{"id":2181,"date":"2012-05-13T20:03:51","date_gmt":"2012-05-13T18:03:51","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=2181"},"modified":"2013-07-20T18:26:46","modified_gmt":"2013-07-20T16:26:46","slug":"gaytal-kamikaze-teil-10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=2181","title":{"rendered":"Gaytal-Kamikaze (Teil 10)"},"content":{"rendered":"<p>Noch mehr Leute sind uns abhanden gekommen:<br \/>\nDan war der erste. Bei dem hatte sich herausgestellt, dass bei einem Kunden drei Pakete fehlten. Es handelte sich um eine bekannte Parf\u00fcmeriekette und der Inhalt der drei Pakete hatte einen vierstelligen Wert. Die Gesamtlieferung war \u00fcber 150 Pakete gro\u00df, also sollte jemand hingehen, um das vorhandene Material zu z\u00e4hlen, es k\u00f6nnte ja beim Durchz\u00e4hlen der Pakete ein Fehler passiert sein. Da schickt man nat\u00fcrlich einen mit diplomatischem Geschick, mit entsprechender Rhetorik und vertrauensschaffender Ausstrahlung. Mich. Nun gut, ich war die nat\u00fcrliche Wahl in diesem Fall, nicht zuletzt, weil ich das Lager bereits stellvertretend beliefert hatte und weil der Leiter des Lagers aus Neunkirchen stammt; meine bisherige Erfahrung der vergangenen Jahre besagt, dass man von Saarl\u00e4nder zu Saarl\u00e4nder &#8220;im Ausland&#8221; in der Regel einen guten Draht zueinander hat, und ich verstehe diesen Draht auch auf Betriebstemperatur zu bringen &#8211; ein gemeinsamer Dialekt wirkt verbindend und ich w\u00fcrde die Gespr\u00e4che als sehr harmonisch bezeichnen.<br \/>\nDie Gesamtanzahl der Pakete stimmte zwar, aber vier davon geh\u00f6rten zusammen und bildeten eine Einheit. Es fehlten drei und dabei bliebs. Dan meldete sich erst krank und k\u00fcndigte dann fristlos. <\/p>\n<p>Danach ging Charley. Der kam eines Morgens zu mir und sagte: <em>&#8220;Du, ich glaub, ich hab voll Schei\u00dfe gebaut&#8230; ich hab ein Paket abgestellt und jetzt isses weg&#8230;&#8221;<\/em><br \/>\nSeine Geschichte dazu: Er war morgens zehn Minuten vor der \u00d6ffnung zu einer Apotheke gekommen und weil er nicht warten wollte, stellte er das Paket einfach vor die T\u00fcr. Leider fand der Apotheker das Paket nicht dort vor, wo Charley es angeblich hingestellt hatte. Bei dem Inhalt handelte es sich um Medikamente im Wert von knapp 2000 Euro. Auch Charley k\u00fcndigte daraufhin fristlos. <\/p>\n<p>Nun erscheint es nat\u00fcrlich verd\u00e4chtig und wie eine Art Schuldeingest\u00e4ndnis, wenn die Leute die Flucht antreten und fristlos k\u00fcndigen, aber es gibt auch andere Auffassungen: <em>&#8220;Wenn jemand was teures verliert oder kaputt macht, k\u00fcndigt er fristlos, weil er dann sofort in Hartz-IV rutscht und sein Konto nicht gepf\u00e4ndet werden kann.