Code Alpha

Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

25. April 2024

Sonntag, 25.04.2004 – Jieitai ni hairô![1]

Filed under: Japan,Militaria,My Life — 42317 @ 7:00

Ich stehe zeitig auf, weil ich ja pünktlich um 09:00 an der Kaserne sein möchte. Der Himmel ist bewölkt und hin und wieder spüre ich kleine Regentropfen im Gesicht. Der Wind dazu ist recht kühl. Aber das kann mich nicht schrecken! Ich bin vorbereitet. Um 09:05 komme ich an, und es sind auch bereits einige Leute da, wenn auch noch nicht viele und wahrscheinlich noch lange nicht alle. Ein Feldwebel winkt die eintreffenden Autos in Richtung eines Parkplatzes und ich folge der Route. Nach einer Runde durch die halbe Kaserne komme ich dann an, und die Tour wäre nur halb so lange gewesen, wenn die Hauptstraße durch die Anlage frei gewesen wäre, aber die ist aus zum jetzigen Zeitpunkt nicht nachvollziehbaren Gründen gesperrt. Ich gehe die 150 Meter mit zum Hauptplatz hinunter, die Hauptstraße entlang, wie alle anderen auch. Die Straße wird von blühenden Kirschbäumen gesäumt. Was fällt mir dazu ein, Volker?
„Hana to chiru!“[2]
Kirschblüten, die seit jeher ein Symbol der Vergänglichkeit sind[3], in einer Armeekaserne zu sehen, erscheinen mir irgendwie wie eine Mischung aus patriotischer Hingabe und Zynismus. Ich werfe einen Blick auf die Häuser. Sie unterscheiden sich nicht wirklich von ihren deutschen Gegenstücken. Die Farbe ist ebenfalls grau-gelblich, und die Gebäude sehen aus, als könnten sie eine Renovierung brauchen. Bei genauerer Betrachtung befinden sich die deutschen Kasernen vielleicht doch in einem besseren Zustand.

Auf dem Hauptplatz sind Stände errichtet, darunter natürlich ein breites Nahrungsangebot. Ha, da sehe ich sogar „Ikayaki“, den bereits gestern erwähnten gebratenen Tintenfisch, und eine Portion kostet hier nur 250 Yen – die Hälfte von dem, was diese Festtagswucherer von gestern Abend verlangt haben. Die Größe der Portionen verleitet mich aber immer noch nicht dazu, mir was davon zu nehmen. Einige der Grillstände werden von Soldaten betrieben, die mit ihren Küchenschürzen im Tarnmuster irgendwie lustig aussehen. Am Zelt ist jeweils ein Schild angebracht, auf dem zu lesen ist, welcher Zug hier die Messer und Spachteln schwingt.
Natürlich gibt es auch Stände, wo man Andenken und natürlich Armeematerial kaufen kann. Ich finde den Stand eines Händlers aus Sendai. Na, der ist ja eine ziemliche Strecke hergedampft – Sendai befindet sich auf halbem Weg nach Tokyo. Ich bedauere sehr, dass ich nicht die Mittel habe, mir alles zu kaufen, was ich gerne hätte. Meine Sammlung von Tarnanzügen soll noch wachsen. Ich belasse es bei einem T-Shirt im Muster des Heeres. Der Stoff fühlt sich recht dünn an und ich frage, ob es sich dabei um ein Original handele. „Oh nein“, sagt der Händler, „Originale werden nicht verkauft. Das hier sind nur Repliken.“ Immerhin ehrlich. Und er versichert mir, dass diese ebenfalls in Japan hergestellt seien. In seinem Angebot befinden sich übrigens auch die in Japan weit verbreiteten alten Bundeswehr-Hemden in olivgrün, natürlich mit Flagge am Ärmel. Vielleicht sollte ich mir auch noch eines zulegen. Aber das muss nicht jetzt sein.

Wind kommt auf, in kräftigen Böen. Leichtere Gegenstände, darunter das Angebot von Händlern und Geschirr aus Styropor, werden durch die Gegend geweht. Ich glaube, dass es gleich auch ein paar ganze Zelte wegweht. Aber der Wind bringt auch die Regimentsfahnen sehr schön zur Geltung. Sie sind nicht ganz so bunt und „preußisch kantig“ wie die deutschen, aber die Muster sind cool und sehen auf ihre Art und Weise martialisch aus, ohne sofort an alte Banner aus der Bürgerkriegszeit (16. Jahrhundert) zu erinnern.

