{"id":2196,"date":"2012-07-22T18:34:38","date_gmt":"2012-07-22T16:34:38","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=2196"},"modified":"2017-10-22T12:22:09","modified_gmt":"2017-10-22T10:22:09","slug":"gaytal-kamikaze-teil-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=2196","title":{"rendered":"Gaytal-Kamikaze (Teil 11)"},"content":{"rendered":"<p>Jaja, wie h\u00e4ltst Du&#8217;s mit der Religion? Es spricht sich herum, dass ich Atheist bin. Stan, einer unserer Bandarbeiter und aus den USA zu uns ausgewandert, reagierte darauf in einer Weise, wie man sie Amerikanern mit wenig Bildung zuschreibt:<br \/>\n<em>&#8220;Was? Du verehrst Satan?&#8221;<br \/>\n&#8220;Nein, wenn ich Satan anbeten w\u00fcrde, w\u00e4re ich ein Satanist, oder? Atheist zu sein bedeutet, dass man nicht an die Existenz \u00fcbernat\u00fcrlicher Kr\u00e4fte glaubt.&#8221;<br \/>\n&#8220;Du glaubst also lieber an Dich selbst&#8230; meine S\u00f6hne sind auch so.&#8221;<br \/>\n&#8220;Ich halte es jedenfalls f\u00fcr sehr unwahrscheinlich, dass es einen Gott gibt.&#8221;<br \/>\n&#8220;Dann musstest Du vermutlich noch keine wirklich harten Zeiten durchmachen.&#8221;<br \/>\n&#8220;Was meinst Du?&#8221;<br \/>\n&#8220;Eine schwere Krankheit zum Beispiel.&#8221;<br \/>\n&#8220;Nein, sowas hatte ich noch nicht.&#8221;<br \/>\n&#8220;Dann warte mal ab.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Rudi jedenfalls kann sich die Welt auch nur erkl\u00e4ren, wenn er sie auf den magischen Einfluss eines Gottes zur\u00fcckf\u00fchrt. Die Idee, dass es KEINEN &#8220;Masterplan&#8221; f\u00fcr die Existenz des Universums geben k\u00f6nnte, passt gar nicht in seinen Kopf.<br \/>\n<em>&#8220;An was glaubst Du dann?&#8221;<br \/>\n&#8220;Ich glaube, dass sich die Welt durch wissenschaftliche Mittel erkl\u00e4ren l\u00e4sst; und wenn uns heute das Wissen dazu fehlt, werden wir es im Laufe der Zeit sicherlich finden.&#8221;<br \/>\n&#8220;Du glaubst also, dass alles mit einem Urknall angefangen hat und dass wir uns aus Affen entwickelt haben? Sag mir, wo sind die Beweise daf\u00fcr?&#8221;<br \/>\n&#8220;Da musst Du einen Physiker fragen. Oder Darwin lesen.&#8221;<br \/>\n&#8220;Aber die Evolutionstheorie ist schon seit 20 Jahren vernichtet! Wie kann man daran glauben?&#8221;<br \/>\n&#8220;Ich wei\u00df ja nicht, wer die vernichtet haben soll, aber jedes Jahr erscheinen hunderte von wissenschaftlichen Abhandlungen, die die Evolutionstheorie st\u00fctzen. Genetiker und Molekularbiologen best\u00e4tigen, dass die Evolution aus unserer DNA ablesbar ist.&#8221;<br \/>\n&#8220;Bist Du voll \u00fcberzeugt oder meinst Du, Du k\u00f6nntest Deine Meinung noch \u00e4ndern?&#8221;<br \/>\n&#8220;Nat\u00fcrlich kann ich meine Meinung \u00e4ndern, wenn ich die Hinweise auf die Existenz \u00fcbernat\u00fcrlicher Kr\u00e4fte entsprechend gest\u00e4rkt sehe.&#8221;<br \/>\n&#8220;Dann setzen wir uns mal zusammen und reden dar\u00fcber.