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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

22. Oktober 2017

Die Sache mit dem Eigenheim

Filed under: My Life — 42317 @ 14:26

Im Laufe des Jahres 2010 – es kommt mir heute vor, als sei es vor hundert Jahren gewesen – entschied sich mein Großvater dazu, mir sein Haus, in dem ich aufgewachsen war, zu überschreiben. Ich wollte in dem Satz das Wörtchen „endlich“ vermeiden, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass ich es nicht erwarten konnte, endlich zu erben, denn es würde ein völlig falsches Bild von meiner Einstellung zum Thema widergeben.

Es war noch ganz früh im Jahr 2011, es lag Schnee, als mein Großvater mich mit der Mitteilung überraschte, ich solle wegen eines Termins in der Kanzlei der Frau Oberbillig in Blieskastel nach Hause kommen. Ich tat wie geheißen und fand mich am folgenden Morgen im Büro einer gut aussehenden, wenn auch bedenklich erkälteten Notarin wieder, die uns zunächst eine Rechtsbelehrung zum Thema gab und verschiedene Optionen darbot. Ich glaube, mein Gedächtnis ist zumindest nicht schlecht, aber die Details sind mir im Laufe der vergangenen Jahre verloren gegangen. Ich muss die Frau Oberbillig in diesem Zusammenhang aber loben, weil der nächste Notar, mit dem ich in Berührung kam, nämlich eher eine Pfeife war. Ich erinnere mich allerdings, dass Großmutter nur unbeteiligt da saß und Großvater neben den wesentlichen auch solche Dinge erläuterte, nach denen niemand gefragt hatte, bis zu dem Punkt, wo mich die Notarin Hilfe suchend ansah, weil sie wohl nicht wusste, was sie mit den eben gegebenen Informationen anfangen sollte. Dass man z.B. seinen Vornamen mit „f“ und nicht mit „ph“ schrieb, weil in seiner Kindheit die Behörde entschieden hatte, die Alternative sei jüdischer Natur, war als Detail zwar interessant, aber im gegebenen Kontext nicht zu gebrauchen. Ich konnte selbst nur mit den Schultern zucken.

Diesem Termin folgte einige Wochen später ein weiterer, bei dem letzte Details geklärt und die notwendigen Dokumente unterzeichnet werden sollten. Eines der Details war der Umstand, dass Nachkommen in direkter Linie – meine Mutter – im Falle eines Verkaufs der Immobilie Anspruch auf einen Anteil erheben könnten und es sei nicht unüblich zur Vermeidung von Streitigkeiten im Übergabevertrag einen Anteil festzulegen. Und in dieser Situation raunte mir der Großvater zu, ich solle das nicht machen. Das brachte mich innerhalb von einer Sekunde auf 180, stimmte dem Vorschlag zu und legte den Anteilssatz auf 25 % fest. Ich hatte nicht vor, das Haus zu verkaufen, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ, und ich traue meiner Mutter deutlich mehr als er seiner Tochter, ungeachtet der Tatsache, dass wir von der selben Person sprechen. In jenen Tagen dämmerte mir, dass er das brauchte, dass diese Art zu denken sein innerstes Wesen war: Dass ihm alle was Böses wollten, abgesehen von einem kleinen Kreis von einer Handvoll Personen, zu denen ich gehörte. Er brauchte wohl diesen Argwohn, diese gefühlte Bedrohung, um sich „gut“ zu fühlen. Keine 18 Monate später konkretisierte ich meine Meinung: Er wollte bemitleidet werden. Über das Zerwürfnis mit meiner Großtante, das aus seinem Verhalten resultierte, schreibe ich wohl später einmal.
Also gut, der Vertrag kam zu Stande, ich setzte meinen Namen darunter. Da man nachher immer schlauer ist, muss ich sagen: Es war eine der dümmsten Eseleien, die ich je begangen habe.

