{"id":1939,"date":"2011-09-10T11:12:37","date_gmt":"2011-09-10T09:12:37","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=1939"},"modified":"2011-10-16T13:41:32","modified_gmt":"2011-10-16T11:41:32","slug":"king-of-kylltal-teil-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=1939","title":{"rendered":"King of Kylltal (Teil 11)"},"content":{"rendered":"<p>Die elf Stunden Schlaf, die ich von Freitag auf Samstag am letzten Augustwochenende gebraucht habe, kamen nicht von irgendwoher, in der Woche war was los. <\/p>\n<p>Am Montag lief das Band an und Kalaschnikow war noch nicht da &#8211; was Grund zur Besorgnis gab, denn Kalaschnikow ist nach Kelvin der zweite, der schon vor F\u00fcnf ins Depot rollt, und wenn der unp\u00fcnktlich ist, hat es einen driftigen Grund.<br \/>\nGegen sechs Uhr kam er dann ans Band gelatscht, noch mit der Warnweste bekleidet, sein Auto war bei Staffelstein mit Keilriemenschaden stehen geblieben, keine Ahnung, wie er nach Trier gekommen ist. Da meine Gerolsteintour montags eh nicht viel fordert, wurde sie zwischen Bitburg und Pr\u00fcm aufgeteilt, Kelvin fuhr Bitburg und Kalaschnikow mit meinem Auto Pr\u00fcm, und ich nahm erst mal nur Pakete vom Band. Ich sollte mit Konrad (Name ge\u00e4ndert) mitfahren, aber der war nach der Beladung auf einmal verschwunden, also begleite ich die LKW-Tour von Mike: IT-Haus, Softexpress und irgendein Kaff in der Eifel, wo jemand sich per Kleinanzeige im Internet eine Holzspaltmaschine gekauft hatte. <\/p>\n<p>Das Ding wog 340 kg und stand frei auf einer Palette, also ungesichert und unverpackt, was einige Kreativit\u00e4t beim Sichern dieses Ladest\u00fccks erforderte, also Abstellung in der hinteren rechten Ecke, Palettenstapel links, Haltestange vorne, und wir r\u00fcckversicherten uns beim Depotchef, dass bei Sch\u00e4den der Versender haftet (denn auch wir m\u00fcssen uns beim Empfang einer Ware vergewissern, dass ein Paket ordentlich verpackt und zumindest \u00e4u\u00dferlich unversehrt ist).<br \/>\nDer Kunde war auch erstaunt \u00fcber die &#8220;nackte&#8221; Maschine, weil ihm der Verk\u00e4ufer zugesichert hatte, die Maschine werde verpackt. Immerhin hatte er noch 900 E daf\u00fcr gezahlt, bei einem Neupreis von \u00fcber 2000 E, da k\u00f6nnte man ja eigentlich etwas Polsterung erwarten.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich nahmen wir einen Keilriemen f\u00fcr Kalaschnikows Sprinter mit, der ja immer noch an der Autobahnauffahrt stand. Ich warf nur einen Blick auf den Keilriemen und sah auch als Laie sofort, dass das Ding nicht neu war. Kalaschnikow w\u00fcrde begeistert sein.<\/p>\n<p>Ein St\u00fcck hinter dem Hof des Holzspalters blieben wir am Stra\u00dfenrand stehen und warteten auf den &#8220;Eifeltornado&#8221;. Der warf einen ebenso kurzen Blick auf den Keilriemen: <em>&#8220;Der ist ja gebraucht!?&#8221;<\/em><br \/>\nMike zuckte mit den Schultern. <em>&#8220;Musst Dich bei Peter beschweren.&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Wie lang soll der denn halten?&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Bis nach Bitburg zum Ersatzteilh\u00e4ndler?