{"id":1417,"date":"2011-02-10T13:53:58","date_gmt":"2011-02-10T12:53:58","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=1417"},"modified":"2017-10-22T12:41:09","modified_gmt":"2017-10-22T10:41:09","slug":"magna-cum-laude","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=1417","title":{"rendered":"MAGNA! CUM! LAUDE!"},"content":{"rendered":"<p>Wenige Monate nach meiner leidlichen Magistrierung hat ein Schulfreund sein Promotionsverfahren bestanden und ich hatte die Ehre und das Gl\u00fcck, zur Thesenverteidigung anwesend gewesen zu sein.<\/p>\n<p>Der Vortrag fand in Homburg auf dem Campus der Uniklinik statt, und hingefahren bin ich mit dem Rheinland-Pfalz-Ticket der Deutschen Bahn, das es f\u00fcr 21 E erlaubt, am Tag des Erwerbs innerhalb von Rheinland-Pfalz und des Saarlandes alle Nahverkehrsz\u00fcge zu benutzen. Wenn man bedenkt, dass eine gew\u00f6hnliche Fahrkarte nach Saarbr\u00fccken schon 15,80 E kostet, muss man das als Schn\u00e4ppchen bezeichnen. Das Dumme ist halt, dass ich ein solches Ticket nicht f\u00fcr meine Besuche der Gro\u00dfeltern (mit dem oft eingeschobenen Spielnachmittag und -abend) verwenden kann, weil es nur am Erwerbstag g\u00fcltig ist.<\/p>\n<p>Ohne Wartezeit wechselte ich in Saarbr\u00fccken den Zug und befand mich zwei Stunden vor Beginn der Veranstaltung im sonnigen, aber auch zugigen und eisig kalten Homburg, wo, im Unterschied zu Trier, stellenweise auf Gr\u00fcnfl\u00e4chen noch Schnee lag. H\u00e4tte ich einen sp\u00e4teren Zug genommen, die im Zweistundentakt fahren, h\u00e4tte ich jedenfalls nicht p\u00fcnktlich erscheinen k\u00f6nnen. Ich &#8220;freue&#8221; mich ja immer, wenn ich im \u00f6ffentlichen Verkehr maximale Wartezeiten raushole.<br \/>\nDie halbe Stunde Fu\u00dfmarsch vom Bahnhof zum Campus schlug immerhin etwas Zeit tot, und mit Ausnahme meines Gesichts war mir eigentlich recht warm wegen der Bewegung. Dazu kamen noch zwanzig Minuten, die ich an der Uniklinik brauchte, um das Geb\u00e4ude zu finden, weil mich zwar ein erstes Schild hinter der Hauptzufahrt in die richtige Richtung wies, auf den danach folgenden Hinweisschildern dagegen das Geb\u00e4ude Nr. 61 aber nicht mehr angegeben war. Ich ging also einmal zur\u00fcck zum ersten Schild, um sicherzugehen, dass ich nichts \u00fcbersehen hatte. <\/p>\n<p>Ich hatte noch knapp mehr als eine Stunde Zeit, als ich endlich das Geb\u00e4ude und darinnen den richtigen H\u00f6rsaal gefunden hatte. Ich las in einer Einf\u00fchrung in die Geschichte der menschlichen &#8220;Horizonterweiterungen&#8221; von Asimov (<em>Exploring the Earth and the Cosmos<\/em>, 1982) und h\u00f6rte nebenher eine Darlegung \u00fcber irgendwelche Viren von zwei Studenten f\u00fcnf Meter weiter, die wohl eine Pr\u00fcfung vorbereiteten.<\/p>\n<p>Um 1555 sa\u00df ich dann im H\u00f6rsaal. Abgesehen von den vier Pr\u00fcfern befanden sich noch etwa ein Dutzend weiterer Zuh\u00f6rer im Raum, zum Gro\u00dfteil seine Studienkollegen, aber auch seine Frau und der S\u00e4nger seiner Band, der mit mir der einzige im Raum war, der weder Computer- noch Naturwissenschaften studiert hatte. <\/p>\n<p>Der Vortrag hatte keinen unkomplizierteren Titel als<br \/>\n<em>&#8220;Development of a System for Optical High-Resolution Screening of Primary Cultured Cells&#8221;<\/em>.