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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

13. August 2017

Op da schäl Seit (Teil 2)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 18:00

Also merke: Zweidimensional denken. Gebiete, nicht Linien. Die geistige Umstellung nahm einige Tage in Anspruch, sparte aber langfristig natürlich Zeit. Zunächst machte diesem Ideal jedoch noch die schiere Größe des Tourgebiets und das Gebaren mancher Kunden einen Strich durch die Rechnung. Die Industriegebiete oben im Siebengebirge sind erstaunlich aktiv, und allein vom Rhein aus hoch bis zur Autobahn (wo das Tourgebiet ja keinesfalls bereits seine östliche Grenze erreicht hat) und wieder runter zu fahren kostet eine gute Dreiviertelstunde Zeit, und da habe ich noch keinen Kunden gesehen, deren Abfertigung ja auch Zeit kostet.
Und dann gibt es Kunden wie einen in Bad Hönningen, der in der Regel erst anmeldete, nachdem ich mit Solvay fertig und längst woanders war, und gleichzeitig die Abholung erledigt haben will, bevor ich auf dem Weg nach Hause wieder durch den Ort fahren würde. Das führte dazu, dass ich von Linz aus nach Bad Hönningen zurück musste, was insgesamt eine halbe Stunde meines Feierabends verschlang.
Oder solche im Siebengebirge, die gern das Zeitlimit zur Anmeldung von Abholaufträgen ausnutzten und mich so immer wieder dort oben festhielten, weil es natürlich mehr Zeit kostet, wieder hoch zu fahren, als untätig auf einem Parkplatz rumzusitzen. Ins Büro zu gehen und zu fragen, ob was abzuholen sei, erwies sich schnell als hinfällig, da meine Kunden ja nicht vorhersehen können, ob nicht einem ihrer eigenen Kunden kurz vor Schluss noch einfallen würde, dass er ja noch was braucht. Nach Wochen und Monaten hatte ich aber den einen oder anderen, der es konnte, soweit, dass sie früher anmeldeten.

„Ich geb Dir ne kleine, nahe Tour“, hatte mir der Tourenfürst bei meinem Wechsel zu TNT angekündigt. Aber das einzige, was an der Tour klein war, waren die Frachtzahlen. Wie ich bereits sagte, waren 40 bis 60 Colli weit unter dem Pensum, das ich von Transoflex gewohnt war. Die Gemeinde Königswinter hat einen Durchmesser von gut 20 Kilometern. Von einem Ende zum anderen fahren zu müssen, macht bereits was aus. Aber bis ich nach der morgendlichen Abfahrt mein Tourgebiet überhaupt erreichte, verging bereits etwa eine halbe Stunde, wobei diese Zeit in einem bedeutenden Maße dem Innenstadtverkehr von Neuwied geschuldet war. Wenn Ferien sind, ist dieser Stau wie weggeblasen, weil die Mamis und Papis ihren Nachwuchs scheinbar gern direkt ins Klassenzimmer fahren, anstatt sie den Bus nehmen zu lassen. Irgendwann gab ich entnervt auf und nahm die Bundesstraße um Neuwied herum. Auch die führte zum Teil durch Stadtgebiet, wo es zu Ampelstaus kam, aber nicht in dem Maße wie in der Innenstadt. Trotz der zusätzlichen Kilometer sparte ich dadurch fünf bis zehn Minuten.

Bis nach Königswinter waren es etwa 70 km, die sich auf der B42 hinziehen wie Kaugummi. Dass sich die Straße als Bundesstraße bezeichnen darf, ist eigentlich in weiten Strecken ein Hohn. Erst in Nordrheinwestfalen bekommt sie vier Spuren mit baulicher Trennung in der Mitte. Bis dorthin handelt es sich um eine bessere Landstraße, die nur eine einzige Stelle bietet, wo man genug freie Sicht hat, um mit einem Kleintransporter auch mal einen LKW zu überholen. Verpasst man diese eine Gerade wegen Gegenverkehrs, verliert man wieder eine Menge Zeit. Und es rollt eine Menge LKW-Verkehr über die B42. Ich würde mal schätzen, dass es sich bei mindestens jedem zehnten Fahrzeug um einen LKW handelt. In Leutesdorf (und nicht nur dort) gibt es eine Bürgerinitiative gegen Verkehrslärm, und man muss sich das mal vorstellen: Die B42 ist die rechtsrheinische Hauptverbindung in Richtung Bonn. Eigentlich dürfen Laster nur bis Rheinbreitbach fahren, und das auch nur, falls sie eine Zustellung in einem der Orte auf der Strecke haben. Die Fahrer und Unternehmer werden dazu angehalten, bei weiter entfernten Zielen die Autobahn zu nehmen und Bad Honnef zum Beispiel über Aegidienberg/Landstraße anzufahren. Das interessiert aber die wenigsten, weil es zusätzliche Kilometer und zusätzliche Fahrzeit mit sich bringt. DHL zum Beispiel fährt mit einem Zwölftonner plus Anhänger grundsätzlich über die B42 nach Bonn. Das Verbot wird in keiner Weise durchgesetzt. Das Problem im Mittelrheintal ist aber nicht nur der LKW-Verkehr, denn parallel zur Bundesstraße verläuft auch eine für den Frachtverkehr immens wichtige doppelgleisige Bahnlinie. Da fährt nicht ab und zu mal ein Zug, nein, da fährt alle paar Minuten ein Zug.

