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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

24. Oktober 2017

Op da schäl Seit (Teil 3)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 16:39

3. Juli 2014
Ich lernte durch Schmerz – zum Thema Arbeitsteilung. Auch nach Wochen mit dem Hübschen wusste ich noch nicht auswendig, welche Kunden in Königswinter zu meinem Tourgebiet 102 und welche zu meinem Nachbarn 103 gehören. Ich erlag meinem Hang zu einem gewissen Übereifer.
Auf meinem Scanner sammelten sich mehr und mehr Abholer, bis mir gegen 15 Uhr klar wurde, dass die gesammelten Aufträge physisch nicht mehr zu machen waren. Ich fuhr bereits seit über einer Stunde nur noch den Abholzeiten hinterher. Ich rief die Dispo an und bat wörtlich um Hilfe. Jim teilte mir lapidar mit, dass es dafür bereits etwas spät sei. Der Kollege, der zu meiner Entlastung in der Gegend dieser Tage herumfahre (ich nenne ihn mal Keshan, obwohl er von Teppichen vermutlich keine Ahnung hat), sei bereits ins Depot zurückgekehrt und habe Feierabend gemacht, die 103 habe ihre eigenen Probleme (weil: ebenfalls neuer Fahrer), ich müsse da allein durch. Jim sah sich meine Liste an und gab mir Anweisungen, in welcher Reihenfolge ich vorgehen sollte, und er war nicht begeistert davon, dass ich nicht mehr Abholer an die 103 delegiert hätte.

Nu ja, ich wusste es halt noch nicht besser. Die Abholaufträge werden – anders, als ich bislang annahm – nicht von einem Disponenten bewusst auf Touren gelegt, sondern von der EDV gemäß der Postleitzahlen automatisch zugeordnet. Die Fahrer müssen im Zweifelsfall wissen, was in ihr Tourgebiet fällt und was nicht und Aufträge an die Nachbarn weiterleiten. Das klingt einfach, aber die Realität ist leider nicht so einfach. Denn die Gebiete sind nicht in Stein gemeißelt – das kannte ich ja bereits von Transoflex – und darüber hinaus sind die Grenzen auch nicht genau definiert. Die Idee ist, dass die Fahrer durch telefonische Kommunikation flexibel die Aufträge in den „Grenzregionen“ aufteilen. Klingt gut, ist es aber nicht, weil dieses Kooperationsprinzip nur dann funktioniert, wenn die Nachbarn den Zeitaufwand für die jeweils noch vorhandenen Aufträge einschätzen können, und das läuft nicht, wenn man, wie in unserem Fall, die Touren mit jeweils neuen Fahrern mit ungenügender Erfahrung besetzt hat.

Mein Nachbar auf der 103 – Khan – war nicht nur unerfahren und ebenso ortsunkundig wie ich, sondern neigte unter Stress auch zu Pessimismus und Panik. Er war kein Egoist, der jeden Auftrag, der nicht eindeutig in sein Gebiet fiel, sofort von sich wies, aber er verlor schnell die Nerven, und (das ärgerte mich am meisten) er konnte Anfragen nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten. Wenn ich ihn anrief und fragte, ob er diesen oder jenen Abholer übernehmen könne, weil ich sonst mit den Abholzeiten für etwas anderes nicht hinkäme, sagte er nicht einfach „Ja, das geht“ oder „Nein, schaffe ich auch nicht“, sondern gab mir erst einmal einen Überblick darüber, wie sein Tag bisher gelaufen war, und was aktuell noch auf seinem Scanner abzuarbeiten war. Diese Darlegungen zogen sich mitunter mehrere Minuten hin, was mich oft veranlasste, ihn abzuwürgen und einfach aufzulegen, da mir klar war, dass er lediglich nicht so direkt sein wollte, kurz und bündig abzulehnen. Obwohl er sonst ein netter Typ war, war die Zusammenarbeit unter diesen Bedingungen sehr schwierig.

4. Juli 2014
Ich delegierte gewissenhaft Aufträge, nachdem ich die Karten studiert hatte, welche Firma wo zu finden war. Was eindeutig im Gebiet des Nachbarn lag, bekam er auch auf den Scanner. Der Tag lief bedeutend entspannter als der zuvor.

