{"id":2112,"date":"2012-02-05T17:45:24","date_gmt":"2012-02-05T16:45:24","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=2112"},"modified":"2012-02-05T17:45:24","modified_gmt":"2012-02-05T16:45:24","slug":"gelesen-der-graf-von-monte-christo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=2112","title":{"rendered":"Gelesen: Der Graf von Monte Christo"},"content":{"rendered":"<p>Die Notizen sammeln sich&#8230; schneller, als ich ausformulieren kann (davon, dass ich bei jeder sich prinzipiell bietenden Gelegenheit nicht auch die notwendige Motivation dazu aufbringe, ganz zu schweigen). Ich muss ja zugeben, dass gewisse M\u00f6glichkeiten der Kurzweil mich manchmal eine ganze Weile aufhalten&#8230; <em>Civilization<\/em> zum Beispiel, nach dem Kauf eines neuen Flachbildschirms wieder verst\u00e4rkt <em>CounterStrike<\/em>, oder in letzter Zeit auch <em>Railroad Tycoon<\/em>. Abgesehen davon habe ich mir die Zeit genommen, <em>&#8220;Der Graf von Monte Christo&#8221;<\/em> von Dumas zu lesen. Nachdem ich vor ein paar wenigen Jahren die SciFi-Animeversion gesehen hatte, dachte ich mir, ich k\u00f6nnte die Vorlage mal lesen, und in Abwesenheit ausreichender Franz\u00f6sischkenntnisse musste das halt die deutsche Ausgabe sein. An dieser Stelle also ausnahmsweise kein &#8220;Roadmovie&#8221;, sondern ein bisschen Literaturrezension. <\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund der politischen Verh\u00e4ltnisse im Frankreich des Jahres 1814 wird ein junger Mann mit dem Namen Edmont Dantes am Vorabend seiner Hochzeit als Folge von Neid, Missgunst und Egoismus auf einer Gef\u00e4ngnisinsel unweit von Marseille eingekerkert, ohne zu verstehen, was man ihm vorwirft und ohne je einen Richter gesehen zu haben.<br \/>\nEr verbringt 14 Jahre in Einzelhaft, gelangt aber durch heimliche Kommunikation mit einem Mitgefangenen an das Wissen \u00fcber das riesige Verm\u00f6gen einer mittlerweile ausgestorbenen Familie, das ein Opfer Cesare Borgias in Vorahnung seines baldigen Todes auf der italienischen Insel Montecristo versteckt hatte.<br \/>\nNach dem Tod des Zellennachbarn gelingt ihm die Flucht, er eignet sich den Reichtum an und verbringt neun Jahre mit der Vorbereitung seiner Rache an den Leuten, die ihn ins Gef\u00e4ngnis gebracht haben, indem er alle auffindbaren Informationen \u00fcber soziale Netzwerke, Gesch\u00e4ftsbeziehungen und auch alte S\u00fcnden, die sprichw\u00f6rtlichen Leichen im Keller, einzieht, er lernt mehrere Sprachen bis zur Vollendung und baut selbst ein Netzwerk aus Gesch\u00e4ftspartnern, Freunden und Helfershelfern auf, das den gesamten Mittelmeerraum zu umspannen scheint. Er kommt als Graf von Monte Christo zur\u00fcck (legt sich aber noch andere Tarnidentit\u00e4ten zu) und vernichtet seine Widersacher, die mittlerweile zu Macht und Wohlstand gelangt sind.<\/p>\n<p>Wenn man sich einmal an den antiquierten Sprachstil gew\u00f6hnt hat, liest sich die Geschichte sehr gut und auch schnell, obwohl ich sagen muss, dass die verwendeten Bauelemente manchmal ein bisschen simpel gehalten scheinen.<\/p>\n<p>Sch\u00f6n ist zum Beispiel, wie aus dem Gefangenen Edmont der Graf wird:<br \/>\nEr wird eingekerkert und wird von einem nicht unfreundlichen W\u00e4rter bewacht, der ihn mit Namen anspricht. Nach einer Weile wechselt der Gouverneur der Insel und der W\u00e4rter geht mit. Der nachfolgende W\u00e4rter macht sich nicht die M\u00fche, sich die Namen der Gefangenen zu merken und ruft sie nach ihrer Zellennummer. Dantes, nun &#8220;Nummer 34&#8221;, verliert also seine Identit\u00e4t, was man ja scheinbar braucht, um sich eine neue anzueignen.