Springen wir noch einmal etwa ein Jahr zurück. Es könnte im Sommer 2010 gewesen sein. Vielleicht auch 2009. Aber es war Sommer. Da war ich zuhause auf Besuch und in Abwesenheit der Großmutter erzählte mit Großvater von seinem letzten Arztbesuch. Der Doktor habe ihm, wohl nach einer Kernspin-Tomographie zur Untersuchung der aktuellen Schlaganfallsgefahr, eröffnet, dass sich in seinem Gehirn Strukturen fänden, die in absehbarer Zeit zur Demenz führen würden, so in zwei oder drei Jahren. „Nur, damit Du Bescheid weißt,“ fügte er hinzu.
Ich muss ihm für die Information dankbar sein, könnte mir aber in den Hintern treten, dass ich damit nichts anfing. Bedenkt man nämlich, dass Vater Staat ein zehnjähriges Zugriffsrecht auf jede Immobilie hat, wenn der Vorbesitzer die Kosten seiner Alten- oder Krankenpflege nicht aufbringen kann, kann man mein Handeln mit einem Aktionär vergleichen, der einen Tipp aus erster Hand erhält, dass seine Wunschanlage mit annähernd völliger Sicherheit in absehbarer Zeit wertlos wird und dennoch in das Unternehmen investiert.

Anfang 2011 lebte ich noch von einem Minijob und Wohngeld, mein Kontostand kam über ein paar wenige Hundert Euro nie hinaus, und schon bald nach Vertragsabschluss rollten Rechnungen in niedriger vierstelliger Höhe auf mich zu. Die leitete ich ohne großes Federlesen gleich an den Großvater weiter, da ich sie unmöglich bezahlen konnte. Der betonte zwar immer wieder gern, wie arm er doch dran sei, aber so ganz nahm ich ihm das angesichts einer BOSCH-Betriebsrente nach über 25 Jahren im Betrieb nicht ab. Die erste Rechnung beglich er. Bei der zweiten gab es schon Probleme. Ich solle ihm nicht so hohe Rechnungen schicken, er habe doch kein Geld. Was bitte? Wannimmer ich ihm gesagt hatte, dass ich nur ein paar Hundert Kröten besaß, etwa im Umfang zweier Monatsmieten, hatte er das wohl entweder verdrängt oder nicht ernst genommen – wer weiß? Vielleicht war ihm der Unterschied zwischen seinen eigenen Aussagen und seiner tatsächlichen Einkommenssituation voll bewusst und schloss von sich auf andere?
Ich fuhr erneut nach Hause, um diese Angelegenheit zu besprechen und erfuhr dabei – nicht vo ihm, sondern von seiner Frau – dass er in den vergangenen Monaten zwei Hintertüren seines Autos, zweimal die gleiche, geschrottet hatte, weil er etwas auf den Rücksitz gelegt und dann vergessen hatte, die Tür vor dem Ausfahren aus der Garage wieder zu schließen. Es war die Rede von mehreren Tausend Euro. Das machte natürlich erstmal Ebbe auf dem Konto.
Ich bemühte mich also verstärkt um Nebenjobs für einen Tag, um mein Konto zu entlasten und zahlte ein paar Hundert Euro selbst, um dem Notstand abzuhelfen. Da hatte sich scheinbar jemand keine Gedanken darüber gemacht, was so eine Überschreibung kostet.

Um den Text verständlich zu halten, muss ich eine wichtige Information einschieben – zwischen dem vorherigen und dem kommenden Abschnitt liegen zwei Jahre. Der Gesundheitszustand meiner Großeltern verschlechterte sich in dem Zeitraum rapide, bis zu der Unfähigkeit, ihren Haushalt selbst zu führen. Zunächst wurde ein ambulanter Pflegedienst hinzugezogen. Und in diesem Zusammenhang eine Warnung an alle, die dieses Schicksal teilen: Man muss sich darüber im Klaren sein, dass man nicht eine Weile einen Pflegedienst engagiert, bis es einem wieder besser geht – wenn Dich die Demenz befallen hat, dann gibt es keinen Weg zurück. Solange man geistig noch dazu in der Lage ist, sollte man alles von Wert verschenken, was im Haus ist. Im konkreten Fall meiner Großeltern mussten wir, die man die Hinterbliebenen nennen muss, am Ende feststellen, dass die beiden zuständigen Mitarbeiter des Pflegediensts alles gestohlen hatten, was einen nennenswerten Wert hatte. Die Sammlung von Markenwerkzeugen des Großvaters, den Schmuck meiner Großmutter. Zumindest die Teile, die aus Gold und Silber waren. Alles weg. Nachweisen kann man natürlich niemandem was. Festgestellt wurde dies, als die Großeltern auch für ambulante Pflege zu bedürftig wurden und in ein Pflegeheim eingewiesen werden mussten. Denn dann musste ich das Haus verkaufen, der Vertrag mit dem Käufer kam Anfang 2013 zu Stande.