Am 8. Juli fuhr ein weiteres Fahrzeug auf unserer rechten Rheinseite, weil so viel Fracht da war. TNT kauft Touren je nach Bedarf und natürlich reizt man jedes Auto und jeden Fahrer auch über die gesetzlichen Grenzen hinaus aus, sofern die Konzernstatistik nachher schön aussieht. Dieses zusätzliche Fahrzeug jedenfalls bewirkte das kleine Wunder, dass ich tatsächlich eine halbe Stunde Pause machen konnte. Wir schlussfolgern: Mit relativ geringem finanziellem Einsatz wäre es möglich, den überlasteten Fahrern das Leben einfacher zu machen und dafür zu sorgen, dass dem Gesetz zur Arbeitszeit abhängig beschäftigter Arbeitnehmer Rechnung getragen wird. Aber die Gewinnmaximierung ist wichtiger.

Ich komme an dieser Stelle nochmal auf das Versprechen des Tourenfürsten zurück: „Ich geb Dir ne kleine, nahe Tour.“ Ich sagte ja bereits, dass diese Aussage in Bezug auf die Frachtzahlen tatsächlich stimmte, dass aber die geforderte Flexibilität bei den zumeist willkürlich reinkommenden Abholaufträgen den zeitlichen Bogen völlig überspannte. Ich sage an dieser Stelle „zumeist“, weil es auch Aufträge gab, die fest im Programm standen. Im Konzernjargon nennt man diese Aufträge „Dailies“, also „Tägliche“. Ich hatte nur drei solcher Kunden, aber gerade der in der Mitte, in Rheinbreitbach, vernichtete jede Chance auf frühen, gesetzmäßigen Feierabend.

Sehen wir uns die Zeiten einmal an. Mein Arbeitstag begann um 05:45 Uhr, wenn die Gitterboxen geöffnet werden und das Paketband anläuft. TNT verlangte jedoch von den Fahrern, dass auf dem so genannten Tagesbericht, der jeden Tag mit zwei Durchschlägen eingereicht werden muss, eine Anfangszeit von 06:30 angegeben wird. Begründung: Um diese Uhrzeit beginnen die Fahrer nach dem Bandlauf mit dem Beladen der Fahrzeuge. Das Abnehmen der Pakete vom Band und das Zusammenstellen der Fracht allgemein wurde also nicht als Arbeit betrachtet. Meine Rückfrage in der Richtung wurde nicht beantwortet. Als freiwilligen Frühsport würde ich das alles jedenfalls nicht bezeichnen. Auf diese Art und Weise verschwanden klammheimlich 45 Minuten Arbeitszeit aus der Konzernstatistik.
Selbst wenn wir diesen Umstand nun akzeptieren: Addieren wir auf halb Sieben morgens neun Stunden gesetzliche Arbeitszeit und eine dreiviertel Stunde gesetzlich vorgeschriebene Pause (die eigentlich nicht zustande kam), kommen wir auf 16:15 Uhr. Um viertel nach Vier am Nachmittag hätten wir Feierabend machen müssen, um im gesetzlichen Rahmen zu bleiben, also: Zurück im Depot, Abholer ausgeladen, Papiere fertig und aus dem Tor raus. Mit den Dailies war das nicht zu machen.