<br \/>\nDurch seinen Zellennachbarn gelangt Nummer 34 also im Laufe der Jahre zu einer h\u00f6heren Bildung, die es ihm sp\u00e4ter erm\u00f6glicht, sich realistisch als Aristokrat oder zumindest als Mitglied der gehobenen gesellschaftlichen Schicht auszugeben, denn Kleider machen zwar Leute, aber wenn einer, der sich &#8220;Graf&#8221; nennt, weiterhin den Sprachstil eines Marseiller Seemanns verwendet, dann f\u00e4llt das auf. Nun ja, zumindest realistisch betrachtet, denn es f\u00e4llt in dieser Geschichte nicht wirklich auf, weil die einfachen Leute, die den jungen Seemann Dantes umgeben, nicht anders reden als die Aristokraten, die zu Wort kommen. So gern Dumas historische Figuren in seine Geschichten einband, so wenig wollte er sich wohl gleichzeitig mit dem Studium realistischer Soziolekte belasten. Das kann man ihm nicht nachtragen, denn er wollte ja wohl unterhalten und keinen Beitrag zur linguistischen Forschung seiner Zeit leisten.<br \/>\nAngesichts seines nahenden Todes weiht ihn der Mitgefangene schlie\u00dflich in das Geheimnis des Schatzes ein, von dessen Existenz er \u00fcberzeugt ist, was ihm jedoch niemand glaubt. Das Geldversteck befindet sich auf der Insel Montecristo und so f\u00e4llt die Wahl des identit\u00e4tslosen Gefangenen f\u00fcr seine neue Identit\u00e4t auf diese Bezeichnung.<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig ist ebenfalls, wie das Vorleben der zu bestrafenden Personen die sie treffende Strafe beeinflusst: Hat sich die Person des Todes eines Menschen schuldig gemacht, so muss er oder sie sterben. Diejenigen, die sich nur moralischer oder nicht-t\u00f6dlicher Verbrechen schuldig gemacht haben, d\u00fcrfen leben. Leider schien es Dumas zum Ende seiner Erz\u00e4hlung hin eilig gehabt zu haben, weil das endg\u00fcltige Schicksal zweier Charaktere, Benedetto, der jemanden get\u00f6tet hat, und Danglars, der sich nur bereichert hat, unausgesprochen bleibt, wobei ersterer sich in seiner letzten Szene im Gerichtssaal befindet, wo er den Mord (oder einen davon) zugibt, und letzterer befindet sich in der Hand italienischer Banditen. Das Ende l\u00e4uft irgendwie zackzackzack und l\u00e4sst meines Erachtens die Ausarbeitung vermissen.<br \/>\n\u00dcbrigens verhindert nur die R\u00fcckbesinnung auf Edmont Dantes, dass der Graf selbst jemanden t\u00f6tet, womit er ja selbst in das hier pr\u00e4sentierte Muster der Wechselwirkung von Verbrechen und Strafe gefallen w\u00e4re. Zwar t\u00f6tet auch ein anderer, positiver Charakter eine Person, dies aber in einem fairen Duell frei von niederen Beweggr\u00fcnden, und Rache, der Antrieb des Grafen, ist ein niederer Beweggrund, der somit sein Ableben im Augenblick des Triumphs aus literarischer Sicht h\u00e4tte notwendig machen k\u00f6nnen. (Der Duellist findet sich aber anderweitig vom Schicksal gestraft.)<\/p>\n<p>Die Japaner haben sich in ihrem Anime \u00fcbrigens in keiner Weise f\u00fcr diese Wechselwirkung interessiert: Da kommt es zu einem (oder dem) Duell und einer muss dran glauben &#8211; womit ein bedeutendes Standbein der in der Romanvorlage dargelegten Moralvorstellung von Verbrechen und Strafe missachtet wurde. Entweder sie haben es nicht erkannt oder sich gedacht, schei\u00df drauf, wenn einer stirbt, fesselt das den Zuschauer mehr, als wenn es knapp verhindert wird. Sie begr\u00fcnden die allgemeine Handlungsweise des Grafen aber auch anders, weil er im Anime nicht einfach nur sprichw\u00f6rtlich von Rachsucht, sondern de facto von einer Art D\u00e4mon besessen ist. Diese Einflussnahme durch eine dritte Entit\u00e4t entschuldigt dann scheinbar die Abweichung.<\/p>\n<p>Ganz lupenrein bleibt der Graf aber dennoch nicht, es gibt zwei Punkte, von denen ich annehme, dass der Autor sich nichts dabei gedacht hat.