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Er setzte, was mich irgendwie freute, einen Gegenpunkt zu Stan, wenn auch unbeabsichtigt. Er erz\u00e4hlte von einer Freundin, deren Arbeitskollegin einen nahen Verwandten verloren hatte. Daraufhin stellte sie Gott in Frage; es k\u00f6nne keinen solchen Gott geben, der ihr diesen Menschen, der nichts B\u00f6ses getan hatte, nehmen w\u00fcrde, also gebe es keinen Gott. Wie kann ein Gott gerecht sein, der Strafen und Schicksalsschl\u00e4ge scheinbar rein willk\u00fcrlich verteilt? Soll hei\u00dfen: Kann es nicht ebenso sein, dass man sich eben unter dem Eindruck harter Zeiten von seiner Religion abwendet?<br \/>\nWer an Gottes Gerechtigkeit glauben will, muss unbedingt auch an den &#8220;gro\u00dfen Plan&#8221; in der Sch\u00f6pfung glauben, sonst kann man den fr\u00fchen Tod guter Menschen und das lange Leben b\u00f6sartiger Zeitgenossen nicht vor dem eigenen Verstand rechtfertigen. Ich ziehe es vor, Gott aus der Gleichung zu subtrahieren und von einem Universum, in dem Dinge einfach so geschehen, ohne Plan, auszugehen. Rudi kann das nicht und entdeckt den Missionar in sich. In Ausnutzung ihrer seelisch instabilen Situation gelang jedenfalls die Konvertierung der vom Leben gebeutelten Arbeitskollegin; man verstehe den Begriff &#8220;Ausnutzung&#8221; aber bitte nicht als &#8220;in b\u00f6ser Absicht&#8221;. Wer ehrlich glaubt, der meint es ehrlich gut, und ich glaube, dass viel von dem B\u00f6sen in unserer Welt guten Absichten entspringt. Bei der Bringung des Seelenheils hat schlie\u00dflich so mancher bereits \u00fcbertrieben, und nicht alle diesbez\u00fcglichen Ma\u00dfnahmen sind so makaber-lustig wie die Praxis einzelner mormonischer Splittergruppen, die bedeutende Pers\u00f6nlichkeiten posthum zu Mormonen umtaufen (zum Beispiel Gandhi!).<\/p>\n<p>Interessanterweise will Rudi das mit Konrad zusammen machen&#8230; was irgendwie interessant sein k\u00f6nnte, erstens, weil Konrad noch nie zu einem Treffen erschienen ist, und zweitens wegen des konfessionellen Grabens: Konrad ist Katholik und Rudi ist Moslem. Ich bezweifle, dass ein solches Treffen je zustande kommt, aber es kann ja nicht schaden, ein paar Diskussionspunkte zusammenzustellen&#8230; warum zum Beispiel ein Gott, der allgegenw\u00e4rtig und allwissend ist, von einem Mann (Abraham) einen Treuebeweis verlangen muss (dass er seinen eigenen Sohn t\u00f6tet), obwohl er doch schon immer gewusst haben muss, dass Abraham ein treuer Gl\u00e4ubiger sein w\u00fcrde. Dann ist dieser Gott entweder ein Sadist oder eben nicht allwissend. <\/p>\n<p>Wir wollten uns ja schon einmal treffen, aber einfach nur zum Essen, das hei\u00dft, Rudi, Konrad und ich. Die Idee war von Konrad ausgegangen, nachdem er erfahren hatte, dass Rudi aus Marokko stammt. Konrad hatte einmal einen Schwager aus Marokko, der ein hervorragendes Lammcouscous zu kochen f\u00e4hig war. Leider war mit dem Tod seiner Schwester dieser Schwager verloren gegangen und nun sah er eine gute Gelegenheit &#8211; und ich wollte sie nutzen. Wir machten eine Zeit und einen Ort aus, Rudi besorgte Lammfleisch und Zutaten und wartete darauf, dass Konrad ihn wie verabredet abholen w\u00fcrde, da er selbst aus technischen Gr\u00fcnden gerade kein Auto hatte. Aber der Konrad kam nicht. Wie \u00fcblich. Entgegen meiner Hoffnung reichte auch die Aussicht auf ein gutes Essen nicht aus, um ihn zu locken.