Abgesehen von Kosten für die Notarin und die Änderung des Grundbucheintrags kam auch die Gemeinde auf mich zu, um die Grunstückssteuer einzutreiben. Immerhin war im Vertrag festgelegt, dass der Bewohner des Hauses derlei Kosten zu tragen habe. ABER: Die Verantwortung für die Begleichung solcher Kosten geht erst mit dem Beginn des nächsten Kalenderjahres auf den neuen Besitzer über. In meinem Fall bedeutete dies: Der Verkauf kam im Februar zu Stande, und nach einer schriftlichen Beschwerde teilte mir die Gemeindeverwaltung mit, dass ich laut Gesetz zur Zahlung (in Höhe von etwa 80 E im Quartal) verpflichtet sei, sofern im Kaufvertrag nichts anderes angegeben sei. Der Kaufvertrag enthielt keine entsprechende Klausel, ich fühlte mich vom Notar auf gut deutsch verarscht. Die Sparkasse als Makler hatte ihn ausgewählt, den Dr. Patrick Lenz aus Saarbrücken. Der hatte also scheinbar vergessen, mich auf ein solches Gesetz hinzuweisen, aber was konnte ich erwarten? Eine Beratung meiner Person fand überhaupt nicht statt, und überhaupt musste mir die Kanzlei drei Versionen des Vertrags zusenden, bis endlich einmal der Name des Käufers korrekt geschrieben war! Lieber Leser, machen Sie einen Bogen um dieses Notariat. Ich wandte mich an den Hauskäufer, denn seine Postadresse kannte ich ja, und bat ihn, diese Kosten als Nutznießer des Anwesens bitte zu begleichen. Statt einer Art von Antwort seinerseits bekam ich bald eine Mahnung der Gemeindeverwaltung. Ich zahlte zähneknirschend 360 E bis zum Jahresende.

Eine erste Version dieses Textes entstand im Oktober 2015. Ich fühlte damals noch eine ungeheure Frustration darüber, mein Elternhaus verkauft haben zu müssen, und unter welch demütigenden Bedingungen das alles zu Stande kam. Der grimmige Frust ist einem enttäuschten Kopfschütteln gewichen, aber ich fand mich spätestens ab dem Zeitpunkt in der Überzeugung, nie die Last auf mich zu nehmen, ein eigenes Haus zu kaufen.
Erstens macht eine Immobilie genau das: Nämlich immobil. Wer weiß, wo der Arbeitsmarkt mich hinträgt? Ans andere Ende der Republik vielleicht, oder sogar darüber hinaus? Dann hinge mir ein Haus wie ein Klotz am Bein. Zweitens sehe ich keinen Unterschied, ob ich vierzig Jahre lang Miete zahle oder vierzig Jahre lang Zinsen an den Kreditgeber überweise, wie es mein Großvater getan hat. Der lebte dann ein paar wenige Jahre mietfrei in seinem Haus, bevor seine Lebensreise ihn ins Pflegeheim führte.

Zuletzt enttarnt sich unter den gegebenen staatlichen Rahmenbedingungen die Werbung der Kreditgeber vom Eigenheim als reine Propaganda. Es wird nicht explizit gesagt, aber es wird suggeriert, dass ein Eigenheim der Altersarmut vorbeuge, weil man schließlich mietfrei wohnen könne. Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus stellt sich das etwas anders dar: Die oberflächlichen Vorteile des Eigenheimbesitzes werden einem nicht zur Bekämpfung der Altersarmut schmackhaft gemacht (deren de facto Verbreitungsgrad eh fraglich ist), sondern damit nicht der Staat die Kosten von Unterbringung und Pflege in dem nicht unwahrscheinlichen Bedarfsfall tragen muss. Das mühsam abbezahlte (und im Falle meines Großvaters ebenso mühsam selbst gebaute) Haus wird eingesackt und verflüssigt, dass das Herzblut einer ganzen Familie mit Kindheits- und Lebenserinnerungen daran hängt, wird als reine Sentimentalität beiseite gewischt. Das ist etwa so wie mit dem Verbandspäckchen, das jeder Soldat in der Brusttasche mit sich herumträgt: Das hat er nicht dabei, um damit anderen im Falle des Falles helfen zu können – sondern einzig und allein, damit im Notfall für ihn selbst eins da ist. Damit beginnt der Kreis von neuem. Ohne geerbtes Haus, in dem er tatsächlich (anstatt nur gefühlt) mietfrei wohnen könnte, muss sich der Besitzlose sein eigenes Betongold bezahlen. Wenn er das Spiel denn mitmachen will. Ich mache es nicht.

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