{"id":224,"date":"2008-09-29T15:31:10","date_gmt":"2008-09-29T13:31:10","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=224"},"modified":"2013-01-05T23:32:14","modified_gmt":"2013-01-05T22:32:14","slug":"ins-leere-gesturmt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=224","title":{"rendered":"Ins Leere gest\u00fcrmt"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8220;Sakigake! Otoko-juku!&#8221;<\/strong> habe ich mir angesehen, und zwar den Realfilm von 2008. Das Wort <em>&#8220;Sakigake&#8221;<\/em> interpretiere ich als Verb in imperativer Form, und in Deutschland w\u00fcrde man in einem angemessenen milit\u00e4rischen Jargon wohl sagen <em>&#8220;Sprung, auf, marsch-marsch!&#8221;<\/em>, was bedeutet, dass man aufgefordert wird, nach vorne zu st\u00fcrmen. Interpretiert man <em>&#8220;Sakigake&#8221;<\/em> als Nomen, so ist das wohl derjenige, der eben jenes tut, n\u00e4mlich als erster noch vorne zu st\u00fcrmen. <em>&#8220;Vorhut&#8221;<\/em> w\u00e4re dabei eine sehr zahme \u00dcbersetzung, und <em>&#8220;St\u00fcrmer&#8221;<\/em> klingt ein bisschen zu sehr nach sportlichem Wettkampf.<br \/>\n<em>&#8220;Otoko-juku&#8221;<\/em> sagt aus, dass es sich um eine Bildungsanstalt f\u00fcr Jungs handelt.<\/p>\n<p>Es lohnt sich kaum, \u00fcber die Handlung des Films zu sprechen, weil man sie ziemlich vergeblich zwischen den Zweik\u00e4mpfen und \u00fcbersteigert-maskulinen Spr\u00fcchen sucht. Aus dem Film kann man ersehen, dass es sich um eine Schule handelt, wo man den Sch\u00fclern mit den Vorkriegsmethoden der japanischen Armee Disziplin beizubringen versucht, das hei\u00dft mit Gewalt und Folter. Es ist bezeichnend, dass einer der Ausbilder eine japanische Dschungeluniform und der andere eine deutsche Reichswehruniform mitsamt Stahlhelm und S\u00e4bel tr\u00e4gt.<br \/>\nGrob gesagt, geht es darum, wie verschiedene Typen von neuen Sch\u00fclern sich zu einem loyalen Haufen zusammenfinden, die sich bis in den Tod treu bleiben.<\/p>\n<p>Das klingt nach einem ernsten Gewalt- und Psychodrama?<br \/>\nIst aber eine Kom\u00f6die. Zumindest steht das in der Genrebezeichnung.<\/p>\n<p>Angefangen hat die Sache 1985 mit einem Manga &#8211; wen wundert es &#8211; und der lief bis 1991. Anno 1988 wurde eine Animeserie mit der ungew\u00f6hnlichen Episodenzahl von 34 aufgenommen, und mittendrin wurde eine Movie-Version produziert. Dann geschah 20 Jahre lang nichts, und 2008 hatte jemand die nicht so gl\u00e4nzende Idee, ein live-action Remake zu machen. Ich habe keine Ahnung, inwiefern sich dieser Realfilm m\u00f6glicherweise an den Animefilm von &#8217;88 h\u00e4lt, und welche Dinge der alte Film bereits an der Serie, von der ich mir nicht sonderlich viel erwarten w\u00fcrde, verbrochen hat. Es scheint jedenfalls so, als sei der aktuelle Film eine Art Kurzfassung der 34 Episoden langen Serie, wobei man die Zusammenfassung auf die wichtigsten Dialoge und ein paar bedeutende Kampfszenen beschr\u00e4nkt hat, die so viel auslassen, dass die ganze Sache zur Farce wird.<\/p>\n<p>Die Schule ist ein v\u00f6llig widerspr\u00fcchlicher Ort. Zuerst wird ein Protagonist aus gutem Hause eingef\u00fchrt, dessen Mutter von ihm verlangt, dass er der Schule beitritt, um ein echter Mann zu werden (und nicht so zu enden wie sein Vater, was nicht weiter ausgef\u00fchrt wird). Die Mutter weist darauf hin, dass diese Schule seit der Edozeit zahllose Helden und danach f\u00fchrende Pers\u00f6nlichkeiten der Regierung hervorgebracht habe. Man fragt sich, wie das sein kann, nachdem man einen Blick auf die dort versammelten Personen geworfen hat. Es ist \u00fcbrigens kein ungew\u00f6hnliches Stilmittel, dass ein an sich anst\u00e4ndiger Sch\u00fcler an einer Schule mit potentiell \u00fcblen Gesellen landet, um in diesem Spannungsfeld Humor zu generieren. In <strong>&#8220;Sakigake! Cromartie K\u00f4k\u00f4&#8221;<\/strong> (&#8220;K\u00f4k\u00f4&#8221; = &#8220;Highschool&#8221;) wurde dieses Genre verdienterma\u00dfen und in \u00fcbrigens sehr unterhaltsamer Form durch den Kakao gezogen.