Kurz darauf, es ist erst 09:30, stehe ich bereits etwas verloren in der Gegend herum, weil noch nichts zu besichtigen ist und mich das sonstige Angebot der Händler nicht reizt. Da gibt es zum Beispiel auch Armeegürtel zu kaufen, aber die kosten 650 Yen. Für 500 hätte ich wohl einen genommen… aber so dringend brauche ich derzeit keinen Bauchquetscher, als dass ich diesen Preis zu zahlen bereit wäre. Ich stehe also in der Gegend herum, mit meiner US Armeejacke. Da spricht mich ein jüngerer Offizier auf Englisch an und fragt, ob er mich in das Tagesprogramm einweisen dürfe. Oh, aber sicher, nur zu, danke. Er sagt, dass um 10:10 sieben Züge auf dem Rasen (er weist auf den Rasenplatz, markant vor den drei Stuhlreihen) antreten würden und dass es danach eine Gefechtsvorführung mit Panzern und Hubschraubern geben werde. Da lacht mir doch das Herz.
Wir unterhalten uns noch ein bisschen; er redet Englisch, ich Japanisch. Beide, so gut wir’s halt können. Zum Beispiel über die Beschränkung der Fotografierfreiheit. Er sagt, dass alles, was sich vor den Gebäuden befinde, fotografiert werden dürfe. Und ob es eine Darstellung, vielleicht ein Faltblatt, der modernen Dienstgrade der Jieitai gebe, will ich wissen. Die Bezeichnungen kenne ich nämlich alle auswendig, aber ich kenne die Insignien nicht. Ein solches Faltblatt stehe vor Ort nicht zur Verfügung, aber auf der Internetseite der Jieitai gebe es das sicherlich. „Ihr Japanisch ist wirklich gut“, sagt er. „Ihr Englisch ist aber auch so gut wie das meiner japanischen Lehrer hier“, gebe ich zurück. Der Vergleich ist angebracht.

Bis zum Beginn der Veranstaltung ist also jetzt noch eine halbe Stunde Zeit, die einfach nicht vergehen will. Ich beginne, mir einen brauchbaren Platz zu suchen. Die Sitzplätze sind zu einem guten Teil für geladene Gäste reserviert, und den Rest überlasse ich gerne den zahlreich vertretenen Herrschaften über Fünfzig. Schließlich finde ich auch einen guten Platz, aber ich muss ihn bald wieder räumen, weil es sich dabei um den „Anmarschweg“ der VIPs zu ihren überdachten Plätzen handelt. Die mit mir hier herumstehenden „normalen“ Leute weichen murrend der uniformierten „Gewalt“, die sich in höflichstem Japanisch unentwegt dafür entschuldigt. Ich verlagere meine Position weiter nach rechts und finde einen weiteren guten Punkt. Ich kann 90 % des Platzes einsehen, nur der äußerste Rand wird von dem VIP-Zelt verdeckt. Und ich stehe direkt hinter der Stuhlreihe. Alles, was sich vor mir befindet, sitzt meiner Linse nicht im Weg.

Es geht auch pünktlich los und die Züge marschieren auf, mit der Kapelle vorneweg. Zunächst trommeln sie aber nur den Takt. Die Truppe trägt japanisches Tarnmuster, das aussieht wie eine Mischung aus amerikanischen Flecken und deutschen Punkten, was die Größe der Farbkleckse betrifft. Die Grün- und Brauntöne sind allerdings deutlich heller als die im Westen. Allein die Musiker tragen den grünen Dienstanzug, allerdings mit einem schulterbreiten, goldenen Adler auf der oberen Rückenhälfte. Sieht ein bisschen aus wie im Varieté-Theater. Dann stehen da vorn sechs Züge mit roten Halstüchern und einer mit orangenen Halstüchern. Ich lache leise, weil ich annehmen muss, dass man auf diese Art und Weise die „GeZi-Schlampen“, den Stabszug, „gebrandmarkt“ hat.

