{"id":1933,"date":"2011-08-14T18:48:04","date_gmt":"2011-08-14T16:48:04","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=1933"},"modified":"2011-10-16T13:27:59","modified_gmt":"2011-10-16T11:27:59","slug":"king-of-kylltal-teil-10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=1933","title":{"rendered":"King of Kylltal (Teil 10)"},"content":{"rendered":"<p>Zur\u00fcck auf der Stra\u00dfe mit dem Sprinter, den ich zuerst gefahren habe. Kaum, dass ich eine Weile darin sitze, werden meine Lippen trocken und bilden kleine Risse am \u00dcbergang zur Gesichtshaut, nicht unbedingt angenehm, gerade, wenn man s\u00e4urehaltige Getr\u00e4nke wie Orangensaft trinkt. <\/p>\n<p>Ich frage mich, ob mir die geringere Geschwindigkeitstoleranz von nassen Stra\u00dfen, bzw. nassen Kurven, jemals aufgefallen ist, bevor ich Expresstransporte mit einem solchen Wagen gefahren bin? Das Driften um Kreisel und Kurven ist ja gewisserma\u00dfen aufregend, wenn man die Biegung kennt und die Gegenfahrbahn sehen kann, aber manchmal komme ich dem Grundsatz, jeden Tag etwas zu tun, was einem Angst macht, zu nahe.<br \/>\nZwischen Rodt und Zemmer befindet sich die Einm\u00fcndung auf die Querstra\u00dfe zwischen Zemmer und Schleidweiler, und wenn ich von Rodt her komme, muss ich die Vorfahrt beachten. Jetzt kam vor ein paar Tagen ein Sprinter von Schleidweiler her gefahren, der einen kleineren PKW auf einem Anh\u00e4nger transportierte, w\u00e4hrend ich auf die Einm\u00fcndung zufuhr. Ich hielt es wegen der geringen Entfernung f\u00fcr angebrachter, anzuhalten und ich dachte mir noch: <em>&#8220;Verdammt, jetzt kann ich mit 80 hinter dem herschleichen!&#8221;<\/em> Ich trat auf die Bremse &#8211; und nichts passierte. Mit &#8220;Trockengeschwindigkeit&#8221; auf nassem Asphalt. Ich rutschte fast ungebremst auf die Vorfahrtsstra\u00dfe. Ein schneller Blick nach links: Ein Zeitfenster von f\u00fcnf Sekunden oder so. Steuer rumrei\u00dfen, Gas durchtreten. Ich schleudere etwa 100\u00b0 weit um die Kurve und schiebe meine drei Tonnen in Vollbeschleunigung Richtung Zemmer. Blick in den R\u00fcckspiegel: Der Abstand zum Hintermann ist nicht bedrohlich geworden. Alles war gut. Zum Gl\u00fcck kam mir der Gedanke, dass bei pl\u00f6tzlich auftauchendem Gegenverkehr von Zemmer her alles aus gewesen sein k\u00f6nnte, erst danach, weil mich die Entscheidungsfindung, wie ich sowohl auf die vorhandene Situation als auch auf die m\u00f6gliche Situation reagieren sollte, m\u00f6glicherweise auf unheilvolle Art blockiert h\u00e4tte. Ich musste unweigerlich an Counterstrike denken, so absurd der Vergleich auch erscheint: Wenn zwei Gegner gleichzeitig auftauchen, einer links und  einer rechts im Sichtbereich, geht die erste Salve oft in die leere Mitte. Das m\u00f6chte ich in der realen Welt nicht unbedingt erleben wollen. <\/p>\n<p>In Gerolstein war vergangene Woche ein ungew\u00f6hnliches Packst\u00fcck abzuholen, und um was es sich jeweils handelt, erfahre ich ja erst vor Ort, weil auf den Abholauftr\u00e4gen nur steht, wieviel das Packst\u00fcck wiegt und wie es m\u00f6glicherweise verpackt ist. Da stand also nun &#8220;9 kg&#8221; &#8211; und es handelte sich um eine Stehleuchte, wie ein Kronleuchter mit Holzbein. Der Besitzer sagte, die Glasteile bef\u00e4nden sich alle in der dicken Plastikverpackung um das Kopfteil, es k\u00f6nne also kein bedeutender Schaden entstehen. Dann lie\u00df er es sich nicht nehmen, die Lampe, etwa zwei Meter hoch, h\u00f6chstselbst zum Auto zu tragen, und zum Abschluss \u00fcberreichte er mir zwei F\u00fcnf-Euro-Scheine. Ich bedankte mich und sagte, damit sei der Tag gerettet, denn an jenem Tag war auch wieder die <em>Apotheken Umschau<\/em> geliefert worden und es war schon Viertel vor Sechs.