<br \/>\nAm Montag darauf sprach Konrad kein Wort, und ich war auch nicht in Stimmung f\u00fcr eine Konversation mit ihm. Anders als fr\u00fcher, wo ich ein Essen vorbereitet hatte, hatte ich nichts verloren, aber entt\u00e4uscht war ich dennoch.<br \/>\nSo ging das dann bis Mittwoch, da ging ich zu ihm zu sprach ihn an. Konrad fuhr zusammen und schaute mich an wie einer, der erwartet, gleich seine Z\u00e4hne vom Boden aufsammeln zu m\u00fcssen. Ich erkl\u00e4rte ihm, dass wir uns nicht die n\u00e4chsten Wochen anschweigen k\u00f6nnten und dass er mir ruhig erz\u00e4hlen k\u00f6nne, was ihm dazwischengekommen sei.<br \/>\n<em>&#8220;An dem Sonntag Morgen war ich mit meiner Freundin in Trier und auf dem R\u00fcckweg haben wir uns ganz furchtbar gestritten. Da hat die mich mitten in der Pampa aus dem Auto geworfen und ich musste 25 km zu Fu\u00df heimgehen. Da hatte ich auch keine Lust mehr, noch mit irgendeinem zu telefonieren.&#8221;<\/em><br \/>\nIrgendwie beschleicht mich der Verdacht, dass Konrad in einer erpresserischen Beziehung lebt: <em>&#8220;Entweder, Du tust, was ich sage oder ich verlasse Dich, und dann siehst Du Dein Kind nie wieder!&#8221;<\/em> Im Dunstkreis meines eigenen sozialen Umfelds war bereits ein solcher Fall aufgetaucht. Irgendwie habe ich aber auch den Verdacht, dass Konrad seiner Freundin erst auf den letzten Dr\u00fccker von seinen Pl\u00e4nen, nach Trier zum Essen zu fahren, erz\u00e4hlt hatte, wodurch sich der Doppeltermin (morgens mit der Freundin und nachmittags zu uns nach Trier) und die dadurch erst m\u00f6glich gewordenen Probleme des Tages ergeben hatten.<br \/>\nWie dem auch sei: Ein Schuss in den Ofen war es allemal, und umso seltsamer ist es zu h\u00f6ren, dass ausgerechnet diese beiden mich zur Religion bekehren wollen. <\/p>\n<p>\u00dcbrigens hatte Konrad auch mit Felix und dem Winzer mal ausgemacht, sich morgens zu einem Fr\u00fchst\u00fcck im Pausenraum zu treffen &#8211; das setzte allerdings voraus, sp\u00e4testens um kurz nach F\u00fcnf in der Halle zu sein. Konrad, in \u00fcblicher Manier, kam um kurz vor halb Sechs und es blieb keine Zeit f\u00fcrs ausgemachte Fr\u00fchst\u00fcck. Die beiden anderen boten mir seinen Teil an, aber ich lehnte dankend ab, da ich jeden Morgen zuhause fr\u00fchst\u00fccke und ich beim Arbeiten mein Blut im Kopf und nicht im Bauch brauche. Die zwei redeten dann auch den Tag \u00fcber nichts mit Konrad. Irgendwie ist der Typ schon eine arme Sau, aber ganz unschuldig ist er daran nicht.<\/p>\n<p>Springen wir wieder ein paar Wochen nach vorn in der Zeit: Der Winzer musste aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden aufh\u00f6ren (er fand schlie\u00dflich wohl zur\u00fcck in den Scho\u00df des Familienunternehmens) und wir fanden nach langem H\u00e4ngen und W\u00fcrgen einen Nachfolger. Wie soll ich den nennen? Der Kleine hatte ihn aufgetrieben und zum Probearbeiten \u00fcberredet, nachdem wir wegen eines Batterieschadens an der 440 ein \u00dcberbr\u00fcckungskabel gebraucht hatten. Beide wohnen am Weidengraben, wie auch Puck und meine Wenigkeit, nur in einem anderen Haus, und kollektiv nenne ich sie in Anlehnung an ihre Vornamen &#8220;die M&#038;Ms&#8221;, aber ich will ja keine Klarnamen nennen.