&#8221;<\/em><br \/>\nWir tauschten an der Stelle nicht nur den Keilriemen aus, sondern auch mich. Ich sollte bis zur Auffahrt Staffelstein mitfahren und beim Wechseln des Riemens helfen. Zuerst mussten wir noch bei Kalaschnikow zuhause vorbeifahren, damit er sein Werkzeug holen kann, und irgendwie kam ich mir vor, als habe man einen Chefarzt zu einem Haustermin gebeten, als ich das Sammelsurium an Hilfsmitteln betrachtete, das da ins Auto wanderte. Nebenbei lernte ich seine Frau und seine beiden Kinder kennen, einen Jungen von vielleicht f\u00fcnf (&#8220;Justin&#8221;) und ein M\u00e4dchen um die sieben Jahre, die noch nicht wussten, was los war.<br \/>\n<em>&#8220;Wir m\u00fcssen noch nen Keilriemen an meiner Kiste wechseln.&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Dann hast Du ja Gl\u00fcck, dass Du gute Kollegen hast,&#8221;<\/em> sagte das M\u00e4dchen strahlend und ich musste so ein bisschen dar\u00fcber l\u00e4cheln, denn das Wort &#8220;Kollegen&#8221; war mir in dem Alter nicht unbedingt gel\u00e4ufig. Mein Vater erz\u00e4hlte zwar hin und wieder Anekdoten aus S\u00e4gewerk und sp\u00e4ter aus dem Ersatzteillager, aber wenn er von Kollegen sprach, verwendete er individuelle Namen und nicht diese Sammelbezeichnung. Ich denke mal, daraus ableiten zu k\u00f6nnen, dass Kalaschnikow im Allgemeinen positiv \u00fcber uns als Kollektiv spricht, und das freut mich schon irgendwie. <\/p>\n<p>Dann fuhren wir nach Staffelstein und im Auto lief eine einzige CD rund, eine eigene Zusammenstellung von deutschsprachigen Liedern, bei denen es um das Transportwesen geht, man k\u00f6nnte auch einfach &#8220;Truckerlieder&#8221; sagen. Im Ged\u00e4chtnis geblieben sind mir nur die <em>&#8220;120 Schweine nach Beirut&#8221;<\/em> von Mike Kr\u00fcger, und der Rest verursachte mir immerhin kein Ohrenbluten. Kalaschnikow ist gelernter Kfz-Mechaniker, was zu seiner Zeit wohl noch &#8220;Kfz-Instandsetzer&#8221; hie\u00df, zu einer Zeit, wo die Ausbildung noch so ziemlich alles mit einbezog, anstatt sich in viele kleinere Spezialisierungen aufzuspalten, und war danach jahrelang im internationalen Fernverkehr gefahren, zwischen Lissabon und Kiew, haupts\u00e4chlich Frankreich und Spanien. Den Z\u00f6llnern in Spanien brachte er immer Bier von Aldi mit, die darauf total abfuhren und sich schon von weitem freuten, wenn sie seinen Sattelzug heranrollen sahen, was seinen Schmuggel mit Schnaps, Zigaretten und Kaffee erleichterte. Da ich ja &#8220;Reiseliteratur&#8221; mag, h\u00f6re ich mir solche Anekdoten nat\u00fcrlich gern an. <\/p>\n<p>Um kurz nach Vier waren wir dann vor Ort und begannen mit der noptwendigen Operation. Zuerst: Neues Warndreieck aufstellen, das alte war plattgefahren worden und seine zersplitterten Einzelteile lagen \u00fcber knapp hundert Meter verstreut auf dem Seitenstreifen. Der alte Keilriemen sah aus wie ein B\u00fcndel schwarzer, gekochter Spaghetti.<br \/>\nDirekt vor dem Keilriemen befindet sich der Ventilator, der wiederum mit einer Plastikschale abgedeckt ist. Man kann diese Plastikschale lockern, aber nicht so ohne weiteres herausnehmen. Immerhin kann man nach dem Lockern der Verkleidung die Hand an die F\u00fchrungsrollen des Keilriemens heranbringen. Zuerst muss der Spanner fixiert werden, damit der neue Riemen auf die Rollen gelegt werden kann, und nach einigem Hin und Her gelang es, eine gro\u00dfe Nuss zu verklemmen. Dann ging er zu meinem Sprinter und sah sich die Gurtf\u00fchrung an, die auf den ersten Blick etwas verwirrend wirkt. Ganz einfach war es wegen der Enge dennoch nicht, und das Vorhaben gelangt auch erst im zweiten Versuch, und da war es bereits F\u00fcnf und unsere H\u00e4nde hatten die Farbe von rosig zu schwarz gewechselt.