{"id":126,"date":"2008-02-07T23:16:32","date_gmt":"2008-02-07T22:16:32","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=126"},"modified":"2017-10-22T13:17:38","modified_gmt":"2017-10-22T11:17:38","slug":"begegnungen-richie-rich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=126","title":{"rendered":"Begegnungen &#8211; Richie Rich"},"content":{"rendered":"<p>Theoretisch eine tolle Sache. Um 17:45 Uhr beginnen die Gedanken bereits um das Schlie\u00dfen des Ladens zu kreisen und man besch\u00e4ftigt sich mit Dingen, die noch schnell gemacht werden m\u00fcssen, meist Aufr\u00e4umen, zur\u00fcck in den Stapel, oder das Entfernen dicker Staubflusen, die \u00fcberall dort und immer dann entstehen, wenn Teppiche in Bewegung geraten, bzw. Reibung ausgesetzt sind.<\/p>\n<p>Das war jedenfalls so ein Moment, als noch einmal die T\u00fcrglocke Laut gab und ein reichlich studentisch aussehender junger Mann den Laden betrat. Blond, Anfang bis Mitte 20, l\u00e4ssige Cordjacke, blaue Jeans mit \u00dcberl\u00e4nge, an den Fersen der Turnschuhe durchgelatscht und zerrissen. Normalerweise sind das in der Tat Studierende, die mit <strong>ARO<\/strong> finanziell besser bedient w\u00e4ren, weil bei uns auch ein &#8220;Sperrm\u00fcllteppich&#8221; &#8211; das ist ein gebrauchtes St\u00fcck, den niemand mit einem mindestens vier- bis f\u00fcnfstelligen Bankguthaben noch nehmen w\u00fcrde &#8211; mindestens noch 100 E kostet.<\/p>\n<p>Der sp\u00e4te Kunde aber \u00e4u\u00dferte gleich zwei konkrete Fragen. Erstens interessierte er sich f\u00fcr die Buddhastatuen, die seit einiger Zeit in der Teppichgalerie herumstehen, und zweitens wollte er Galerien sehen, bis 4,50 m L\u00e4nge.<br \/>\nKein Problem. Die Chefin war noch am Telefon und ich ging mit ihm zu dem entsprechenden Stapel, wo ich ihn fragte, an welche Art, bzw. an welchen Stil von Galerie er denn gedacht habe. Das sei egal, sagte er, es m\u00fcsse ihm nur gefallen. Hm, Kelim m\u00fcsse es aber nicht unbedingt sein.<br \/>\nDas war so der Zeitpunkt wo die Chefin dazukam, und der Kunde begr\u00fc\u00dfte sie gleich zum Auftakt schonmal in Farsi (was mir nat\u00fcrlich nachher gesagt werden musste, weil die fremdartige Laut\u00e4u\u00dferung nicht gleich in meinem Gehirn ankam). Dann gingen wir die Teppiche durch und es stellte sich heraus, dass er mit den grundlegenden Mustern und Stilen vertraut war. Seltsam fand ich nur, dass er nicht wusste, wo <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Buchara\" title=\"Buchara\" target=\"_blank\">Buchara<\/a> liegt.<\/p>\n<p>Das liegt in Usbekistan, und nicht in Turkmenistan, aber man korrigiert weder den Chef \u00f6ffentlich noch einen Kunden \u00fcberhaupt, ich sp\u00fcrte bereits so ein Zucken an der Zungenwurzel, als der erwachsene weibliche Bestandteil des vor einigen Tagen erw\u00e4hnten Ehepaars sich im Rahmen eines kulturellen Vergleichs zu der Aussage verstieg, die &#8220;Eskimos&#8221; h\u00e4tten 200 W\u00f6rter f\u00fcr Schnee&#8230;<br \/>\nEgal.<\/p>\n<p>Jedenfalls erz\u00e4hlte der aktuelle Kunde, er sei mit solchen Teppichen aufgewachsen und wolle sich nun in Trier eine Wohnung einrichten. Beim &#8220;Durchbl\u00e4ttern&#8221; des Stapels stie\u00dfen wir dann auf einen sch\u00f6nen Turkmenen, der ihn interessierte. Wie gro\u00df der sei, wollte er wissen. Dem Standardprocedere folgend, las die Chefin die ganze Beschreibung vor, die auf dem kleinen, mit einer dicken Schnur angen\u00e4hten Schild geschrieben steht, sowas wie:<br \/>\n<em>&#8220;Turkmen &#8211; 4,85 m x 90 cm &#8211; Preis: &#8230;<\/em>&#8220;, und da fiel er ihr ins Wort und sagte allen Ernstes:<br \/>\n<em>&#8220;Ach, der Preis ist egal, der sieht gut aus.