{"id":1527,"date":"2011-03-18T14:36:11","date_gmt":"2011-03-18T13:36:11","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=1527"},"modified":"2016-07-31T13:26:00","modified_gmt":"2016-07-31T11:26:00","slug":"schwerpunktsetzung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=1527","title":{"rendered":"Schwerpunktsetzung"},"content":{"rendered":"<p>Seltsame Dinge geschehen auf der Welt, und ich rede weder von Plattentektonik noch von Kernphysik. Es geht mir um die Psychologie der Medienberichterstattung.<\/p>\n<p>Alle Medien sind voll von Bildern, Berichten und Kommentaren in Bezug auf die gef\u00e4hrdeten Atomreaktoren in der N\u00e4he von Fukushima. Ach ja, und da war ja auch noch ein Tsunami. Oh, das Erdbeben haben wir fast vergessen. Dass die aktuelle Naturkatastrophe in Bezug auf die offiziellen Opferzahlen das massive Hanshin-Beben von 1995 nach neuesten Erkenntnissen erst erreicht, wird meist als Randnotiz noch in die Berichterstattung \u00fcber die K\u00fchlma\u00dfnahmen eingeworfen (und die Zahlen werden noch bedeutend steigen). <\/p>\n<p>Meine Dreisprachigkeit erm\u00f6glicht mir dabei einen viel sagenden \u00dcberblick: Es wird nirgendwo mehr Wind um die <strong>m\u00f6gliche<\/strong> Kernschmelze gemacht, als in Deutschland. Die Japaner gehen mit der Situation relativ ruhig um, und das mag vordergr\u00fcndig damit zusammenh\u00e4ngen, dass man sich dort mehr Gedanken um die aktuelle Notsituation macht, und weniger um eine, die derzeit lediglich denkbar ist.<\/p>\n<p>Die bedeutenden amerikanischen und britischen Medien f\u00fcllen ihre Frontseiten auch nicht mit Chernobyl-Panikmache, bevor es soweit ist. Nat\u00fcrlich hat man dort einen ganz anderen Blickwinkel auf die Atomkraft, und letztendlich \u00fcbertreffen die US Amerikaner die Briten noch in ihrem Insulanerdenken &#8211; hier auch zu Recht, denn eine Strahlenwolke w\u00fcrde sich auf dem Weg \u00fcber den Pazifik ausreichend verd\u00fcnnen. Die Chancen, dass die Strahlung in Deutschland besorgniserregende H\u00f6hen erreichen wird, stehen jedenfalls ganz ganz schlecht.<\/p>\n<p>Aber in Deutschland schlagen die Wellen hoch. Da macht man sich Sorgen um Nahrungsmittel, Jodtabletten und den S\u00fcdostasienurlaub. Ist es dabei nicht bezeichnend, dass Thailand als einziges Land in der globalen Region seinen B\u00fcrgern die Ausreise aus Japan empfohlen hat? Wie man mir berichtete, sind die Deutschen am schnellsten in Massen geflohen. Von 5000 in Tokyo lebenden Deutschen seien derzeit noch 1000 \u00fcbrig &#8211; wobei offen blieb, ob die lediglich zum Beispiel nach \u00d4saka ausgewichen sind oder das Land verlassen haben.<\/p>\n<p>Dabei muss man doch bestimmte Dinge mal eindeutig festhalten: Die Importmengen an japanischem Gem\u00fcse aus der m\u00f6glicherweise betroffenen Region ist geringf\u00fcgig. Inwiefern hier Fisch aus dem Pazifik konsumiert wird, kann ich nicht sagen, aber ich will gar nicht wissen, wie viel chemischer und nuklearer M\u00fcll bereits illegal im Pazifik entsorgt wurde, ganz zu schweigen von den Langzeitfolgen fr\u00fcherer Atomwaffentests. \u00dcber hundert Millionen Tonnen Plastikm\u00fcll treiben in riesigen Str\u00f6mungswirbeln, deren Teilchen teilweise von Fischen gefressen werden und generell Giftstoffe ins Wasser abgeben. Das Ph\u00e4nomen ist seit Jahren bekannt, st\u00f6rt aber scheinbar keinen.<\/p>\n<p>Die Aussage einer ZDF-Sondersendung, bei der auch das Thema Jodtabletten angesprochen wurde, war ebenfalls klar: Die Tabletten, die man einfach so in den Apotheken kaufen kann, enthalten 1 % des Wirkstoffs, der im Falle echten Bedarfs (das hei\u00dft zur Vermeidung der Einlagerung radioaktiven Jods in die Schilddr\u00fcse) unter \u00e4rztlicher Aufsicht verabreicht wird. Der Ankauf von rezeptfreien Jodpr\u00e4paraten freut also in erster Linie die Apotheker und die Pharmaindustrie, aber einen gesundheitlichen Nutzen hat man davon genausowenig, wie ein gesundheitlicher Bedarf besteht.