&#8221;<\/em><br \/>\nDas klingt plausibel, f\u00fcr mich als Laien, aber ich verstehe zu wenig von den juristischen Hintergr\u00fcnden, um eine Meinung dazu zu haben. <\/p>\n<p>Am erschreckendsten war irgendwie der Abgang des fr\u00f6hlichen Winzers. Der hatte kein Paket geklaut, verloren oder zerst\u00f6rt, sondern was ganz anderes. Wir wissen ja alle, dass mit dem was nicht stimmt, wenn er still ist, und so erz\u00e4hlte er vor Wochen, dass er sich ganz heftig mit seiner Freundin gestritten habe und dass sie sich trennen wollten. Sich von der Frau trennen, die er die ganze Zeit als &#8220;perfekt&#8221; bezeichnet hatte? Na ja, dachte ich noch, so ist das halt mit Jugendlichen, die \u00fcbertreiben im hormonellen \u00dcberschwang gern ein bisschen.<br \/>\nVon anderer Seite wurde mir erz\u00e4hlt, dass die beiden sich schon \u00f6fter heftig gestritten hatten, aber letztendlich doch sehr aneinander hingen und immer wieder zusammengekommen waren&#8230; der fr\u00f6hliche Winzer lachte sich dennoch in K\u00fcrze eine andere Frau an, aber aus seinen Erz\u00e4hlungen musste ich schlussfolgern, dass es sich um eine rein k\u00f6rperliche Beziehung handelte. Scheinbar eine Tier\u00e4rztin oder eine Tierarzthelferin, die zu unseren Kunden geh\u00f6rte. Er sagte ihr nach, vermehrt 20-Kilo-S\u00e4cke Hundefutter zu bestellen, nur um ihn zu \u00e4rgern und zu sehen. Wie dem auch sei &#8211; eines Tages meldete er an, demn\u00e4chst einen Arzttermin zu haben, ging nach der Tour dorthin und wurde just in die n\u00e4chste psychotherapeutische Anstalt eingewiesen. Wir rechnen nicht damit, dass er nochmal auftaucht.<\/p>\n<p>Dass er ganz ausfallen w\u00fcrde, kam v\u00f6llig \u00fcberraschend, und Peter musste tags darauf einen Fahrer aus Koblenz nach Trier bestellen, damit Wittlich beliefert werden konnte. Der brachte den Wagen mit der Nummer 440 mit &#8211; das war der Wagen des Winzers, den dieser vor ein paar Monaten wegen eines Motorschadens zur Werkstatt nach Plaidt gebracht, dann aber einen anderen Wagen erhalten hatte, die 440 war zun\u00e4chst in Koblenz eingesetzt.<br \/>\nDie 440 fuhr nun also mit wechselnden Fahrern wieder in Trier und es ergab sich, dass in diesen Tagen meine 560 zur Werkstatt musste und ich erhielt bis zur \u00dcbergabe des Wagens 540 die 440. Gl\u00fccklicherweise fand ich darin eine CD, die ich dem Winzer vor langer Zeit mal geliehen hatte, unversehrt sogar. Die CDs vom Winzer waren leider in keiner H\u00fclle untergebracht und sahen extrem unbrauchbar aus, v\u00f6llig verkratzt. Ich warf sie beim S\u00e4ubern des Fahrzeugs weg. Ich fand allerdings auch einen kleinen Plastikl\u00f6wen, den der fr\u00f6hliche Winzer immer dabei gehabt hatte &#8211; den werde ich ihm bei Gelegenheit schicken. Ich erz\u00e4hlte Felix von dem Plan, aber der meinte, der Winzer werde sich f\u00fcr den L\u00f6wen kaum interessieren. Ich mag sentimental veranlagt sein, aber ich glaube, dass solche kleinen Dinge oft gro\u00dfe Wirkungen haben k\u00f6nnen, gerade bei emotional instabilen Menschen.