<\/p>\n<p><em>&#8220;Und? Wie war`s?&#8221;<\/em> fragte Kelvin am anderen Morgen.<br \/>\n<em>&#8220;Wir beide hatten schon Spa\u00df,&#8221;<\/em> antwortete Kalaschnikow.<br \/>\n<em>&#8220;Ja, Sonne, blauer Himmel&#8230; hat nur der Strand gefehlt.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Ich sprach mit Peter \u00fcber die M\u00f6glichkeit, das Jobcenter einen LKW-F\u00fchrerschein bezahlen zu lassen, denn DJ wird gegangen und insgesamt braucht unser Laden zwei LKW-Fahrer &#8211; denn Mike soll eigentlich als Disponent arbeiten und nicht als Fahrer. Peter w\u00e4re es also ganz Recht, wenn ich 7,5 t fahren k\u00f6nnte, weil er wei\u00df, dass ich ein gewissenhafter Fahrer bin, was wohl besser ist, als einen ganz neuen Fahrer einzustellen, dem man ohne seine Eignung wirklich zu kennen gleich das wertvolle Vehikel in die Hand dr\u00fcckt.<br \/>\nIch meine, LKW-Fahrer haben weit weniger Stress: Die m\u00fcssen sich nicht am Band die Augen nach Paketen ausglotzen, sondern bekommen ihre Paletten zugeteilt, von denen sie ein Dutzend f\u00fcr eine kleine Handvoll Kunden gem\u00fctlich mit Hubwagen in den Laderaum und woanders wieder raus schieben, und zu guter Letzt steht z.B. Elmo, der bei Speicher, also 25 km weit weg, wohnt, zu einer Zeit auf, wo ich bereits das Haus verlassen muss, und daf\u00fcr kriegt er auch noch ein paar Hundert Kr\u00f6ten mehr &#8211; ich will das auch!<\/p>\n<p>Moment mal &#8211; DJ &#8220;wird gegangen&#8221;?<br \/>\nJa, in der Tat&#8230; ich bedauere das nat\u00fcrlich, aber aus rein gesch\u00e4ftlicher Sicht kann ich es nachvollziehen, denn Sascha hat sich in den vergangenen Wochen immer wieder \u00fcble Konzentrationsfehler geleistet, wie Abholer zu vergessen, in die v\u00f6llig falsche Richtung zu fahren, oder das 2500 E teure Rolltor der Halle zu schrotten, weil er es nicht weit genug aufgemacht hat. Jetzt gibt es nat\u00fcrlich Leute, die Witze \u00fcber ihn machen, was f\u00fcr eine Null er doch sei, aber ich teile diese Meinung nicht. DJ ist an den Wochenenden damit besch\u00e4ftigt, sein Haus zu renovieren und er kommt an Montagen oft v\u00f6llig unausgeschlafen ins Depot &#8211; ich glaube, der ist schlicht \u00fcberarbeitet, weil er sich nicht gen\u00fcgend ausruht.<\/p>\n<p>Dienstag und Mittwoch liefen dann gem\u00fctlich ohne besondere Vorkommnisse, aber Kalaschnikow k\u00fcndigte am Mittwoch an, dass er Freitag krank geschrieben sein werde.<br \/>\n<em>&#8220;Du nimmst am Freitag mein Auto,&#8221;<\/em> sagte er zu mir.<br \/>\n<em>&#8220;Warum das denn?&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Ich will nicht, dass einer von den Chaoten das f\u00e4hrt&#8230; sonst krieg ich am Ende nur noch Ersatzteile wieder.&#8221;<\/em><br \/>\nIch will nicht leugnen, dass ich wegen dieser Aussage ein bisschen stolz war &#8211; ich erarbeite und pflege ja meinen Ruf, und der ist eigentlich ganz gut, soweit es um meine Verl\u00e4sslichkeit geht.