervorzuholen &#8211; was der Rocker vom so benannten Durchschnittsfahrer aber verlangen muss, wegen des bereits angesprochenen Diebstahlschutzes. Ich brachte ihm mal solche Pakete, was mich eine Menge Zeit gekostet hatte, und da sagte er zu mir: <em>&#8220;Dir vertraue ich soweit, dass Du die Dinger nicht verschwinden l\u00e4sst&#8230; merk Dir dann einfach, welche Du wieder mitbringen musst.&#8221;<\/em> Oha.<\/p>\n<p>Einen Verbindungsdraht habe ich allerdings zu ihm: Heavy Metal. Seine Kleidung und seine T\u00e4towierungen geben dar\u00fcber eindeutig Auskunft, und so k\u00f6nnen wir zu dem Thema hin und wieder ein paar Worte wechseln, so zwischen einem Paket und dem n\u00e4chsten. Ich gebe zu, dass ich ihn bewusst \u00fcber diese Gemeinsamkeit in Kenntnis gesetzt habe, indem ich mich dar\u00fcber beschwerte, dass Napalm Death (im Fr\u00fchsommer 2013) zwar im Exhaus in Trier gespielt hat, aber an einem Dienstag Abend &#8211; unm\u00f6glich f\u00fcr mich, mitten in der Woche ein Konzert zu besuchen. Au\u00dferdem hatte ich erst am betreffenden Dienstag das Werbeplakat gesehen. So erfuhr ich, dass er sich von seiner Band trennte und dass er eine Weile sp\u00e4ter eine neue gefunden hatte.<br \/>\n<em>&#8220;Wir spielen demn\u00e4chst vielleicht auch im Exhaus.&#8221;<\/em><br \/>\n&#8220;Aha! Neue Band gefunden?&#8221;<br \/>\n<em>&#8220;Ja&#8230; kennste Dich im Death Metal ein bisschen aus?&#8221;<\/em><br \/>\n&#8220;Mehr oder minder&#8230; ich hab nur nicht viel Zeit, mich damit zu besch\u00e4ftigen.&#8221;<br \/>\n<em>&#8220;Kennste <strong>Asphyx<\/strong>?&#8221;<\/em><br \/>\nIch kramte eine Sekunde in meinem Ged\u00e4chtnis:<br \/>\n&#8220;Ja&#8230; hab ich mal was von geh\u00f6rt&#8230; vor \u00fcber 20 Jahren.&#8221;<br \/>\n<em>&#8220;Wurde 1987 gegr\u00fcndet.&#8221;<\/em><br \/>\n&#8220;So lang schon? Das kannste ja auf RTL Radio laufen lassen.&#8221;<br \/>\nDa hat er tats\u00e4chlich mal gelacht. \ud83d\ude42<br \/>\nUnser VL-Mann ist Schlagzeuger bei <strong>Asphyx<\/strong>&#8230; was es nicht alles gibt. Ich musste unweigerlich an den Song <em>&#8220;The Book of Heavy Metal&#8221;<\/em> von <strong>Dream Evil<\/strong> denken: Der S\u00e4nger erz\u00e4hlt, dass er seine Seele dem Teufel vermacht hat, weil ihn nur ein Wunsch beseelt &#8211; seinen Namen ins Buch des Heavy Metal geschrieben zu sehen. Der Rocker hat dies eindeutig erreicht, und vermutlich, ohne seine Seele dem Teufel zu verkaufen. B\u00f6se Stimmen behaupten, der Rocker <strong>sei<\/strong> der Teufel. *lol*<\/p>\n<p><strong>Musti<\/strong> hat sich diesen Namen selbst zugelegt. Er gefalle ihm, sagte er. Bei Musti handelte es sich um einen Reifenfachmann, und zwar nicht einfach um einen, der sich mit deren Montage auskannte, sondern um einen Fachmann f\u00fcr Galvanisierung, f\u00fcr Gummigemische, also f\u00fcr die Herstellung von Reifen. Ich habe nur einmal mit ihm ein l\u00e4ngeres Gespr\u00e4ch gef\u00fchrt, bevor er uns wieder verlie\u00df, aber der Dialog blieb mir in seinem Kerngehalt im Ged\u00e4chtnis haften.<br \/>\nBevor er zu Transoflex kam, lag ihm ein Jobangebot von Michelin vor, als Vorarbeiter in der Reifenproduktion zu arbeiten, mit Chance auf weiteren Aufstieg und einem Einstiegsgehalt von mehr als 2500 Euro im Monat &#8211; allerdings in S\u00fcdfrankreich. Er erz\u00e4hlte, dass er sich das notwendige Franz\u00f6sisch zutraue und das Unternehmen auch qualifizierende Sprachkurse zugesagt hatte, aber seine Freundin habe das Vorhaben ausgebremst. Die wollte nicht nach Frankreich ziehen, weil sie die Sprache nicht beherrschte, brachte das Argument vor, dass sie in dem Fall, dass er sie verlie\u00dfe, nicht wisse, wie sie nach Hause komme, und machte die Angelegenheit zu einer Entscheidung zwischen der Arbeit und Ihr.<br \/>\nMusti schlug den Job aus, blieb bei ihr &#8211; und wurde Fahrer bei Transoflex f\u00fcr das halbe Gehalt. <\/p>\n<p>Ich erlebte in jenem Moment einen Anflug von Sympathie f\u00fcr den (ehemaligen) Daleidener Apotheker, der mir geraten hatte, meine Freundin zu verlassen, weil sie mir nach seiner Ansicht ein Klotz am Bein sei. Aber nur einen Anflug, denn ich hatte dem Apotheker keine Informationen geliefert, aus denen sich ableiten lie\u00dfe, dass meine Lebensgef\u00e4hrtin meinen Aufstieg irgendwie bremse (ich hab mein bisheriges Leben selbst an die Wand gefahren und muss keinem daf\u00fcr die Schuld zuweisen), aber in Mustis Fall stellte sich die Sache meines Erachtens sehr konkret dar: Die Frau besa\u00df keine kulturelle Flexibilit\u00e4t, keinen Wagemut, ja, schlimmer: Sie lie\u00df sich in ihrem Leben scheinbar von ihren \u00c4ngsten leiten. Eine solche Einstellung t\u00f6tet jede Hoffnung, erstickt jeden Aufbruchs- und Ausbruchsgedanken im Keim und vermutlich wird sie die Hierarchieebene einer Kassiererin im \u00f6rtlichen Supermarkt nie \u00fcberschreiten. Objektiv betrachtet ist eine solche Person ein Klotz am Bein &#8211; aber subjektiv betrachtet: Was soll er machen, wenn er sie liebt? Liebe l\u00e4sst wenig Platz f\u00fcr Vernunft. Gef\u00fchltes Gl\u00fcck ist im Leben wichtiger als materieller Erfolg und ich hoffe, dass Mustis neuer Job mehr Platz f\u00fcr Gl\u00fcck l\u00e4sst, als sein alter. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fahren wir doch fort mit meiner Beschreibung des Personals in Koblenz. Der Rasterfahnder: Schlaksiger B\u00fcromensch, etwas gr\u00f6\u00dfer als ich, schmal, t\u00e4towiert, Raucher, kantiger Humor mit Hang zum Slapstick, singt gern und falsch, und wohnt auch erst seit Ende 2012 in Koblenz. 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