Und dann kommt, was kommen muss. Der Kommandeur tritt ans Mikrofon und hält eine Rede, von der ich kein Wort verstehe – und zwar akustisch. Es gibt zwar Lautsprecher, aber keiner davon strahlt in meine Richtung, außerdem pfeift mir der Wind um die Ohren, in Richtung des Sprechers, und drängt den Text in den entferntesten Hintergrund. Der Wind ist stark, und kalt. Aber hin und wieder reißt die Wolkendecke auf und die Sonne scheint wärmend vom Himmel.
Dann tritt der Kommandeur ab und – so glaube ich – die Nationalhymne wird gespielt. Und das glaube ich deshalb nur, weil ich sehe, wie der Dirigent mit seinem Stock wedelt, die Sitzenden aufstehen und die älteren Herren die Mützen abnehmen, während die Staatsflagge vorbeigetragen wird. Hören kann ich allerdings reichlich wenig. In erster Linie natürlich wegen dem Wind, und die Kapelle steht am weitesten von mir weg. Trotzdem beträgt die Entfernung im Höchstfall vielleicht 75 Meter. Ich habe noch nie eine Nationalhymne so leise spielen hören. Hin und wieder höre ich einen der höheren Klänge, aber das war’s auch schon. Spielen die immer so leise? In Deutschland wird da ja gerne kräftig auf die Tuba gedrückt – was ich auch angebracht finde.

Und dann redet auch noch ein Herr im Anzug und ich rate, dass es sich dabei um den hiesigen Bürgermeister handelt. Ich nutze diesen Leerlauf, um meine Winterjacke anzuziehen, die ich in weiser Voraussicht mitgenommen habe. Bei dem Wind ist es zu kalt, wenn man nur still in der Gegend herumsteht.
Schließlich hat der Bürgermeister (?) seinen Teil zum Besten gegeben und der Kommandeur fährt im Mitsubishi-Geländewagen an der Formation vorbei. Was ist denn das? Bei uns in Calw hätte sich der General „ganz schamlos“ in einen ordinären Feldanzug geworfen und wäre zu Fuß an der Truppe vorbeidefiliert. Aber gut, der Japaner fährt halt in der Sonntagsuniform daran vorbei. Außerdem ist der Boden vom Regen der vergangenen Tage und/oder Nächte nass. Nicht schlammig, aber ziemlich nass, und ich höre schmatzende Geräusche, wenn ich darauf gehe. Das will ich ihm zu Gute halten.

Ja, und das alte Sonnenbanner flattert lustig im Wind. Damit habe ich es mit eigenen Augen gesehen. Das Symbol japanischer Gewaltherrschaft in Ostasien ist immer noch offiziell in Gebrauch und die Truppen tragen es lustig vor sich her. Als Deutscher bin ich ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass man diese Flagge verboten oder wenigstens stillschweigend abgeschafft hätte. Was würde man in Deutschland (und im Ausland erst) wohl davon halten, wenn die Bundeswehr die Truppenfahne des Zweiten Weltkrieges verwenden würde? Oder auch „nur“ die des Kaiserreiches? Man merkt deutlich, dass es in Japan weder eine Sieger- noch eine Opferlobby gibt.

Dann marschiert die Truppe ab, gefolgt von den Fahrzeugen, die in Kürze an der Vorführung teilnehmen werden. Der nasse Untergrund macht den Jungs zu schaffen. Die Jeeps rutschen mehr als sie kontrolliert fahren, und von den vier Motorradfahrern landet einer im Dreck, was ihm bestimmt peinlich ist. Unter dem Gerät befinden sich auch zwei Kampfpanzer aus dem Hause Mitsubishi, die ich (aus deutscher Sicht) beinahe herablassend als „niedlich“ bezeichnen möchte. Von diesen beiden Panzern spürt man zwar deutlich das Klopfen der Kolben im Motor, aber das war’s auch schon. Die beiden „schleichen“ geradezu über die aufgeweichte Rollbahn. Wenn in Deutschland ein Leopard 2 vorbeifährt, dann bebt die Erde und man spürt Ehrfurcht (und genau deswegen hat man diese Dinger in den Kosovo geschickt).

