{"id":137,"date":"2008-03-13T23:36:45","date_gmt":"2008-03-13T22:36:45","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=137"},"modified":"2008-03-13T23:36:45","modified_gmt":"2008-03-13T22:36:45","slug":"gelesen-die-papstin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=137","title":{"rendered":"Gelesen: Die P\u00e4pstin"},"content":{"rendered":"<p>Das Buch lag auf dem Wohnzimmertisch. Einsam und versto\u00dfen sah es aus, meine Freundin hatte beschlossen, zur Erh\u00f6hung unseres Etats einige ihrer Drucksachen zu verkaufen, und <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Die-P%C3%A4pstin-Donna-Woolfolk-Cross\/dp\/3746614007\/ref=sr_1_1?ie=UTF8&amp;s=books&amp;qid=1205444077&amp;sr=1-1\" title=\"Amazon Link\" target=\"_blank\">&#8220;Die P\u00e4pstin&#8221;<\/a> von Donna Woolfolk Cross war dabei. Das wollte ich eigentlich schon immer mal lesen, also eignete ich es mir klammheimlich an, stellte meinen bereits ansatzweise behandelten Kafka wieder nach hinten, und verstaute das Werk in meinem Rucksack, von wo ich es immer auf dem Weg zur Arbeit und zur\u00fcck und auch sonst auf Reisen in \u00f6ffentlichen Verkehrmitteln, hervorholte.<\/p>\n<p>Was muss ich von einem Buch halten, das mir im Titel bereits verr\u00e4t, wie es ausgeht?<br \/>\nBei genauerem \u00dcberlegen sagt mir der Titel nicht, wie das Buch ausgeht, sondern nur, welches Schicksal die Geschichte f\u00fcr die Protagonistin bereith\u00e4lt.<\/p>\n<p>Die Protagonistin, mit dem Namen Johanna, wird also an einem schaurig kalten und st\u00fcrmischen Wintertag zu Beginn des 9. Jh. n. Chr. geboren, und im Gro\u00dfen und Ganzen wired in der Geschichte keine Gelegenheit ausgelassen, den verbreiteten Aberglauben der Menschen zu jener Zeit darzustellen:<\/p>\n<p>Die Hebamme will Kr\u00e4uter gegen die Geburtsschmerzen einsetzen, der Vater, seines Zeichens der Dorfpriester, wirft die sie mit Hinweis auf die Bibel (<em>&#8220;Unter Schmerzen sollst Du geb\u00e4ren Deine Kinder!&#8221;<\/em>) ins Feuer.<br \/>\nAls sie Jahre danach durch Gicht erwerbsunf\u00e4hig wird und der Gemeinschaft zur Last f\u00e4llt, wird sie der Hexerei beschuldigt und der Wasserpr\u00fcfung unterzogen, wobei sie ertrinkt.<br \/>\nDie staatliche Rechtsprechung baut auf Gottesurteile, als g\u00e4be es nichts verl\u00e4sslicheres.<br \/>\nDie Pest ist nat\u00fcrlich eine Strafe Gottes.<br \/>\nM\u00e4nner haben immer Recht, und Gelehrsamkeit von Frauen ist ein Anzeichen f\u00fcr Teufelswerk.<\/p>\n<p>Nein, auf den Inhalt will ich im Detail gar nicht weiter eingehen.<br \/>\nEs sei so viel gesagt, dass die Heldin durch schicksalhafte Ereignisse in einer M\u00e4nnerrolle landet, und mit viel Herz und Verstand schlie\u00dflich Mitte der 850er zum Papst gew\u00e4hlt wird. Das war damals scheinbar viel einfacher als heute. Damals w\u00e4hlte offenbar das Volk von Rom, und keine Versammlung von Kardin\u00e4len.<\/p>\n<p>In der Mitte des Romans war ich drauf und dran, das Buch einfach zur Seite zu legen und es zu vergessen, weil mich die Achterbahnfahrt der Gef\u00fchle so abgesto\u00dfen hat. Johanna wird von ihrem sozialen Umfeld entweder geliebt oder gehasst. Dazwischen gibt es nichts. Und in diesem emotionalen Spannungsfeld steckt viel Potential f\u00fcr Drama. Wenn die Heldin etwas erreicht hat, zum Beispiel das Lesen oder die griechische Sprache gelernt oder eine Liebe gefunden, dann wei\u00df man sofort, dass direkt nach der Darstellung des kleinen H\u00f6hepunkts der j\u00e4he Absturz in die n\u00e4chste Katastrophe kommen wird.