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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

6. August 2017

Op da schäl Seit (Teil 1)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 11:33

Wir kommen nun endlich zu einem völlig neuen Kapitel meiner zweifelhaften beruflichen Laufbahn. Um den Titel zu erklären: Im Rheinland bezeichnet man die rechte Rheinseite als die „schäl Seit“ (weiter nördlich von Koblenz auch „schäl Sick“). Die Deutungsversuche verlieren sich im Dunkel der Geschichte; es könnte mit den linksrheinisch treidelnden Gäulen zusammenhängen, denen man zum Wasser hin Scheuklappen anlegte, damit die Sonnenreflexion sie nicht dauerhaft blendete, andere Interpretationen ziehen den Gegensatz zwischen der spätrömisch-christlichen Seite einerseits und der bis ins neunte Jahrhundert germanisch-heidnischen Seite andererseits heran. Ich jedenfalls wohne auf der schäl Seit und würde ab Sommer 2014, wie es aussah, auch rechtsrheinisch arbeiten, auf der Strecke zwischen Rheinbrohl und Königswinter.

Übrigens wurde ich zu der Zeit zum letzten Mal – bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich hier sitze und schreibe – wegen zu hoher Geschwindigkeit geblitzt, als ich samstags nach einer Besorgung im Baumarkt auf dem Nachhauseweg unaufmerksam war und 12 km/h zu schnell hinter einem 80er Schild unterwegs war. Da ich im Rahmen der Kündigungsfrist noch über den Tourenfürsten bei JP arbeitete, bekam ich die Forderung über die Zahlung von 25 E auch über dessen Büro, in dem die Frau C. arbeitete.
Das Foto war völlig verschwommen und konturlos, ein heller Blob vor dunklem Hintergrund. Wenn man mich kennt, kann man mich wohl an der Form des Unterkiefers und an der groben Form des Kopfes erkennen, aber objektiv hielt ich das für anfechtbar. Ich schrieb also zurück, dass die Person auf dem Foto nicht zu erkennen sei und dass ich das nicht sein könne, weil ich samstags nicht arbeite. Worauf die zuständige Polizeistelle wiederum die Frau C. kontaktierte, die ihrerseits gern bestätigte, dass es sich um mich handele.
Ich rief die Frau C. an und fragte, wie es denn mit etwas kollegialer Solidarität stünde, worauf sie mir im Brustton der Überzeugung mitteilte, dass man doch für Fehler, die man gemacht habe, gerade stehen müsse. Natürlich hatte sie da Recht, aber ich war ja kein notorischer Raser und in diesem Fall fand ich die Argumentation heuchlerisch.
„Frau C., mit solchen Ratschlägen sollten gerade Sie sich lieber zurückhalten.“
„Warum das denn?“
„Na, haben Sie oder haben Sie nicht mich und andere Fahrer dazu aufgefordert, nur vom Unternehmen gewünschte Zeiten in die täglichen Fahrtnachweise einzutragen? Das ist ein Wisch mit Name, Datum, Unterschrift, man nennt es Unterlagenfälschung und Betrug, und Sie stecken als Komplizin da mittendrin, falls die Behörden mal auf Ihren Betrieb und seine Geschäftspraktiken aufmerksam werden sollten.“

Aber richten wir den Blick wieder auf die Straße. Am 15. Juni 2014 war ich also mit Goldbart quasi zum Baggersee gefahren und angesichts meiner Zuversicht begann am 16. Juni mein TNT-Praktikum.

Ich kam zu einem Typen ins Auto, es war ein Fiat Ducato mit vielen vielen Kilometern auf dem Zähler, der von seinem Chef „der Hübsche“ genannt wurde (weil er das genaue Gegenteil von hübsch war) und der viel rauchte – sich aber in meiner Anwesenheit etwas zurückhielt. Es waren kühle Tage mit Nieselregen, die mich bei Transoflex wenig gestört hätten, aber erstens war ich hier eigentlich nur Zuschauer und zweitens hat man als geübter TNT-Fahrer Zeit für Pausen.
Wir fuhren um kurz nach Sieben aus dem Depot, den Rhein runter bis Königswinter, machten dort eine Schleife durch die Gemeinde in den östlich vom Rhein liegenden Hügeln (das so genannte Siebengebirge) und bis zum Stadtrand von Bonn, und waren um halb 12 wieder zurück in Bad Hönningen. Dort machte der Hübsche eine Stunde Pause, bevor er mit der fast täglichen Abholung bei Solvay in den Nachmittag startete. Er hatte ein Handy dabei und kümmerte sich derweil um WhatsApp und Facebook, während ich daneben saß und mich in den Mittagsschlaf langweilte, der dann dadurch abgebrochen wurde, dass ich fror. Das Praktikum hatte zwar auch warme Tage zu bieten, an denen mir aber wiederum zu warm wurde, weil der Hübsche scheinbar keinerlei Temperaturgefühl hatte. Der parkte auch bei Sonnenschein an der gleichen Stelle, wo ihm die Sonne direkt in die Windschutzscheibe knallte. Er schwitzte, dass es nur so lief, aber das störte ihn nicht und er blieb bei seiner Handypause, während ich noch weniger schlafen konnte, weil es so heiß war.