Mitsubishi Schleichpanzer

Nachdem der Platz wieder frei ist, wird die „Feindstellung“ aufgebaut. Uuuh… NATO-Draht… da werden Erinnerungen wach! 15 Meter hinter dem Draht (und anderen Hindernissen aus Holz) befindet sich der „Feind“ in locker getarnten Positionen, etwa 15 Mann mit Sturmgewehren (mit Holzteilen, die bei uns längst Plastik sind) und einem Maschinengewehr an der linken Flanke. Kommt mir alles sehr bekannt vor. Hinter der Stellung stehen zwei kleine Panzerjäger – quasi übergroße Panzerfäuste, die man auf ein leicht gepanzertes Fahrgestell montiert hat.
Und dann geht der Spaß los. Ein Geländefahrzeug (mit MG) und zwei Motorräder fahren vor. Die Kradschützen stehen auf den Maschinen und feuern nach vorn. Dann lassen sie sich hinter ihre Motorräder fallen und schießen weiter. Der Jeep hält schließlich den Gegner nieder, während die beiden Kradfahrer sich wieder zurückziehen.
Ist natürlich alles „Annahme, Üb.“, wie man zuhause so schön sagt. Spielen wir doch einfach mal mit, denn das Thema „Angriff auf vorbereitete Feindstellung über offenes Feld“ möchte ich hier nicht näher erläutern. Aber es sah ganz spannend aus, geradezu „dramatic“ – „wie im Film“. Ich fühle mich hier jedenfalls wie zuhause.

An dem Zipfel des Platzes, den ich nicht einsehen kann, wurden zwei 155 mm Haubitzen aufgestellt, die sich jetzt lautstark zu Wort melden. Man spürt es eigentlich mehr, als man es hört. Die beiden leichten Panzer mit ihren 20 mm Kanonen fahren währenddessen vor, gefolgt von den zwei Kampfpanzern. Der Feind nebelt sich ein. Dann erscheint eine Bell[4] über dem Feld, eskortiert von einem „Super Cobra“ Gunship, und vier Leute seilen sich ab, die aber schnell vom Nebel geschluckt werden. Ein Flammenwerferteam kommt zum Einsatz und fackelt eines der aufgebauten Hindernisse aus Holz ab.

Schließlich feuern die 20 mm, und die rumpeln ganz schön über den Platz, und die Kampfpanzer stimmen in das Lied mit ein. Hui! Ich kann jedes Bröckchen meines Frühstücks im Magen spüren, als mich die Schockwelle kurz nach dem Donnern erreicht. Das machen sie jeweils dreimal, bis dann ein MTW[5] vorfährt, aus dem zwölf Panzergrenadiere aussteigen und die Feindstellung stürmen. Interessanterweise tun sie das, ohne dass auch nur einer von ihnen den Boden mit etwas anderem als den Füßen berührt. Ist es den Herren zu nass heute?
Damit ist die Vorführung beendet und das nächste Highlight beginnt: Die Materialschau.

Grenadiere ohne Bodenkontakt

Auf der Hauptstraße steht ein „Patriot“ Raketenabwehrsystem und ich nutze die Gelegenheit, den Soldaten davor nach Bekleidungsdetails zu fragen. Man kommt nicht umhin, die Anzahl verschiedener Uniformtypen zu bemerken, die hier vertreten sind, und anders, als das Wort „uniform“ mir zu vermitteln versucht, sind die Truppen hier überhaupt nicht „einheitlich“ gekleidet. Ja, sagt er, das liege an dem Umstand, dass das Heer andere Uniformen trage als die Luftwaffe. Die Ausgehuniformen unterscheiden sich natürlich wie in jedem anderen Staat, aber Unterschiede der Tarnanzüge sind ebenfalls auffällig. Die Luftwaffe trägt (auf Übungen) einen ziemlich dunkel gehaltenen Flecktarn, der dem amerikanischen Waldmuster nicht unähnlich ist, während das Heer Punkttarn trägt, den ich ja bereits beschrieben habe. Die rein olivgrünen Anzüge seien die Alltagsuniform, und das da (er weist auf einen Feldwebel) sei die Ausgehuniform für gehobene Anlässe. Ist das nicht etwas kompliziert? Ja schon, aber er verzichtet auf eingehendere Kommentare. Ich nehme einfach an, dass jemand einen lukrativen Deal mit der Regierung gemacht hat, als es um die Vergabe von Ausrüstungslizenzen ging.