<\/p>\n<p>In Anlehnung an seine K\u00f6rperf\u00fclle nenne ich den neuen mal &#8220;Big M&#8221;.<br \/>\nBig M hatte zuvor bei Heister gearbeitet, einem durch Radiowerbung weithin bekannten Unternehmen, das vorrangig mit Autos handelt, und nat\u00fcrlich auch mit den Dienstleistungen drumherum; Big M ist gelernter Mechaniker, der mit einem hervorragenden Pr\u00fcfungszeugnis Geselle geworden war. Jetzt kann man sich kaum vorstellen, dass man irgendwo noch weniger verdient als in meinem Job &#8211; aber es ist so. Seit Big M bei uns arbeitet, verdient er \u00fcber 100 E mehr als vorher. Seine K\u00fcndigung wurde auch dadurch motiviert, dass man sich bei Heister nicht einmal die M\u00fche machte, ihm Aufstiegschancen auch nur vorzugaukeln. Big M wollte ja irgendwann seinen Meister machen, wurde aber immer vertr\u00f6stet, ebenso ging es ihm mit seinen Ersuchen, ein Gehalt zu bekommen, das seiner Leistung entsprach. <\/p>\n<p>Kurz und gut: Er ergriff die Gelegenheit beim Schopf, lie\u00df Heister hinter sich und wurde Fahrer bei uns. Es muss ein echt mieser Job gewesen sein&#8230; denn Aufstiegschancen gibt es bei uns \u00fcberhaupt keine, es w\u00fcrde gar keinen Sinn machen, einem Mitarbeiter etwas solches vorzumachen. Es gibt nur den Chef, den Disponenten und die Fahrer. Der Disponent ist 37 Jahre alt, selbst wenn er nicht bis zur Rente in dem Laden bleibt, treibt es ihn fr\u00fchestens in ein paar Jahren woanders hin. Und seien wir mal ehrlich: Wer als Fahrer in dieser Firma bis zur Rente bleibt, kann sich f\u00fcr die Zeit danach schonmal eine h\u00fcbsche Br\u00fccke zum drunter wohnen suchen. <\/p>\n<p>Big M lernte schnell, machte sich gut, wurde aber vom Pech verfolgt.<br \/>\nAn dem ersten Tag, an dem er ohne Begleitung die Tour in Wittlich bediente, hielt ihn die Polizei an, und den Beamten war das Fahrzeug nicht geheuer. Sie begleiteten ihn zur n\u00e4chsten DEKRA Werkstatt und lie\u00dfen den Wagen unter die Lupe nehmen. Fazit: <em>&#8220;Dieses Fahrzeug ist nicht stra\u00dfentauglich und stellt eine ernste Gef\u00e4hrdung der Verkehrssicherheit dar.&#8221;<\/em> Achse verzogen. Blattfedern gebrochen. Bremssystem mangelhaft. Getriebe auf der Kippe. Einen Drogentest machten sie auch, zur Sicherheit. Immerhin waren weder Drogen noch Alkohol im Spiel. Dennoch: Ein Bu\u00dfgeld von 138 Euro, und sein F\u00fchrerschein h\u00e4ngt seitdem am seidenen Faden, der Fall ist noch nicht entschieden.<br \/>\nBig M brauchte ein anderes Fahrzeug, nachdem man ihn drei Stunden festgehalten hatte. Peter stellte es zur Verf\u00fcgung und rief mich an, worauf ich nach dem Ende meiner Tour noch nach Wittlich fuhr und Big M bei der Erledigung der verbliebenen Stopps behilflich war. <\/p>\n<p>Auch dieses Ersatzfahrzeug brach einige Tage darauf zusammen und verweigerte die Leistung. Big M war daher des \u00f6fteren zu Gast in der Werkstatt im fernen Plaidt und best\u00e4tigte, was bislang nur gemutma\u00dft worden war: Von den drei Leuten, die dort die Autos herrichten, hat nur einer, ein Russe