<\/p>\n<p>Und &#8211; Konrad wird Ende Juni gehen. Er hat einen Job mit besseren Arbeitszeiten und besserer Bezahlung gefunden, in irgendeinem Speditionslager. <\/p>\n<p>Was bedeutet dies f\u00fcr die &#8220;Schichtung&#8221; der Belegschaft? Das bedeutet, dass nur noch der Engel dienst\u00e4lter sein wird, als ich, und ich bin am 17. Mai ein Jahr dabei. Anders ausgedr\u00fcckt: Am 1. Juli werden der Engel und ich die einzigen am Band sein, die am 17. Mai 2011 bereits dort gearbeitet haben. Alle anderen sind fort, die meisten aus nicht eben positiven Gr\u00fcnden. Ich muss aber erw\u00e4hnen, dass ich drei Leute nicht in diese Rechnung mit einbeziehe: Elmo, Mike und Peter sind nat\u00fcrlich auch noch da, aber Elmo ist LKW-Fahrer, Mike ist der Disponent und Peter ist der Chef, in meiner Wahrnehmung ist das eine andere Klasse von Leuten als &#8220;die, die am Band stehen&#8221;. <\/p>\n<p>Wir brauchten also dringend neue Leute, und das scheint schwierig zu sein.<br \/>\nPeter brachte an einem sch\u00f6nen Morgen einen zu mir und sagte, ich solle ihm zeigen, wie der Laden so l\u00e4uft mit Scanner und Beladen und so weiter. Zwanzig Minuten sp\u00e4ter meldete er sich ab und ward nie wieder gesehen. Peter kam zu mir und fragte, wie ich den denn so schnell vergrault h\u00e4tte? <em>&#8220;Das ist ein Student, der sucht einen Nebenjob. Der hat eben erst erfahren, dass es sich hierbei um einen Vollzeitjob handelt. Der hat keine Zeit, 50 bis 60 Stunden die Woche zu arbeiten.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Auch Bert brachte einen Freund mit, der Interesse hatte, der schien ganz intelligent und umg\u00e4nglich &#8211; hatte aber erst seit wenigen Wochen einen F\u00fchrerschein. Als er den Wagen r\u00fcckw\u00e4rts auf seinen Platz einparken sollte, brach er in Schwei\u00df aus und w\u00e4re wohl blass geworden, w\u00fcrde seine Hautfarbe dies zulassen. Drei und eine halbe Kurve sind dazu zu bew\u00e4ltigen: Ins Tor, um den Disporaum herum, zwischen den gelben Pfosten durch und dann in die L\u00fccke. Er schaffte das zwar nach ein bisschen Gekurbele, sagte aber, er traue sich sowas noch nicht zu. <\/p>\n<p>Weiterer Versuch: Ein Russe im mittleren Alter, sah nach einer gewissen Lebenserfahrung aus. Um kurz vor Sieben meldete er sich ab, weil er zur Toilette m\u00fcsse. Wir haben ihn nie wieder gesehen. <\/p>\n<p>Dann ein Pole. Er lebte erst seit kurzem in Deutschland und sprach besser Englisch als Deutsch, weswegen auch der bei mir landete. Seine Schwester sei Englischlehrerin, erz\u00e4hlte er. Der schien auch ganz vern\u00fcnftig und Mike hatte angek\u00fcndigt, dass er nicht die ganze Tour mitfahren w\u00fcrde, da er noch andere Termine habe. Im dritten Ort, in Speicher, stieg er dann aus, um seinen Bruder zu treffen. Er werde sich dann melden. Hat er aber nicht.<\/p>\n<p>Ein Russe meldete sich bei uns und wurde mir zugeteilt. Er habe in der Moskauer Gro\u00dfregion mit einem Zehntonner Schweineh\u00e4lften von einem Schlachthof an Metzgereien ausgeliefert. Der schien auch vern\u00fcnftig und erschien sogar am Folgetag noch einmal, obwohl er mit meinem Fahrstil nicht zurecht kam. Die Eifeler Kurven machten ihn nerv\u00f6s. <em>&#8220;Wenn ich selbst fahre, ist das in Ordnung, aber fahr bitte nicht so schnell!