Er war ein geduldiger Erklärer, der auf jedes Detail, an das er sich entsinnen konnte einging, und im Vorbeifahren an späteren Tagen gern auf ein Straßenschild deuten würde, um mich zu fragen, ob ich denn noch wüsste, welcher Kunde sich dort befinde. Er muss wirklich anstrengende Leute im Auto gehabt haben, da er, im Laufe der Tage, viele Dinge mehrfach erklärte, die ich spätestens beim zweiten Mal verstanden hatte. Das Merken von Fakten war ja nicht das Problem. Mir war klar, dass mein Problem kommen würde, sobald ich mir selbst ohne Hilfe einprägen musste, wie ich am besten von A nach B komme und was für Gelegenheiten für weniger akute Zustellungen die Strecke dabei bot. Um meine Bemühungen zu unterstützen, ließ er mich auch bald selbst fahren, weil dies die beste Übung war. Wir mussten uns allerdings angewöhnen, kurz vor Erreichen des Depots an einer Tankstelle wieder die Plätze zu tauschen, weil die Versicherung in einem Schadensfalle Schwierigkeiten machen würde, da ich nicht für den Besitzer des Kleintransporters arbeitete; der Tourenfürst sah das also nicht gern, aber wir ignorierten das Verbot. Ich bemerkte bei diesen Fahrten, dass der Ducato völlig durchgenudelt war. Der Sitz war so durchgesessen, dass ich die Metallverstrebung am Steiß spürte und von auch nur halbwegs bequemem Sitzen überhaupt keine Rede sein konnte.

Nebenbei erfuhr ich, dass der Hübsche demnächst seinen Jahresurlaub nehmen würde, weil er wegen einer (?) Geschwindigkeitsübertretung seinen Führerschein einen Monat lang abgeben musste – vielleicht hatte er seinen Blitzerfetisch daher, vielleicht hatte er den schon länger, wer weiß? Er hatte jedenfalls eine entsprechende App auf dem Telefon, die ihn warnte und er hörte einen Radiosender, über den regelmäßig Blitzerwarnungen angesagt wurden, worauf er, bei entsprechenden Orten, die möglicherweise betroffenen Fahrer anrief, um sie auf diese Umstände hinzuweisen.
Die Landesgrenze zwischen Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen verläuft bei Rheinbreitbach, und die Schwerpunktsetzung der Länder spürt man sofort: Nach der Abfahrt Rheinbreitbach folgt auf der B42 eine kurze Strecke, wo man nur 70 fahren darf und kurz vor der Abfahrt Bad Honnef steht auch schon der erste fest installierte Blitzapparat. Ich glaube, aus dem Saarland und auch aus Rheinland-Pfalz kenne ich solche Dinger nur zur Überwachung roter Ampeln. In Rheinland-Pfalz setzt man wohl mehr auf mobile Einheiten, an der B42 gern eingesetzt in der Nähe der Brücke hoch nach Dattenberg. Ich musste mich arg zurückhalten, als just in jenen Tagen dort ein Blitzer stand und der Hübsche mit ausgestrecktem Mittelfinger daran vorbeifuhr und laut rief: „IHR KRIEGT MICH NICHT! IHR KRIEGT MICH NICHT!“
Bei Blitzern ist der Typ schon ein bisschen manisch.