<br \/>\nNachdem ich vor wenigen Wochen einen Montag frei hatte, kam ich am Dienstag drauf ins Depot und konnte halt erst dann die Nachnahmekasse bei Milli (Name ge\u00e4ndert) im B\u00fcro abgeben.<br \/>\n<em>&#8220;Ich hab mich gestern gefragt, wo Du bleibst,&#8221;<\/em> sagte sie zu mir, <em>&#8220;ich hab mich schon gefragt, ob Du verschlafen hast, dachte mir dann aber, nee, der Dominik verschl\u00e4ft doch nicht.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Dienstag und Mittwoch also ruhig, aber gegen Ende der Woche legte die Sache zu. Ich bin nicht mehr ganz sicher, was an dem Donnerstag faul war. &#8220;Wort und Bild&#8221; war&#8217;s jedenfalls nicht, stattdessen deckten sich die Zahn\u00e4rzte in Speicher mit allem m\u00f6glichen Zeug ein, von Papierhandt\u00fcchern bis zum Desinfektionsmitteln, ich hatte ein Dutzend FedEx Pakete und Umschl\u00e4ge f\u00fcr den Luftst\u00fctzpunkt Spangdahlem, und der &#8220;Landesbetrieb f\u00fcr Mobilit\u00e4t Rheinland-Pfalz&#8221; in Gerolstein erhielt 29 Pakete mit neuen Aktenordnern. Das Auto war ausnahmsweise voll bis zur T\u00fcrkante.<br \/>\nDem enstprechend viel Zeit verschlang Speicher, eine halbe Stunde mehr als \u00fcblich. In Spangdahlem musste ich allein 15 Minuten mit Telefonieren verbringen, bis ich alle Empf\u00e4nger benachrichtigt hatte, und danach wartete ich eine halbe Stunde, um dann nur zwei Pakete losgeworden zu sein, weil da zwar welche am Telefon sagten, sie schickten jemanden ans Tor, aber dann kam keiner (was vorkommt, wenn kein Laufbursche oder auch kein freies Fahrzeug gefunden wird), und mir das mitzuteilen, ist ja leider nur schwer m\u00f6glich, nachdem ich mal aufgelegt habe.<br \/>\nUm 14:05 Uhr am HIT-Markt in Gerolstein, wo <em>&#8220;Warenannahme bis 14 Uhr&#8221;<\/em> an der T\u00fcr steht, aber der zust\u00e4ndige Herr L. ist da toleranter als seine Kollegen vom Hagebau gegen\u00fcber. <\/p>\n<p>Knapp zwei Stunden sp\u00e4ter, um zehn vor Vier, kam ich am &#8220;Landesbetrieb&#8221; an, und f\u00fcrchtete schon, verschlossene T\u00fcren vorzufinden &#8211; bei staatlichen Betrieben wei\u00df man ja nie. Ich hatte aber Gl\u00fcck und wurde an den Hintereingang verwiesen.<br \/>\n<em>&#8220;Die Frau X. macht Ihnen auf.&#8221;<\/em><br \/>\nLeider stand da auch bereits ein Sprinter einer Baufirma, die Sch\u00f6nheitsreparaturen im Geb\u00e4ude ausf\u00fchrte; egal, es ging auch so, und die Frau X. besorgte eine Rollkarre. Ich st\u00fcrzte mich in den Laderaum, scannte Pakete und stellte die ersten vier auf den Wagen. W\u00e4hrend die Angestellte die ins Geb\u00e4ude fuhr, scannte ich weitere Pakete und stellte sie hinter das Auto, stieg wieder ein uns scannte weiter, in der Annahme, dass Frau X. selbst\u00e4ndig die nicht schweren Pakete auf den Rollwagen stellen und ins Lager fahren w\u00fcrde &#8211; aber weit gefehlt. Die stand nur stumpfsinnig in der Gegend rum und sah gelangweilt nach B\u00e4umen und Wolken! Ich durfte also regelm\u00e4\u00dfig meine Arbeit im Wagen unterbrechen, um auszusteigen und auf das W\u00e4gelchen zu laden. Als das Scannen dann abgeschlossen war, stapelte sich ein knappes Dutzend Pappkartons noch hinter der Heckt\u00fcr, von denen ich dann erstmal zwei nahm und sie in der gewohnten Tradition der Arbeitskette Frau X vor die F\u00fc\u00dfe stellte, damit sie sie zwei Schritte weiter auf den Stapel mit den anderen Kisten stellen konnte. Aber als ich mich zum Gehen wandte, um weitere Kisten zu holen, bemerkte sie <em>&#8220;Sie k\u00f6nnten sie auch gleich auf den Stapel stellen.