&#8221;<\/em><br \/>\nIch dachte erst, der macht Witze, aber er meinte das ernst, also nahm ich ich die Geschwindigkeit etwas zur\u00fcck und lie\u00df ihn in die zweite H\u00e4lfte fahren. Und er hatte das Gl\u00fcck, montags dabei zu sein &#8211; da ist in der Regel nicht so viel los und wir mussten nicht nach &#8220;3DI&#8221; (Dasburg-Dahnen-Daleiden-Irrhausen), was uns 45 Minuten sparte.<br \/>\n<em>&#8220;Soll er nochmal mit Dir fahren?&#8221;<\/em> fragte mich Mike dann am Dienstag.<br \/>\n<em>&#8220;Klar, kann er, aber vielleicht sollte er auch mal eine Stadttour sehen?&#8221;<\/em><br \/>\nEr fuhr dann mit der Bitburger Tour. Am dritten Tag kam er dann nicht mehr. <\/p>\n<p>Ein Araber machte das ganz dramatisch: Mike fuhr die Wittlichtour, der Araber fuhr mit. Nat\u00fcrlich wollte der auch irgendwann mal wissen, was man denn hier so verdiene, und Mike dr\u00fcckte sich stundenlang um eine Antwort herum. Am fr\u00fchen Nachmittag lie\u00df er dann die Katze aus dem Sack: Er k\u00f6nne mit 1200 bis 1300 Euro netto rechnen.<br \/>\n<em>&#8220;Was!? Ich will sofort hier raus! Ich brauche mindestens 1800 Euro im Monat!&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Ein junger Trierer sprach auch mal vor, er hatte ebenfalls bereits als Fahrer gearbeitet. Zuf\u00e4llig tr\u00e4gt er den selben Vornamen wie ich&#8230; ich glaube, er war der einzige Bewerber, der von Peter abgelehnt wurde. Der war ja ganz nett, aber m\u00fcsste ich seinen IQ sch\u00e4tzen, w\u00e4re ich noch vorsichtig, ihn gerade mal bei 75 anzusetzen. <em>&#8220;Ich glaube nicht, dass der wei\u00df, wie man 75 schreibt&#8230;&#8221;<\/em> sagte der Kleine dazu. Mein Namensvetter jedenfalls blieb nicht und angeblich hat er eine Anstellung beim IT-Haus in F\u00f6hren gefunden. <\/p>\n<p>Einen T\u00fcrken hatten wir zwischendurch auch da, der nicht nochmal auftauchte. <\/p>\n<p>Dann: Eine Frau. Eine zierliche Frau um die 30. Na gut, warum nicht? Mike kannte sie von fr\u00fcher, sie hatte f\u00fcr ein anderes Transportunternehmen gearbeitet und hatte sogar Ortskenntnisse im Wittlicher Raum. Man erz\u00e4hlte mir von ihr, dass sie ihren ersten Einsatztag in einer ganz passablen Zeit hinter sich gebracht habe. Endlich!<br \/>\nAber es hat nicht sollen sein. Nach vier Tagen schrieb sie Mike eine SMS, in der sie ihm mitteilte, dass sie den Job doch nicht machen k\u00f6nne und dass sie den Wagen auf dem Parkplatz in der N\u00e4he des Depots abgestellt habe. Es dauerte ein paar Tage, bis durchsickerte, was vorgefallen war:<br \/>\nDer Plan war, dass auch ihr Freund ab Anfang Juni bei uns arbeiten sollte, aber kaum, dass sie angefangen hatte, zerstritten sich die beiden und beide machten einen R\u00fcckzieher. Die wollten sich nat\u00fcrlich nach der Trennung nicht jeden Tag bei der Arbeit \u00fcber den Weg laufen, und scheinbar hatte keiner dem anderen gesagt, dass er\/sie nun doch nicht dort arbeiten werde. Die beiden kegelten sich also durch Kommunikationsmangel gegenseitig raus.