Der Daily in Rheinbreitbach konnte frühestens um 17 Uhr abgeholt werden. Die Firma versprach schlicht ihren eigenen Kunden, dass eine Ware, die bis 16:59 geordert wurde, auch am selben Tag noch rausgehen und am Folgetag zugestellt werden würde. Für die Arbeitsweise des Logistikers konnte man die Leute ja nicht verantwortlich machen. Das heißt, wenn ich früh genug da war, hing ich ein bisschen rum, bekam Kaffee und Plätzchen angeboten, und um Schlag 17 Uhr gab mir der Warenausgang der Firma das Startzeichen. Gezählt und überprüft hatte ich die Ware schon (bei den Paketen für TNT Express fand sich auch schon mal Sendungen für Konkurrenzunternehmen, die da nicht hingehörten), dann musste ich noch Papiere unterschreiben und die Sachen verkehrssicher einladen. Im günstigsten Fall kam ich um 17:20 weg.
Und da hatte ich noch einen Daily vor mir, in Dattenberg. Selbst wenn ich die Zeit gehabt hätte, ihn früher abzuholen, lag der Kunde doch bedeutend näher bei der Heimat, ich müsste von Rheinbreitbach aus etwa 15 Minuten hin und 15 Minuten wieder zurück nach Rheinbreitbach fahren, um dann auf dem Heimweg erneut an Dattenberg vorbeizufahren. So sehr es mich ärgerte, war es an gut laufenden Tagen besser, eine Zwangspause zu machen, als die zusätzliche Strecke zu fahren.
War ich also um etwa 20 Minuten vor Sechs in Dattenberg fertig, waren es immer noch ungefähr 25 Minuten Fahrt bis ins Depot, und für Papiere und Ausladen gingen weitere, mehr als 30 Minuten Zeit drauf. Feierabend um kurz vor Sieben war die Norm, das bedeutete jeden Tag eine Arbeitszeitüberschreitung von etwa zweieinhalb Stunden – und da sind die 45 Minuten, die uns am Morgen verweigert wurden, noch nicht einmal eingerechnet. Ich diskutierte in Rheinbreitbach, aber die konnten ihre Bestellzeiten ja nicht einfach ändern, ich diskutierte in Urmitz, aber es interessierte keinen. Alles, was ich machen konnte, war, mein Fahrtenbuch, meinen Nachweis über Fahrt- und Ruhezeiten wahrheitsgemäß auszufüllen. Sollten mir die Bullen mal Daumenschrauben anlegen, würde ich von denen welche mitnehmen.

Das System war also von Grund auf illegal und auf Ausbeutung angelegt, und so unglaublich es klingt: Mehr als bei Transoflex. Dort musste man vielleicht zwei oder drei Abholer im Monat machen, und man erfuhr von denen gleich am Morgen, konnte sie also in die lineare Tour einplanen. Der Transoflexer fährt seine Runde und dann nach Hause. Ist der Fahrer gut organisiert und die Begleitumstände halbwegs günstig, kann er die Arbeitszeiten weitgehend einhalten. Bei TNT war das 2014 noch unmöglich. Die Lösung des Problems kam auf einem Weg, den niemand so erwartet hätte. Dazu später mehr.

Am 10. Juli hatte ich meine erste Lieferung der Firma Köser im Auto. Es handelt sich dabei um Tiefkühlkost gehobener Art. Die Kunden, ein nettes älteres Ehepaar in einem der Königswinterer Dörfer, versicherten mir, dass es sich um exquisite Ware handele und, entgegen der Meinung der Leute in meinem Arbeitsfeld, keineswegs nur um Fisch. Die Lebensmittel werden mitsamt Trockeneis in Styroporkisten geliefert, das die äußerlich ungekühlte Aufbewahrung über zwei oder drei Tage unbedenklich macht.
Ich habe später den Onlineshop des Versands besucht, um mir ein Bild zu machen, und was sich mir da bot, war in der Tat nicht unbedingt für jeden Geldbeutel geeignet, aber das Angebot klingt appetitlich – Lammkotelett, Hirschfilet aus Neuseeland, Lammlachse in Lavendelkruste… Fisch, Fleisch, Desserts, und so weiter. Vielleicht bestelle ich irgendwann aus reiner Neugier einmal etwas.
Das Ehepaar bestellt scheinbar regelmäßig an Ostern, Weihnachten und zu Geburtstagen, um mit den Kindern und deren Kindern ein unkompliziertes Essen zu genießen. Da die beiden nicht mehr gut zu Fuß sind, biete ich natürlich gern an, die Ware in den Keller zu tragen (dabei bitte nicht auf den lebhaften, kleinen Hund treten) und bekomme einen Zehner dafür in die Hand gedrückt. In der Folgezeit wiederholte sich das bei jedem meiner Besuche.