&#8221;<\/em> Da schwoll mir der Kamm auf ungeahnte Gr\u00f6\u00dfe, aber der Gedanke, sie zu erw\u00fcrgen, kam mir, anders als bei Frau Bohlen vor wenigen Jahren, noch nicht. Da wei\u00df man gleich wieder, was f\u00fcr Leute man mit seinen Steuergeldern bezahlt!<\/p>\n<p>Das sch\u00f6nste kam aber erst zum Schluss. Kurz nach Niederstadtfeld leuchtete die Kraftstoffanzeige auf, das hei\u00dft, ich konnte noch mit 50 km Reichweite rechnen und ein Blick auf den Navi zeigte mir die Tankstelle Eifel West in 17 km Entfernung an. Inklusive der Umwege, die ich noch zu fahren hatte, sollte das hinhauen. Vorher ging es n\u00e4mlich nach Manderscheid, zum Blockh\u00fcttenweg. Dabei handelt es sich um eine Reihe von H\u00e4usern direkt neben der Hauptstra\u00dfe, aber versteckt in einem Waldst\u00fcck direkt unterhalb der Burg. Der Weg ist schmal, links und rechts verblieb mir insgesamt vielleicht noch ein halber Meter, kennt man ja. Aber das machte nicht viel, denn die Stra\u00dfe war zumindest teilweise asphaltiert, weswegen mich auch nicht erschreckte, dass der Weg nach der ersten H\u00e4lfte recht steil nach unten abknickte, und der Kunde, der vorletzte des Tages, wohnte nat\u00fcrlich im letzten Haus.<\/p>\n<p>Ich gab die Lieferung ab und wollte wieder fahren &#8211; allerdings hatten die Steigung und die feuchte Stra\u00dfe was dagegen. Die Hinterr\u00e4der fanden keinen Halt und drehten durch, und als ich verbranntes Gummi riechen konnte, gab ich das Unterfangen auf. Ich musste wieder um Hilfe bitten.<br \/>\nEine internationale Familie pr\u00e4sentierte sich mir. Der Herr des Hauses war Deutscher und stellte sich als Klaus vor; er machte von seinem \u00c4u\u00dferen her den Eindruck eines neureichen 68ers, zumindest war das mein erster Eindruck. Seine Frau musste ich f\u00fcr eine Nordwestafrikanerin halten, wegen Hautfarbe, Gesichtsz\u00fcgen und ihrem zum franz\u00f6sischen Akzent neigenden Englisch. Von den vier Kindern, von denen mir erz\u00e4hlt wurde, sah ich drei, einen Jungen von vier Jahren, der gemischt, aber klar getrennt, also ohne mitten in einem Satz zu wechseln, Deutsch und Englisch sprach, ein M\u00e4dchen von etwa f\u00fcnf oder sechs Jahren mit dem gleichen linguistischen Ph\u00e4nomen, und eine h\u00fcbsche junge Frau von 16 oder wenig mehr Jahren, die mir ein Glas kaltes Wasser reichte, an der das r\u00fcckenfreie T-Shirt und ihr \u00e4sthetischer Gang auff\u00e4llig waren (und damit meine ich nicht sowas wie das fast schon vulg\u00e4re H\u00fcftschaukeln vieler Italienerinnen im gleichen Alter, die ich in Rom und Neapel gesehen habe). <\/p>\n<p>Interessant war das ganz klar europ\u00e4ische Aussehen der Kinder, denn der Nachwuchs gemischt-ethnischer Paare, den ich bisher gesehen habe, zeugte bislang immer von der Schw\u00e4che europider Gene, die sich z.B. in Sachen Hautfarbe normalerweise den afrikanischen, und bei der Augenform oft den asiatischen Genen unterordnen &#8211; f\u00fcr mich ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Geschichte vom wei\u00dfen Herrenmenschen nur ein M\u00e4rchen ist, das Wunschdenken einiger Verzweifelter, die in ihrem Dasein als globale Minderheit eine mehr oder minder g\u00f6ttliche Mission zu erkennen glauben und deren Rassismus eigentlich eine Form von Angst ist, von der sie umgebenden Mehrheit geschluckt zu werden. Hier also die Ausnahme, die die Regel best\u00e4tigt?