{"id":1446,"date":"2011-03-12T23:26:59","date_gmt":"2011-03-12T22:26:59","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=1446"},"modified":"2017-10-22T12:40:51","modified_gmt":"2017-10-22T10:40:51","slug":"eine-reise-in-den-suden-ist-fur-andre-schick-und-fein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=1446","title":{"rendered":"Eine Reise in den S\u00fcden ist f\u00fcr andre schick und fein&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>&#8230;doch ich armer Arbeitsloser wollte nicht mehr joblos sein.<\/p>\n<p>Am 8. M\u00e4rz erhielt ich einen Anruf in englischer Sprache, den ich erst gar nicht zuordnen konnte. Nach einigen S\u00e4tzen erst wurde klar, dass man mich zu einem Vorstellungsgespr\u00e4ch einlud. Nach Oberammergau. Ob ich in zwei Tagen, am 10. M\u00e4rz um 16 Uhr, kommen k\u00f6nne, oder ob mir ein Telefoninterview lieber sei. Ich bat mir zwei Stunden Zeit aus, um zu pr\u00fcfen, ob mir ein Kommen technisch und finanziell \u00fcberhaupt m\u00f6glich war.<\/p>\n<p>Oberammergau? Am S\u00fcdende Deutschlands also. Und, ach Du lieber Himmel &#8211; Passionsfestspiele! Ich erinnerte mich nur dunkel, dort einmal eine Bewerbung hingeschickt zu haben. Laut meiner Unterlagen hatte ich mich Ende Dezember beworben. Nach zwei Monaten Wartezeit hatte ich die Hoffnung aufgegeben. Die Jobbeschreibung war nicht mehr aufzutreiben, und den Trick, wie man Seiten im Internet findet, die es eigentlich nicht mehr gibt, kenne ich nicht mehr. Aber in dem Moment hatte ich eher kurzfristige Sorgen. Nat\u00fcrlich wollte ich meine Motivation unter Beweis stellen und lieber hinfahren, als fast anonym angerufen zu werden. Abgesehen davon bin ich gern mit dem Auto unterwegs. Aber die Frage der Kosten musste gekl\u00e4rt werden.<\/p>\n<p>Anruf beim Arbeitsamt, bei meinem Vermittler, etwa um halb drei. Da ging keiner ans Telefon. Also bem\u00fchte ich mein soziales Offlinenetzwerk, mein Dank an Alex, und erhielt die Versicherung, dass mich bald jemand anrufen werde, der mir weiterhelfen k\u00f6nne. In der Zwischenzeit organisierte ich mehrere Reiseetappen: Mein Vater musste mir sein Auto leihen, damit ich nicht vom fahruntauglichen Gro\u00dfvater in Saarbr\u00fccken abgeholt werden musste. Der Gro\u00dfvater musste mir wiederum sein Auto leihen, damit ich nach Oberammergau und wieder zur\u00fcck kam, was die Kiste meines Vaters nicht gew\u00e4hrleistete. Und weil ich nicht knapp tausend Kilometer inklusive eines nervlich sicherlich nicht anspruchslosen Vorstellungsgespr\u00e4chs am selben Tag bew\u00e4ltigen wollte, organisierte ich eine \u00dcbernachtung bei einem alten Kameraden in Stuttgart, den ich seit etwa elf Jahren nicht gesehen hatte.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich kam der Anruf vom Arbeitsamt. Mein Vermittler sei im Urlaub und seine Vertretung bereits um 12 gegangen. Eigentlich m\u00fcsse ich den Antrag vor Reisebeginn stellen und daf\u00fcr eine schriftliche Einladung des potentiellen Arbeitgebers vorlegen. Nun musste ich aber morgen bereits aufbrechen, weil ich sonst ja nicht am fr\u00fchen Morgen des 10. M\u00e4rz losgekommen w\u00e4re, und das ist zu knapp, um noch eine schriftliche Einladung zu erhalten und den Antrag zu stellen. Das sei aber in Ordnung, sagte die Dame am Telefon, sie habe meine m\u00fcndliche Mitteilung festgehalten und ich k\u00f6nne und m\u00fcsse die notwendigen Schriftst\u00fccke nachreichen, den Antrag werde sie mir umgehend zusenden.<\/p>\n<p>Dann blieb also nur noch, mit dem amerikanischen Anrufer zu kl\u00e4ren, wie das mit den Fahrtkosten handhabbar sei, au\u00dferdem wollte das Arbeitsamt nat\u00fcrlich wissen, wie denn die Organisation hie\u00df, die cih besuchen w\u00fcrde. Da mir die Daten des Jobs nicht mehr zur Verf\u00fcgung standen und meine Notizen nur sagten <em>&#8220;Computer Assistant, Oberammergau, US Army&#8221;<\/em>, musste ich nat\u00fcrlich noch ein bisschen was in Erfahrung bringen. Schlie\u00dflich hei\u00dft es, dass Arbeitgeber es m\u00f6gen, wenn man sich \u00fcber ihren Laden informiert und zumindest oberfl\u00e4chliches Insiderwissen ins Bewerbungsgespr\u00e4ch einstreuen kann.<br \/>\nNur kam der versprochene R\u00fcckruf um 1630 nicht. Ich rief um kurz nach f\u00fcnf also selber an, aber da hatte der Anrufer scheinbar bereits Feierabend. Das w\u00fcrde die Angelegenheit ein bisschen verkomplizieren, aber es w\u00fcrde sich sicherlich eine L\u00f6sung finden.<\/p>\n<p>Am Morgen des 9. M\u00e4rz sa\u00df ich also ab 0800 neben meinem Handy und wagte kaum, aufs Klo zu gehen. Kurz vor halb Neun war es dann soweit: Der potentielle Arbeitgeber w\u00fcrde die Fahrtkosten wohl nicht \u00fcbernehmen, aber man w\u00fcrde mir auf jeden Fall die notwendigen Dokumente zur Verf\u00fcgung stellen, um meinen R\u00fcckerstattungsantrag (offiziell: <em>&#8220;Antrag auf Gew\u00e4hrung einer F\u00f6rderung aus dem Vermittlungsbudget gem. \u00a7 16 Abs. 1 Sozialgesetzbuch &#8211; Zweites Buch &#8211; (SGB II) i.V.m. \u00a7 45 Sozialgesetzbuch &#8211; Drittes Buch &#8211; (SGB III)&#8221;<\/em>) zu erm\u00f6glichen.<br \/>\nUnd bei dem Arbeitgeber handelte es sich um die &#8220;NATO School Oberammergau&#8221; (NSO). Klingt sehr interessant. War nat\u00fcrlich lustig, als der Anrufer versuchte, mir klarzumachen, dass die Adresse <em>&#8220;Am Rainenbichl 54&#8221;<\/em> lautet. Man versuche das mal als Amerikaner, der nur das allernotwendigste Deutsch spricht. Die etwa f\u00fcnfmin\u00fctige Unterhaltung wurde also zu einem nicht unwesentlichen Teil in Form von Buchstabierungen gem\u00e4\u00df des NATO-Alphabets gef\u00fchrt, um sicherzugehen, dass wir die richtigen Daten \u00fcbermittelten.