<br \/>\nSie lernt lesen &#8211; der Vater schl\u00e4gt sie halb tot.<br \/>\nSie lernt Griechisch mit einem Buch &#8211; der Vater h\u00e4lt es f\u00fcr Hexenspr\u00fcche. Und schl\u00e4gt sie halb tot.<br \/>\nSie darf auf eine Schule gehen &#8211; die Jungen und ihr Lehrer behandeln sie wie eine Auss\u00e4tzige.<br \/>\nSie k\u00fcsst ihren Liebsten &#8211; ein neidischer Beobachter verr\u00e4t es seiner ungeliebten Frau.<\/p>\n<p>Auf Dauer etwas anstrengend. Aber nachdem ich die H\u00e4lfte schon gelesen hatte, wollte ich auch wissen, wie sich das Ende gestaltet.<\/p>\n<p>Drei P\u00e4pste treten auf: Gregor IV. (aber nur kurz), Sergius II. und Leo IV. Unabh\u00e4ngig von ihrer jeweiligen pers\u00f6nlichen Charakterisierung werden die P\u00e4pste dargestellt als Gefangene ihres eigenen Systems. Sie sind umgeben von Vertretern und Handlangern zerstrittener Parteien und sind st\u00e4ndigen Intrigen (und Mordgefahr) ausgesetzt. Man k\u00f6nnte anhand der Handlung auch auf die Idee kommen, der gr\u00f6\u00dfte Feind des Papstes sei die r\u00f6mische \u00c4rzteschaft gewesen, in deren F\u00fcrsorge er sich befand. Wenn die \u00c4rzte nichts besseres zu bieten haben, als st\u00e4ndigen Aderlass und Gebete am Bett des Kranken (dem man so den notwendigen Schlaf raubt), dann kann ich das auch gut verstehen.<\/p>\n<p>Wenn man eine Portion Schmalz in Geschichten mag und einen L\u00f6ffel voll Melodramatik als Nachschlag vertr\u00e4gt, und sich f\u00fcr kreative Ausschm\u00fcckung historischer Begebenheiten erw\u00e4rmen kann, dann kann man das Buch ganz bedenkenlos lesen, es wird keine Zeitverschwendung sein. Wenn man gegen Schmalz und Schmierendrama ein bisschen allergisch ist, wie ich (wenn schon Schmalz, dann bitte ich wenigstens um h\u00fcbsche Garnierung), dann k\u00f6nnte es ein Fehler sein, das Werk in die Hand zu nehmen.<\/p>\n<p>Letztendlich fand ich es nicht schlecht wegen der historischen Atmosph\u00e4re, die einem entgegen str\u00f6mt. Da bekommt man richtig finsteres, dreckiges Mittelalter zu sehen, ohne die f\u00fcr solche Geschichten geradezu archetypische (spanische) Inquisition &#8211; die es im 9. Jh. noch nicht gab. Aber es war interessant, sehr lebhaft dargestellt zum Teil.<\/p>\n<p>Lustig fand ich die Erw\u00e4hnung von Gabeln als Essbesteck im Kloster zu Fulda, denn Gabeln haben sich in Europa erst nach der Renaissance durchgesetzt. Zu Zeiten vergehender fr\u00e4nkischer Reichsherrlichkeit schl\u00fcrfte man Suppe aus der Sch\u00fcssel, bestenfalls mit einem Holzl\u00f6ffel, und Nahrungbrocken wurden mit Messern aufgespie\u00dft, zerteilt und dann mit den H\u00e4nden gegessen.<br \/>\nIch kann nat\u00fcrlich nicht sicher sein, dass besagte Stelle vielleicht nicht einfach ein \u00dcbersetzungsfehler ist &#8211; man bedenke die Dehnbarkeit des Begriffs &#8220;cutlery&#8221; und das Gehalt des durchschnittlichen \u00dcbersetzers. \ud83d\ude42<br \/>\nUnbedacht fand ich auch die Stelle, wo D\u00f6rfler nach der Verbrennung einer angeblichen Hexe rufen; dabei sind Verbrennungen von Hexen erst viel sp\u00e4ter eingef\u00fchrt worden und waren &#8211; als heidnischer germanischer Brauch &#8211; in der dargestellten Zeit sogar verboten, per Dekret Karls des Gro\u00dfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Buch lag auf dem Wohnzimmertisch. Einsam und versto\u00dfen sah es aus, meine Freundin hatte beschlossen, zur Erh\u00f6hung unseres Etats einige ihrer Drucksachen zu verkaufen, und &#8220;Die P\u00e4pstin&#8221; von Donna Woolfolk Cross war dabei. 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