<br \/>\nIch kann nicht behaupten, einen Gro\u00dfteil der Ausf\u00fchrungen wirklich verstanden zu haben, aber immerhin erlaubte mir meine Allgemeinbildung, die Grundlagen \u00fcber die Funktionen des Herzmuskels und von Zellen allgemein nachvollziehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es w\u00fcrde mir also schwerfallen, an dieser Stelle ein Protokoll zu verfassen, in dem es um eine automatische Versuchseinheit mit Muskelzellen in N\u00e4hrl\u00f6sung, um wechselnde Polarit\u00e4t von Reizstrom, und um \u00f6labweisende (&#8220;oleophobe&#8221;) Folien geht, die es erlauben, die Versuchsanordnung mittels einer darunter angebrachten Kamera, auf deren Linse ein \u00d6ltropfen schwimmt, zu filmen. Ich betone also, dass ich mich auf das beschr\u00e4nken muss, was mir auffallen konnte, und was in meinen verschwommenen Kompetenzbereich passte. <\/p>\n<p>Bei all der Biologie ging nach meinem Ermessen beinahe ein bisschen unter, dass es in erster Linie gar nicht um Biologie, sondern um Informatik, das hei\u00dft um die Programmierung der Versuchssteuerung, und die verwendete Hardware ging.<br \/>\nFaszinierend war jedoch eindeutig die \u00f6labweisende Folie (die f\u00fcr eine Anwendung in Oliven\u00f6lflaschen wohl noch ein wenig unerschwinglich ist), und die Tatsache, dass erstmals viele kleine Beh\u00e4lter mit N\u00e4hrfl\u00fcssigkeit und Zellen verwendet wurden, anstatt eines (relativ) gro\u00dfen.<\/p>\n<p>Ich kann die Gr\u00fcnde nur erraten, warum die Dissertation in englischer Sprache verfasst wurde. Ich nehme an, das dies damit zusammenh\u00e4ngt, dass so die Wissensvermittlung zwischen Saarbr\u00fccken und Yale (nur ein spontanes Beispiel) einfacher wird, wo doch die hochgebildete Akademikerkaste der USA f\u00fcr den Gro\u00dfteil wissenschaftlicher Publikationen auf diesem Planeten verantwortlich ist.<br \/>\nIn Anlehnung daran wurde auch der Vortrag in englischer Sprache gehalten. Der einzige ernstzunehmende Grund, den ich mir daf\u00fcr vorstellen kann, in Abwesenheit englischer Muttersprachler zumindest unter den Pr\u00fcfern, ist, dass man dann einfach im Vokabular der Arbeit plaudern kann, ohne sich die M\u00fche machen zu m\u00fcssen, sich auch noch die deutsche Terminologie anzueignen. Das ist nicht schlimm, ich habe das auch schon gemacht, damals zum spontan-unwirschen Unmut meiner sp\u00e4teren und aktuellen Freundin.<\/p>\n<p>Wie dem auch sei, die Form des Vortrags war sehr gut, mit Stichpunkten und Bildern aus dem Beamer, die man auch in der letzten Reihe noch hervorragend sehen konnte, und einer schematischen Darstellung des Verfahrens, wie man Zellen, die nebeneinander oder \u00fcbereinander liegen, als separate Zellen erkennt. Nur das H\u00f6ren machte hier und da Probleme, weil kein Mikrofon verwendet wurde (und ich frage mich, ob der kleine H\u00f6rsaal \u00fcberhaupt eine Soundanlage hat). Von mir jedenfalls eine &#8220;1-&#8221; f\u00fcr die Form, das hei\u00dft &#8220;sehr gut mit kleinen Einschr\u00e4nkungen&#8221; wegen der grenzwertigen Lautst\u00e4rke.