<br \/>\nIm Anschluss gab ich die erhaltenen Daten noch telefonisch an das Arbeitsamt weiter und nachdem ich meinen Anzug verpackt hatte, konnte die erste Reiseetappe losgehen.<\/p>\n<p>Bus zum Bahnhof. Verdammt, ich habe meine Kamera vergessen!<br \/>\nZugfahrt Richtung V\u00f6lklingen, kostet 13,90 E. Die Zeit konnte ich mir mit dem aktuellen <em>Trierischen Volksfreund<\/em> vertreiben, den ein Fahrgast an diesem Morgen liegen gelassen hatte. Darin ein Artikel zur Geschichte der Fastenzeit, in dem unter anderem zu lesen war, dass man Maultaschen in Schwaben wohl auch &#8220;Herrgottsbeschei\u00dferle&#8221; nennt, weil man in der Teigh\u00fclle Fleisch &#8220;verstecken&#8221; konnte. Vielleicht h\u00e4tten sie&#8217;s besser &#8220;Pfarrerbeschei\u00dferle&#8221; genannt, denn wenn man an Gott glaubt, kann und muss man davon ausgehen, dass der sich in seiner allm\u00e4chtigen, allwissenden und allsehenden Art wohl kaum von einer Teigh\u00fclle t\u00e4uschen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>In VK einen Tee getrunken und in die Klapperkiste des Vaters gesprungen, und nach Gersheim gefahren. Nach dem Mittagessen habe ich einen alten Freund im Ort angerufen und ihn gebeten, mir seine Internetverbindung mitsamt Drucker und Papier zur Verf\u00fcgung zu stellen. Ich recherchierte dort also die NSO und zog mir alle Texte \u00fcber Geschichte, Aufgaben, und Unterrichtspl\u00e4ne, dazu noch die Grunddaten der NATO seit ihrer Gr\u00fcndung, insgesamt 25 klein bedruckte A4 Seiten. Das dr\u00fcckte ich mir den Nachmittag \u00fcber in den Kopf, und am Abend entfernte ich den \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Haarwuchs auf demselben. F\u00fcr einen Film am Abend hatte ich gar keine Zeit.<br \/>\nDie Seiten der NSO weisen eine Reihe von Grammatik- und Rechtschreibfehlern auf, zudem existiert dort ein Mischmasch von amerikanischem und britischem Englisch, und zuletzt wird dort mit milit\u00e4rischen Abk\u00fcrzungen herumgeworfen, dass ein unbedarfter Leser keine Freude dabei haben d\u00fcrfte. Akronyme wie SHAPE, SACEUR oder JFCOM werden entweder gar nicht oder erst an sp\u00e4terer Stelle erkl\u00e4rt. Auch das Webdesign erschien sogar mir stellenweise amateurhaft, haupts\u00e4chlich wegen der Uneinheitlichkeit zwischen den einzelnen Fachbereichen. Das h\u00e4tte ich mir ein bisschen professioneller vorgestellt.<br \/>\nAls letztes schnitt ich mir noch die Haare auf die \u00fcblichen sechs Millimeter runter, Rasieren w\u00fcrde ich mich morgen fr\u00fch.<\/p>\n<p>Am andern Morgen Aufstehen um 0615. Gem\u00e4\u00df dem mir innewohnenden Alarmwecker f\u00fcr Tage mit hoher nervlicher Belastung erwachte ich selbst\u00e4ndig um exakt sechs Uhr, und das hatte seinen Grund nur zum Teil in der vermaledeiten Turmuhr am anderen Ende der Wohnung mit ihrem verdammten Glockenschlag.<br \/>\nNach dem abendlichen Sechsmillimeterschnitt am oberen Ende am Morgen also Entfernung des Haarwuchses unterhalb der Brille. Wie sch\u00f6n, ich hatte auch meinen Rasierer vergessen. Das hie\u00df, ich musste auf die Packung Einmal-Rasierer des Gro\u00dfvaters zur\u00fcckgreifen. So ein widerliches Kroppzeug kann man sich kaum vorstellen, mein Gesicht sah nachher aus wie ein rohes Schaschlik, nur ohne Spie\u00df drin. Ich entfernte die Blutkrusten durch eine letzte Gesichtsw\u00e4sche, bevor ich mich aufmachte, und zum Gl\u00fcck war es damit dann gut.<\/p>\n<p>Abfahrt Richtung S\u00fcdosten um 0720. Das Navigationsger\u00e4t zeigt mir eine gesch\u00e4tzte Reisezeit von knapp f\u00fcnf Stunden, aber bei einer Strecke von \u00fcber 400 Kilometern ist es nicht auszuschlie\u00dfen, dass es Schwierigkeiten mit Baustellen und was wei\u00df ich noch was geben kann. Ich rechne einfach mal mit sechs Stunden.<br \/>\nLandstra\u00dfe nach Zweibr\u00fccken, Autobahn und Bundesstra\u00dfe Richtung Landau, durch Hinterweidenthal und das Trifelsland. Schlie\u00dflich Autobahn nach Karlsruhe, von dort in Richtung Stuttgart. Auf der Strecke holte ich mir mein erstes Premiumfoto wegen \u00fcberh\u00f6hter Geschwindigkeit. LKW mit 120 \u00fcberholt, w\u00e4hrenddessen Begrenzung auf 100. Direkt nach Abschluss des \u00dcberholman\u00f6vers Begrenzung auf 80. In der Regel gehe ich nicht in die Eisen, sondern nehme einfach den Fu\u00df vom Gas. Leider ging&#8217;s da aber leicht bergab &#8211; als es in der n\u00e4chsten Kurve blitzte, standen immer noch etwa 100 km\/h auf dem Tacho. Es gibt halt immer ein erstes Mal und bei der n\u00e4chsten Gelegenheit bem\u00fche ich halt lieber die Bremskl\u00f6tze.<\/p>\n<p>Die Nachrichten im Radio verk\u00fcnden mir eine Weile sp\u00e4ter ein interessantes Urteil eines K\u00f6lner Gerichts: Es soll Hartz-IV-Empf\u00e4ngern verboten werden, Gl\u00fccksspiele zu spielen. Klingt an sich vern\u00fcnftig, weil man dabei in erster Linie an die d\u00e4mlichen Automaten in der Kneipe und an verantwortungsloses Pokern in verrauchten Nebenzimmern denkt &#8211; aber wie ich sp\u00e4ter h\u00f6re, schlie\u00dft dieser Begriff ganz locker auch Lotto ein. Wie man als Betreiber einer Lottoannahmestelle einen Hartz-IV-Empf\u00e4nger erkennt, ist mir nicht klar, aber vielleicht wird ja demn\u00e4chst verlangt, dass man sich einen &#8220;Hartz-IV-Stern&#8221; an die Jacke n\u00e4ht? Laut dem zitierten Urteil drohen bei Missachtung des Verbots bis zu sechs Monate Gef\u00e4ngnis oder eine Geldstrafe von 250.000 E. Zweihundertf\u00fcnfzigtausend Euro. Von einem Sozialhilfeempf\u00e4nger. Es gibt Dinge, die sind so schei\u00dfe, dass man dr\u00fcber lachen muss, um mal den Feldwebel Diete (1998) zu zitieren.