{"id":1014,"date":"2010-02-22T20:42:14","date_gmt":"2010-02-22T19:42:14","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=1014"},"modified":"2017-10-22T12:45:39","modified_gmt":"2017-10-22T10:45:39","slug":"ich-kam-sah-und-ging-lieber-wieder-33","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=1014","title":{"rendered":"Ich kam, sah, und ging lieber wieder (3\/3)"},"content":{"rendered":"<p>Es kam dazu, dass ich montags und donnerstags nachmittags bereits einen deutlichen Unwillen in Bezug auf den kommenden Tag sp\u00fcrte, was meine Laune an vier von sieben Wochentagen merklich senkte. Nach dem Aufstehen h\u00e4tte ich am liebsten als erstes aus dem Fenster gekotzt, einfach so, um meine Laune kund zu tun, und nicht, um den Zustand meines Magens zu dokumentieren. Die Fahrt im eiskalten Bus wurde beinahe zum Genuss, weil ich mich durch das Lesen meines Buchs vom Fahrtziel ablenken konnte, aber sobald ich den Bus verlie\u00df und mich dem Hauptmarkt n\u00e4herte, trat mir jedes Mal ein Gedanke ins Bewusstsein:<br \/>\n<em>\u201eHoffentlich ist der Schei\u00dftag bald vorbei!\u201c<\/em><br \/>\nUnd das ist ein Punkt, an dem ich jedem ans Herz lege, sich einen neuen Job zu suchen, wenn dies ein inniger und ernst gemeinter Wunsch geworden ist &#8211; wenn man seinen Job schei\u00dfe findet, soll man sich einen neuen suchen. Das ist nicht verboten und der geistigen Gesundheit durchaus f\u00f6rderlich. Nur motzen und meckern ist Quatsch. Wenn man nur einen Job hat und die n\u00f6tigen finanziellen R\u00fccklagen f\u00fcr eine \u00dcberbr\u00fcckungszeit fehlen, muss man nat\u00fcrlich die Z\u00e4hne zusammenbei\u00dfen, bis sich eine bessere Gelegenheit ergibt &#8211; was ich dank Teppichgalerie gl\u00fccklicherweise nicht muss.<br \/>\nNach gerade einmal drei Wochen jedenfalls hatte ich die Schnauze gestrichen voll, es stand mir bis Oberkante Unterkiefer. Dabei sagt man mir etwas nach, was man leicht antiquiert \u201eLangmut\u201c nennt.<\/p>\n<p>Oh, die Frau Bohlen hatte auch gute Tage, die sich darin \u00e4u\u00dferten, dass sie mich ignorierte. Das war mir eigentlich Recht. Sie hatte sogar mal einen sehr guten Tag, und an dem sagte sie etwas zu mir, ich wei\u00df nicht mehr was, es klang jedenfalls wie eine \u00fcbliche Korrektur meiner Arbeitsweise, nur ohne den scharfen Tonfall.<br \/>\nAls ich mich verwirrt gab, sagte sie <em>\u201eIch hab blo\u00df \u2019n Scherz gemacht.\u201c<\/em><br \/>\nIch verstand nicht, was daran hatte lustig sein sollen und sagte: <em>\u201eAh\u2026 okay\u2026\u201c<\/em>.<br \/>\nDas hat vermutlich nicht sehr zu einer positiven Auffassung meiner Person ihrerseits beigetragen, aber man kann sich kaum vorstellen, wie egal mir das war und heute noch ist. Mein gr\u00f6\u00dftes Gl\u00fcck stellte sich immer dann ein, wenn sie in der Waschk\u00fcche Dienst hatte und sich um Sch\u00fcrzen und Tischdecken k\u00fcmmerte, anstatt mich zu terrorisieren.<\/p>\n<p>Nachdem das Weihnachtsgesch\u00e4ft nach der ersten Januarwoche endg\u00fcltig vorbei war, verschob sich auch der Feierabend zur\u00fcck auf halb Vier, wie eigentlich vorgesehen. Stellenweise war so wenig los, dass ich mir wie bei der Bundeswehr vorkam: In Abwesenheit von zu sp\u00fclendem Geschirr und schmutziger Reinigungsreviere wurde ich angewiesen, mir einen Lappen zu nehmen und in der Sp\u00fclk\u00fcche rumzuwischen \u2013 damit ich besch\u00e4ftigt aussah, sollte der Chef pers\u00f6nlich den Kopf zur T\u00fcr reinstecken. Das kam auch immer wieder mal vor. Dabei kam er mir wie ein vern\u00fcnftiger Mensch vor, also nicht wie jemand, der empfindlich reagiert, wenn seine Angestellten in einer ruhigen halben Stunde auch mal eine ruhige Kugel schieben. Erstaunt war ich davon, dass er im Fall von Reparaturen selbst mit Hand anlegte: Er reparierte gemeinsam mit dem Hausmeister einen Backofen und die Elektrik der Au\u00dfent\u00fcr der K\u00fcche, die sich auf Knopfdruck \u00f6ffnete (bzw. \u00f6ffnen sollte), wenn man mit einem Geschirrwagen darauf zu rollte.