<\/p>\n<p>Die <em>&#8220;Otoko-juku&#8221;<\/em> pr\u00e4sentiert sich, wie in den Beschreibungen des Anime nachzulesen, eher als Besserungsanstalt f\u00fcr jugendliche Straft\u00e4ter (Otoko-juku oder Knast?) denn als Eliteschmiede f\u00fcr k\u00fcnftige Minister (es sei denn, man wolle hierunter eine sarkastische Anspielung auf das verborgene Naturell japanischer Politiker verstehen), und zwar solche von niederster Vorbildung. Zum einen wird vorgef\u00fchrt, dass die h\u00f6chste Tugend die Disziplin ist, und f\u00fcr Vergehen an dieser Tugend wird man mit Faustschl\u00e4gen und Folter bestraft. Die mangelnde F\u00e4higkeit des durchschnittlichen Sch\u00fclers, ohne Zuhilfenahme seiner Finger im Bereich des grundlegenden Einmaleins zu rechnen, wird jedoch nicht geahndet oder \u00fcberhaupt kommentiert.<\/p>\n<p>Bei der &#8220;Einweisung&#8221; der Neuank\u00f6mmlinge durch die Sch\u00fcler des zweiten Jahrgangs geht es nicht weniger gewaltt\u00e4tig zu, wie man nicht anders erwarten kann, und es werden durch den Wortf\u00fchrer der \u00e4lteren Gruppe drei Regeln vorgestellt:<br \/>\n1. Disziplin<br \/>\n2. Loyalit\u00e4t<br \/>\n3. Mut<br \/>\nUnd was man von der vollmundigen Vorf\u00fchrung zu halten hat, wird deutlich, wenn der Maulheld angesichts eines st\u00e4rkeren Gegners das Hasenpanier ergreift und seine &#8220;Untergebenen&#8221; nach vorne schickt. Regel Nummer Drei wird also sofort von einer Vorbildsperson (einem Senpai) gebrochen, zusammen mit Regel Nummer Zwei, da er ihnen nicht beisteht, sondern sich aus der direkten Gefahrenzone zur\u00fcckzieht. Wenn man einen Schritt weiter denkt, bemerkt man, dass der Senpai auch die Regel Nummer Eins bricht, indem er zul\u00e4sst, dass auf Grund seiner Provokationen ein Kampf zwischen den Neuzug\u00e4ngen und dem \u00e4lteren Jahrgang ausbricht. Da wird einem vorm Fernseher gleich der Mittelfinger lang.<\/p>\n<p>Im Rahmen meines geschichtlichen Wissens bekommt man hier zum einen alte Foltermethoden vorgef\u00fchrt, und zum anderen das Ausbildungsgehabe einer Milit\u00e4rakademie bis 1945.<\/p>\n<p>Ersteres \u00e4u\u00dfert sich zum Beispiel im \u00d6lbad, \u00fcberliefert aus feudalen Zeiten, in dem jemand sitzen bleiben musste, bis eine Kerze, die in einem h\u00f6lzernen Boot mit in der Wanne schwamm, heruntergebrannt war &#8211; oder so lange, bis er dem Kerkermeister gesagt hatte, was dieser h\u00f6ren wollte. Nicht nur, dass es k\u00f6rperlich unm\u00f6glich ist, in einem \u00d6lbad zu sitzen, das mittels eines Feuers unter dem Topf langsam und allm\u00e4hlich zu kochen beginnt, nein, die Kerze in dem Boot zwingt den Betroffenen auch noch dazu, still zu halten, denn wenn er sich zu sehr bewegt, kentert das Boot und die Kerze setzt das \u00d6l in Brand.<\/p>\n<p>Letzteres, die &#8220;Bildungsmethoden&#8221;, halte ich f\u00fcr eine realistische Darstellung des t\u00e4glichen Lebens auf einer alten Imperialen Milit\u00e4rakademie und auch in der Grundausbildung. Da wird Disziplin mit Gewalt eingetrichtert, denn nur mit Disziplin erreicht man im Leben was. Diese Aussage f\u00fcr sich allein ist schon richtig, aber ich muss an die Schilderungen ehemaliger japanischer Soldaten denken, die von den Unteroffizieren gr\u00fcn und blau geschlagen wurden, mit den Worten: <em>&#8220;Ich schlage Sie nicht, weil ich Sie hasse. Ich schlage Sie, weil ich Sie wie einen Sohn liebe!