<\/p>\n<p>Es begab sich aber dennoch, dass zwei neue Fahrer gefunden wurden: Den ersten nenne ich mal &#8220;Rudi&#8221;, nachdem der Winzer ihn spontan so genannt hatte. Zu dem anderen Fahrer, der Kleine hat ihn gewisserma\u00dfen angeworben, komme ich sp\u00e4ter. <\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob jemand Rudi an uns vermittelt hat oder wie er zu uns kam, er war halt auf einmal da, bekam von Bert die Bitburgtour gezeigt und blieb, mittlerweile seit etwa drei Monaten.<br \/>\nSeit er da ist, gibt Bert st\u00e4ndig franz\u00f6sische Kommentare ab, durch die halbe Halle:<br \/>\n<em>&#8220;Mon ami! Mon ami!&#8221;<\/em> (Damit ist Rudi gemeint.)<br \/>\n<em>&#8220;Was willst Du?&#8221;<br \/>\n&#8220;Ca va bien?&#8221;<br \/>\n&#8220;Oui, ca va bien. Et toi?&#8221;<br \/>\n&#8220;Komm her, mon ami, hilf mir einladen!&#8221;<br \/>\n&#8220;Du gehst mir auf die Eier!&#8221;<\/em><br \/>\nJeder wei\u00df, dass dies alles nur Spa\u00df ist. Es ist auch lustig und lockert die Stimmung (obwohl die Stimmung das nicht unbedingt n\u00f6tig hat). <\/p>\n<p>Aber was soll man im Gesamtbild \u00fcber Rudi sagen? Ich finde ihn nicht unsympathisch, er scheint vernunftbegabt in einem libert\u00e4ren Sinne. Um zu erfahren, was das f\u00fcr einer ist, wollte ich ihn einladen, zusammen mit Konrad, weil Rudi Couscous mit Lamm zu kochen bereit war, worauf Konrad gelinde gesagt scharf war; wir einigten uns also, dass er das Essen bei mir machen w\u00fcrde, dass jeder einen Anteil zahlt, und so weiter. Leider kams dazu nicht, weil Konrad, der ihn h\u00e4tte abholen sollen, nicht auftauchte und auch telefonisch nicht erreichbar war&#8230; dazu sp\u00e4ter mehr. <\/p>\n<p>Eigentlich fing es gut an, denn er machte nicht mehr Fehler, als jeder andere Anf\u00e4nger; aber leider neigt Rudi auch zu Starrsinn und Lernverweigerung, wenn er etwas nicht versteht, dann hei\u00dft das nach meiner Auffassung in der Regel, dass er nicht verstehen will, weil es seiner fest gef\u00fcgten Meinung zuwider l\u00e4uft; er macht Fehler, die man nach drei Monaten eigentlich nicht mehr macht. Ein Lernprozess ist kaum feststellbar. <\/p>\n<p>Zum Beispiel, dass es notwendig ist, jeden Tag ein Fahrtenbuch zu f\u00fchren, in dem man festh\u00e4lt, wann man gefahren ist und wann man Pause gemacht hat, und wieviele Kilometer man gefahren ist. <em>&#8220;Das dauert ja f\u00fcnf Minuten! Das dauert mir zu lange!&#8221;<\/em> Das Argument, dass die Beh\u00f6rden bei unvollst\u00e4ndigen Fahrtenb\u00fcchern f\u00fcr jeden nachweislich fehlenden Tag ein dickes Bu\u00dfgeld einfordern, schien nicht zu wirken. Peter f\u00fchrte ihm das Ausf\u00fcllen sogar vor: Datum, Kennzeichen, Stundennachweis, gefahrene Kilometer durch die Berechnung der Differenz der Kilometerst\u00e4nde zu Fahrtbeginn und zum Fahrtende &#8211; in weniger als einer Minute. Seitdem scheint er widerwillig ein Fahrtenbuch zu f\u00fchren. <\/p>\n<p>Nicht zuletzt deswegen f\u00fchrte Peter Konventionalstrafen ein, um die Leute zu motivieren, ihre ausgef\u00fcllten Unterlagen jede Woche bei ihm abzugeben. Puck, Konrad und meine Wenigkeit sind die einzigen Fahrer, die neben ihren Fahrtnachweisen z.B. auch ihre