{"id":1312,"date":"2010-11-05T13:28:36","date_gmt":"2010-11-05T12:28:36","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=1312"},"modified":"2017-10-22T12:43:43","modified_gmt":"2017-10-22T10:43:43","slug":"abrechnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=1312","title":{"rendered":"Abrechnung"},"content":{"rendered":"<p>Ich bin mit dem Stil der Betreuung der Magisterarbeit, wie sie Frau Scholz darbot, sehr zufrieden gewesen. Ich bin selbst v\u00f6llig ideenlos, wie man ein Thema schl\u00fcssig aufzieht und gliedert, von daher h\u00e4tte ich nie eine Abschlussarbeit schreiben k\u00f6nnen, wenn sie nicht nach jedem Arbeitsschritt in eine Richtung gedeutet h\u00e4tte, in die ich meine Energien lenken konnte.<br \/>\nSo weit, so gut. Was allerdings die Durchf\u00fchrung einer m\u00fcndlichen Magisterpr\u00fcfung anbelangt, so muss ich feststellen, dass Frau Scholz mir einen kr\u00e4ftigen Schubs in Richtung Abgrund gegeben hat.<\/p>\n<p>Ich will die Pr\u00fcfung nicht sch\u00f6nreden. Es gab da Details, die ich h\u00e4tte wissen sollen, auf die ich aber nicht kam. Eine rationale Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, warum ein ganzes Jahrzehnt aus der Biografie Oda Nobunagas aus meinem Kopf wie ausradiert war, habe ich nicht.<br \/>\nDann gab es da Sachen, die ich h\u00e4tte wissen k\u00f6nnen, die ich mir aber nicht angeeignet hatte.<br \/>\nZum Beispiel die Namen der Provinzen der Kinai Region zu der Zeit. Ich habe mich nicht explizit darum bem\u00fcht, sie mir zu merken, aber warum ich nicht einfach die nannte, die ich aus meinen Texten kannte? Vermutlich, weil dort nie explizit davon die Rede war, dass die von Nobunaga eroberten Provinzen eben jenes Kinai darstellten. Lamers hat den Begriff nie gekl\u00e4rt, ich dachte, es handele sich lediglich um das direkte Umland von Kyoto. Ich habe \u201eKinai\u201c nie bewusst mit dem umfassenden \u201eZentraljapan\u201c in Verbindung gebracht, obwohl nichts h\u00e4tte eindeutiger erscheinen k\u00f6nnen. Erneut ein Akt mangelnder Kombinationsf\u00e4higkeit meinerseits.<\/p>\n<p>Dann kam folgende Frage:<br \/>\n<em>\u201eWo wurde Nobunaga geboren?\u201c<\/em><br \/>\n\u201eIn der Provinz Owari.\u201c<br \/>\n<em>\u201eIn welcher Stadt?\u201c<\/em><br \/>\n\u201eDas wei\u00df ich nicht.\u201c<br \/>\n<em>\u201eNa, in Nagoya!\u201c<\/em><br \/>\n\u201eIn Nagoya!?!\u201c<\/p>\n<p>Darauf h\u00e4tte ich eine Antwort wissen k\u00f6nnen und sollen. Aber nur dann, wenn ich mir die Fu\u00dfnote auf der entsprechenden Seite im Lamers gemerkt h\u00e4tte \u2013 oder irgendetwas anderes, als das, was ich tats\u00e4chlich als gelesen angegeben habe. In meiner vorrangigen Quelle, <em>Japonius Tyrannus<\/em>, einer Dissertation des Niederl\u00e4nders Jerome Lamers aus dem Jahr 1998, ist auf Seite 32 folgender Abschnitt zu lesen (den ich aus dem Englischen \u00fcbersetze):<\/p>\n<p><em>\u201eOda Nobunaga wurde vermutlich am 9. Juli 1534 auf Burg Shobata in der Provinz Owari (heute Teil von Saori-ch\u00f4 in der Pr\u00e4fektur Aichi) geboren (Tenbun 3.V28).