&#8221;<\/em> Das wird zwar in diesem Film nicht gesagt, aber es wird so gemeint, und nur, wenn ich das Geschichtsbewusstsein eines japanischen Jugendlichen h\u00e4tte, w\u00fcrde mir dabei nicht der Spa\u00df vergehen. Die deutsche Produktion <strong>&#8220;Obersalzberg&#8221;<\/strong> basiert schon auf einem sehr wagemutigen Humorexperiment, das aber funktioniert, und wohlgemerkt nur dann funktioniert, wenn man die Handlungen der dargestellten Charaktere in einen historischen Rahmen einordnen kann. W\u00fcrde man in Deutschland etwas wie <strong>&#8220;Sakigake!&#8221;<\/strong> herstellen wollen, m\u00fcsste man jugendliche Straft\u00e4ter in einem Camp darstellen, dass sich der Ausbildungsmethoden der SS bedient, ohne durch die Verulkung f\u00fchrender Pers\u00f6nlichkeiten der Zeit darauf hinzuweisen, dass es sich um eine Parodie und nicht um Geschichtsverkl\u00e4rung handelt &#8211; und nichts anderes ist <strong>&#8220;Sakigake!&#8221;<\/strong> Ich w\u00fcrde aber zu sagen wagen, dass sie nicht mit einer revisionistischen Absicht vorgenommen wird, sondern eben jenem Mangel an Geschichtsbewusstsein entspringt.<\/p>\n<p>In diesem Film wirkt fast alles unglaubw\u00fcrdig, und ich f\u00fchre das auf die zumindest vermutete Komprimierung der Handlung zur\u00fcck. Die Charaktere werden so schnell eingef\u00fchrt, dass man kaum eine Chance hat, sie irgendwie voneinander zu unterscheiden oder gar Sympathien f\u00fcr sie zu entwickeln, und die immerhin vorhandene Charakterentwicklung des Weicheis Hidemaru zum opferbereiten Mitglied der Gruppe l\u00e4uft so schnell, dass man ihr nicht wirklich folgen kann, als h\u00e4tte man die Kernszenen aus <strong>&#8220;Macbeth&#8221;<\/strong> mit einer Webcam aufgenommen, die nur alle paar Sekunden ein Bild aufnimmt.<br \/>\nToramaru zum Beispiel wird gleich zu Beginn von einer gut aussehenden Frau angefahren, und weil sie so umwerfend ausieht, entschuldigt er sich daf\u00fcr, ihr im Weg gestanden zu haben. Auf einem Waldweg. Togashi andererseits wird von einem M\u00e4dchen aufgefordert, mit ihr auszugehen und muss feststellen, dass es sich um eine Mutprobe, um eine &#8220;Aufnahmepr\u00fcfung&#8221; f\u00fcr irgendeine Clique handelt, wobei das M\u00e4dchen nicht den Eindruck macht, als habe sie andere Gr\u00fcnde als Gruppenzwang (also von der Sorte, die ihr Tun anschlie\u00dfend ernsthaft bedauern). In beiden F\u00e4llen denkt sich der Zuschauer, dass diese Nebenpersonen an irgendeiner Stelle noch einmal auftauchen w\u00fcrden, um der Vertiefung des jeweiligen Charakters zu dienen. Aber wie hei\u00dft mein Lieblingsnachtisch? Pustekuchen!<\/p>\n<p>Muss ich extra betonen, dass es v\u00f6llige Zeitverschwendung ist, sich diesen Film anzuschauen?<br \/>\nDass sich darin ein in Actionfankreisen ber\u00fchmtes Duo als Widersacher gegen\u00fcbersteht &#8211; Sakaguchi Tak und Sakaki Hideo, die mit <strong>&#8220;Versus&#8221;<\/strong> einen viel besseren Film hingelegt haben &#8211; macht die Sache nicht besser. Leider. Dabei ist es nicht schwer, die beiden wegen ihrer Ausstrahlung zu m\u00f6gen. Einzig positiv auff\u00e4llig ist der Charakter Togashi, der aussieht wie ein junger Charles Bronson, weil er so aussieht, inklusive Frisur und Schnurrbart.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Sakigake! Otoko-juku!&#8221; habe ich mir angesehen, und zwar den Realfilm von 2008. 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