von \u00fcber 50, das Mechanikerhandwerk tats\u00e4chlich gelernt. Die anderen beiden, Yoghurt und Frank, sind nur angelernt. Und Big M war nicht begeistert von deren F\u00e4higkeiten. In den wenigen Stunden, die er dort war, fand er die Fehler bei drei Transportern, die bereits seit Tagen untersucht wurden. Bei einem zum Beispiel war ein wichtiges Metallteil abgefallen &#8211; man frage mich nicht nach den notwendigen Fachbegriffen, davon habe ich keine Ahnung. Frank schwei\u00dfte daraufhin einfach ein neues dran. Das neue Teil fiel nach drei Tagen wieder ab. Warum? Weil das neue Teil aus einem anderen Metall bestand und die unterschiedlichen W\u00e4rmeausdehnungskoeffizienten die Schwei\u00dfnaht bersten lie\u00dfen. Big M zeigte sich total begeistert. Wir ebenfalls, denn schlie\u00dflich h\u00e4ngt unser Leben davon ab, dass in dieser Werkstatt qualifizierte Arbeit geleistet wird.<br \/>\nDer Chefoberboss bot ihm sofort einen Job an und um den Umzug nach Plaidt w\u00fcrde er sich ebenfalls k\u00fcmmern. Big M lehnte ab. Die Frage nach dem Gehalt war nur ausweichend (also gar nicht) beantwortet worden. <\/p>\n<p>Wenige Tage sp\u00e4ter nahm ihm ein LKW-Fahrer im Wittlicher Industriegebiet die Vorfahrt; Big M wich gerade noch so aus, setzte das Auto aber in den Graben, was die gesamte Ladung durcheinanderschaukelte wie W\u00fcrfel in einem Lederbecher. Dabei gingen Beh\u00e4lter mit Lack kaputt. Big M schaufelte das Gr\u00f6bste aus dem Wagen, fuhr zu einer namhaften Firma f\u00fcr Tiefk\u00fchlkost und bat dort um Utensilien f\u00fcr die Reinigung, die man ihm gro\u00dfz\u00fcgig gew\u00e4hrte. Die unfreiwillige Neugestaltung des Laderaums war noch das Mindeste, denn viele andere Pakete waren durch den Lack verschmutzt bis gar besch\u00e4digt und der Inhalt unbrauchbar geworden.<br \/>\nOb der Fahrer des fraglichen LKWs zur Rechenschaft gezogen werden konnte, ist mir zum aktuellen Zeitpunkt nicht bekannt. <\/p>\n<p>Zwischendurch brachte Big M einen Bekannten mit, einen klassischen Sozialverlierer, kurz vor vollj\u00e4hrig, der an wichtigen Punkten in seinem Leben die notwendigen Entscheidungen mangels Taten immer wieder an die Wand gefahren hatte. Ich nenne ihn wegen einer T\u00e4towierung auf seinem Unterarm Yagi. Peter hatte sich wohl einverstanden erkl\u00e4rt, ihm durch offizielle Aussicht auf einen Job den F\u00fchrerschein mit Hilfe des Arbeitsamts zu erm\u00f6glichen.<br \/>\nYagi arbeitete ein paar Tage mit uns. Er fuhr mit Big M, der ihm zeigte, wie die Technik funktionierte und all das &#8211; aber Yagi scheiterte an seiner kurzen Aufmerksamkeitsspanne. Wenn man mehrere Kunden hat, die eine gr\u00f6\u00dfere Zahl Pakete vom gleichen Versender erhalten, muss man aufpassen, dass man in der Eile nicht ein falsches ausgibt, aber leider passierte etwas solches. Gl\u00fccklicherweise wurde es nach wenigen Tagen wieder gefunden, aber zuerst hatte man dem betroffenen Kunden erkl\u00e4ren m\u00fcssen, dass ein Paket mit seiner Ware verschwunden war. Yagi machte lauter kleine Fehler, und sicherlich keine bedeutenderen, als andere Neulinge. Aber ich habe den Eindruck, dass er deswegen deprimiert war