<br \/>\n&#8220;1-&#8221; auch f\u00fcr &#8220;display of prowess&#8221;. Er schien nur an zwei Stellen, und das waren R\u00fcckfragen, kurz unsicher zu werden, zeigte im Gro\u00dfen und Ganzen aber Selbstbewusstsein und genug Gelassenheit, um auch mal zu sagen, dass die Frage zum aktuellen Zeitpunkt und Forschungsstand nicht beantwortet werden k\u00f6nne. Das klingt vielleicht nicht weiter bedeutend, aber viele Pr\u00fcflinge (zumindest meiner akademischen Stufe) fangen bei Fragen, die sie nicht beantworten k\u00f6nnen, an, um den hei\u00dfen Brei herum zu reden, um zum einen das Nichtwissen zu verbergen, und zum anderen in der Hoffnung, durch das bewusste &#8220;Wiederk\u00e4uen&#8221; des vorhandenen Wissens vielleicht noch eine wenigstens halbwegs befriedigende Antwort zu finden.<br \/>\nNein, ich glaube, das macht einen schlechteren Eindruck, als einfach zu sagen, dass man die Antwort nicht wei\u00df (vielleicht auch nicht wissen kann), und zum n\u00e4chsten Punkt \u00fcberzugehen.<\/p>\n<p>Das Englisch hatte Akzent, folgte aber korrekten Betonungsmustern und das Fachvokabular sa\u00df beeindruckend gut. Nur ein Detail im allgemeinen Vokabular fiel auf: Er meinte &#8220;Rede, Ansprache, Vortrag&#8221; und sagte &#8220;talk&#8221;. Das ist nicht falsch (und der Biologiegelehrte unter den Pr\u00fcfern verwendete das Wort ebenfalls in dieser Bedeutung), aber nach meinem Sprachgef\u00fchl h\u00e4tte an dieser Stelle der Begriff &#8220;presentation&#8221; mit weitaus h\u00f6herer Wahrscheinlichkeit gepasst.<br \/>\nDas ist nat\u00fcrlich Korinthenkackerei. Ganz eindeutig sogar. Aber ich sagte ja, dass ich mich auf solche Punkte beschr\u00e4nken muss, die ich beurteilen kann.<\/p>\n<p>Der Vortrag dauerte nur eine halbe Stunde, danach stellten die Pr\u00fcfer noch 30 weitere Minuten lang Fragen, wobei der Biologe der flei\u00dfigste war &#8211; interessanterweise war mir dies vor ein paar Monaten genauso vorhergesagt worden, was bedeutet, dass die gew\u00e4hlte Optimierung der Vorbereitungsstrategie, anders als die schriftliche Arbeit mit mehr biologischem Fokus, tats\u00e4chlich wie der Schl\u00fcssel ins Schloss passte. Ebenfalls beeindruckend.<\/p>\n<p>Nach kurzer Beratung vor dem Saal verk\u00fcndeten die Pr\u00fcfer das Ergebnis:<br \/>\n<em>&#8220;Summa cum laude&#8221;<\/em> (&#8220;mit gr\u00f6\u00dftem Lob&#8221;) f\u00fcr den Vortrag, <em>&#8220;Magna cum Laude&#8221;<\/em> (&#8220;mit gro\u00dfem Lob&#8221;) f\u00fcr die Dissertation, wegen der Gewichtung zu Gunsten der schriftlichen Arbeit insgesamt <strong>&#8220;Magna cum Laude&#8221;<\/strong>.<\/p>\n<p>Einer Tradition der Fakult\u00e4t folgend muss ein Doktorand seinen Talar selbst schneidern, und die Studienkollegen verewigen sich stickenderweise auf dem R\u00fccken. Dazu erhielt er einen vorl\u00e4ufigen Doktorhut, der, ebenfalls einer Tradition entsprungen, etwas von einem Mobile hat, wobei die einzelnen Elemente &#8211; ein Modell der Versuchsanordnung, eine Computermaus, eine Gitarre, etc. &#8211; auf den Tr\u00e4ger des Huts zugeschnitten wurden. Hinzu kam ein &#8220;Dr. House&#8221; T-Shirt von der Gattin. Im Anschluss bilden wir eine lange Reihe, um die Gl\u00fcckw\u00fcnsche zu \u00fcbermitteln. <em>&#8220;Magna cum Laude, Du Sack!