<br \/>\nWie w\u00e4re es, wenn diese scheinbar gelangweilten B\u00fcrokraten die Leute mit den paar Kr\u00f6ten, die sie nicht zum nackten \u00dcberleben brauchen, machen lie\u00dfen, was ihnen Spa\u00df macht?<\/p>\n<p>Von Stuttgart in Richtung Kempten, um kurz nach Elf machte ich eine kurze Pause. Ist das zu glauben? Der Fruchtsaft, den ich mir f\u00fcr die Fahrt gekauft hatte, steht noch in der heimatlichen K\u00fcche! Zum Aus-der-Haut-fahren ist das doch! Dann muss es eben ohne gehen, bis ich in Oberammergau vielleicht was zu trinken kaufen kann.<br \/>\nIm Radio h\u00f6rte ich, wieder unterwegs und wohl anl\u00e4sslich der christlichen Fastenzeit, einen Beitrag \u00fcber Verzicht und Sucht, am Beispiel des Alkoholismus&#8230; wenn ich mir vornehme, eine Woche auf Alkohol zu verzichten und schaffe es nicht, dann ist der Fall wohl klar, aber ebenso bedenklich sei es, wenn allein die \u00dcberlegung eines solchen Verzichts schon Gegenreaktionen hervorruft (<em>&#8220;Ach was, das ist doch nicht n\u00f6tig&#8230;&#8221;<\/em>) <\/p>\n<p>Irgendwo bei Kempten sollte ich dann von der Autobahn abfahren und auf der Landstra\u00dfe weiter nach Oberammergau reisen. Ja, sollte, h\u00e4tte, w\u00fcrde. Die Autobahn da unten ist n\u00e4mlich neuer als die Daten im Navi. Das Navigationsger\u00e4t geht n\u00e4mlich noch davon aus, dass die Autobahn mitten in der Vorgebirgspampa aufh\u00f6rt und in eine untergeordnete Stra\u00dfe \u00fcberleitet. Ist aber nicht mehr so. An dem Punkt, wo mir die Abfahrt signalisiert wird, befindet sich keine solche, und auch danach kommt keine weitere Abfahrt. Schlie\u00dflich durchfahre ich einen Tunnel und werde auf der anderen Seite durch ein Schild in \u00d6sterreich willkommen gehei\u00dfen, und die Autobahn hat sich in das Gegenst\u00fcck zur deutschen Bundesstra\u00dfe verwandelt.<\/p>\n<p>Positiv an dieser Situation war aus \u00e4sthetischer Sicht eindeutig das sch\u00f6ne Wetter, das herrschte, denn bei Sonnenschein sehen die Alpen schlicht besser aus, als wenn es bew\u00f6lkt ist, und aus technischer Sicht, dass das mir vorliegende Navigationsger\u00e4t auch \u00d6sterreich mit einschlie\u00dft. Ich wurde am so genannten Plansee vorbeigef\u00fchrt, der zum Gro\u00dfteil geradezu malerisch zugefroren ist, durch ein beschauliches Dorf mit dem Namen &#8220;Kretzelmoos&#8221;, wo der Sprit auch nicht billiger zu sein scheint, als bei uns, anschlie\u00dfend \u00fcber einen Pass, wo noch meterhoch der Schnee und stellenweise Eis auf der Stra\u00dfe liegt, bis ich dann auf einer unauff\u00e4lligen Landstra\u00dfe einen ebenso unauff\u00e4lligen Grenz\u00fcbergang \u00fcberschritt, und mich auf den letzten 20 Kilometern Oberammergau von S\u00fcdwesten her n\u00e4herte, anstatt von Nordwesten. <\/p>\n<p>Um kurz nach 13 Uhr war ich in Oberammergau und stand auf dem Parkplatz der dortigen Kaserne. Die Architektur der drei- bis vierst\u00f6ckigen Geb\u00e4ude aus den Drei\u00dfigern hat etwas Bedrohliches an sich. Die Anlage war 1934 er\u00f6ffnet worden und beherbergte urspr\u00fcnglich die 54. Gebirgsfernmeldekompanie der I. Gebirgsdivision. Die NSO befindet sich in einem weiter abgegrenzten Bereich der Kaserne, deren frei zug\u00e4nglicher Teil die Verwaltungsschule der Bundeswehr beherbergt.<br \/>\nIch hatte also noch drei Stunden Zeit. Ich nutzte sie, um meine Notizen zur NSO noch einmal durchzugehen und ging zwischendurch auf eine Toilette der Verwaltungsschule. Ich fragte eine der Angestellten, ob man hier irgendwo was zu trinken kaufen k\u00f6nne. Ja, es gebe eine Kantine&#8230; aber halt, die sei heute ausnahmsweise geschlossen, weil wegen des Faschings die Kurse sp\u00e4ter angefangen h\u00e4tten und nichts los sei. Einen Supermarkt gebe es in der n\u00e4heren Umgebung nicht. Diese Information erhielt ich \u00fcbrigens in einwandfreiem Hochdeutsch, was ich hier in Bayern so nicht erwartet h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Ich ging um 1530 zum Tor, wo ich mich anmelden sollte. Noch bevor ich begriff, dass es sich auch hier um eine private Sicherheitsfirma handelte, sprach ich den Wachmann in englischer Sprache an, sah dann das Abzeichen seiner Firma, und dann h\u00f6rte ich die Art und Weise, wie er Englisch redet. Wir wechselten also zu Deutsch, und ich w\u00fcrde den Dialekt f\u00fcr zwei Drittel \u00d6sterreichisch und ein Drittel Bayrisch halten. Eine interessant klingende Mischung, die mir weniger &#8220;gro\u00dfkopfert&#8221; vorkommt, wie die M\u00fcnchner Vorlage. <\/p>\n<p>Wie dem auch sei, ich stand nicht auf der Besucherliste. Wie habe ich bei einer milit\u00e4rischen Organisation auch erwarten k\u00f6nnen, dass solcherlei Dinge glatt laufen? Wer mich denn eingeladen habe, fragte der Wachmann. Auch darauf konnte ich keine Antwort geben, weil ich diese Angabe am Telefon nicht verstanden habe. In der Regel nennt der Gegen\u00fcber seinen Namen in der kurzen Phase, die ich brauche, um auf Englisch umzuschalten. Ich machte also auf dem Absatz