<br \/>\nIch hatte mir schon \u00fcberlegt, ob ich angesichts meiner sp\u00e4ten Heimkehr nicht ausw\u00e4rts was essen sollte, hatte aber den Plan wegen der Kosten wieder verworfen. Nun war die Lage nat\u00fcrlich eine ganz andere. Ich besah meine verbliebenen Stopps und ordnete sie so an, dass ich an der Videothek der Familie Sarp in Gerolstein zuletzt halten w\u00fcrde. Jene Familie betreibt n\u00e4mlich in erster Linie ein Pizza\/Pasta\/D\u00f6ner Restaurant und ich g\u00f6nnte mir f\u00fcr die zehn Euro eine gro\u00dfe Pizza, und ich bedauerte daran nur, dass ich verpasst hatte, um die Zulage der f\u00fcr mich \u00fcblichen K\u00e4semenge zu bitten.<\/p>\n<p>Nach dieser halben Stunde f\u00fchr ich Richtung Heimat, mit einem Zwischenstopp in Schweich, wo ein Abenddienst abzuliefern war, das war so kurz vor halb Acht. Die Tatsache, warum ich das erw\u00e4hne, liegt im Nachbarhaus des Kunden begr\u00fcndet. Ich sah die Einfahrt, sah die Treppe, und wurde von einem starken Gef\u00fchl von Nostalgie \u00fcberkommen &#8211; ich hatte im Fr\u00fchsommer 2006 ein Klavier an diese Adresse geliefert. Zum Gl\u00fcck hat sich niemand daran gesto\u00dfen, dass ich eine Weile da stand und die Treppe betrachtete, das w\u00e4re so manchem sicher unheimlich vorgekommen. <\/p>\n<p>Da ich auch mit Elektro- und Elektronikh\u00e4ndlern zusammentreffe, erfahre ich auch so dies und das \u00fcber aktuelle Computer- und Unterhaltungsausr\u00fcstung. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass Monitore heute nicht nur strahlungsarm, sondern oft auch bereits strahlungsfrei daherkommen. Abgesehen davon bekommt man gute Ger\u00e4te mit 22 Zoll Bildschirm bereits f\u00fcr 150 E. Vor nicht allzu langer Zeit h\u00e4tte man daf\u00fcr noch 400 oder mehr hinlegen m\u00fcssen; der Preiskampf im Elektronikbereich ist sicherlich brutal.<br \/>\nFernseher kosten nat\u00fcrlich mehr als 150 E, so hie\u00df es, dass ein LED-Fernseher f\u00fcr 800 E zu haben sei. Das ist f\u00fcr mich derzeit v\u00f6llig unerschwinglich, aber ich war erstaunt, zu h\u00f6ren, dass Ger\u00e4te dieser Preisklasse bei einem Bildschirmdurchmesser von \u00fcber einem Meter mit einem Stromverbrauch von weniger als 100 Watt auskommen. Der 102 cm breite Samsung, den ich sah, hatte eine Angabe von 85 Watt. Da war ich ziemlich gepl\u00e4ttet, weil ich eigentlich dachte, dass unter 400 Watt nichts gehe.<br \/>\nAber, sagte ein anderer Kunde, LCD-Fernseher h\u00e4tten Probleme mit so genanntem &#8220;Clouding&#8221;, was bedeutet, dass es am Rand des Bildschirms zu einer Aufhellung des Bildes kommen kann, was bei Szenen mit dunklem Hintergrund st\u00f6rend auff\u00e4llig sein k\u00f6nne, und deswegen habe er sich f\u00fcr LCD statt LED entschieden. LCD-Fernseher einer Gr\u00f6\u00dfe von \u00fcber einem Meter Bildfl\u00e4che verbrauchten etwa 125 Watt &#8211; was verglichen mit dem R\u00f6hrenfernseher, den ich zuhause habe, immer noch nicht viel ist.<\/p>\n<p>Ich mache schon gern Gedanken \u00fcber derlei Dinge, aber warum eigentlich? Es ist nicht absehbar, dass ich binnen der kommenden Monate auch nur in die N\u00e4he entsprechender Betr\u00e4ge kommen kann, und als erstes brauche ich eine neue Matratze. Ich visiere 200 E an und hoffe, dass sie f\u00fcnf Jahre oder so lange h\u00e4lt, bis ich was gutes kaufen kann. Und die Priorit\u00e4tenliste ist auch dergestalt, dass zuerst der Computermonitor ersetzt wird, und eine Sonnenbrille in meiner Sehst\u00e4rke w\u00e4re auch nicht \u00fcbel. Letzteres mag sogar dringender sein, denn auch wenn der aktuelle Sommer eigentlich keiner ist, so kommt der n\u00e4chste Winter doch bestimmt und man sagt, dass es in der Eifel viel schneie. Ich stelle mir das unlustig f\u00fcr meine Augen vor, mehrere Tage hintereinander stundenlang durch schneewei\u00dfe Landschaften zu fahren.