&#8221;<\/em><\/p>\n<p>War ja auch ein steiler Pfad, von dem dem\u00fctigenden, aber scheinbar heilsamen, Schock des Sitzenbleibens in der neunten Klasse zum Magna cum Laude Doktor, der das Feld der Bioinformatik \u00fcberhaupt erst mit aufbaut.<br \/>\nH\u00e4tte ich nicht damals mit echtem Eifer (und ohne egoistische Hintergedanken) st\u00e4ndig die Tafeln sauber gewischt (alle anderen Wischdienstleister, deren Pflicht ja durch die Klasse rotierte, hinterlie\u00dfen in ihrem nachl\u00e4ssigen Unwillen einen Grauschleier, der das Ablesen schwierig machte, also \u00fcbernahm ich den Dienst allein), w\u00e4re ich in der neunten Klasse ebenfalls sitzengeblieben.<br \/>\nMeine Physiknote schwankte zwischen 4 und 5, mit Tendenz zur 5, aber der sonst strenge und oft cholerische Physiklehrer sagte (nach meiner Erinnerung w\u00f6rtlich): <em>&#8220;Eigentlich m\u00fcsst ich Dir ne 5 geben&#8230; aber, hast die Tafel immer sauber gewischt, ich geb Dir ne 4.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>H\u00e4tte mir dieser Schock des absoluten Versagens ebenfalls gen\u00fctzt, mich die Kurve kratzen lassen und mich vor der mir anhaftenden Durchschnittlichkeit bewahrt? Ich wei\u00df es nicht. Irgendwie glaube ich es auch nicht. Ich kenne mich ja. Ich w\u00fcnsche mir nur, dass mir irgendwann mal jemand das effiziente Lernen beigebracht, und ich gen\u00fcgend Selbstreflexion besessen h\u00e4tte, mein Verhalten zu erkennen und zu \u00e4ndern.<br \/>\nNu ja, das ist autobiografische Sentimentalit\u00e4t. Das kommt sp\u00e4ter mal, also zur\u00fcck nach Homburg.<\/p>\n<p>Im Anschluss an die Gratulationsrunde noch Speis und Trank in einem Besprechungsraum, Orangensaft und Sekt zum einen, kaltes B\u00fcffet zum anderen. Ich habe mich zur\u00fcckgehalten &#8211; ich habe vermutlich mehr als die H\u00e4lfte, aber keine ganze Platte alleine gegessen. Obwohl das Angebot sehr verlockend die ganze Platte physisch m\u00f6glich gewesen w\u00e4re.<br \/>\nIch kann noch nicht mal sagen, was das alles war, weil ich die einzelnen Bestandteile nicht immer erkannt habe. Ich erinnere mich an Wei\u00dfbrotschnitten mit Pizzabelag, gerollte gef\u00fcllte Pfannkuchenscheiben, Wurst im frittierten Teigmantel, irgendwo war Sauerkraut drin, Fleischb\u00e4llchen, K\u00e4se-Trauben-Happen. Ein sehr leckeres B\u00fcffet war es jedenfalls. Nicht-kommerzielle Zubereitung eines Verwandten, also Hut ab.<\/p>\n<p>Um 1830 machte ich mich auf den R\u00fcckweg, weil ich es nat\u00fcrlich wieder verpasst hatte, mir die Fahrzeiten vorher einzupr\u00e4gen. Nach dem R\u00fcckmarsch, der bis auf einen roten (rosa) Wodka kotzenden Jugendlichen und seine zwei sich vor Lachen kugelnden Freunde ereignislos war, hatte ich eine halbe Stunde bis zum Zug, der am St\u00fcck nach Trier fuhr und mir so das Umsteigen ersparte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenige Monate nach meiner leidlichen Magistrierung hat ein Schulfreund sein Promotionsverfahren bestanden und ich hatte die Ehre und das Gl\u00fcck, zur Thesenverteidigung anwesend gewesen zu sein. 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