<\/p>\n<p>An einem Tag sollte ich im Bier- und Weinkeller fegen und gekachelte Teile wischen \u2013 ein wahres Labyrinth unter dem Haus. Hierzu wurde ich auf die Alarmglocke aufmerksam gemacht, die im vorderen Bereich angebracht war: Der Alarm werde ausgel\u00f6st, sobald der Kohlendioxidanteil in der Atemluft einen gewissen Schwellenwert \u00fcberschritt. In dem Falle sollte ich schleunigst die Treppe hochgehen.<br \/>\nWie k\u00f6nnte es anders sein \u2013 als ich mitten bei der Arbeit war (und mit Seitenblicken die gelagerten Jahrg\u00e4nge bewunderte), schrillte die Glocke, mir standen alle Haare zu Berge. Der Alarm verstummte jedoch nach zwei Sekunden wieder. Was zum Teufel war das gewesen? Ich k\u00fcmmerte mich also nicht weiter darum und fegte weiter. Gleich darauf stieg mir allerdings ein ganz typischer Biergeruch in die Nase, und als ich um die n\u00e4chste Ecke linste, floss mir ein Bierbach entgegen und verschwand in einem Abfluss. Ich konnte feststellen, dass ein ganzes Fass ausgelaufen war, eines von denen, die mit dem Zapfhahn im Erdgeschoss verbunden waren. Zumindest war eines leer. Vermutlich hatte das pl\u00f6tzliche Austreten der Kohlens\u00e4ure den Alarm ausgel\u00f6st, die sich dann aber schnell genug im Raum verteilte, um im Bereich des Sensors den Schwellenwert wieder zu unterschreiten. Keine Minute nach dem kurzen Alarm war die Verwalterin mit dem Hausmeister im Anmarsch, um zu sehen, was los sei \u2013 wegen des Alarms, denn noch niemand hatte den Druckabfall in der Zuleitung registriert. Ich schilderte die Lage und wurde losgeschickt, mir einen Eimer zu besorgen und die entsprechenden R\u00e4umlichkeiten, etwa sechs Quadratmeter, auszusp\u00fclen, damit das Bier nicht alles verklebe. In der Zwischenzeit wurde ein neues Fass angeklemmt und der Hausmeister konnte sich keinen Reim darauf machen, was eigentlich vorgefallen war, von daher wei\u00df ich auch nicht, ob sich vielleicht der Schlauch gel\u00f6st hatte, oder was sonst an einem Fass schief laufen kann.<\/p>\n<p>An einem anderen Tag wurde ich ins Schneetreiben vor dem Haupteingang beordert, weil ein Hund dort einen Haufen hinterlassen hatte \u2013 das St\u00fcck von der Gr\u00f6\u00dfe eines Lyoners war zum Gl\u00fcck steif gefroren und lie\u00df sich widerstandslos mit der Schaufel entfernen\u2026 und sogar das war angenehmer, als mit Frau Bohlen im selben Raum zu sein und ihre Visage sehen zu m\u00fcssen!<\/p>\n<p>Es wurde nicht besser. Ich wurde immer noch angefahren und wie der letzte Depp behandelt. Besonders deutlich wurde das an einem Tag, als eine der Serviceangestellten, eine Restaurantfachfrau (in Ausbildung), wie man Kellnerinnen offiziell in der Sprache der Beamten nennt, erfahren hatte, dass aus irgendeinem Grund kein Berufschulbetrieb stattfinden w\u00fcrde. Sie war daraufhin in den Betrieb gekommen, um dies der Verwalterin mitzuteilen, die sie dann zu uns in die Sp\u00fclk\u00fcche schickte, damit sie auch dort mal gearbeitet hatte. Sie hatte in der Tat \u00fcberhaupt keine Ahnung von dem, was und wie es da lief, und es fiel mir zu, ihr die Abl\u00e4ufe am Ende des F\u00f6rderbands zu erl\u00e4utern, also das Abwischen der Sch\u00fcsseln, das Umverteilen der Teller, das Wenden der Tassen, und das Doppelsp\u00fclen des Bestecks. Ihre Anwesenheit hob meine Laune deutlich und ich erkl\u00e4rte die notwendigen Abl\u00e4ufe mit einer sonnigen Motivation, die mich selbst \u00fcberraschte. Das ging scheinbar nicht nur mir so, denn obwohl die junge Frau offen ersichtlich den Eindruck machte, als sei sie von dem Organisationsanforderungen der Sp\u00fclk\u00fcche \u00fcberfordert, legte Frau Bohlen eine ausgesuchte und lockere Freundlichkeit an den Tag, die ich ihr nie zugetraut h\u00e4tte. Verdammt, die lachte sogar! Mit anderen Worten: Ihre Kaltschn\u00e4uzigkeit lag nicht einfach an ihrem Lebensfrust, der in den Symptomen meines Erfahrungsmangels ein Ventil fand, sondern an mir, an meiner Person, an der subjektiven Wirkung, die ich auf sie hatte, ohne dass ich irgendetwas dazu beitragen musste oder \u00fcberhaupt konnte. Da wurde weiter gen\u00f6rgelt, geschnaubt, gest\u00f6hnt, gemeckert, gejammert, und die Augen verdreht.