Ich suche mir den nächsten Informanten und finde den Feldwebel, der mich in Richtung Parkplatz geleitet hat. Was wiegen die Kampfpanzer denn, will ich wissen. 35 Tonnen, heißt es. Gibt es keine größeren? Doch, seit etwa 1996 gebe es ein schwereres Nachfolgemodell. Werden sie Dinger eigentlich alle von Mitsubishi gebaut? Er fasst sich nachdenklich ans Kinn. Die Sekunden vergehen. „Das weiß ich nicht“, sagt er schließlich. Ich gehe ein Stück weiter und sehe mir einen alten M47[6] an, der gerade von Kindern als Abenteuerspielplatz genutzt wird, ebenso wie der alte zweimotorige Hubschrauber (war wohl auch noch in Korea), der daneben steht. Ich verzichte darauf, ein Bild zu machen. Solches Gerät kann ich auch zuhause finden, und ich habe bereits die Auflösung meiner Kamera heruntergeschraubt, damit ich mehr Bilder machen kann. Drei sind noch frei.
Ich gehe zum oberen Schauplatz. Ich treffe Melanie dort, die sich dazu durchgerungen hat, noch zu kommen. Sie sagt, man habe die Vorführung wahrscheinlich in ganz Hirosaki hören können.

Ich sehe mir den ausgestellten Mörser an, und natürlich steht auch hier jemand, den man mit Fragen löchern kann. Kaliber 81 mm? Benutzt Ihr immer noch das US Modell aus dem letzten Weltkrieg? Nein, inzwischen gebe es natürlich neuere Modelle. Dieses Stück hier sei 20 Jahre alt und nur zu Schauzwecken hier. Wie weit kommt man damit? Bis zu 5000 Metern, aber die maximale Einsatzreichweite sei etwa 3500 Meter. Hm, das sind schon zwei Kilometer mehr als ich dachte. Was wiegt das Gerät und wie viele Leute brauche ich dafür? „Das Gesamtgewicht beträgt 51 kg. Ein Trupp besteht aus vier Mann, plus Truppführer, dazu kommt ein Gefechtsfeldbeobachter pro Zug.“ Und was ich schon länger wisse wollte: Warum hat der Mörser ein Außengewinde? „Die Rillen dienen dem Zweck, die Oberfläche des Rohrs zu vergrößern und damit die Kühlung zu verbessern.“ Ich bemerke an diesem Punkt, dass ich erstaunlich wenige Verständnisprobleme habe. Ich muss das auf die Sammlung militärischer Vokabeln zurückführen, die ich seit zwei Jahren anlege.

Ich gehe dann hinüber zu den Hubschraubern und mache Bilder von der „Super Cobra“, bevor ich zur Bell weitergehe. Von diesem alten Schlachtross der modernen Kavallerie mache ich allerdings kein Foto – zu gewöhnlich. Auf der Informationstafel steht geschrieben „UH 1-H“. Das ist mir aber nicht ganz koscher und ich rette einen der Soldaten vor der Langeweile. Warum ist der letzte Buchstabe ein „H“? Oh, das sei ein Druckfehler, sagt er. Natürlich müsse an dieser Stelle ein „J“ stehen. Dachte ich’s mir doch – schließlich sind wir hier in „J“ wie „Japan“, im Land der aufgehenden Sonne, und nicht im Land von „H“ wie „Heute“.[7] Wie viele von den „Super Cobra“ Gunships stehen eigentlich im japanischen Einsatz? 97 Stück seien es derzeit.
Ich weiß nicht mehr, wieso, aber ich frage ihn auch, wo man denn Armeekleidung kaufen könne – es könne ja nicht sein, dass ich dafür bis nach Sendai fahren muss. Nein, sagt er, das gebe es auch in Hachinohe, an der Ostküste von Aomori-ken.

Ich genehmige mir mit Melanie noch eine Portion Yakisoba, weil mich doch ein wenig der Appetit gepackt hat. Dann machen wir uns daran, nach Hause zu fahren. Weiter unten kann man zwar eine Runde auf einem der Kampfpanzer drehen, aber die Schlange davor ist entsprechend lang, und unsere Zeit ist mittlerweile recht knapp, weil wir ja noch zu einer Gesellschaft im Park (zur Blütenschau) eingeladen sind. Vorher gehe ich allerdings noch meine Schuhe saubermachen, sie haben es nötig, und es ist hier vor Ort auch bequem zu machen. Die Truppe hat hier nämlich ein echtes Faulenzersystem. Die benutzen Spritzdüsen, also einen kleinen Hochdruckstrahler, anders als bei der Bundeswehr, wo man immerhin eine Schrubbbürste mit Wasserzufuhr verwendet. Und als ob das noch nicht genug wäre, enthält das Spritzwasser auch noch Anteile von Öl, damit der Schuh auch gleich gefettet wird. Das Öl gelangt auf diese Art und Weise allerdings ins gewöhnliche Abwasser, in Deutschland würde man wegen einer solchen Idee Zeter und Mordio schreien. Zurecht, wie ich anmerken möchte.