Leider blieb der 10. Juli nicht so golden, denn als ich eine Zustellung in Rheinbreitbach machte, verhob ich mir in Eile nicht nur den Rücken an einer kleinen Palette von 40 kg (die übliche Muskelzerrung, die nach drei unangenehmen Tagen wieder verschwindet), sondern blieb beim Zupacken mit dem rechten Mittelfinger an der Kante eines anderen Pakets hängen, was den Finger unangenehm weit in die falsche Richtung bog. Die Hand schwoll am Fingeransatz leicht an und ich litt an einem dumpfen Schmerz, aber die Hand funktionierte ausreichend.
Zwei Tage später war die Stelle allerdings noch immer angeschwollen und an dem Schmerz hatte sich auch nichts geändert. Hatte ich nicht die Sehne überlastet, sondern möglicherweise das Gelenk verrenkt? Ich umfasste den rechten Mittelfinger mit vier Fingern meiner linken Hand, drückte mit dem Daumen sanft von oben auf das Gelenk, und zog die Fingerspitze nach oben hin weg. Ich spürte ein Knacken, die Greifbewegungen wurden sofort eine Spur angenehmer. Das Gelenk saß also wieder in seiner Pfanne. Ich hatte danach zwar noch über zwei oder drei Wochen lang Schmerzen in der Gegend, aber sie ließen auch immer mehr nach und verließen mich schließlich ganz.

Zum Ausgleich für das verbogene Gelenk erhielt ich an dem Tag Süßigkeiten von einem Tierarzt, den ich in der Folgezeit als „Dr. Knabber“ in meinem Kopf abspeicherte. Wenn ich etwas brachte, hielt mir seine Frau eine Dose mit irgendwelchen Süßigkeiten aus dem Discounter hin. Ich mochte die Sorten nicht besonders, aber je nach dem, was an einem Tag sonst so los war, war ich doch ganz dankbar für die Kohlenhydrate.

Es gab auf meiner Tour keinen bequem erreichbaren NORMA Discounter, es wurde also schwierig, meinen Lieblingssaft zu besorgen und ich füllte die Flasche einfach immer wieder mit gewöhnlichem Leitungswasser auf. Allerdings musste ich feststellen, dass auch Wasser schmierig-widerliche Ablagerungen hinterließ, die auch unter abendlichem Ausspülen ein regelmäßiges Durchtauschen von Flaschen erforderliche machten. Neue Flaschen wurden dann eben beim „richtigen“ Einkaufen am Wochenende besorgt.
Ich kam auf die Idee, dass Kohlensäure im Wasser diese Ablagerungen verhindern könnte, schließlich ist es die Aufgabe der Kohlensäure, Wasser besser haltbar zu machen. Aber wo bekam ich die Kohlensäure her? Ich kaufte Brausetabletten mit etwas Geschmack und Vitaminen drin, aber das Problem wurde nicht gelöst. Die Ablagerungen rochen halt anders. Unangenhem anders. Vielleicht war der Zucker in den Brausetabletten dafür verantwortlich, dass der leichte Desinfektionseffekt der Kohlensäure wieder ausgeglichen wurde. Also: Weiter Flaschen durchtauschen, sobald sie unangenehm rochen.

Ich machte dafür andere Snackexperimente. Wenn Norma den besten Orangensaft hat, dann hat PENNY die beste Schokolade. Die Hausmarke von Penny ist von einer geschmacklichen Qualität, die weit über ihre Preisklasse hinausreicht. Man kann das richtig schön feststellen, wenn man die gleiche Art dreier verschiedener Marken kauft, zum Beispiel Trauben-Nuss-Schokolade, und parallel probiert. Da muss man schon ein teures Markenprodukt auffahren, um die Billigmarke von PENNY zu schlagen. Wirklich beachtenswert.
Zum Glück für mein Körpergewicht hielt das Verlangen nach Schokolade nicht lange an, schließlich arbeitete ich weitaus weniger körperlich hart als noch vor wenigen Monaten. Ich finde es noch immer unglaublich, dass ich anno 2012 im Sommer fast jeden Tag eine Prinzenrolle in mich hineingestopft habe, ohne meine Körperform nach außen hin auszudehnen…

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