kehrt, ging zur\u00fcck an das Auto, kramte mein Telefon hervor, und w\u00e4hlte die Nummer, von der die Anrufe bislang kamen. Mein Kontaktmann versprach, das zu kl\u00e4ren. Ich ging also wieder zum Wachmann, der mir einen Besucherausweis f\u00fcr meinen Personalausweis \u00fcberreichte und mich in ein kleines Nebengeb\u00e4ude 80 m weiter schickte. Dort sollte ich beim Master Sergeant vorsprechen. <\/p>\n<p>In dem grauen Containerbau befinden sich ein gro\u00dfes und eine Handvoll kleinerer B\u00fcros, nebst einer Toilette direkt am Eingang. Ein klassisches Gesch\u00e4ftszimmer, eine Soldatin links am Rechner, ein Soldat rechts am Rechner. Ein paar eher unauff\u00e4llige Details im Raum lassen die Vermutung zu, dass diese Verwaltungsstelle von der US Air Force betrieben wird. Ich m\u00fcsse wohl noch etwa 20 Minuten warten, sagt der Soldat rechts und weist mir einen B\u00fcrostuhl neben der Eingangst\u00fcr zu.<br \/>\nWo ich den herk\u00e4me, wollte er dann wissen. Ich werde mit <em>&#8220;Sir&#8221;<\/em> angesprochen, f\u00fchlt sich irgendwie irre an&#8230;<br \/>\nSaarland? <em>&#8220;\u00c4h&#8230;&#8221;<\/em> Kennt er nicht.<br \/>\nTrier? <em>&#8220;\u00c4h&#8230;&#8221;<\/em> Kennt er auch nicht.<br \/>\nBitburg? <em>&#8220;Ah!&#8221;<\/em> Davon hat er geh\u00f6rt. Ich unterlasse die Frage, ob er es wegen des Biers oder wegen des Luftwaffenst\u00fctzpunkts in der Gegend kennt.<br \/>\nIch fragte lieber, ob schwarze Stiefel bei der Armee au\u00dfer Mode geraten seien. Er gab an, dass er zuletzt 2003 schwarze Stiefel getragen habe, seitdem gebe es eigentlich nur noch die sandbraunen Exemplare aus Wildleder. Das sind ja tolle Aussichten f\u00fcr mich, ein Paar schwarzer Armeestiefel aufzutreiben.<br \/>\nKurz darauf kam ein amerikanischer Gefreiter herein und sagte, er \u00fcberbringe eine schriftliche Anfrage (&#8220;request&#8221;). Die Soldatin links nahm das Blatt entgegen, runzelte die Stirn und fragte ihn:<br \/>\n<em>&#8220;<strong>Wie<\/strong> schreibt man request?&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Nun, R-E-Q&#8230;&#8221;<\/em> Er z\u00f6gerte eine Sekunde.<br \/>\n<em>&#8220;R-E-Q-U-E-S-T! Da ist ein U drin!&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Echt? Oh&#8230;&#8221;<\/em> Er nahm eines von diesen Korrekturb\u00e4ndern vom Schreibtisch, strich das falsche Wort aus und schrieb es mit einem Kugelschreiber richtig dr\u00fcber. Ich am\u00fcsierte mich pr\u00e4chtig. Elit\u00e4re Verh\u00e4ltnisse bei der NSO.<\/p>\n<p>Dann kam der Master Sergeant herein. Ich h\u00e4tte, der Stimme am Telefon nach zu urteilen, alles m\u00f6gliche andere erwartet, aber nicht einen Schwarzen Ende 20 von 1,65 m. Immerhin macht er einen geistig wacheren Eindruck als sein dr\u00f6ges GeZi-Personal. Er f\u00fchrte mich in das gr\u00f6\u00dfere Geb\u00e4ude nebenan, in das Besprechungszimmer, wo das Bewertungskomittee sa\u00df. Mich empfing ein dicker Oberst der Bundeswehr, neben ihm ein Oberstleutnant der gleichen Armee, und eine Dame um die F\u00fcnfzig in Zivil. Der Master Sergeant war der einzige Amerikaner im Raum, und der ist noch nicht mal von der Army, an die ich die Bewerbung mal geschickt hatte. Ich war etwas verwirrt. Man wies mir auf Deutsch einen schwankenden Stuhl zu (also einen B\u00fcrosessel, dessen Ausrichtung sich dem jeweiligen K\u00f6rperschwerpunkt angleicht) und f\u00fchrte dann das Gespr\u00e4ch in englischer Sprache weiter. Die beiden Leute von der Bundeswehr haben einen schier grausamen Akzent, ihre Grammatik weist Fehler auf. <em>&#8220;Thank you for your informations.&#8221;<\/em> Alles klar? Warum musste ich gerade von solchen Leuten interviewt werden? Nicht, dass die beiden Offiziere unsympathisch w\u00e4ren, aber ihre Art, Englisch zu sprechen, hat auch nicht dazu beigetragen, dass ich in die Situation hineinfand.<\/p>\n<p>Ich glaube nicht, dass das Gespr\u00e4ch g\u00fcnstig f\u00fcr mich gelaufen ist. Ich habe mir eine Menge Zeug zurecht gelegt, aber da ich in m\u00fcndlichen Pr\u00fcfungssituationen zur Nervosit\u00e4t neige, habe ich die H\u00e4lfte davon vergessen, was zum Beispiel die Heraushebung pers\u00f6nlicher St\u00e4rken betrifft. Ich muss davon mal eine schriftliche Liste erstellen, damit ich mich an die auch unter Stress erinnern kann. Ich h\u00e4tte spontan erw\u00e4hnen k\u00f6nnen, dass ich Englisch besser schreibe, als so mancher Muttersprachler hier am Standort.<br \/>\n<em>&#8220;Warum bewerben Sie sich f\u00fcr diese Stelle?&#8221;<\/em> fragte der Oberst gleich zu Beginn. Anstatt also die landschaftlichen Vorz\u00fcge des Allg\u00e4us zu loben, auf Alpenurlaube meiner Kindheit hinzuweisen (womit ja eine pers\u00f6nliche und emotional nachvollziehbare Motivation genannt worden w\u00e4re), und letztendlich vom guten Ruf der NSO zu lobhudeln, wo meine Anstellung nur verglichen werden k\u00f6nne mit dem Videospielfreak, der ein Jobangebot von Nintendo erh\u00e4lt, zerschoss ich mein Anliegen sofort mit der ebenso wahren Geschichte, dass ich lediglich wegen der Jobbeschreibung, in der von Berufserfahrung keine Rede war, auf den Gedanken gekommen war, dass ich f\u00fcr die Arbeit geeignet sei und dass ich im Grunde nur versuchen wolle, auf dem Jobmarkt Halt zu bekommen. Die Aussage tat mir im gleichen Moment leid, in dem ich den Satz beendet hatte. Goodbye, Oberammergau.