Tanknachweise regelm\u00e4\u00dfig abgeben. \ud83d\ude42<\/p>\n<p>Das Dumme mit Rudi ist aber auch, dass er die Priorit\u00e4ten beim Arbeiten nicht einh\u00e4lt, und ich habe ihn mehrfach darauf hingewiesen:<br \/>\n&#8211; Komm sp\u00e4testens um 0515, damit Du vor Bandstart genug Zeit zum Unterlagen- und Nachnahmeabgeben und zum Anmelden des Scanners hast<br \/>\n&#8211; Das Wichtigste ist das Abr\u00e4umen der Pakete vom Band, damit andere nicht Deine Pakete runternehmen m\u00fcssen und Du die Dinger nachher nicht suchen musst<br \/>\n&#8211; Das Zweitwichtigste ist das Scannen der Pakete, damit Du wei\u00dft, wie viele Du schon da liegen hast und wie viele Du noch woanders suchen musst<br \/>\n&#8211; das Drittwichtigste ist das saubere Aufstapeln der Pakete in sinnvoller Reihenfolge, das spart Zeit beim Einladen<br \/>\n&#8211; Das Viertwichtigste ist das Einladen, was im Auto drin ist, ist drin, man sollte also auch die Ladefl\u00e4che beim aufstapeln nutzen<br \/>\n&#8211; Das F\u00fcnftwichtigste ist das Setzen der Stopps in umgekehrter Fahrreihenfolge, das macht man in kurzen Pausen und spart Zeit bei der Abfertigung.<\/p>\n<p>Was macht der? Kommt ungef\u00e4hr um halb Sechs, kommt erst ans Band, wenn es bereits l\u00e4uft, weil er noch Geld und Unterlagen abgeben muss, dann kann er erst mal nichts scannen, weil sein Ger\u00e4t noch nicht bereit ist, und nat\u00fcrlich braucht er erst mal einen Kaffee, nachdem er reingefahren ist. Dann besch\u00e4ftigt er sich mit Stopps und konzentriert sich auf seinen Scanner, w\u00e4hrend ein Paket nach dem anderen an ihm vorbeil\u00e4uft. Oder er verschwindet einfach mal irgendwohin. Urspr\u00fcnglich habe ich dann seine Pakete runtergenommen, aber das hatte einen negativen Lehreffekt. Von knapp 146 seiner Pakete hatte ich 64 in der Hand. Aber ich will ja keinen h\u00e4ngen lassen &#8211; bis er mich wirklich nervte:<br \/>\nEr fuhr seine Tour und schaffte den Kyllburger Tierarzt nicht mehr; Mike wies mir die neuen Pakete zu und ich sollte noch die vom Vortag von Rudi \u00fcbernehmen. Unser B\u00fcro hatte die auf Status &#8220;Ausgeliefert&#8221; gesetzt und ich sollte sie per Nachquittung zustellen. Rudi griff drei Pakete aus seinem Auto und ich fragte ihn, ob das alle seien. Ja, das sind alle, sagte er. Ich kannte seinen Hang zur Ungeduld und oberfl\u00e4chlicher Arbeit:<br \/>\n<em>&#8220;Bist Du sicher, dass das alle sind?&#8221;<br \/>\n&#8220;Ja, ganz sicher.&#8221;<\/em><br \/>\nAm Nachmittag kam ich dann zum Kunden und stellte fest, dass ein Paket fehlte. Der Tierarzt kannte mich und unterschrieb dennoch die Unterlagen, nachdem ich ihm versichert hatte, die fehlende Ware am Folgetag zu bringen. An eben jenem Folgetag kam Rudi dann mit Hundeblick zu mir und sagte, er habe leider noch einen Polsterumschlag f\u00fcr den Tierarzt gefunden.<br \/>\nDass ich mich dar\u00fcber \u00e4rgerte und ihm das \u00fcbelnahm, verstand er gar nicht: <em>&#8220;Das kann doch mal passieren!