{"id":113,"date":"2007-12-16T19:54:22","date_gmt":"2007-12-16T18:54:22","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=113"},"modified":"2007-12-16T19:54:22","modified_gmt":"2007-12-16T18:54:22","slug":"der-abschluss-dieser-arbeitswoche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=113","title":{"rendered":"Der Abschluss dieser Arbeitswoche&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe seit Donnerstag jeden Tag den ganzen Tag im Teppichladen gearbeitet.<br \/>\nF\u00fcr Samstag, gestern, hatten sich Kunden angek\u00fcndigt, die einen 3&#215;4 m gro\u00dfen Teppich f\u00fcr ihr Wohnzimmer wollten, nachdem sie vor Kurzem festgestellt haben, dass der Kasmir Seide, der bislang da lag, nur ein Kashmir Kunstseide ist. Das Material hatte seine Geschmeidigkeit und seinen Glanz eingeb\u00fc\u00dft, also sollte ein neuer Teppich her, am besten einer, der zu dem 1,50&#215;2,00 m Sarough daneben passt, das hei\u00dft entweder ein weiterer Sarough oder ein Keshan.<\/p>\n<p>Es handelte sich um anspruchsvolle Kunden mit einer Menge Kies, von daher bestand die Aufgabe darin, ab Donnerstag nicht nur alle Teppiche der entsprechenden Gr\u00f6\u00dfe vom Stapel abzubauen und bereitzulegen, sondern auch noch die Paletten unter den Teppichen (die dem Schutz vor Wasser dienen sollen, indem sie die Teppiche 10 cm \u00fcber den Boden heben) zu renovieren und die abgebauten Teppiche komplett flach in den Eingangsbereich zu legen und mit dem Staubsauger zu reinigen.<\/p>\n<p>Teppiche dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung sind in der Regel schwer.  So 30 Kilo bringen die wohl auf die Waage. Wegen der Sperrigkeit m\u00fcssen sie zu zweit getragen werden, und das hei\u00dft, st\u00e4ndig Kniebeugen zu machen, weil man ja nicht aus dem R\u00fccken heben soll (im Teppichgesch\u00e4ft nicht weniger ungef\u00e4hrlich als beim Klaviertransport), aber weil so ein Teppich auch zu einem 100&#215;70 cm Paket gefaltet in der Mitte durchh\u00e4ngt, kriegt der R\u00fccken halt doch was davon mit. Weniger meine Knochen als eher meine &#8220;Rucksackmuskeln&#8221; oberhalb des H\u00fcftknochens, die sich immer meldeten, wenn ich mit einem 30 kg schweren Rucksack unterwegs war, bevor ich mich an die Lasten gew\u00f6hnt hatte.<\/p>\n<p>Der Stapel im Eingangsbereich war am Donnerstag Abend dann 50 cm hoch, und f\u00fcr den kulminierten Wert h\u00e4tte man ein luxuro\u00f6s eingerichtetes Einfamilienhaus kaufen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Freitag ging dann komplett daf\u00fcr drauf, den Stapel neu zu sortieren. Erstens mussten die rausgelegt werden, die f\u00fcr die Kunden in Frage kamen, zweitens befanden sich in dem Stapel Teppiche, die eigentlich nicht hinein geh\u00f6rten, und drittens d\u00fcrfen alte\/feine Teppiche nicht so tief liegen, damit sie nicht so viel Last auf den Faltkanten haben, die k\u00f6nnen n\u00e4mlich brechen. Also wurden einzelne St\u00fccke weiter nach oben geordnet.<\/p>\n<p>Samstag kamen dann die Kunden.<br \/>\nUnd nicht nur die. Ich hatte echt das Gef\u00fchl, im Weihnachtsgesch\u00e4ft gelandet zu sein. Zuerst kam ein einzelner Amerikaner, ich sch\u00e4tzte ihn auf Anfang bis Mitte Zwanzig, der ein Geschenk f\u00fcr seine Schwester suchte und einen 120&#215;100 cm Kelim f\u00fcr 300 E mitnahm. Das war der wohl j\u00fcngste Kunde, den ich in dem Laden je gesehen habe.