<br \/>\nVon der Frage nach meiner Erfahrung im Bildungsbereich m\u00fcssen wir gar nicht reden. Bis zu genau dem Zeitpunkt bin ich davon ausgegangen, es handele sich um einen Verwaltungsjob, f\u00fcr den man eben MS-Office-Kenntnisse braucht. Erst, als die Frage nach meiner Erfahrung im Bildungsbereich kam, ging mir ein Licht auf: Es geht nicht nur um Verwaltung &#8211; es geht um die Entwicklung und die Bereitstellung von Lerninhalten f\u00fcr die internationale Gemeinschaft von Offizieren und Unteroffizieren, die hier weitergebildet werden soll. Ich konnte an der Stelle nur darauf verweisen, dass Zweitspracherwerb mit Hilfe von elektronischen Korpora immerhin ein Schwerpunkt meiner Universit\u00e4tsausbildung war, und dass ich zumindest \u00fcber theoretisches Wissen \u00fcber die Anwendung p\u00e4dagogischer Inhalte am Rechner verf\u00fcgte. In dem Moment fragte ich mich, warum die mich \u00fcberhaupt eingeladen hatten, denn schlie\u00dflich m\u00f6chte ich mal ausschlie\u00dfen, dass hier Dutzende von Leuten vorsprechen und nicht ein Gro\u00dfteil von denen bereits \u00fcber das hier geforderte Hintergrundwissen verf\u00fcgt.<br \/>\nIch glaube, die einzig gute Antwort, die mir einfiel, geh\u00f6rt zu der Frage, warum ich der Meinung sei, ich sei der beste f\u00fcr diesen Job geeignete Bewerber. In einem Anfall von rhetorischem Geschick (und selbst das ist im Nachhinein fragw\u00fcrdig) wies ich darauf hin, dass es dumm von mir w\u00e4re, genau das zu behaupten, n\u00e4mlich der beste zu sein, dass ich aber stattdessen mit gutem Gewissen behaupten k\u00f6nne, die mir gestellten Aufgaben nach bestem Wissen und Gewissen zu erledigen.<br \/>\n<em>&#8220;Haben Sie noch Fragen?&#8221;<\/em> Mir f\u00e4llt in der Regel auf die Frage nie was ein, aber in diesem Fall interessierte mich nat\u00fcrlich, ob mir im Falle des Falles jemand helfen k\u00f6nne, eine Wohnung f\u00fcr zwei zu finden, und wie die Mieten seien. Ja, Hilfeleistung bei der Wohnungssuche sei auf jeden Fall drin, und die Warmmieten f\u00fcr 2ZKB l\u00e4gen so bei 450 E.<br \/>\nAu\u00dferdem interessierte mich die Frage, warum man jemanden wie mich, der \u00fcber keinerlei konkrete Berufserfahrung in dem gew\u00fcnschten Feld verf\u00fcgt, denn \u00fcberhaupt eingeladen habe. Das entscheide die Personalstelle des Hauptquartiers in Stuttgart, erz\u00e4hlte mir der Oberst. Er erhalte nur die Daten der Auserw\u00e4hlten, lade sie ein, stelle ihnen die notwendigen Fragen, und gebe anschlie\u00dfend seine Auswahlempfehlung weiter.<\/p>\n<p>Kurzum, wenn man mich nicht wegen meines sympathischen Auftretens nimmt, ist dieser Zug abgefahren. Ich verabschiedete mich nach etwa 20 Minuten und ging zum Auto zur\u00fcck. Da war es zwanzig vor F\u00fcnf. Ein eher zuf\u00e4lliger Blick auf meine Notizen offenbarte mir aber etwas, an das ich h\u00e4tte denken sollen: Ich brauche schriftliche Nachweise meiner Einladung und meiner Anwesenheit. Ich w\u00e4hlte erneut die Nummer des Master Sergeants, aber der war in jenem Moment bereits mit dem n\u00e4chsten Bewerber besch\u00e4ftigt und ich erwischte nur den geografisch unbegabten GeZi-Soldaten. Ich solle in 30 Minuten noch einmal anrufen, sagt der.<\/p>\n<p>Ich d\u00f6ste also im Auto vor mich hin, bei offenem Fenster. Auf dem Parkplatz, auf den die Sonne herabschien, war es fast fr\u00fchlingshaft warm. Ein paar Meter links von mir befand sich eine Mauer, hinter der sich die Wohnanlage der NSO verbirgt. Ein paar Kinder spielten direkt hinter der Mauer, am deutlichsten dabei ein Englisch sprechender kanadischer Junge, der im Laufe der halben Stunde dreimal <em>&#8220;What the balls!?&#8221;<\/em> ausrief. <em>&#8220;What the fuck?&#8221;<\/em> ist f\u00fcr Angeh\u00f6rige von Offizieren wohl zu vulg\u00e4r, und auch <em>&#8220;What the hell?&#8221;<\/em> scheint irgendwie verp\u00f6nt. Ich h\u00e4tte daher mit <em>&#8220;What the heck?&#8221;<\/em> gerechnet, aber <em>&#8220;What the balls?&#8221;<\/em> ist mir v\u00f6llig neu, und auf Grund der dennoch inneliegenden sexuellen Anspielung sehr am\u00fcsant. Dass es sich um einen jungen Kanadier handelte, konnte ich daraus erfahren, dass im Laufe meines Zuh\u00f6rens weitere Kinder den abgesperrten Bereich betraten, denen er sich dann als Kanadier vorstellte.<\/p>\n<p>Um Viertel nach F\u00fcnf rief ich erneut im Gesch\u00e4ftszimmer an, aber der Master Sergeant war immer noch nicht da. Ich schilderte also dem Soldaten am anderen Ende der Leitung die Lage quasi zweimal, bis ich das Gef\u00fchl hatte, dass er verstanden hatte, was ich brauche, damit mir die B\u00fcrokratie meine Reisekosten ersetzt. <em>&#8220;Das ist aber nett!&#8221;<\/em> sagte er dazu. Ich h\u00e4tte ihm beinahe einen Vortrag \u00fcber den Unterschied zwischen sozialer Sicherheit einerseits und dem amerikanisch-konservativen Hirngespinst von der &#8220;sozialistischen Sicherheit&#8221; andererseits gehalten, aber ich hielt mich zur\u00fcck. <\/p>\n<p>Um zwanzig nach F\u00fcnf a\u00df ich mein zweites Br\u00f6tchen und machte ich mich dann endg\u00fcltig auf den Weg, und binnen der kommenden 30 Kilometer brauchte ich dringend eine Tankstelle. Ein Supermarkt w\u00e4r auch nicht schlecht gewesen, denn ich hatte mittlerweile Durst. Ich fuhr in den Ort hinein, um zu sehen, ob ich vielleicht eines der bekannten Markenschilder entdecken konnte. Die Gassen sind eng und verwinkelt, die Verkehrsf\u00fchrung un\u00fcbersichtlich, weil hier die H\u00e4user scheinbar nach Zufallsprinzip nebeneinander gestellt wurden und Jahrhunderte sp\u00e4ter hat man einfach an den breitesten Stellen eine Stra\u00dfe durchgef\u00fchrt. Ich fand eine Apotheke, das Rathaus, das sich von den anderen H\u00e4usern nicht so deutlich unterscheidet, einen Laden f\u00fcr Schnitzereien, f\u00fcr sonstige Andenken, zwei kleine Elektrol\u00e4den, Pensionen und Hotels, aber der einzige Laden, in dem es was zu trinken gibt, ist ein Spirituosengesch\u00e4ft.