\u201c<br \/>\n<\/em><br \/>\nDieser Satz f\u00fchrt zu folgender Fu\u00dfnote:<\/p>\n<p><em>\u201eShobata ist der wahrscheinlichste Geburtsort Oda Nobunagas, obwohl noch zwei andere Burgen hier und da genannt werden: Nagoya, das sich 1534 noch nicht unter der Kontrolle des Oda Clans befand, und Furuwatari, das zu jenem Zeitpunkt noch nicht gebaut war. (\u2026)\u201c<\/em><\/p>\n<p>Mein Teil der Schuld: Ich h\u00e4tte diese Textstelle explizit kennen m\u00fcssen, aber ich hatte sie vergessen. Shobata ist kein Ort, der mir aus meinem weiteren Studium der japanischen Geschichte bekannt w\u00e4re, von daher ist er meinem Ged\u00e4chtnis wieder entschl\u00fcpft. Aber Nagoya? Nagoya ist eine der bedeutendsten St\u00e4dte Japans und jedermann kann seinen Arsch darauf verwetten, dass ich Nagoya nicht vergessen h\u00e4tte, wenn es als der definitive Geburtsort angegeben gewesen w\u00e4re!<br \/>\nUnd damit fing das Drama erst an.<\/p>\n<p><em>\u201eWelche Taktiken hat Nobunaga verwendet?\u201c<\/em><br \/>\nMir f\u00e4llt die Schlacht von Nagashino 1579 ein: \u201eNobunaga hat unter anderem Gr\u00e4ben und Palisaden verwendet.\u201c<br \/>\n<em>\u201eNein, denken Sie doch mal an Arkebusen.\u201c<\/em><br \/>\n\u201eIch wei\u00df, dass er Arkebusen massenhaft einsetzte\u2026\u201c<br \/>\n<em>\u201eJa, er hat sie in Wellen eingesetzt\u2026 w\u00e4hrend die erste Reihe nachlud, feuerte die zweite und so weiter.\u201c<\/em><br \/>\nDiese Detailinformation ist in keiner meiner Quellen enthalten. In KEINER.<br \/>\nWas eindeutig drin steht, ist, dass Nobunaga bei Nagashino einen langen Wall errichten lie\u00df, dessen linke Grenze die Felsen eines Bergfu\u00dfes war, und dessen rechte Grenze von einem Fluss gebildet wurde. Die feindliche Kavallerie war somit nutzlos und verblutete in Frontalangriffen auf die Palisaden, hinter denen mehrere Tausend Sch\u00fctzen die Sturmabwehr \u00fcbernahmen. Meine Aussage war nicht falsch, nur nicht das, was sie h\u00f6ren wollte.<\/p>\n<p>Fast ebenso verlief folgender Dialog:<br \/>\n<em>\u201eWer ist Matsudaira Motoyasu?\u201c<\/em><br \/>\n\u201eDen Namen habe ich noch nie geh\u00f6rt. Ich wei\u00df nur, dass Tokugawa Ieyasu fr\u00fcher mal Matsudaira hie\u00df\u2026\u201c<br \/>\n<em>\u201eJa, genau, Matsudaira Motoyasu ist Tokugawa Ieyasu.\u201c<\/em><br \/>\nAuch das steht in keiner der Quellen, die ich f\u00fcr die Pr\u00fcfung angegeben habe. Dass Tokugawa mal Matsudaira hie\u00df, hatte ich nebenl\u00e4ufig irgendwo aufgenommen und es mir als Kuriosum gemerkt (zusammen mit der Information, dass er angeblich seinen Stammbaum f\u00e4lschen lie\u00df, um eine entfernte Verwandtschaft zur Kaiserfamilie zu konstruieren &#8211; eine Voraussetzung, um der Sh\u00f4gun werden zu k\u00f6nnen und der Grund, warum sein wom\u00f6glich weniger skrupellose Rivale Toyotomi Hideyoshi es nicht wurde).<\/p>\n<p>Es zeigten sich noch andere Wissensdifferenzen:<br \/>\nNach meinem Wissen, das ich aus dem Lamers habe, hat Oda Nobunaga die Tochter seines Rivalen Sait\u00f4 D\u00f4san geheiratet, der ihn daraufhin bis zu seinem Tod unterst\u00fctzte. Sait\u00f4s Sohn und Nachfolger wandte sich dann allerdings gegen Nobunaga. Laut Frau Scholz war aber auch Sait\u00f4s Sohn mit Nobunaga verb\u00fcndet, und erst dessen Sohn habe sich dem B\u00fcndnis der Gegner Nobunagas angeschlossen.