Einmal, als ich die Erfahrung noch nicht gemacht hatte, stand ich in einer Schlange von Autos vor einem Bahnübergang in Königswinter. Ein Zug fuhr durch. Aber die Schranke öffnete sich nicht. Fünf Minuten darauf fuhr ein weiterer Zug durch, für den die Schranke erst gar nicht geöffnet worden war. Dann wurde die Straße wieder freigegeben, die sechs Autos vor mir rollten über den Übergang – und als ich an der Reihe war, schaltete die Ampel wieder auf Rot und die Schranke senkte sich erneut, um einen weiteren, wenige Minuten später passierenden Frachtzug passieren zu lassen. So geht das die ganze Zeit, jeden Tag. Insgesamt stand ich eine Viertelstunde so rum und beschloss daher, lieber vier Kilometer Umweg zu fahren, die es aber erlauben, dass ich die Gleise mittels einer Brücke überquere.

Zuletzt darf man nicht unterschätzen, wie laut diese Züge sind. Oft genug bin ich bei schönem Wetter neben einem Zug hergefahren. Die Züge fahren auf gerader Strecke ebenfalls um die 100 km/h und der Abstand zur Straße beträgt abschnittsweise nur wenige Meter. Diese Dinger sind so laut, dass ich bei offenem Fenster die Musik aus der Stereoanlage nicht mehr hören konnte, und ich höre nicht leise Musik. Die Anwohner der Dörfer am Rhein sind also eingeklemmt zwischen hunderten LKWs und tausenden PKWs auf der einen Seite, und rauschendem Schienenverkehr auf der anderen. Das kann kein Vergnügen sein.

Doch zunächst: Bevor ich am 01. Juli 2014 die Stelle als Fahrer offiziell antreten würde, war ich neugierig, ob es nicht möglich wäre, die zwei Wochen, die ich de facto arbeitslos gewesen war, durch eine Art Übergangsgeld vom Jobcenter ein wenig auszugleichen. Ich nutze etwas freie Zeit, um mich an entsprechender Stelle einzufinden und erkannte sofort, warum ich in der Vergangenheit immer wieder froh gewesen war, aus dem Gebäude wieder heraus zu kommen; es ist diese hoffnungslose Melancholie mit einem Schuss Aggressivität. Jetzt musste natürlich genau vor mir ein arg frustrierter junger Mann dran sein, der seinem Unmut Luft machte, wobei es in dem Büro zu einer lautstarken Diskussion kam. Es bestand kein Zweifel, mit welcher Art von Laune ich da drinnen empfangen werden würde. Die Sachbearbeiterin wischte mein Anliegen in einem forschen Tonfall vom Tisch.