<\/p>\n<p>Die Hauptkunden kamen dann um 1415 Uhr und lie\u00dfen sich acht oder neun Teppiche  zeigen, von denen sie dann f\u00fcnf aussortierten. und das war eine Angelegenheit von \u00fcber einer Stunde. Wenn man zum Juwelier geht, um einen Ring zu kaufen, steckt man sich verschiedene an den Finger, um zu sehen, wie&#8217;s aussieht, dann kann man den einen wieder runternehmen und einen anderen aufstecken, dann einen weiteren, dann wieder zum ersten zur\u00fcckkehren, und es wird keine f\u00fcnf Minuten dauern, sofern man das Beratungsgespr\u00e4ch ausklammert.<br \/>\nMit Teppichen dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung ist das ein bisschen anders. Ich war schon heilfroh, dass wir die in Frage kommenden St\u00fccke bereitgelegt hatten, dennoch mussten sie nach vorne getragen und aufgelegt werden, dann wieder entfernt und durch den n\u00e4chsten ersetzt werden, das alles mehrfach hin und wieder zur\u00fcck in verschiedenen Reihenfolgen.<\/p>\n<p>Mittendrin kamen noch andere Kunden. Weniger betuchte, aber auch diese hatten sich immerhin ein Limit im mittleren vierstelligen Bereich gesetzt. Und die wollten einen ebenfalls speziellen Stapel sehen. Im oberen Stockwerk befindet der sich, und in ihm findet man Teppiche, die breiter sind als L\u00e4ufer, aber ebenso lang, also von vier Metern an aufw\u00e4rts bis acht Meter L\u00e4nge bei einer Breite von maximal 150 cm, und das alles im alten (ab 75 Jahre) bis antiken (150 Jahre+) Bereich. Die Teppiche sind leichter als die 3&#215;4, aber wegen der L\u00e4nge und des Alters muss man vorsichtig mit ihnen umgehen, das erfordert ebenfalls zwei Leute, die vorf\u00fchren, aber Halina und ich k\u00f6nnen uns ja nicht verdoppeln.<\/p>\n<p>Aber die Vorf\u00fchrung unten kam schon bald zu ihrem Ende. Das Ehepaar hatte vier Teppiche ausgesucht, die wir dann vor Ort, in der Wohnung, auslegen sollten, um ein endg\u00fcltiges Urteil zu finden. Ich hatte ein bisschen gehofft, dass wir das noch am Samstag Abend machen k\u00f6nnten, aber es sollte nicht sein. Die Kunden wollten die Vorlage am Sonntag Morgen um 11 Uhr.<\/p>\n<p>Im oberen Stockwerk ging es dann ohne Verschnaufpause weiter, aber es ging auch flotter, als ich dachte, aber dann hatten wir gerade noch Zeit, den Bus mit den Teppichen f\u00fcr die Vorlage zu beladen. Der hintere Bereich des Ladens sieht wegen des Stapeldurchsuchens immer noch aus wie nach dem Besuch des Kammerj\u00e4gers, aber aus verschiedenen Gr\u00fcnden muss das Aufr\u00e4umen bis Mittwoch warten.<\/p>\n<p>Die Vorlage sollte an einer Adresse stattfinden, die in Reichweite eines Spaziergangs von meiner Haust\u00fcr entfernt liegt, also w\u00fcrde ich nicht erst in die Stadt fahren m\u00fcssen.<br \/>\nUm 1120 Uhr beim Kunden ging der Spa\u00df dann los &#8211; und der fing damit an, dass Halina auf Wunsch der Chefin aus Zeitgr\u00fcnden den nicht ben\u00f6tigten Schl\u00fcssel vom PKW nicht in den Schl\u00fcsselkasten zuhause, sondern ins Handschuhfach des Transporters getan hatte.<br \/>\nAls n\u00e4chstes hatte ich den Schl\u00fcssel des Transporters in die Jackentasche gesteckt, anstatt wie \u00fcblich in die Hosentasche, weil die Jacke dar\u00fcber hinaus lang ist.<br \/>\nNachdem alle Teppiche im Hausflur des Kunden waren, war mir klar, dass die Arbeit anstrengend werden w\u00fcrde, und au\u00dferdem, dass jener Kunde eine sommerliche Temperatur an seiner Heizung eingestellt hatte, also zog ich die Jacke aus, legte sie in den Bus und machte die T\u00fcr zu.<\/p>\n<p>Grande Catastrophe. Beide zentralen Schl\u00fcssel f\u00fcr beide Fahrzeuge, Wohnung und Laden waren damit im Bus eingesperrt.  