In dem Gebiet jenseits der Landesgrenze gibt es jedenfalls mehrere fest installierte Anlagen. Eine bei Rheinbreitbach (B42, 70 km/h), eine mitten im Wald zwischen Bad Honnef und Aegidienberg (Schmelztalstraße, 40 km/h), eine am Ortseingang von Ittenbach aus Richtung Königswinter (Königswinterer Straße, 50 km/h) und noch eine am anderen Ende von Ittenbach an der AS zur A3 aus Richtung Oberpleis (auch Königswinterer Straße, 70 km/h). Dann wäre noch der besondere Fall in Vinxel zu nennen, vor dessen Ortsschild nur noch 70 erlaubt sind, wo ein Anwohner eine Attrappe aufgestellt hat. Zwar aus Holz, aber gar nicht schlecht gefertigt, dunkelgrau lackiert, sogar mit gläserner „Linse“ – allerdings steht die Konstruktion klar erkennbar auf seinem eingezäunten Privatgelände. Das Ding kann also bestenfalls Ortsfremde erschrecken – eigentlich. Denn: In meinem Navigationsgerät wird es als Blitzer angezeigt, was wohl bedeutet, dass regelmäßig Leute Rückmeldung über diese Position geben; meine beiden Negativanzeigen (dass es eben keinen Blitzer hier gibt) reichten jedenfalls nicht aus, um die Eintragung zu löschen. Löschungen scheinen eh schwer zu realisieren zu sein, weil ich auch auf der A3 eine Stelle als Blitzerposition angegeben bekomme, wo scheinbar nur ab und zu mal eine mobile Einheit aufgestellt wird.

Nun, Blitzer sind eigentlich nicht mein Problem, weil ich mich grundsätzlich an das Tempolimit halte. Wenn ich in der Vergangenheit geblitzt wurde, geschah dies aus Unachtsamkeit. Kommen wir lieber zu einem Punkt, der meine Achtsamkeit herausforderte. Bei Transoflex kann man sich Touren in Form einer Linie vorstellen. Man beginnt am Punkt A, dem Depot, und fährt über viele Zwischenpunkte zum Endpunkt, in der Regel die eigene Haustür. Das Konzept wird bei TNT schon dadurch eingeschränkt, dass die Fahrer nach der Tour ihre Abholer im Depot abgeben müssen, anstatt sie über Nacht im Auto zu lassen, sonst würde das mit der Zustellung am nächsten Tag ja nicht klappen. Na gut, könnte man sagen, dann hat die Linie eben noch einen weiteren Zwischenstopp, bevor man zur eigenen Haustür gelangt, aber die gesamte Tragweite begriff ich erst in diesen Tagen.
Wenn ich Transoflextouren lernte, machte ich simple Notizen darüber, in welcher Reihenfolge die Ortsteile und die darin befindlichen Straßen und die sich dort aufhaltenden Kunden angefahren werden mussten, um so effizient wie möglich arbeiten zu können. Das Ergebnis war eine einfache Liste, die man von oben nach unten auswendig lernte und sich dann die Variationen einprägte. Am ersten Tag meines Praktikums erstellte ich eine solche Liste, nur um am Folgetag bereits bemerken zu müssen, dass diese Liste nicht zu gebrauchen war.

Bei Transoflex wird der gewöhnliche Fahrer bestenfalls Pakete erhalten, die noch am Vormittag zugestellt werden müssen. Für frühere Expresse gibt es einen Frühdienst, der diese wenigen, aber sehr eiligen Pakete übernimmt. Bei TNT dagegen ist jeder Fahrer sein eigener Frühdienst. Es gibt weniger Fracht – 40, 50, 60 Pakete im Vergleich zu 200 bis 300 auf Transoflex Stadttouren – entsprechend früher kommt man aus dem Depot und kann auch 9-Uhr- oder 10-Uhr-Expresse pünktlich zustellen, wenn der Betrieb halbwegs normal läuft. Diese Expresse machen es allerdings notwendig, die Tour jeden Tag neu zu planen, man kann nicht in mehr oder minder starrer Reihenfolge vom Punkt A beginnend in geografischer Reihenfolge vorgehen. Ein simples Frachtbeispiel:

12er in Rheinbrohl,
12er in Bad Hönningen,
9er in Linz,
10er in Rheinbreitbach,
12er in Bad Honnef,
12er in Königswinter,
9er in Willmeroth.
Die übrigen Pakete haben kein Zeitlimit.