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Dann interessierte er sich noch f\u00fcr kleine St\u00fccke, die man an die Wand h\u00e4ngen kann, vielleicht etwas aus Seide? Wir zeigten ihm einen in blau gehaltenen Ghoum (auch &#8220;Ghom&#8221; oder &#8220;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Qom\" title=\"Qom\" target=\"_blank\">Qom<\/a>&#8220;, je nach Transkription) im Gr\u00f6\u00dfenbereich 60 x 40 cm, der ihm ebenfalls gefiel. Den Preis lie\u00df er sich nennen, sagte aber daraufhin, dass dies das Limit sei, weil ihm nur 8000 E f\u00fcr seine Einrichtung zur Verf\u00fcgung st\u00fcnden. Aha. Nur.<\/p>\n<p>Da war&#8217;s schon 18:05 Uhr. Aber wen interessiert die Uhrzeit, wenn die Kasse nachher stimmt? Jedenfalls fiel ihm dann zuerst der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Samowar\" title=\"Samowar\" target=\"_blank\">Samowar<\/a> (ein traditioneller russischer Wasserkocher) und dann die verzierten Deckenlampen auf. Beides unverk\u00e4uflicher Privatbesitz, aber das machte ihm nicht aus. Er sei regelm\u00e4\u00dfig in Moskau und er versuche immer wieder, auf dem Markt etwas sch\u00f6nes in der Art wie unseres Samowars zu finden, wenn auch bislang vergeblich.<br \/>\nIn irgendeinem kunstgewerblichen Zusammenhang erw\u00e4hnte er auch Reisen nach Lissabon, aber ich habe die Details vergessen. Ebenso, wie er die halbe Zeit fast ununterbrochen plauderte, \u00fcber fremdl\u00e4ndische Dinge, die Otto Normaldosenbiertrinker nicht einmal wahrnimmt.<br \/>\nUnd \u00fcber die Lampenschirme meinte er lachend, er k\u00f6nne sie durch das Schaufenster hindurch abfotografieren, da er in Amsterdam eine Kunstschmiedin kenne, die sie ihm nachfertigen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Warum er in dem selben Satz erw\u00e4hnte, dass es sich bei der Person um eine <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aschkenasim\" title=\"Aschkenasim\" target=\"_blank\">aschkenasische J\u00fcdin<\/a> handele, ist mir nicht klar geworden, allerdings muss ich ihm Tribut daf\u00fcr zollen, dass er das Wort \u00fcberhaupt kennt und wei\u00df, was es ist. H\u00e4tte ich nicht im Sommer ein Buch \u00fcber j\u00fcdische Kultur gelesen, w\u00fcsste ich es auch nicht.<\/p>\n<p>Um 18:15 Uhr lie\u00df er sich dann die Daten der St\u00fccke aufschreiben, die ihm gefallen hatten, und sagte, er m\u00fcsse nochmal dar\u00fcber schlafen, und dann ging er auch.<\/p>\n<p>Die Chefin guckte mich verdattert an. <em>&#8220;Herr Schwarz, was war denn das?&#8221;<\/em><br \/>\nIch hatte mit der Frage schon irgendwie gerechnet. <em>&#8220;Sein Auftreten ist zwanglos, seine Kommunikation ist nat\u00fcrlich. Seine Welterfahrenheit ist schon beinahe zu sch\u00f6n, um wahr zu sein, einzig das Detail, dass er Buchara nicht zuordnen konnte, ist seltsam.&#8221;<\/em><br \/>\nEs w\u00e4re jedenfalls ein gut vorbereiteter Gag gewesen.<br \/>\nSie wandte sich zur T\u00fcr, um sie abzuschlie\u00dfen. <em>&#8220;Der hatte schon Ahnung. Hat mich \u00fcbrigens in Farsi begr\u00fc\u00dft. Da war ich platt.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Wiedergesehen haben wir ihn seither nicht, aber man wei\u00df ja nie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Theoretisch eine tolle Sache. Um 17:45 Uhr beginnen die Gedanken bereits um das Schlie\u00dfen des Ladens zu kreisen und man besch\u00e4ftigt sich mit Dingen, die noch schnell gemacht werden m\u00fcssen, meist Aufr\u00e4umen, zur\u00fcck in den Stapel, oder das Entfernen dicker Staubflusen, die \u00fcberall dort und immer dann entstehen, wenn Teppiche in Bewegung geraten, bzw. 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