Dann kam der erste Arbeitstag, an dem ich allein fahren würde. Wegen fälliger Reparaturen war ich die ersten Tage in einem Leihwagen unterwegs. Es war heiß und es kam, wie es kommen musste. Ich brauchte eingangs bereits bedeutend mehr Zeit, um aus dem Depot zu kommen, als die erfahreneren Kollegen, weil es auch in einem kleinen Depot genug Raum gibt, in dem man noch ungefundene Pakete suchen kann. Die Dispo macht dabei leider oft nur die halbe Arbeit, weil sie einfach im Bildschirmfenster der jeweiligen Tournummer nachsieht, ob ein Paket noch nicht in Beladung gescannt wurde und schickt den Fahrer dann suchen. Durch eine Nachlässigkeit bei der Programmierung der Benutzeroberfläche kann der Disponent aber nur sehen, DASS eine Paketnummer im Wareneingang gescannt wurde – er kann aber nicht auf den ersten Blick sehen, WO das geschehen ist. Deswegen kann es passieren, dass man eine halbe Stunde zunächst ohne, dann mit Hilfe durch das kleine Lager irrt, nur um dann beim zweiten Nachfragen zu hören, dass das gesuchte Paket gar nicht in Koblenz, sondern ganz woanders als „eingegangen“ gescannt worden war, also gar nicht gefunden werden konnte.
Oder man bekommt zu hören: „Das hat der und der Fahrer in Beladung gescannt.“ Auch das wird nicht auf den ersten Blick erkennbar gemacht. Man erkennt einen Vorteil der Transoflex-Software: Scannt jemand eines meiner Pakete, erhalte ich sofort Meldung auf meinem Handgerät, von wem ich es abholen muss; dabei werden die Sendungen bei TNT ebenso morgens auf die Touren verteilt, die Implementierung einer solchen automatisch generierten Mitteilung kann eigentlich keine so große Herausforderung sein. Wenn einem das jeweils einmal passiert ist, legt man sich also gleich schon mal zwei oder drei Rückfragen zurecht, BEVOR man Ware sucht, die man nicht finden kann.

An dieser Stelle muss ich hinzufügen, dass die Dispo die Fahrer bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag suchen lässt, wenn das Paket eindeutig da sein muss, obwohl die Fahrer doch Expresspakete geladen haben, die pünktlich zugestellt werden müssen. Da den Fahrer natürlich niemand festbindet, kann der natürlich dennoch sagen: „Ich lass das jetzt mit dem Suchen, sonst komme ich nicht mehr rechtzeitig an“, aber wenn das Paket dann doch noch gefunden wird, muss es auch irgendwie zugestellt werden, und das heißt in der Regel, dass der betroffene Fahrer de facto seine Mittagspause dafür aufwendet, die Ware im Depot abzuholen. Warum ist es nun wichtiger, die komplette Ladung dabei zu haben, als die Expresse zeitig zuzustellen? Dafür gibt einem niemand eine Erklärung. Aber irgendwann versteht man irgendwann, dass beide Umstände – „Paket nicht zugestellt“ und „Paket nicht rechtzeitig zugestellt“ – gleichwertig negativ in die Leistungsstatistik des Depots eingehen, dass aber der Fuhrunternehmer allein finanziell dafür haftet, wenn einer seiner Fahrer nicht rechtzeitig vor Ort ist.

Bei solchen Dialogen mit der Dispo wiederum stößt man auf das Phänomen der „Tageslaune“ – die Disponenten stehen nicht alle und jeden Tag solchen Rückfragen offen gegenüber. Immerhin kann man den zweien, die das betrifft, nennen wir sie mal „Jim“ und „Knopf“, weil mir nichts besseres einfällt, am Gesicht ablesen, was für eine Laune sie gerade haben. Jim ist an guten Tagen ein Quell guter Ideen (und sparte mir durch kreative Eingriffe in die Aufgabenverteilung zwischen mir und meinen Nachbarn im Laufe der kommenden Monate eine Menge Zeit), aber an schlechten Tagen kann man mit dem nicht reden, weil er gleich pampig wird. Und wenn Knopf seine Kinder ebenso erzieht, wie er das mit den Fahrern versucht, wenn er nicht gut drauf ist, dann müsste ich die beiden Jungs bedauern. Das wichtigste, was man sich für ihn merken muss, ist: Er hat keinen Humor. Klar, auch der macht mal Witze, und ich sage nicht, dass die grundsätzlich schlecht sind, aber wehe, man antwortet mit einer (wenn auch ebenso wenig ernst gemeinten) Bemerkung in seine Richtung, dann ist es mit dem Sonnenschein vorbei.
Rein oberflächlich betrachtet hilft es auch nicht, dass Knopf aussieht wie… wie soll ich sagen? Wenn man in der Brockhaus-Ausgabe von 1938 nachschlägt, findet man im Eintrag „Arier“ vermutlich ein Bild von ihm. Wenn ich jemals einen Film mit Handlung im Zweiten Weltkrieg mache, besetze ich die Rolle des bösen SS-Offiziers mit ihm. Nicht, dass er von der Einstellung her ein Nazi wäre, aber das forsche Wesen und das rein Äußere sind schlagende Argumente für ein solches Casting.