<br \/>\nWie durch ein Wunder fand ich ohne gro\u00dfe Probleme wieder aus der d\u00f6rflichen Innenstadt heraus und fuhr zur\u00fcck Richtung Kempten, diesmal ohne Ausflug nach \u00d6sterreich.<\/p>\n<p>Nach Oberammergau durchquerte ich Unterammergau&#8230; sp\u00e4ter tankte ich dann in Saulgrub&#8230; die Bayern haben schon lustige Ortsnamen. Wenn hier in Kenn lauter Kenner wohnen, dann muss ich wohl davon ausgehen, dass da unten in S\u00f6ld ausschlie\u00dflich S\u00f6ldner leben.<br \/>\nEin Kalauer, hahaha!<br \/>\nIm Radio lief ein Informationsprogramm zum Thema Darmkrebs, dessen Auftreten bei Menschen \u00fcber 50 sprunghaft ansteigt, f\u00fcr den es allerdings mittlerweile gute Fr\u00fcherkennungs- und Heilverfahren gebe. Sp\u00e4testens ab dem 54. Lebensjahr kann man anscheinend von der Krankenkasse bezahlte Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch nehmen.<\/p>\n<p>In Saulgrub hatte ich meine erste feindliche Begegnung mit der E10 Zapfs\u00e4ule und ging erst mal an die Kasse, um Informationen zu meinem Autotyp zu erhalten. Zu Peugeot stand da geschrieben, dass alle Modelle, die nach 2000 gebaut worden sind, E10 vertragen. Ich glaube mich allerdings zu erinnern, dass das vorliegende Modell bereits Ende der Neunziger gebaut worden ist. Ich h\u00e4tte in den Papieren nachsehen k\u00f6nnen, aber ich kam in dem Moment nicht drauf. Abgesehen davon tanke ich grunds\u00e4tzlich Super Plus, bzw. Treibstoff mit einer Oktanzahl von mehr als 95, weil der Motor besser l\u00e4uft und das Plus an Reichweite den Preisunterschied ausgleicht. Auch die Angestellte hier sprach ein \u00fcberraschend sauberes Hochdeutsch. Sind es dann letztendlich doch die Schwaben, bei denen man niemanden findet, der es beherrscht?<\/p>\n<p>Mein erster Versuch, auf die Autobahn zu kommen, scheitert ebenso wie mein vergangener Versuch, sie zu verlassen: Statt einer Auffahrt sehe ich an der im Navigationsger\u00e4t vorgesehenen Stelle eine Baustelle von einem halben Hektar. Dann also weiter durch die Landschaft, versorgt mit Informationen zum Thema Darmkrebs. Als der Sender auf der Autobahn Richtung Stuttgart dann zu schwach wurde, fand ich woanders einen Beitrag \u00fcber eine Buchh\u00e4ndlerin, das hei\u00dft die Besitzerin der so genannten &#8220;Literaturhandlung&#8221;, aus M\u00fcnchen, eine Frau Dr. Rachel Salamander. Scheinbar eine interessante Pers\u00f6nlichkeit, die mit Literaturgr\u00f6\u00dfen wie Reich-Ranitzky auf Du-und-Du ist, und nat\u00fcrlich konnte der Moderatur sich den Seitenhieb nicht verkneifen, indem er fragte, ob sie denn eine &#8220;echte&#8221; Doktorin sei. Ja, sie hat summa cum laude in Medi\u00e4vistik promoviert.<\/p>\n<p>Bei der Einfahrt in Stuttgart dann eine Sendung zum Thema Hartz-IV, die ich leider nicht zu Ende h\u00f6ren konnte. Es ging um einen Geisteswissenschaftler, der unter anderem Philosophie studiert hatte und nach seinem Abschluss ein Jahr arbeitslos gewesen war. In diesem Jahr hat er wohl seine Erfahrungen mit den Arbeits\u00e4mtern protokolliert und dann ein Buch dar\u00fcber herausgegeben, und vieles von dem, was er erz\u00e4hlte, entsprach voll und ganz meinen eigenen Eindr\u00fccken: Dass zum Beispiel das Personal der Arbeits\u00e4mter mit Universit\u00e4tsabsolventen v\u00f6llig \u00fcberbeansprucht ist und selbst nicht wei\u00df, was man mit denen anfangen kann, und dem entsprechend fielen die wenigen Jobangebote und Fortbildungsma\u00dfnahmen aus, die er in dieser Zeit von dort bekam. Er sagte, er sei nur einmal an eine junge, scheinbar neu eingestellte Urlaubsvertretung geraten, die ihm von sich aus von F\u00f6rdermitteln erz\u00e4hlte, auf die er Anspruch habe, und die ihm auch was nutzten. Sie war scheinbar noch nicht von ihrer Umgebung befleckt, sagte er, und mutma\u00dft weiterhin, dass wohl niemand, der \u00fcber die Kontakte und die Anlagen verf\u00fcgt, etwas anderes in dem Feld zu finden, als Vermittler beim Arbeitsamt (bzw. ArGe\/&#8221;Jobcenter&#8221;) bleibe. Ich interpretiere: Wenn ich als Zivilist f\u00fcr nichts tauge, melde ich mich zur Armee, und wenn ich f\u00fcr die Armee grade einen Tick zu gut bin, dann bewerbe ich mich beim Arbeitsamt. Ich sehe Alex schon indigniert die Stirn runzeln&#8230;<\/p>\n<p>Um halb Neun erreichte ich die Adresse, wo ich \u00fcbernachten m\u00f6chte, und ein dieser Tage b\u00e4rtiger Kamerad aus den Zeiten bei der eben erw\u00e4hnten Armee empfing mich sehr herzlich. Wir tranken zwei Flaschen Wein und unterhielten uns \u00fcber dies und das, wobei seine negative Weltsicht einen nicht unwesentlichen Teil zum Inhalt beisteuerte. Ich kann&#8217;s ihm auch nicht verdenken, schlie\u00dflich ist er seit mehreren Jahren arbeitslos, das frisst am Selbstbild. Er zeigte mir ein Jobangebot, Vollzeitstelle, aber bei <em>&#8220;Zoo &#038; Co.&#8221;<\/em> brauche er sich erst gar nicht zu bewerben, weil die ihn schon einmal abgewiesen h\u00e4tten, wo ich mir denke <em>&#8220;Na und?