und aus dieser Anspannung heraus noch weitere Fehler machte, sodass sein Ego keine Chance hatte, wieder ins Reine zu kommen. Der Knoten platzte nicht, stattdessen lief das Fass \u00fcber. Yagi verga\u00df, eine Nachnahme von ein paar Hundert Euro zu kassieren, obwohl vor dem Bildschirm, in dem man seine Unterschrift setzt, ein Fenster mit Lautsignal erscheint, das in aller Deutlichkeit daran erinnert, dass es sich um eine Nachnahmesendung handelt. Niemand wei\u00df, wie er das \u00fcbersehen konnte. Ich glaube, er war einfach nerv\u00f6s, unausgeschlafen und hatte eine Art Aussetzer. Big M schimpfte mit ihm, er solle sich zusammenrei\u00dfen, wo ein bisschen mehr Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen sicherlich ratsam gewesen w\u00e4re. Yagi fuhr, gedem\u00fctigt durch sein eigenes Unverm\u00f6gen, die n\u00e4chste Entscheidung an die Wand: Er rannte davon. Im \u00fcbertragenden Sinne nat\u00fcrlich, aber er kehrte dem Depot den R\u00fccken und sah eine weitere kleine Hoffnung in seinem wohl eher aussichtslosen Leben schwinden. <\/p>\n<p>Anfang Juni meldete sich der Kleine krank: Stei\u00dffistel. Er konnte nicht mehr sitzen, die Beule musste entfernt werden. Etwa um die gleiche Zeit setzte mich Mike angesichts zu geringer Frachtzahlen f\u00fcr einen Tag mit Knut in ein Auto, damit ich mir dessen Tour mal ansah. Ich machte mir Notizen zu Hintereing\u00e4ngen, Garagen, Abstellgenehmigungen, Warenannahmezeiten und Mittagspausen. Haupts\u00e4chlich Industriegebiete, vornehmlich Trier West. Gar nicht mein Ding. Aber mir d\u00e4mmert, dass Mike die Hoffnung hegt, ich k\u00f6nne eine Art Allrounder werden, der jede Tour gut genug kennt, um bei Krankheit oder Urlaub des eigentlichen Fahrers im Notfall einspringen zu k\u00f6nnen, ohne gleich \u00fcberfordert zu sein. <\/p>\n<p>Weniger als einer Woche sp\u00e4ter telefonierte ich um etwa 13 Uhr mit Big M wegen einer Freizeitangelegenheit nach Feierabend. Um etwa halb Vier erhielt ich einen Anruf von Felix, in dem er mir mitteilte, dass Big M einen Unfall gehabt habe und er deshalb in Witllich aushelfen m\u00fcsse, weitere Details kenne er noch nicht.<br \/>\nAm Abend telefonierte ich mit Peter. Wie es aussieht, war ihm eine Britin unter Missachtung der Vorfahrt in seine rechte Seite gefahren, etwa auf Radh\u00f6he. Den weiteren Blechsch\u00e4den nach zu urteilen war sie danach mit der L\u00e4nge des Autos in die Seite des Sprinters geschleudert. Big M traf keine Schuld. Es hie\u00df, die Polizei habe ihn sogar gelobt: Er hatte im entscheidenen Moment das Steuer noch nach links gerissen und damit den Aufprallwinkel zugespitzt, die Personensch\u00e4den w\u00e4ren sonst gravierender gewesen.<br \/>\nDabei waren sie gravierend genug: Big M hatte sich das rechte Knie heftig an der Lenks\u00e4ule angeschlagen und den R\u00fccken verzogen. Der R\u00fccken war nach ein paar Tagen Ruhe wieder in Ordnung, aber das Knie war dick geschwollen und es zeigte sich, dass die Gelenkkapsel gerade mal nicht abgerissen war.<br \/>\nIm schmerzfreien ersten Moment, als man ihn in den Krankenwagen schob, hatte er noch zu Peter gesagt: <em>&#8220;Ach, ist nicht so schlimm, ich komm morgen wieder.