Man musste also das Fahrzeug wieder aufbekommen. Ein Ersatzschl\u00fcssel befand sich in einer Metallkassette im Laden. Ein Ersatzschl\u00fcssel f\u00fcr den schwer gesicherten Laden befand sich in der Wohnung. Ein Ersatzschl\u00fcssel f\u00fcr die Wohnung und ein Ersatzschl\u00fcssel f\u00fcr den PKW befand sich bei Halinas Schwester Eli.<\/p>\n<p>Der Kunde erkl\u00e4rte sich also bereit, uns mit seinem PKW in die Paulinstra\u00dfe zu fahren, wo Eli in einem Hotel arbeitet. Mit ihrem Schl\u00fcssel war sichergestellt, dass wir einen fahrbaren Untersatz hatten, und dass wir in die Wohnung kamen, wo der Ersatzschl\u00fcssel f\u00fcr Laden und Alarmanlage im Schl\u00fcsselkasten hing. Im Laden wurde schnell die Metallkassette geborgen, in der der Ersatzschl\u00fcssel f\u00fcr den Bus war. Allerdings befand sich der Schl\u00fcssel f\u00fcr die Metallkassette an einem der Schl\u00fcsselbunde, die in eben jenem Bus eingeschlossen waren. Also packten wir uns eine Bei\u00dfzange und zerst\u00f6rten damit die Halterung des Splints, der die Metallkassette an ihrem Scharnier zusammenhielt. Da musste offenbar nichts Teures geknackt werden.<\/p>\n<p>Eine Untersuchung des geborgenen Schl\u00fcssels zeigte aber, dass er leicht verbogen war, auf Grund eines Sturzes vor Jahren. Also spannten wir den Schl\u00fcssel in den Schraubstock und bogen ihn so grade, wie es m\u00f6glich war. Ganz wie neu wurde er nicht, also mussten wir darauf hoffen, dass wir den Bus damit aufbekommen w\u00fcrden. Ein Schl\u00fcsselnotdienst am Sonntag ist bestimmt nicht billig.<\/p>\n<p>Aber der Schl\u00fcssel tat seine Arbeit und die beiden Schl\u00fcsselbunde konnten befreit werden. Die Vorf\u00fchrung konnte weitergehen.<\/p>\n<p>Die Teppiche hatten eine Preisreichweite von 17.000 bis 50.000 Euro. Und wir, also Halina und ich, waren zweieinhalbe Stunden damit besch\u00e4ftigt, die Teppiche auszulegen, die M\u00f6bel draufzustellen, wieder runterzunehmen, den Teppich einzufalten, den n\u00e4chsten auszulegen, die M\u00f6bel wieder zu postieren, usw., in wechselnder Reihenfolge, vor und zur\u00fcck. Da ist mir doch ordentlich warm bei geworden, und gleichzeitig musste ich den Kunden st\u00e4ndig daran hindern, die Arbeit zu machen, f\u00fcr die ich bezahlt werde. Es bringt mir b\u00f6se Blicke vom &#8220;Management&#8221;, wenn ich dem Kunden seinen Willen und damit Arbeit \u00fcberlasse.<\/p>\n<p>Um 1400 Uhr war die Entscheidung gefallen und 27.000 E verblieben auf dem Parkettboden. Den Kashmir brachten wir nach oben und legten ihn in einem Arbeitszimmer aus.<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte es nat\u00fcrlich gerne gesehen, wenn wir ein l\u00e4cherliches Prozent des Kaufpreises als Trinkgeld bekommen h\u00e4tten, aber nach getaner Arbeit bekam jeder von uns einen Zehner. Ich will mich nicht beschweren, es ist besser als nichts, aber ein bisschen schwach kommt&#8217;s mir doch vor, beachtet man das finanzielle Potential, das in dem Haus offensichtlich war.<\/p>\n<p>Ich sp\u00fcre die Arbeitstage ganz deutlich am Leib und bin froh, dass diese Woche vorbei ist.<br \/>\nJetzt gibt&#8217;s am Dienstag noch 40 E f\u00fcr ein Experiment, das mich wieder einige Brusthaare kosten wird (11 Elektroden hat man mir angek\u00fcndigt) und Aufr\u00e4umen im Teppichladen ist f\u00fcr Mittwoch festgelegt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe seit Donnerstag jeden Tag den ganzen Tag im Teppichladen gearbeitet. F\u00fcr Samstag, gestern, hatten sich Kunden angek\u00fcndigt, die einen 3&#215;4 m gro\u00dfen Teppich f\u00fcr ihr Wohnzimmer wollten, nachdem sie vor Kurzem festgestellt haben, dass der Kasmir Seide, der bislang da lag, nur ein Kashmir Kunstseide ist. 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