&#8221;<\/em> Eine Standardbewerbung zu versenden kostet nicht wirklich ultimativ viel M\u00fche, aber mich beschleicht das Gef\u00fchl, dass er in dieser Hinsicht schlicht aufgegeben hat. Dass er sein eigenes Ding mit Internetgesch\u00e4ften machen will, ist nat\u00fcrlich gut, ich hoffe aber inst\u00e4ndig, dass sich dieses Projekt letztendlich nicht als auf Sand gebaute Realit\u00e4tsflucht erweist. Als Laie diagnostiziere ich hier einen manisch-depressiven Zustand, und ich habe eine gute Vorstellung davon, wie so jemand tickt. Ich verspreche jedenfalls, an Arbeit beizusteuern, was ich kann, denn mit dem Englischen hat er es nicht so, und ich bin weit davon entfernt, irgendjemanden h\u00e4ngen zu lassen. Vielleicht sollte ich das mal ganz oben auf der Liste meiner pers\u00f6nlichen St\u00e4rken festhalten. <\/p>\n<p>Die Wohnung macht einen ganz \u00e4hnlichen Eindruck wie sein Innenleben. Aufger\u00e4umt, ja, wenn auch mit einer Menge Krempel vollgestopft, aber ich meine mehr die Grundvoraussetzungen, die diese Wohnung bietet. Es handelt sich um einen Altbau, dessen widerliche Backsteinarchitektur den Eindruck macht, er stamme aus dem finstersten Industriezeitalter in der sp\u00e4ten Kaiserzeit. Die Heizung ist uralt, die Fenster entsprechen keinem Umwelt- oder Energiestandard der vergangenen 30 Jahre. Zum Waschbecken im &#8220;Bad&#8221; muss ich mich zum Z\u00e4hneputzen sehr tief herabbeugen oder mich auf die Toilette setzen. Der Boden dieses 0,5 qm kleinen Raums besteht aus Holz, von einem Bodenabfluss keine Spur. Der Geruch der sanit\u00e4ren Anlage zeugt vom Sanierungsbedarf der Rohrleitungen. Und das allerverr\u00fcckteste: Wenn man duschen oder baden m\u00f6chte, muss man hierzu in die K\u00fcche gehen! Gegen\u00fcber der Kochzeile mit Waschmaschine befindet sich ein metallener Deckel von 1&#215;2 Metern, unter dem sich eine Badewanne verbirgt. Und f\u00fcr dieses Loch zahlt man in Stuttgart \u00fcber 400 Euro Warmmiete. Ich gehe davon aus, dass meine Wohnung in Trier ein paar Quadratmeter weniger hat, aber daf\u00fcr befindet sich das Haus in einem allgemein viel besseren Zustand.<\/p>\n<p>Um halb zwei war ich dann so m\u00fcde, dass ich die Augen kaum noch offen halten konnte. Ich nahm daher in einem Schlafsack, der gerade so breit ist, dass ich noch problemlos reinpasse, die linke H\u00e4lfte seines Doppelbetts in Beschlag. Mein Gastgeber ging um etwa Drei ins Bett und stand um Acht wieder auf. Bis ich die Augen aufkriegte, war es bereits Zehn. <\/p>\n<p>Ich betrat das Wohnzimmer und h\u00e4tte wegen des kalten Zigarettenrauchs schon kotzen k\u00f6nnen. Dann wurde ich empfangen mit der Nachricht, dass in Japan ein kleiner Weltuntergang stattgefunden habe, dass es in Sendai starke Zerst\u00f6rungen gegeben habe und wegen des Ausfalls eines K\u00fchlsystems in einem Kernreaktor bei Fukushima eine nukleare Katastrophe drohe. Ich sah auf dem Computerbildschirm Szenen von meterhohen Ger\u00f6lllawinen, die sich durch Ortschaften und \u00fcber Reisfelder ergie\u00dfen, Autos, die wie Spielzeug einfach weggesp\u00fclt werden, brennende H\u00e4user, die auf der Welle schwimmen. Nicht ganz <em>Taiy\u00f4 no Mokushiroku<\/em> (<em>&#8220;Die Apokalypse der Sonne&#8221;<\/em>, ein Anime mit Endzeitthema und sozialem Anspruch), aber nah dran. Das Hanshinbeben in Kobe (1995) hat damals 4500 Menschenleben gekostet. Je nach Vorwarnzeit k\u00f6nnten es diesmal mehr sein, vermutlich aber weniger als in Tokyo anno 1923, das mit \u00fcber 140.000 Toten kaum zu \u00fcbertreffen sein d\u00fcrfte.<br \/>\nDas aktuelle Beben wird mit 8,9 auf der Richterskala angegeben&#8230; ach Du meine G\u00fcte! H\u00e4tte dieses Beben die Insel direkt getroffen, w\u00e4re jede Stadt in dem Gebiet in Schutt und Asche versunken. Ich glaube, die Wolkenkratzer in Tokyo halten nur St\u00e4rke 8 aus, und das Kant\u00f4gebiet, in dem sich die Metropole befindet, beherbergt ein Wirtschaftsvolumen, das dem ganz Frankreichs entspricht &#8211; man stelle sich vor, ganz Frankreich w\u00fcrde zerst\u00f6rt. Unglaublich.<\/p>\n<p>Nach 20 Minuten war klar, dass die Faktenlage noch viel zu unsicher ist, um mehr als das Allergr\u00f6bste zu erfahren, au\u00dferdem waren die Webseiten der Nachrichtensender v\u00f6llig \u00fcberlastet, was das Betrachten der wenigen verf\u00fcgbaren Videos schwierig machte. Es wird wohl Tage dauern, bis handfeste Informationen verf\u00fcgbar sein werden, und bis dahin wird sich die Presse dankbar auf den kritischen Zustand des Atommeilers st\u00fcrzen. Das verkauft sich wegen Chernobyl (1986) noch besser als eine \u00fcbersp\u00fclte Landschaft und eine verw\u00fcstete Gro\u00dfstadt, die beide weit weg von hier sind.<br \/>\nMeine Sorge gilt jedenfalls in erster Linie meinen Freunden Kanako und Yui, die an der Universit\u00e4t von Sendai studieren. Den Bekanntschaften im Rest des Landes werde ich ich sp\u00e4ter schreiben, in Stuttgart verf\u00fcgte ich ja nicht \u00fcber japanische Tastaturunterst\u00fctzung.<\/p>\n<p>Um halb Zwei machte ich mich wieder auf in Richtung Heimat und warf die nicht mehr ben\u00f6tigten Notizen, die ich vor meiner Reise ausgedruckt hatte, in einen Papierm\u00fcllbeh\u00e4lter in dem kleinen Hof des Mietshauses. Um Stuttgart herum viel Stau, die Autobahn nach Karlsruhe wird auch vielerorts ausgebessert, zum Teil Stop-and-Go. Die Radiosender hatten kein anderes Thema als das Seebeben vor der japanischen K\u00fcste. Quasi nach jedem Lied gab es einen Einschub, in dem darauf hingewiesen wurde und die Moderatoren telefonierten live mit Deutschen in Tokyo und auf Hawaii, wo das andere Ende der Flutwelle gegen 15 Uhr erwartet wurde. Dabei gab es keine neue Lageinformation, und auch die pers\u00f6nliche Sichtweise der Anrufer \u00e4nderte daran nichts, dass einem das Thema nach zwei Stunden auf den Keks ging. Da wurde viel geredet, aber nur wenig Neues gesagt, und das Neue kam in hom\u00f6opathischen Dosen.