&#8221;<\/em> Der Kleine war ja krankgeschrieben, er wusste, dass es gerade wieder eng war und er wollte niemanden im Stich lassen. <\/p>\n<p>F\u00fcnf Wochen sp\u00e4ter hielt er es zuhause nicht mehr aus, verweigerte eine Reha und kam wieder zur Arbeit. Der Arzt h\u00e4tte ihn noch eine Weile krankgeschrieben, aber da es ihm so wichtig schien, lie\u00df er ihn gew\u00e4hren &#8211; &#8220;auf eigenes Risiko&#8221;.<br \/>\nBig M kam zur Arbeit &#8211; der Kleine war immer noch auf Krankenschein &#8211; und klagte \u00fcber Schmerzen im Knie, aber er wolle durchhalten. Die einen mutma\u00dften, er habe lediglich Angst um seinen Job und traue sich deshalb nicht, den Krankenschein zu verl\u00e4ngern, die anderen nannten ihn schlicht einen Deppen, weil er in seinem jugendlichen Aktionismus seine Gesundheit gef\u00e4hrdete. Big M ist erst 20 und damit der j\u00fcngste in der ganzen Halle. Sogar Antonius ist \u00e4lter. Der Kleine ist wohl der dritte in dieser Reihenfolge. <\/p>\n<p>In diesen f\u00fcnf Wochen brach das so genannte Sommerloch an &#8211; nur dass wir dieses Jahr nichts davon merkten. Der Engel und Knut bekamen die Tour des Kleinen mit dazu, ich \u00fcbernahm die Gegend von Trierweiler und Newel f\u00fcr Knut, Rudi musste nach Zemmer, Orenhofen und Speicher fahren, je nach Bedarf fuhr der Engel, Rudi oder meine Wenigkeit die Kunden in Kordel und Welschbillig. Felix bekam immer wieder ein paar Posten aus der Wittlicher Tour, die meist von Mike gefahren wurde. Das Sommerloch f\u00fcllte sich mit der Fracht zweier fehlender Mitarbeiter, und als Felix seinen einw\u00f6chigen Sommerurlaub antrat, hatten wir anderen ein Gef\u00fchl wie an Weihnachten &#8211; und das ist in diesem Gesch\u00e4ft keineswegs etwas positives. <\/p>\n<p>Knut und der Engel, so unterschiedlich ihr Musikgeschmack auch ist, sind sich in Fragen von Humor und Spr\u00fcchen so gleich wie eineiige Zwillinge. Nat\u00fcrlich machen die beiden Spr\u00fcche, und wenn man unterm Stei\u00df etwas herausgeschnitten bekommt, muss man sich um den Spott nicht weiter k\u00fcmmern, gerade bei so dauergefrusteten Leuten wie dem Engel. Ich will das im Einzelnen nicht widergeben, ich bin allerdings der \u00dcberzeugung, dass dieses Gebl\u00f6ke nichts anderes ist als genau das: Dumme Spr\u00fcche, die nicht ernst gemeint sind. Auch denen beiden ist klar, dass der Kleine sich seine Fistel nicht ausgesucht hat, und dass er im Gegensatz zum Engel, der seinen F\u00fchrerschein wegen zu hoher Geschwindigkeit \u00fcber drei Monate lang nicht hatte und damit seinen Kollegen geh\u00f6rig auf den Senkel ging, keineswegs schuld an dem Zustand war. Der Kleine offenbarte allerdings eine bedauerliche Verwundbarkeit gegen\u00fcber solchem Verhalten. Es scheint, dass er sich zuhause vergr\u00e4bt, nur den n\u00f6tigsten sozialen Kontakt h\u00e4lt und am liebsten \u00fcberhaupt nicht mehr zu Transoflex zur\u00fcckkehren m\u00f6chte, weil er glaubt, der H\u00e4me nicht gewachsen zu sein. Dabei h\u00e4lt er sich an einem Strohhalm fest: Ein fr\u00fcherer Arbeitgeber hat ihm scheinbar angeboten, ihm einen LKW-F\u00fchrerschein zu