<\/p>\n<p>Eine ganz abstruse Unterhaltung hatte ich mit einem \u00e4lteren Herrn in M\u00fcllenborn. F\u00fcr den hatte ich ein kleines P\u00e4ckchen im Auto von einer Firma, deren Name auf medizinischen Bedarf schlie\u00dfen l\u00e4sst. Ich klingelte, seine Frau \u00f6ffnete, ich gab ihr das P\u00e4ckchen, sie unterschrieb auf dem Scanner, ich w\u00fcnschte einen sch\u00f6nen Tag und wandte mich zum gehen. Dann kam besagter Herr aus der Garage, der eigentliche Empf\u00e4nger. Er bat mich, einen Moment zu warten und kam mit einer Brille auf der Nase wieder aus dem Haus. Er besah sich das P\u00e4ckchen, auf dem der Name des Absenders, also die Firma, die Adresse und sogar eine Telefonnummer aufgedruckt war.<br \/>\n<em>&#8220;Das hab ich nicht bestellt, nehmen Sie das bitte wieder mit.&#8221;<\/em><br \/>\nIch versuchte ihm klar zu machen, dass ich das nicht d\u00fcrfe, weil der Empfang bereits durch eine Unterschrift best\u00e4tigt worden sei.<br \/>\nNein, er k\u00f6nne damit nichts anfangen, ich solle es mitnehmen.<br \/>\nOb er nicht vielleicht erst hineinsehen wolle? Oder vielleicht die angegebene Telefonnummer anrufen wolle (weil es bei \u00e4lteren Kunden leider vorkommt, dass sie get\u00e4tigte Bestellungen vergessen)?<br \/>\n<em>&#8220;Nein, bitte nehmen Sie das mit, ich will das nicht.&#8221;<\/em><br \/>\nNa gut, aber er m\u00fcsse mir das schriftlich geben. Also schrieb er auf einen Notizzettel: <em>&#8220;Ware nicht bestellt. Annahme verweigert.&#8221;<\/em> und setzte seinen Namen darunter. Ich f\u00fcgte sp\u00e4ter noch die Referenznummer des Pakets hinzu, um die Zuordnung eindeutig zu machen.<\/p>\n<p>Vielleicht kommt mir finanziell eine an sich unangenehme Neuregelung zu Gute. Disponent Peter hat sich als Subunternehmer des Subunternehmers selbst\u00e4ndig gemacht und gleich sind ein paar \u00c4nderungen eingetreten, eine davon ist die Verteilung der Samstagsdienste auf alle Fahrer, die nun f\u00fcr ihn arbeiten &#8211; was an unserem Band alle au\u00dfer dem Kurden, Kelvin und Kalaschnikow sind. Kalaschnikow wechselt in zwei Wochen nach Koblenz, von daher w\u00fcrde es keinen Sinn machen, ihn in diese Planungen noch einzubinden. Warum allerdings der Kurde und Kelvin nicht auf den Samstagspl\u00e4nen stehen, wei\u00df ich noch nicht. Zur Erweiterung meines finanziellen Spielraums werde ich den Fahrern anbieten, ihren Wochenenddienst zu \u00fcbernehmen, sofern sie bereit sind, 30 E zu zahlen &#8211; bei einer Arbeitszeit von sechs bis 13 Uhr ist das keinesfalls zu viel verlangt. Das Geld soll in den Pott f\u00fcr die neue Matratze flie\u00dfen. <\/p>\n<p>Ein weiterer Punkt, der sich ver\u00e4ndert, ist die Neuverteilung der Touren. Wie gesagt, wird Kalaschnikow, der &#8220;Eifel-Tornado&#8221;, nach Koblenz wechseln, und das ist nur eine Nebenerscheinung der Reorganisation: Ab kommenden Monat wird das Gebiet von Koblenz ausstrahlend bis runter nach Kyllburg nicht mehr von Trier aus gefahren. Das bedeutet, dass diese Serie, <em>&#8220;King of Kylltal&#8221;<\/em> in wenigen Tagen enden wird. Ich muss mir deswegen aber keinen neuen Job suchen &#8211; Mike sagte, ich werde dann eine neue Tour fahren, vermutlich einen Bogen von Zemmer \u00fcber Speicher und Spangdahlem in das Gebiet n\u00f6rdlich von Bitburg, aber das sei noch nicht sicher. <\/p>\n<p>Also kein Kylltal mehr f\u00fcr mich, und irgendwie bedauere ich diese Ver\u00e4nderung (weswegen ich schon scherzhaft vom &#8220;Schwarzen Peter&#8221; sprach), denn ich stelle fest, dass einige Kunden nach den Wochen, die ich sie beliefere, so langsam &#8220;warm&#8221; werden, da kann man sich kurz unterhalten und ein paar Scherze austauschen, es gibt also ein paar Adressen, wo ich ganz gern hinfahre.