<\/p>\n<p>Also besann ich mich auf die Vorteile des Minijobberdaseins: Ich kann gehen, wann immer es mir Spa\u00df macht \u2013 beziehungsweise, sobald es mir keinen Spa\u00df mehr macht. Zum Ende der vierten Woche telefonierte ich mit der Verwalterin und erkl\u00e4rte ihr, dass ich gern aufh\u00f6ren mochte, und bot ihr an, noch eine Woche zu arbeiten, damit sie Zeit habe, die Stelle neu auszuschreiben.<br \/>\nMeine Laune w\u00e4hrend dieser f\u00fcnften Woche war schon fast euphorisch, und ich behielt meine \u201eInformationspolitik\u201c bei \u2013 nur \u201eMutti\u201c erfuhr, an meinem letzten Tag, dass ich nie wieder kommen w\u00fcrde. Sie wurde von der Aussage \u00fcberrascht, was mich wiederum \u00fcberraschte, weil ich dachte, dass diese Information von der Verwaltung doch zumindest an die zust\u00e4ndige Vorarbeiterin weitergereicht werde. Scheinbar war das nicht der Fall.<br \/>\nIch hielt auch die Klappe, als David mich an meinem vorletzten Arbeitstag in die tieferen Geheimnisse der Sp\u00fclmaschinen einweihte \u2013 wie man die zu reinigenden Teile ausbaute und wieder einsetzte, damit ich das in Zukunft selbst\u00e4ndig machen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Ich ging also und ich habe mich noch nie von einer T\u00e4tigkeit derart befreit gef\u00fchlt. Der ganze Hauptmarkt sah mit einem Mal viel freundlicher aus.<br \/>\nLeider hatte sich keinerlei Gelegenheit zum Abgreifen von Essen ergeben \u2013 wie auch? Das Robert-Schumann-Haus richtet Buffets und vorgefertigte Men\u00fcs aus, w\u00e4hrend der Domstein nur das auf den Tisch stellt, was explizit bestellt wurde, was die Restmengen nat\u00fcrlich minimiert.<\/p>\n<p>Drei der Angestellten der Sp\u00fclk\u00fcche habe ich nachher noch einmal gesehen: Leo lief mir nur wenige Tage sp\u00e4ter in der Theodor-Heuss-Allee \u00fcber den Weg, als ich den Hund von Frau G. ausf\u00fchrte, erkannte mich aber scheinbar mit M\u00fctze auf dem Kopf und ohne Sch\u00fcrze nicht. David ersp\u00e4hte ich im SATURN in Begleitung einer Frau, ich vermute seiner Frau, aber ich hatte nicht das Bed\u00fcrfnis, Kontakt aufzunehmen, um belanglosen Smalltalk zu halten oder auf neugierige Anfrage hin meine Gr\u00fcnde f\u00fcr den verheimlichten Ausstieg erl\u00e4utern zu m\u00fcssen. Und die Frau Bohlen blieb mir nicht erspart, als ich am Morgen des 20. September 2009 vor dem Zelt der City Initiative Trier e.V. herumstand, um meinen Wachauftrag zu \u00fcbernehmen.<br \/>\nUnd wegen all dem Geschilderten wusste ich an dem Tag auch, wie ich ohne fragen zu m\u00fcssen auf die Toilette im Untergeschoss des Domsteins gelangen konnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es kam dazu, dass ich montags und donnerstags nachmittags bereits einen deutlichen Unwillen in Bezug auf den kommenden Tag sp\u00fcrte, was meine Laune an vier von sieben Wochentagen merklich senkte. Nach dem Aufstehen h\u00e4tte ich am liebsten als erstes aus dem Fenster gekotzt, einfach so, um meine Laune kund zu tun, und nicht, um den [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_s2mail":"yes","footnotes":""},"categories":[10],"tags":[1691,1692,1694,1698,1690,337,1476,1413,333,725,330,139,338,1362,87],"class_list":["post-1014","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitswelt","tag-arbeitsablauf","tag-arbeitsablaufe","tag-arbeitseffizienz","tag-arbeitsmoral","tag-arbeitsorganisation","tag-aushilfsjob","tag-domstein","tag-hauptmarkt","tag-minijob","tag-motivation","tag-nebenjob","tag-nebenverdienst","tag-studentenjob","tag-studentische-aushilfskraft","tag-trier"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1014","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1014"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1014\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2990,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1014\/revisions\/2990"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1014"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1014"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1014"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}