<\/p>\n<p><em>\u201eNobunaga hat also den militanten Buddhismus bek\u00e4mpft \u2013 wem nutzte das?\u201c<\/em><br \/>\n\u201eLetztendlich nutzte es Tokugawa Ieyasu, der als einziger Machtblock \u00fcbrig blieb.\u201c<br \/>\n<em>\u201eNein, es nutzte den Jesuiten.\u201c<\/em><br \/>\nIn der Situation habe ich nicht schnell genug gedacht, um zu widersprechen. Denn nach meiner Quellenlage war diese Aussage schlicht falsch. Die Jesuiten glaubten lediglich, sie w\u00fcrden von der Niederlage der buddhistischen Sektierer profitieren, aber sie taten es nicht. Ihre 30 Jahre w\u00e4hrende Bekehrungsmission auf Honsh\u00fb hatte bis Anfang der 1580er Jahre eine Menge Geld gekostet, aber so gut wie nichts erreicht. Nobunaga bediente sich der Jesuiten, der exotischen Ausl\u00e4nder, um als G\u00f6nner aufzutreten, um seinen Ruf und seinen Ruhm zu steigern, aber er hatte kein Interesse daran, die Jesuiten irgendwelche Macht erlangen zu lassen und wusste es zu verhindern. Wegen seiner Gunst betrachteten die Jesuiten Nobunaga als \u201eChristenfreund\u201c, w\u00e4hrend er eigentlich bekennender Atheist war, und nur sehr oberfl\u00e4chliche Bindungen an die Lotussekte unterhielt. Er hatte auch gar nichts gegen Buddhisten oder andere Religionen. Er hatte nur was gegen Leute, die sich seinem Machtanspruch in den Weg stellten. Die Jesuiten waren eine Art beh\u00fctetes Haustier. Profitiert haben sie von der Zerschlagung der m\u00e4chtigen Sekten in keiner Weise.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, welche Quellen Frau Scholz zur Vorbereitung meiner Pr\u00fcfung verwendet hat \u2013 die auf meiner Literaturliste waren es jedenfalls nicht. Fragen zu dem zus\u00e4tzlichen Aufsatz \u00fcber den konstruierten Mythos der Samuraitreue bekam ich jedenfalls nicht gestellt. Am Platz von Frau G\u00f6ssmann lagen alle B\u00fccher, die ich f\u00fcr ihre Themen ausgeliehen hatte. Frau Scholz begn\u00fcgte sich bei der Durchf\u00fchrung zur Inspiration f\u00fcr Fragen scheinbar mit dem Artikel in der englischen Ausgabe der K\u00f4dansha Enzyklop\u00e4die, die ich nicht verwendet hatte.<\/p>\n<p>Zur Verbesserung dieser Darstellung habe ich auf das Pr\u00fcfungsprotokoll zur\u00fcckgegriffen, das ich einsehen, aber nicht kopieren darf. Besser gesagt: Ich wollte darauf zur\u00fcckgreifen. Das Protokoll ist n\u00e4mlich nur eine extrem kurze Notizensammlung, deren Wert sich auf den kurzen Moment nach der Pr\u00fcfung beschr\u00e4nkt, weil man wenige Tage sp\u00e4ter die Details, die man zur F\u00fcllung der L\u00fccken des Protokolls ben\u00f6tigt, wieder vergessen hat. Das Protokoll hatte keinen informativen Wert mehr. Zuletzt war der Lamers nach meinem Abschluss \u00fcber Wochen ausgeliehen, sodass ich erst vor kurzem meine Zweifel habe pr\u00fcfen k\u00f6nnen. Und ich hatte Recht mit meinen Zweifeln &#8211; na besten Dank!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin mit dem Stil der Betreuung der Magisterarbeit, wie sie Frau Scholz darbot, sehr zufrieden gewesen. 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