<br \/>\nDa war ich letztlich bei einem, der eine Palette Zeugs bekam. Hinter diesen Paketen kam dann zum Schluss ein Grill der Marke &#8220;Weber&#8221; zum Vorschein, der woanders hin sollte.<br \/>\n<em>&#8220;Oh!&#8221;<\/em>, sagte der Kunde, <em>&#8220;Du hast ja richtig was Edles da! Den h\u00e4tt ich auch gern.&#8221;<\/em><br \/>\nEs handelte sich um einen gro\u00dfen Gartengrill mit Deckel, den man mit Holz, Holzkohle und Gas betreiben kann, und ich hatte von der Grillfirma Weber noch nie geh\u00f6rt.<br \/>\n<em>&#8220;Ach was, GRILLEN,&#8221;<\/em> erwiderte ich in einem ver\u00e4chtlichen Ton, <em>&#8220;wo ich herkomme, nimmt man ein Dreibein mit einem frei schwingenden Grillrost! Den kann sich jeder selber basteln.&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Wo kommste denn her?&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Aus&#8217;m Saarland.&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Was!? Du bist&#8217;n Saarl\u00e4nder? Mit Dir hab ich zum letzten Mal geredet!&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Soso, und wo kommst Du her?&#8221;<\/em><br \/>\nEr nannte mir einen Ortsnamen, den ich nach f\u00fcnf Sekunden wieder vergessen hatte.<br \/>\n<em>&#8220;Wo ist DAS denn?&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Du kennst doch bestimmt Berlin &#8211; der Ort, wo ich herkomme, hat mindestens genauso viel Bedeutung!&#8221;<\/em><br \/>\nDas war die Stelle, wo sein Gesch\u00e4ftspartner auf den Plan trat und ihn auslachte.<br \/>\n<em>&#8220;Du bist&#8217;n Dummlaller! Das ist ein Kaff bei Daun, wo&#8217;s mehr K\u00fche wie Menschen gibt!&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Stimmt gar nicht! Wir haben 35 Einwohner mehr wie K\u00fche!&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Und dann war da noch ein Fris\u00f6rsalon, wo ich ein Paket von Wella abgab:<br \/>\n<em>&#8220;Wie ist Ihr Name bitte?&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Thiel.&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Ah, wie der Bahnw\u00e4rter.&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Wer bitte?&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Ach, das ist <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bahnw\u00e4rter_Thiel\" title=\"Artikel auf Wikipedia\">nur so&#8217;n Buch<\/a>.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Das sind halt die Dinge, die ich au\u00dfer dem Fahren an sich an so einem Job sch\u00e4tze &#8211; man trifft verschiedenartige Menschen, mit denen man kommunizieren kann. Ab n\u00e4chsten Monat werden zwei Drittel davon durch andere ersetzt, aber immerhin habe ich noch Adressen, die ich weiterhin anfahre, wo ich mal eben schnell einen Fernseher oder einen Bildschirm kaufen kann. \ud83d\ude42<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur\u00fcck auf der Stra\u00dfe mit dem Sprinter, den ich zuerst gefahren habe. Kaum, dass ich eine Weile darin sitze, werden meine Lippen trocken und bilden kleine Risse am \u00dcbergang zur Gesichtshaut, nicht unbedingt angenehm, gerade, wenn man s\u00e4urehaltige Getr\u00e4nke wie Orangensaft trinkt. 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