&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Aber ich bin derjenige, der wie ein Idiot beim Kunden steht und dem erkl\u00e4ren muss, dass seine bestellte Ware unvollst\u00e4ndig ist, weil Du Deine Arbeit nicht richtig machst!&#8221;<\/em><br \/>\nMit meiner Abr\u00e4umerei f\u00fcr ihn ist es seitdem weitgehend vorbei, der muss an seiner Einstellung arbeiten.<br \/>\nWeil ich nett bin, versuchte ich es dann mal &#8220;vorgreifend&#8221;. Da ich relativ wenige Pakete habe, stellte ich mich VOR ihn ans Band und sagte seine Pakete an. Es nutzte nichts. Nachdem Puck, der Pakete vom IT-Haus f\u00e4hrt, drei oder vier in Folge f\u00fcr ihn abger\u00e4umt hatte, fragte er ihn: <em>&#8220;Sag mal, wenn Dominik <strong>Bitburg!<\/strong> ruft, glaubst Du, er macht Witze???&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Ein Laden in Rittersdorf sollte einmal ungew\u00f6hnlich viel Ware erhalten und Elmo sollte sie mit dem LKW hinfahren. \u00dcblicherweise wird dann trotzdem bei Bitburg abger\u00e4umt, weil Rittersdorf zur Bitburger Tour geh\u00f6rt und am Bandende, wo die \u00fcberladene Trierer Tour steht, schlicht kein Platz ist.<br \/>\nAls dann Rittersdorfer Pakete an mir vorbeirollten, fragte ich ihn, warum er sie nicht runternehme?<br \/>\n<em>&#8220;Ich fahre heute kein Rittersdorf.&#8221;<br \/>\n&#8220;Du musst es aber trotzdem abr\u00e4umen.&#8221;<br \/>\n&#8220;Wieso? Ich fahre dort nicht hin.&#8221;<br \/>\n&#8220;Da unten ist kein Platz, um die Drucker zu stapeln!&#8221;<br \/>\n&#8220;Wieso k\u00fcmmert Dich das? Das ist doch seine Arbeit, es muss doch jeder erst mal seine Arbeit machen! Warum soll ich das machen?&#8221;<\/em><br \/>\nWarum erz\u00e4hle ich das? Um zu verdeutlichen, dass es ihm scheinbar v\u00f6llig an Selbstreflexion mangelt. Denn das mit dem <em>&#8220;jeder muss seine eigene Arbeit machen&#8221;<\/em> hat er selbst noch nicht ganz kapiert, und seit eine Menge seiner Pakete das Band runterl\u00e4uft, k\u00f6nnen ihn die da unten auch nicht mehr leiden &#8211; den letzten bei\u00dfen die Hunde, und die Trierer Fahrer m\u00fcssen verpasste Pakete in die Ecke mit den Irrl\u00e4ufern r\u00e4umen.<br \/>\nBei den Frauen im B\u00fcro hat er ebenfalls verschissen, denn wenn er etwas braucht, dann klingt das, als ob er Forderungen stellt, und nicht, als ob er um etwas bittet. Seine Blockadehaltung gegen\u00fcber Formalit\u00e4ten (<em>&#8220;Das verstehe ich nicht!&#8221; &#8220;Das mache ich nicht!&#8221; &#8220;Ich fahre da nicht hin!&#8221;<\/em>) verst\u00e4rkt diesen Eindruck durch klar erkennbare Ungeduld in seinem Tonfall. Sie halten ihn daher f\u00fcr frauenfeindlich. Ich glaube nicht, dass er das so meint, wie er es sagt, aber ich kann sie schon verstehen. Letztlich suchte er eine ganze Weile nach einem FedEx-Umschlag, von dem sich dann herausstellte, dass er tats\u00e4chlich vorhanden, aber mit einer falschen Postleitzahl bedruckt worden war. Er beschwerte sich dar\u00fcber im B\u00fcro &#8211; obwohl die f\u00fcr solche Schlampereien gar nicht verantwortlich sind, der Fehler war weiter vorn in der Bearbeitungsreihe gemacht worden. Die Damen vom B\u00fcro schrieben daraufhin eine eigene Beschwerde wegen seines ungehaltenen Verhaltens und der Chef vom Depot nahm ihn in die Mangel. <\/p>\n<p>Den bislang krassesten Vorfall schreibe ich seiner verungl\u00fcckten Art von Humor zu.