<\/p>\n<p>Noch einmal Stau auf der B14, die streckenweise wegen einer Baustelle nur einspurig ist, die Autobahn in Richtung Zweibr\u00fccken dagegen erwies sich als frei. Zuletzt brachte ich den Tank noch auf den F\u00fcllstand, den er vor der Fahrt hatte. Die Tankkosten betragen 95 E, zuz\u00fcglich weiterer 15 E, die ich sp\u00e4ter am Abend noch in die Kiste meines Vaters tankte, um ihn f\u00fcr die gefahrenen Kilometer etwas zu entsch\u00e4digen.<\/p>\n<p>Im Gau musste ich dann den endg\u00fcltigen Kilometerstand festhalten und stellte bei der gelegenheit ein weiteres Vers\u00e4umnis fest: Ich hatte den Zettel mit dem Kilometerstand am Start in Stuttgart mit in die Tonne geworfen! Soviel Eselei m\u00fcsste eigentlich wehtun. Ich rief also den Kameraden in Stuttgart noch einmal an und bat ihn, den Zettel zu bergen und mir die gesuchte Zahl zu \u00fcbermitteln. Er werde das mangels Handy per Mail tun, versprach er. Dann packte ich nach einer halbst\u00fcndigen Pause lediglich noch meine Sachen zusammen, nahm von den Gro\u00dfeltern noch dankbar eine kleine Lebensmittelspende entgegen, und machte mich auf den vorletzten Teil des R\u00fcckwegs.<br \/>\nAm Tisch des Vaters verspeiste ich dann ein Kilo Fleisch in Form von knusprigen H\u00e4hnchenschenkeln, dazu noch ein paar Pommes und etwas Gem\u00fcse, bevor ich gerade noch den Zug in Richtung Trier erreichte.<\/p>\n<p>Das n\u00e4chste Dilemma erwartete mich dort: Ich brauchte n\u00e4mlich noch einen Fahrschein, und wenn ich mir einen am Automaten gezogen h\u00e4tte, h\u00e4tte ich den Zug verpasst. Aber es hei\u00dft ja, wenn man aktiv den Fahrbegleiter aufsucht und ihm die Situation schildert, k\u00f6nne man Kulanz erwarten und das Ticket im Zug nachl\u00f6sen.<br \/>\nEin junger Mann im Trainingsanzug mit, hihi, &#8220;Migrationshintergrund&#8221; hatte das gleiche Problem, aber der war bereits da gewesen, als ich am Bahnsteig ankam. Statt eines Schaffners fanden wir jedenfalls erst einmal zwei weibliche Angestellte der &#8220;DB Security&#8221;, deren Gespr\u00e4chsinhalte etwa ebenso vulg\u00e4r r\u00fcberkamen, wie die beiden fett waren. BMI deutlich \u00fcber 30, w\u00fcrde ich sch\u00e4tzen. Ich schilderte also erst mal denen die Lage und sie sagten, damit sei meiner Sorgfaltspflicht in einem solchen Fall gen\u00fcge getan, allerdings w\u00fcrden sie in Merzig aussteigen. Ich machte mich also lieber auf, den Schaffner selbst zu suchen. War aber keiner da, worauf ich die Auskunft bekam, dass es sein k\u00f6nne, dass ein Schaffner in Merzig zusteige. Auch das passierte nicht. Na, dann war immerhin diese eine Fahrt kostenfrei. <\/p>\n<p>Bis ich dann zuhause war, war es etwa Viertel vor Elf, und ich hatte keinen Nerv, noch lange aufzubleiben. Abgesehen davon stanken meine Klamotten abscheulich und ich wollte sie schnellstm\u00f6glich &#8220;absto\u00dfen&#8221;. <\/p>\n<p>Am folgenden Morgen fand ich dann in der Tat zwei Mails vom Master Sergeant vor. In der ersten schickte er mir ein Einladungsschreiben per PDF, das auf den 9. M\u00e4rz datiert war, und in der zweiten eine auf den 11. M\u00e4rz datierte Best\u00e4tigung meiner Anwesenheit in Oberammergau. Und laut Unterschrift ist er tats\u00e4chlich von der Air Force.<br \/>\nDer Kilometerstand liegt mir nun in seiner Gesamtheit vor und ich bin insgesamt 933 Kilometer gefahren, und dazu muss man eigentlich den Weg von Trier nach Gersheim noch addieren, was ja noch weitere 300 sein d\u00fcrften.<br \/>\nAuch der Antrag f\u00fcr die Fahrtkostenerstattung kam heute mit der Post, und den gilt es noch auszuf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem fand sich in Post ein mittlerweile zweites Hinweisschreiben der Blieskastler Notarin, dass sie bitte einen \u00dcberweisungsnachweis f\u00fcr die Grundschuldtilgung zur \u00dcbergabe des Gersheimer Hauses erhalten m\u00f6ge. Ich rief daher gleich den Gro\u00dfvater an, um ihn darauf aufmerksam zu machen. Ja, sagte der, diese Rechnung sei noch gar nicht bezahlt, das Geld m\u00fcsse er erst einmal auftreiben, weil er in den letzten Wochen so viele hohe Rechnungen erhalten habe (unter anderem erw\u00e4hnte er 900 Euro f\u00fcr das Auto). Klingt ja toll. Ich gehe also mal davon aus, dass er sich vor der Aktion mit der notariellen \u00dcbergabezeremonie nicht dar\u00fcber informiert hat, was die ganze Sache kosten w\u00fcrde. Am Montag will er also die Notarin besuchen, um ich wei\u00df nicht was zu kl\u00e4ren. Vielleicht kann man den Betrag ja stunden. Aber ich hoffe, dass diese Sache nicht noch allzu heiter wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;doch ich armer Arbeitsloser wollte nicht mehr joblos sein. Am 8. M\u00e4rz erhielt ich einen Anruf in englischer Sprache, den ich erst gar nicht zuordnen konnte. Nach einigen S\u00e4tzen erst wurde klar, dass man mich zu einem Vorstellungsgespr\u00e4ch einlud. Nach Oberammergau. Ob ich in zwei Tagen, am 10. 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