<br \/>\nZum einen gibt es einen Stelle, an der Albert von seiner Mutter gewarnt wird, sich vor dem Grafen in Acht zu nehmen, aber er, der vom Grafen kurz zuvor aus den H\u00e4nden italienischer Banditen gerettet wurde, antwortet nur, dass der Graf weder spiele noch Alkohol trinke, wo solle also die Gefahr sein? Nun ja, abgesehen von literarischen Erw\u00e4gungen wird von dem Grafen eindeutig gesagt, dass er Haschisch in Geleeform zu sich nimmt, und dass er sich aus kantonesischem Opium und irakischem Haschisch Pillen fertigt, mit deren Hilfe er eine Wirkung erzielt, f\u00fcr die man heutzutage wohl RedBull verwendet. Dieser Drogenkonsum wird in keiner Weise negativ dargestellt. Interessant dabei ist, dass ebenfalls an mehreren Stellen ausgesagt wird, dass der Graf kaum Nahrung zu sich nehme; er l\u00e4dt zu opulenten M\u00e4hlern ein, r\u00fchrt aber selbst kaum etwas an &#8211; dabei dachte ich, dass der Wirkstoff im Haschisch den Appetit anrege? Vielleicht ist diese Erkenntnis j\u00fcnger als das Buch und Dumas hat es nicht gewusst.<\/p>\n<p>Aber wie dem auch sei, der zweite Punkt, der mir bei den vernachl\u00e4ssigten und unges\u00fchnten Machenschaften Monte Christos auff\u00e4llt, ist die Art und Weise, wie er den Bankier Danglars angreift: Der Graf manipuliert die B\u00f6rse und die Unternehmen, von denen Danglars abh\u00e4ngg ist; an mehreren Stellen findet sich die Aussage, dass es in dem Umfeld zu Bankrotten gekommen sei, in deren Verlauf Danglars Millionen an Investitionen verliert. Sollte da nicht jedem auffallen und aufgefallen sein, dass hierbei Unschuldige, billigend in Kauf genommen, ins zumindest wirtschaftliche Ungl\u00fcck gest\u00fcrzt werden, um jemand ganz anderen zu treffen? Dantes&#8217; G\u00f6nner Morrel stand kurz davor, sich angesichts seiner Zahlungsunf\u00e4higkeit eine Kugel durch den Kopf zu schieben, man m\u00fcsste wohl davon ausgehen, dass es in den vom Grafen ruinierten Unternehmen zu solchen F\u00e4llen gekommen ist &#8211; Familienschicksale also, deren Verlauf selbst als Vorlage f\u00fcr Rachegeschichten dienen k\u00f6nnte. Stattdessen bieten diese Ereignisse nur den Hintergrund, anhand dessen sich der unkritische Leser schadenfreudig am Niedergang des habgierigen Danglars erfreut.<\/p>\n<p>Was mich wohl am meisten st\u00f6rt, ist die unangefochtene \u00dcber- und Allmacht des Grafen. Sein Reichtum gibt ihm M\u00f6glichkeiten der Einflussnahme, wie man sie in Computerspielen nur im Cheatmodus erreicht, seine Pl\u00e4ne sind perfekt, das eine Ereignis, das er weder vorhergesehen noch gewollt hat, hat keinerlei Auswirkungen auf den Gesamtverlauf und bleibt in der Kategorie &#8220;Kollateralschaden&#8221;, und an keiner Stelle ist der von ihm erdachte Ablauf der Ereignisse in irgendeiner Weise von einem Scheitern bedroht. In dieser Hinsicht fehlt dem Ganzen ein bisschen die Spannung, ob unser Held es nun schaffen wird oder nicht (obwohl jeder, der sich nur ein bisschen mit dem Geschichtenerz\u00e4hlen auskennt, wei\u00df, dass der Held es immer schafft und sich nur die Frage des konkreten &#8220;Wie&#8221; stellt), aber ich wage zu behaupten, dass jede Geschichte durch einen handlungsf\u00e4higen Gegenspieler an Reiz gewinnt. Im Buch von Dumas sind alle handelnden Personen nur passive Figuren auf dem Schachbrett des Grafen von Monte Christo. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Notizen sammeln sich&#8230; schneller, als ich ausformulieren kann (davon, dass ich bei jeder sich prinzipiell bietenden Gelegenheit nicht auch die notwendige Motivation dazu aufbringe, ganz zu schweigen). 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