<\/p>\n<p>Aber zur\u00fcck nach Manderscheid. Klaus sagte mir, dass er mit seiner Familie nur zweimal im Jahr f\u00fcr ein paar Wochen hier sei und er daher nicht die Beziehungen habe, um schnell jemanden zu finden, aber er werde mal mit dem P\u00e4chter der Burg reden. Nach insgesamt einer halben Stunde kamen zwei weitere junge Frauen die Stra\u00dfe herunter, hinter ihnen zwei Herren um die F\u00fcnfzig in einem Unimog mit Stahlseil. Und hoch gings den Berg&#8230; von oben rollte ich dann die verbliebenen 200 m r\u00fcckw\u00e4rts zur Hauptstra\u00dfe, bedankte mich, und fuhr Richtung Autobahn.<\/p>\n<p>Aber irgendwie zog das Auto nicht richtig. Konnte das am niedrigen Tankstand liegen? Der sechste Gang hatte \u00fcberhaupt keine Kraft mehr, mit dem konnte ich auf gerader Strecke gerade noch die Geschwindigkeit halten. Dr\u00fcckte man aufs Gaspedal, hatte man Gef\u00fchl, mit angezogener Handbremse zu fahren. Aber auch nach der F\u00fcllung des Tanks stellte sich keine Verbesserung ein &#8211; stattdessen leuchtete nun die Motorwarnanzeige. Ich rief Peter an und teilte ihm die Lage mit.<br \/>\n<em>&#8220;Dann bring das Auto morgen zum Depot, lass es vor der T\u00fcr stehen. Ich besorg dann aus Koblenz ein Ersatzauto.&#8221;<\/em><br \/>\nZum letzten Kunden in Eisenschmitt bin ich dann erst gar nicht mehr gefahren.<\/p>\n<p>Bis ich dann zuhause war, war es 2015 &#8211; ich konnte also noch schnell was essen, duschen und dann ins Bett fallen, und ich dachte mir noch: <em>&#8220;Ach, morgen ist Freitag, der wird den heutigen Donnerstag wohl kaum toppen.&#8221;<\/em> Aber der Freitag toppte den Donnerstag.<\/p>\n<p>Freitag Morgen. Kalaschnikow abwesend wegen Krankenschein. Kelvin abwesend, weil er den Ersatzwagen aus Koblenz holen musste. Und der neue Fahrer, den der Kurde vor ein paar Tagen eingef\u00fchrt hatte, ist auch spontan zuhause geblieben:<br \/>\n<em>&#8220;Ich dachte ich spinne&#8230; sagt der zu mir, ich geh mal aufs Klo, und schreibt mir ne halbe Stunde sp\u00e4ter ne SMS, dass er nich mehr kommt.&#8221;<\/em><br \/>\nDrei Mann weniger am Band, und alle am gleichen Ende &#8211; meinem Ende. Mike sprang ein, zusammen holten wir Pakete f\u00fcr die Touren Pr\u00fcm, Bitburg, Gerolstein, Fr\u00fchdienst, IT-Haus und Soft-Express vom Band. Wir mussten \u00f6fter das Band anhalten, weil wir nicht hinterherkamen. Wir k\u00f6nnen ja nicht unendlich Pakete am Band stapeln, die m\u00fcssen auch mal gescannt und grob geordnet werden. So chaotisch war meine Anordnung noch nie. Weiter unten am Band beschwerten sich die anderen lautstark: <em>&#8220;Was macht Ihr da oben? Pennt Ihr oder was?&#8221;<\/em> Ist ja ganz klar: Wenn das Band steht, werden auch die nicht fertig, und auch die haben ihre Expresse, die sie schaffen m\u00fcssen. Wir taten, was wir konnten, aber zwei Mann f\u00fcr f\u00fcnf Touren sind zu wenig. Wir riefen Elmo ans Band, aber der war keine gro\u00dfe Hilfe, weil er keine Erfahrung damit hat, vorbeirollende Pakete blitzschnell nach ihrer Postleitzahl zu untersuchen, und er kennt die Postleitzahlen auch nicht auswendig. <em>&#8220;Mann, da wird einem ja schwindlig von!