<br \/>\nAuf der Suche nach Paketen teilte ihm Laubschi mit, da seien welche bei den Irrl\u00e4ufern, er m\u00fcsse sie nur aus der Ecke r\u00e4umen. Und da hielt er ihr &#8211; ausgerechnet ihr, die man auch scherzhaft &#8220;Transohex&#8221; nennt &#8211; seinen Scanner hin und sagte sowas wie: <em>&#8220;Da, Frau, mach.&#8221;<\/em><br \/>\nIch zumindest behaupte, dass es sich um einen ungl\u00fccklich ausgesuchten und vorgetragenen Scherz handelte, ich kann mir gar nicht vorstellen, wie jemand sowas ernst meinen k\u00f6nnte. Laubschi nahm das sehr ernst und war entsprechend angepisst. Ich glaube, Felix ist der einzige im Depot, den sie noch mehr hasst. Angepisst von dem Spruch war auch der Engel, der gerade dabei stand, denn der Engel geht mit Laubschi hin und wieder einen trinken. Dass es da nicht zu Handgreiflichkeiten kam, ist auch alles, was noch fehlte. <\/p>\n<p>Rudi hat auch so eine Tendenz, Adressen nicht zu finden. Zum Beispiel eine &#8220;Kirchstra\u00dfe&#8221;. Wo mag die wohl sein? Welches auff\u00e4llige Geb\u00e4ude k\u00f6nnte sich dort wohl befinden? Oder eine Neuerburger Stra\u00dfe in Bitburg? Ein Blick auf die Karte verr\u00e4t einem, wo Neuerburg liegt und daraus kann man zumindest die Vermutung ableiten, in welcher Richtung die Stra\u00dfe aus Bitburg heraus laufen k\u00f6nnte. Aber auch Navis helfen ihm nicht. So rief er bei Mike an: <em>&#8220;Soll ich echt nach Steinborn fahren? Das sind noch vierzig Kilometer ab Seinsfeld!&#8221;<\/em> Er hatte Steinborn bei Daun angew\u00e4hlt, v\u00f6llig anderer Postleitzahlenbereich, und war gleich in Panik verfallen, anstatt zu schauen, ob es m\u00f6glicherweise noch ein weiteres \u00d6rtchen geben k\u00f6nnte, das so hei\u00dft. Zu &#8220;seinem&#8221; Steinborn waren es zum gegebenen Zeitpunkt n\u00e4mlich gerade mal drei Kilometer. Und er ruft manchmal mehrfach am Tag wegen solcher Sachen an &#8211; er zeigt also auch Anzeichen von fortgeschrittener Unselbst\u00e4ndigkeit, und die verst\u00e4rkt sich nat\u00fcrlich mit seinem Unwillen, unklare Sachverhalte k\u00fchl \u00fcberlegend zu pr\u00fcfen &#8211; kostet ja alles Zeit, nicht wahr. Ein Mutters\u00f6hnchen, m\u00f6chte man vermuten. Mike ist ein ruhiger Typ, aber Rudi nervt ihn ernsthaft. <\/p>\n<p>Vermutlich fragt mich keiner&#8230; aber w\u00fcrde Peter mich fragen, k\u00f6nnte ich ihm nicht ruhigen Gewissens empfehlen, Rudi \u00fcber die Probezeit hinaus zu besch\u00e4ftigen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch mehr Leute sind uns abhanden gekommen: Dan war der erste. Bei dem hatte sich herausgestellt, dass bei einem Kunden drei Pakete fehlten. Es handelte sich um eine bekannte Parf\u00fcmeriekette und der Inhalt der drei Pakete hatte einen vierstelligen Wert. 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