<\/p>\n<p>In einem Interview mit einem Mitarbeiter des Bundesamts f\u00fcr Strahlenschutz wurde eine ebenso interessante Grafik gezeigt, die die in Deutschland gemessene Strahlenbelastung der Atmosph\u00e4re seit den Vierziger Jahren aufzeigte. Die Spitze, die sich durch den Reaktorunfall in Chernobyl anno 1986 ergab, war zwar deutlich zu sehen, aber ebenso deutlich konnte man auch als Laie ablesen, dass die Belastung in den Sechziger Jahren in Folge all der oberirdischen Atomtests dreimal h\u00f6her war. <\/p>\n<p>Der Punkt, in dem Chernobyl auch weiterhin heraussticht, besteht darin, dass Pilze und Wild aus S\u00fcddeutschland wegen der mit dem Wind vermittelten strahlenden Partikel in den kommenden 100 Jahre noch zum Gro\u00dfteil ungenie\u00dfbar sein werden, weil die Grenzwerte heute, nach 25 Jahren, mehrfach \u00fcberschritten werden. Dar\u00fcber herrscht hierzulande Ruhe. Bayern und Schwaben raufen sich also im Moment mehr die Haare wegen einer m\u00f6glichen Nuklearkatastrophe, die den halben Globus entfernt stattfinden k\u00f6nnte, als um die bedenkliche Strahlenbelastung vor ihrer Haust\u00fcr. Wer mahnt den Massenexodus aus den betroffenen Gebieten an? Nat\u00fcrlich keiner. Oberammergau wurde deswegen jedenfalls nicht evakuiert und es erfreut sich weiterhin hoher touristischer Beliebtheit.<\/p>\n<p>Um meine pers\u00f6nliche Meinung einzustreuen: Statt Laufzeiten zu verl\u00e4ngern, sollten wir uns darum bem\u00fchen, den Atomstrom so bald wie irgend m\u00f6glich zu ersetzen. Dass die Atomlobby an ihren Reaktoren noch weiter Geld verdienen will, steht au\u00dfer Frage und einer fr\u00fchen Abschaltung entgegen, schlie\u00dflich helfen die Meiler dabei, dass wir j\u00e4hrlich 17 Terawattstunden Strom ins Ausland verkaufen k\u00f6nnen.<br \/>\nDie Frage, ob wir in zwei, f\u00fcnf, oder erst in f\u00fcnfzehn Jahren \u00fcber die Technologie verf\u00fcgen, uns von der Energiegewinnung durch Kernspaltung zu trennen, kann ich nicht beantworten, weil es mir daf\u00fcr eindeutig an Wissen mangelt. Deswegen sage ich nur &#8220;so bald wie irgend m\u00f6glich&#8221;. Denn auch wenn wir in Zentraleuropa mit g\u00fcnstigem Klima und hoher tektonischer Stabilit\u00e4t gesegnet sind, bleibt menschliches Versagen immer eine Option. Es muss nur irgendjemand zur falschen Zeit am falschen Ort etwas Falsches tun. Die Chance mag gering sein, aber sie ist da, egal, wie sicher ein Reaktor ist.<\/p>\n<p>Kehren wir also zum gegebenen Notstand zur\u00fcck, denn japanische Technik- und Organisationslegenden zerbrechen gerade reihenweise.<br \/>\nDie ZEIT bescheinigt den Japanern gr\u00fcndliche Vorbereitung und Organisation, die New York Times tut das Gegenteil, und auch die TV-Berichterstattung der \u00f6ffentlich-rechtlichen Sender (was anderes sehe ich mir erst gar nicht an) l\u00e4sst Zweifel aufkommen. Wenn man Bilder von verw\u00fcsteten Ortschaften zu sehen bekommt, sieht man auch immer Aufr\u00e4umarbeiter und Leichensucher. Zu Fu\u00df, mit behandschuhten H\u00e4nden.<br \/>\nWo ist denn das ganze Bergungsger\u00e4t? Immerhin habe ich mittlerweile in einem Video von Euronews mal einen Bagger gesehen. Nat\u00fcrlich ist die Situation wegen der zerst\u00f6rten Stra\u00dfen schwierig, aber das Einsatzgebiet ist ja trotz seiner Gr\u00f6\u00dfe begrenzt, und an eben jener Grenze w\u00fcrde man doch Bilder von einem technischen Gro\u00dfeinsatz erwarten?