&#8221;<\/em> sagt er nach 15 Minuten. Ich lache ihn aus: Das Band ist Gew\u00f6hnungssache, mir kommt es weitaus weniger schnell vor als noch vor zwei Monaten. Im Nachhinein muss ich sagen, dass es sinnvoller gewesen w\u00e4re, ihn das Zeug f\u00fcr die LKW-Touren scannen und stapeln zu lassen, aber scheinbar kam in dem Moment keiner drauf. <\/p>\n<p>Kelvin kam schlie\u00dflich dazu und die Sache entspannte sich, kehrte sich gewisserma\u00dfen ins Gegenteil: Die Trierer Fahrer hielten nun ihrerseits wegen \u00dcberlastung mehrfach das Band an, wir am &#8220;Oberlauf&#8221; h\u00e4tten uns beinahe gelangweilt, wenn Kelvin nicht einen Berg von Paketen zu scannen gehabt h\u00e4tte &#8211; \u00fcber 220 St\u00fcck, die weitgehend ungeordnet an seinem und an J\u00fcrgens Stellplatz herumlagen. Igor (Name ge\u00e4ndert), der Vorarbeiter der Bandaufleger, kam mehrfach mit strafendem Blick zu uns her\u00fcber und beobachtete die Trierer Fahrer kritisch.<br \/>\n<em>&#8220;Was ist denn los da unten?&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Ihr legt zu eng auf!&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Ja ja,&#8221;<\/em> sagte Mike, <em>&#8220;ne gro\u00dfe Klappe haben sie&#8230;&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;&#8230; und wenn&#8217;s mal stressig wird, fangen sie an zu heulen,&#8221;<\/em> f\u00fcgte ich grinsend hinzu, denn die meisten Leute am Band w\u00fcrden gl\u00e4nzende Forschungsobjekte f\u00fcr Geschlechterstudien im Bereich M\u00e4nnlichkeitsrituale abgeben, wie lautes R\u00fclpsen, liberaler Umgang mit Kraftausdr\u00fccken, zotige Witze und vulg\u00e4re Sprache auch gegen\u00fcber weiblichen Angestellten, wie<br \/>\n<em>&#8220;Kann ich ne Tasse Kaffee haben?&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Warte, ich hol Dir eine runter.&#8221;<\/em> (vom Regal nat\u00fcrlich)<br \/>\n<em>&#8220;Wie? Du holst mir einen runter?&#8221;<\/em><br \/>\nAuch, wenn sie&#8217;s nicht ernst meinen, ist es dennoch sexuelle Bel\u00e4stigung, oder?<\/p>\n<p>Aber wie dem auch sei, wegen des personellen Engpasses dauerte es bis Viertel vor Zehn, bis ich endlich aus dem Depot kam, und ich \u00fcbernahm meinen &#8220;alten&#8221; Wagen, mal wieder, von Konrad.<br \/>\nIn Speicher &#8220;Allgemeine Verkehrskontrolle&#8221;, bei einem Paar, das so unterschiedlich daherkam, wie die beiden Tier\u00e4rztinnen in der Maarstra\u00dfe: Eine nette und sympathisch wirkende Blondine einerseits, und ihr Kollege, dessen Mundwinkel der Schwerkraft folgten. Die wollten aber zum Gl\u00fcck nur F\u00fchrerschein und Fahrzeugpapiere sehen und interessierten sich nicht f\u00fcr Gefahrgut oder die Ladung allgemein, kosteten mich also nur zwei oder drei Minuten. Die kaputte Bremsleuchte bemerkten sie nicht. Nichtsdestotrotz rief ich gleich wieder bei Peter an.<br \/>\n<em>&#8220;Peter, ich komme mir vor, als ob ich im gleichen Auto wie gestern sitze.&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Warum das denn?&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Es ist eine Bremsleuchte kaputt und die Motoranzeige ist auch an.