Ich schweife ab. Ich wollte was über meinen Mangel an Effizienz sagen, der mich als erstes eher gegen acht Uhr als gegen sieben Uhr aus dem Depot lässt, und mir dann auf der Tour Schwierigkeiten macht, weil ich natürlich immer noch fast jede Adresse im Navi eingeben muss und mich weniger gut organisieren kann, weil ich die räumlichen Verhältnisse und die Abfolge verschiedener Orte und Adressen noch nicht auswendig kenne. Die ersten Tage waren dem entsprechend extrem stressig, und das bei starker Sommerhitze.

In jenen Tagen wurde in Ittenbach ein neues Einkaufszentrum gebaut und gleichzeitig die davor verlaufende Hauptstraße ausgebessert, inklusive neuem Kreisverkehr an der Abzweigung zur Baustelle. Ich hatte eine Zustellung für das Einkaufszentrum und sah mich vor ein Problem gestellt: Der entstehende Kreisel war, mit einer Ampel versehen, für den Durchgangsverkehr offen, aber die Abzweigung war gesperrt. Ich fuhr vor der Ampel an der Tankstelle raus und ging die 200 m zu Fuß zum Kreisel, ging hinter die Absperrung zu den Bauwagen und traf dort sofort einen Verantwortlichen, der die Ware annehmen würde. Ich fragte, ob ich die Absperrung beiseite schieben dürfe, damit ich nicht jedes Paket einzeln – leichter, aber sperriger Dämmstoff – von der Tankstelle aus hertragen müsste. Er sagte, das sei kein Problem. Gesagt, getan: Ich fuhr in den Kreisel, schob geschwind die Absperrung beiseite, fuhr zu den Containern und stellte meine Ware zu.

Zu meiner Überraschung stellte ich beim Rausfahren fest, dass die Absperrung wieder an Ort und Stelle stand. Ich wollte aussteigen, um sie erneut zu bewegen, da schnauzte mich der Polier vom Kreisel an, dass die Sperre gefälligst stehen bleibe und ich gefälligst so und so und so zu fahren habe, um sie zu umgehen. Wie gesagt: Meine Ortskenntnis auf Stufe 1, meine nervliche Ausdauer fast auf Null. Wo sollte das Problem sein, dass ich den günstigen Moment abwarte, wo beide Ampeln auf Rot stehen, um mich wieder auf die Hauptstraße einzufädeln?
Ich machte an der Stelle einen entscheidenden Fehler: Ich begann, mit dem Polier in einem beiderseits gereizten Tonfall zu diskutieren, während ich mich gleichzeitig daran machte, zur Baustelle zurück zu rollen, um zu wenden, damit ich die in knappen Worten beschriebene Umleitung fahren konnte. Da rumste es plötzlich von hinten. Ich sah in den Spiegel: Ich war gegen einen Materialcontainer gefahren. Der Polier war in dem kurzen Moment vergessen, ich rastete völlig aus und hämmerte aus Wut über meine eigene Dummheit mit der Faust so heftig auf das Armaturenbrett, dass der Deckel der Lüftung raussprang.
Der Polier musste das gesehen haben. Denn es stellte sich zunächst heraus, dass diese Container nicht das Arbeitsgerät des Einkaufszentrums beinhalteten, sondern das für den Kreisel, das heißt, ich musste mich mit jemandem einigen, mit dem ich gerade noch heftig gestritten hatte. Zu meiner Überraschung lief das kurze Gespräch aber sehr sachlich ab, als habe der Streit nicht stattgefunden. Dafür war ich wiederum dankbar.

Der Tourenfürst teilte mir eine Woche darauf mit, dass die Schadensbehebung an dem Mietwagen 1500 Euro gekostet habe, dass er aber nicht auf meiner Eigenbeteiligung in Höhe von 500 Euro bestehe. Zur Erinnerung: Der Chefoberboss von JP hatte eine Eigenbeteiligung in der unsittlichen Höhe von 1500 Euro in den Verträgen seiner Fahrer stehen. Dafür war ich ebenfalls dankbar und fühlte mich in meiner Meinung bestärkt, dass ich im Umgang mit den Leuten meiner Umgebung scheinbar etwas richtig machte, denn ich bin sicher, dass die meisten anderen seiner Angestellten sehr wohl hätten zahlen müssen.

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