<br \/>\nIn den Notunterk\u00fcnften mangelt es an Kerosin f\u00fcr die Heizger\u00e4te &#8211; hat die japanische Regierung etwa keine keine strategischen Reserven? Kanister mit Heiz\u00f6l kann man ganz ohne Stra\u00dfen und Rollfelder per Hubschrauber anlanden, und letztendlich sollte man meinen, dass die Armee eines Industriestaates in der Lage sein m\u00fcsse, die Versorgung auch in Extremsituationen sicherzustellen, denn f\u00fcr kriegs\u00e4hnliche Zust\u00e4nde sollen sie ja da sein, denke ich, und wie im Krieg sieht es im Katastrophengebiet aus, nur die gro\u00dffl\u00e4chigen Brandspuren fehlen.<\/p>\n<p>Eine geradezu paradox anmutende Meldung lief gestern Abend \u00fcber den Ticker der dpa: Japan habe \u00fcber das Bundesamt f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsschutz und Katastrophenhilfe die Lieferung von ferngesteuerten Robotern f\u00fcr den Einsatz in den Kernkraftwerken erbeten.<br \/>\nWas sagt uns das \u00fcber die tats\u00e4chliche Leistungsf\u00e4higkeit japanischer Roboter und der dahinter stehenden Forschung aus? Ist Japan als Heimat toller Roboter nicht immer wieder im Gespr\u00e4ch, zumindest in der Abteilung &#8220;Kurioses aus Fernost&#8221;?<br \/>\nIch selbst habe bereits Ende 2003 die Ausstellung zum Thema Roboter des &#8220;Nihon Kagaku Mirai Kan&#8221; (etwa &#8220;Japanisches Museum f\u00fcr Zukunftsorientierte Wissenschaften&#8221;) gesehen und mich auch im Gespr\u00e4ch mit Angestellten zum Thema informiert, da war bereits die Rede von rollenden Robotern, die in Gebieten eingesetzt werden k\u00f6nnten, wo es f\u00fcr Menschen zu gef\u00e4hrlich ist. Was ist daraus geworden? Hat die Forschung in den vergangenen acht Jahren geschlafen, auf den ASIMO-Lorbeeren ruhend? In Deutschland existieren entsprechend spezialisierte Maschinen scheinbar, und ausgerechnet in Japan, das sich selbst als Land der Roboter darstellt, wohl nicht.<\/p>\n<p>Und was die &#8220;gute&#8221; Organisation von Erdbeben- und Katastrophenhilfe angeht&#8230; meine pers\u00f6nliche Erfahrung mit einer solchen Erdbeben\u00fcbung, die wegen der vielen ausl\u00e4ndischenn Studierenden vorrangig ganz klar auf den Unterhaltungseffekt abzielte, haben mich nicht davon \u00fcberzeugt, dass das &#8211; aktuell von der ZEIT gelobte &#8211; japanische Krisenmanagement zu einem sp\u00fcrbaren Teil mehr als Augenwischerei ist, die diejenigen beruhigen soll, die nicht weiter dr\u00fcber nachdenken wollen. <\/p>\n<p>Da forschte man an der Universit\u00e4t von Hirosaki anno 2004 daran herum, welche japanischen Begriffe statistisch betrachtet eher von Ausl\u00e4ndern verstanden w\u00fcrden, um eben diese &#8220;leichteren&#8221; Begriffe in die Radiodurchsagen einflie\u00dfen zu lassen, anstatt dass man einfach auch Meldungen in englischer Sprache absetzte (was auch f\u00fcr die schriftlichen Fluchtpl\u00e4ne gelten sollte). Und ging scheinbar mit t\u00f6dlicher Gewissheit davon aus, dass trotz Erdbebens die \u00f6rtlichen Radiostationen weiter senden k\u00f6nnten, da immer darauf hingewiesen wurde, ein kleines Batterieradio mit sich zu f\u00fchren, um Informationen zu Notunterk\u00fcnften und dergleichen mehr zu erhalten. Dass f\u00fcr die \u00dcbung damals der simulierte Sammelpunkt im dritten Stock lag, anstatt dass man den nat\u00fcrlichen Fluchttrieb in Betracht zog und den Fluchtweg die Treppe hinunter leitete, kann ich heute noch nicht verstehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seltsame Dinge geschehen auf der Welt, und ich rede weder von Plattentektonik noch von Kernphysik. Es geht mir um die Psychologie der Medienberichterstattung. Alle Medien sind voll von Bildern, Berichten und Kommentaren in Bezug auf die gef\u00e4hrdeten Atomreaktoren in der N\u00e4he von Fukushima. Ach ja, und da war ja auch noch ein Tsunami. 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