&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Schei\u00dfe&#8230;&#8221;<\/em><br \/>\nChristian hatte nichts davon gesagt, dass diese Warnleuchten an waren, und ich w\u00fcrde mir derlei eigentlich w\u00fcnschen, wenn man mir ein Auto \u00fcbergibt &#8211; und nicht nur ich.<\/p>\n<p>Mike \u00fcbernahm an dem Tag zwar Spangdahlem, daf\u00fcr musste ich hoch bis nach Ormont fahren, wo ich meinen Kunden nach seinem Feierabend nur zuf\u00e4llig antraf, weil er sich spontan dazu entschlossen hatte, an seinem Arbeitsplatz noch zu tanken. Und dann nach Eisenschmitt, wo ich ja am Donnerstag nicht mehr gewesen war. <\/p>\n<p>Ankunft zuhause schlie\u00dflich um 1915, und da musste ich noch r\u00fcber nach Tarforst, weil dort ein Abholer eingetragen war, Empf\u00e4nger: &#8220;VitalAire&#8221;, eine Firma, die alles verkauft, was mit Atemgas zu tun hat, also zum Beispiel Sauerstoffflaschen, Atemger\u00e4te, entsprechendes Zubeh\u00f6r und so weiter. Nur hatte sich diese Woche ergeben, dass Abholauftr\u00e4ge doppelt erteilt wurden, dass ich also bei Kunden zum zweiten oder dritten Mal innerhalb weniger Tage klingelte, die dann von nichts wussten. Der Kunde in Tarforst war nicht zuhause, ich warf ihm also einen Zettel ein, mit dem ich ihn bat, sich mit dem Depot in Verbindung zu setzen, falls er keine Abholware hatte.<\/p>\n<p>Aus Kalaschnikows Plan, mir sein Auto zu \u00fcberlassen, war \u00fcbrigens nichts geworden, am Ende sa\u00df dann doch wieder der Kurde drin &#8211; der in der Zeit, die er bei Transoflex arbeitet, bereits ein paar Hundert Euro wegen verursachter Sch\u00e4den hat l\u00f6hnen m\u00fcssen. Ihm ein Auto zu \u00fcberlassen, und gerade das von Kalaschnikow, ist also ein bisschen wie Russisches Roulette.<\/p>\n<p>Freitag Abend hatten wir dann noch einen Spielabend, w\u00e4hrend dem auch <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fluxx\" title=\"Artikel auf Wikipedia\"><strong>&#8220;Zombie Fluxx&#8221;<\/strong><\/a> gespielt wurde, aber davon ein ander mal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die elf Stunden Schlaf, die ich von Freitag auf Samstag am letzten Augustwochenende gebraucht habe, kamen nicht von irgendwoher, in der Woche war was los. Am Montag lief das Band an und Kalaschnikow war noch nicht da &#8211; was Grund zur Besorgnis gab, denn Kalaschnikow ist nach Kelvin der zweite, der schon vor F\u00fcnf ins [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_s2mail":"yes","footnotes":""},"categories":[10],"tags":[218,1950,1258,1054,1957,20,1953,145,1946,1679],"class_list":["post-1939","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitswelt","tag-dummheit","tag-gerolstein","tag-mercedes-benz","tag-polizei","tag-speicher","tag-sprache","tag-sprinter","tag-stress","tag-transoflex","tag-verkehrssicherheit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1939","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1939"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1939\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2026,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1939\/revisions\/2026"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1939"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1939"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1939"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}