bezahlen, falls er sich zwei Jahre lang vertraglich fest verpflichtet. Irgendwie passt das nicht zusammen. Wenn dieser alte Chef so toll ist, warum hat der Kleine dann irgendwann mal gek\u00fcndigt? Auch Big M ist der Meinung, dass der Kleine sich einer Art Wunschdenken hingibt, und dass ihm nur die innere St\u00e4rke fehlt, den Spr\u00fccheklopfern \u00fcbers Maul zu fahren, wie man so sagt. Was mir noch mehr Sorgen macht, sind die Schmerz- und Schlafmittel, die der Kleine von seinem Arzt erh\u00e4lt. Er sagt, die gew\u00f6hnlichen Medikamente zeigten nicht genug Wirkung, weswegen er sehr starke erhalte, richtige Wirkstoffbomben. Ich hoffe, dass er keine Langzeitfolgen wegen dem Zeug zu tragen hat. <\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich machten wir uns auf die Suche nach Vertretungen. F\u00fcr Felix kamen zwei Jungs aus Koblenz runter, Peter trieb einen jungen Mann aus der Saarstra\u00dfe auf, wegen seines Namens nenne ich ihn Kelvin II.<br \/>\nDer war Mechatroniker, lernte auch fix, hatte aber auch mehrere Eisen im Feuer, wie sich zeigte. Nach wenigen Tagen war er bereits so weit, dass er 50 Stopps in Wittlich in einer angemessenen Zeit fahren konnte. Der zu dem Zeitpunkt noch abwesende Big M machte sich in dieser Zeit wirklich Sorgen um seinen Job. <em>&#8220;Wenn der Wittlich f\u00e4hrt, was fahr dann ich?&#8221;<\/em> Als ob es nichts anderes g\u00e4be, was Big M fahren k\u00f6nnte. Es schien sich n\u00e4mlich u.a. zu konkretisieren, dass Konrad Ende Juli endg\u00fcltig und tats\u00e4chlich die Firma verlassen w\u00fcrde, f\u00fcr einen Lagerjob, der ihm mehr Geld und mehr Zeit f\u00fcr seine Familie bringen w\u00fcrde.<br \/>\nAber auch mit Kelvin II. sollte es nichts werden. Er werde nach Chemnitz gehen, erkl\u00e4rte er nach etwa zwei Wochen. Er habe einen Sohn im Alter von sechs Monaten, der dort wohne, und den k\u00f6nne er fast nie sehen, wenn er in Trier bliebe (vor allem bei dem Gehalt, das wir bekommen). Ich fragte ihn nicht nach den genaueren Umst\u00e4nden dieser Familientrennung und w\u00fcnschte ihm viel Gl\u00fcck. <\/p>\n<p>Danach brachte Mike einen Fahrer, der zuvor schon als Fahrer und das auch noch im Bereich Wittlich gearbeitet hatte. Mike war begeistert. Der Neue kannte nicht nur die Gegend auswendig, sondern auch noch alle Kunden. Er m\u00fcsse noch die K\u00fcndigungsfrist bei seinem aktuellen Arbeitgeber abarbeiten und stehe dann ab der letzten Juliwoche zur Verf\u00fcgung. Auch diese Neuigkeit schmeckte Big M nat\u00fcrlich gar nicht und er sieht schon mit Schrecken der Mitteilung entgegen, dass man ihm die Tour um Morbach herum geben werde, obwohl noch niemand etwas solches gesagt hat. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jaja, wie h\u00e4ltst Du&#8217;s mit der Religion? Es spricht sich herum, dass ich Atheist bin. Stan, einer unserer Bandarbeiter und aus den USA zu uns ausgewandert, reagierte darauf in einer Weise, wie man sie Amerikanern mit wenig Bildung zuschreibt: &#8220;Was? Du verehrst Satan?&#8221; &#8220;Nein, wenn ich Satan anbeten w\u00fcrde, w\u00e4re ich ein Satanist, oder? 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