Fährt man über die B42, dauert die ununterbrochene Fahrt von Urmitz bis Willmeroth, dem in diesem Beispiel am weitesten entfernten Punkt auf der Landkarte, fast 90 Minuten. Komme ich also auf Grund irgendwelcher Umstände erst nach 07:30 Uhr vom Hof, wird die Sache problematisch. Ich kann die Fahrtzeit nach Willmeroth auf etwa 60 Minuten herabsetzen, indem ich (bei einer Geschwindigkeit von nicht mehr als 120 km/h) über die A48 zur A3 hoch und dann bis zur AS Königswinter fahre. Ausgehend von einer Abfahrt um halb Acht wäre es dann aber bereits halb Neun und ich müsste bis um Neun in Linz am Rhein sein, aber dorthin gibt es keine flotte Verbindung vergleichbar mit der A3. Und dann wäre da noch der 10-Uhr-Termin in Rheinbreitbach. Theoretisch könnte ich von Linz aus Rheinbrohl und Bad Hönningen abdecken und würde den 10er immer noch schaffen – aber nur theoretisch. Denn da sind ja noch die Abholer, die sich irgendwann melden. In diesem beschriebenen Fall würde ich nach dem 9er in Linz die 12er in Bad Hönningen und Rheinbrohl fahren, dann den 10er in Rheinbreitbach, und dann die 12er in Bad Honnef und Königswinter, und dann kommt der fast tägliche Solvay-Abholer in Bad Hönningen, Zeitlimit halb Drei. Das klingt einfach, aber zusammen mit anderen Abholern reicht diese Zeit nicht, in aller Gemütsruhe die nicht eiligen Pakete auf dem Weg nach Süden zuzustellen. Allein die Fahrzeit von Königswinter nach Bad Hönningen beträgt eine Dreiviertelstunde, pro Zusteller kann man sich etwa 5 Minuten hinzudenken, weil ja nicht alle Kunden leicht erreichbar an der Hauptstraße liegen. Ich würde also erneut an vielen Empfängern vorbeifahren, nur um den Solvaytermin zu schaffen. Dann müsste ich für die normalen Zusteller noch mal ganz hoch in die Königswinterer Dörfer fahren und käme auf dem Rückweg noch einmal in Bad Hönningen vorbei. Das ist nicht sehr effizient. Die Lösung sieht vielmehr so aus:

Zuerst der 9er in Linz, anschließend der 10er in Rheinbreitbach, dann fährt man über Bad Honnef und Aegidienberg (eigentlich Gelände der Nachbartour) nach Willmeroth, weil über Königswinter ein Umweg wäre, hält eine Minute vor Neun auf dem Parkplatz vor der Instandsetzungshalle des Bergwerks Hühnerberg in Willmeroth, krallt sich einen der Jungs dort, die bereits auf dem Weg in die Frühstückspause sind, und lässt ihn unterschreiben, bevor er überhaupt weiß, was er bekommt und bevor die Uhr im Scanner 09:00 anzeigt. Eine Sekunde nach Neun ist eine Verspätung, die eine dreistellige Vertragsstrafe für den Fuhrunternehmer nach sich zieht, eine Toleranzzeit wie bei Transoflex (es waren angeblich 15 Minuten) gibt es bei TNT nicht. Und dann bleibt zu hoffen, dass die Zustellung leicht genug ist, um sie selbst vom Auto zu heben (Bergbauersatzteile sind mitunter schwer), oder darauf, dass man einen Mitarbeiter gefunden hat, der bereit ist, eine Minute seiner Pause dafür zu opfern, sich nochmal auf den Stapler zu setzen. Ich habe nur einmal den Fall gehabt, dass ich die Unterschrift rechtzeitig von der Dame im Büro bekam, dann aber unter Hinweis auf die Pause bis 09:15 warten musste.

Danach fährt man die 12er und schiebt normale Zustellungen ein, die entweder direkt auf dem Weg liegen oder so ungünstig, dass man sie am Nachmittag lieber vermeiden möchte, wie zum Beispiel Stieldorf oder Rostingen. Zum Zeitpunkt der Abholungen in Bad Hönningen sind dann nur noch eine Handvoll normaler Zustellungen übrig und man kann sich im großen und ganzen auf Abholer konzentrieren. Die fährt man natürlich auch nicht, wie sie gerade reinkommen, sondern man tut das, was die Abweichung von der Transoflex-Routine ausmacht: Man darf nicht in eindimensionalen Linien, sondern muss in zweidimensionalen Gebieten denken. Mit etwas Erfahrung weiß man, bei welchen Kunden die Gefahr wie hoch ist, dass sie was anmelden, und kann so nach Bauchgefühl beschließen, was man gleich anfahren kann oder sollte, und was man nach hinten verschieben kann oder sollte, um unnötige Kilometer zu vermeiden. Statt einer Liste machte ich also eine Zeichnung mit den wichtigsten Örtlichkeiten mit Linien für die Straßen, die sie verbanden und kurzen Notizen mit den wichtigsten Kunden.

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