Es ist 13:30 und wir fahren noch schnell zuhause vorbei, um Melanies Winterjacke abzuholen, da wir die kommenden Stunden mit aller Wahrscheinlichkeit ebenfalls ohne viel Bewegung im Freien verbringen werden. Da der Rückweg nur bergab führt, ist die Entfernung in fünf Minuten zu machen.
Wir sind also zum Hanami, zur Blütenschau, eingeladen, und dabei handelt es sich um ein geselliges Beisammensein, bei dem Blüten meiner Beobachtung nach eher im Hintergrund stehen, bzw. den – wenn auch schönen – Hintergrund bilden. Wenn sich die Studenten im Park versammeln, dann wird da viel getrunken und viel Unsinn gemacht, wie früher einmal bereits geschildert.
Um 14:05 sind wir im Park, wo uns Jin Yûtaka bereits erwartet. Wiirit und Nan treffen zur gleichen Zeit ein. Hm… aus verschiedenen optischen Indizien muss ich schließen, dass die beiden mittlerweile (?) ein Paar sind, und wenn ich einen solchen Umstand bemerke, weiß es normalerweise schon jeder andere.

Der halbe Happy Hippo Club ist anwesend, bzw. trifft nach und nach ein, woraus ich schließen muss, dass die Party bis auf die eine oder andere Dose Bier alkoholfrei bleiben wird, was eigentlich ganz und gar unüblich bei solchen Gelegenheiten ist. Aber ich will mich darüber nicht beschweren. An Ausländern sind vertreten Melanie und ich, Irena, Valérie, und eine Chinesin, deren Name mir nicht geläufig ist. Bis auf eine Gelegenheit werden die Club-Formalismen heute weggelassen und wir gehen gleich zum Essen über. Maeda Yûko, die Präsidentin des Clubs (soweit mir bekannt ist sie das), möchte etwas über deutsche Begrüßungsformeln hören und ich erläutere das Thema. Sie ist erstaunt, dass die japanische Formel „Yoroshiku“ (im weitesten Sinne heißt das „Lassen Sie uns gut miteinander umgehen“) keine deutsche Entsprechung hat und ich versuche zu erklären, dass man in Deutschland nicht extra zu sagen braucht, dass man „gut behandelt“ zu werden wünscht. Ich nehme an, sie tut das, um mich zu beschäftigen, aber schließlich kann ich nicht die ganze Zeit dröge in der Gegend herumsitzen und die Blüten am Baum anstarren.

… aber schön sind sie schon.

Die meiste Zeit über versteckt sich die Sonne, wie bereits am Morgen, hinter den Wolken und der Wind ist immer noch recht kühl, wenn auch nicht mehr ganz so heftig wie am Morgen um halb Elf. Dennoch ist es nicht gerade angenehm warm, während wir ohne Schuhe auf der Plastikplane auf der Wiese herumsitzen. In der Mitte steht ein Radio, dessen CD-Spieler auf die leisesten Erschütterungen reagiert und dann für einen Sekundenbruchteil aussetzt. Wenn er funktioniert, spielt er „Greatest Hits 1970 – 2000“, aus dem 100-Yen-Shop im Daiei. Es gibt schlimmere Musik, die man hätte laufen lassen können, aber als man mich schließlich dazu auffordert, „Macarena“ mitzutanzen, bricht mein ausgeprägter Individualismus hervor. Mit anderen Worten: Es ist mir viel zu peinlich, mich auf diese Art und Weise zum Affen zu machen, selbst wenn die meisten Anwesenden damit offenbar kein Problem haben. „Death before Disco“ – das war nicht nur irgendein Spruch auf einem meiner vergangenen T-Shirts, ich lebe dieses Motto, und für „Macarena“ habe ich nicht genug getrunken. Melanie erspart sich das Ganze, indem sie bereits vor einiger Zeit mit Irena losgezogen ist, um Kirschblüten zu fotografieren.
Ich widerstehe also mehreren Aufforderungen und dem Argument, dass es peinlicher sei, sich (dem unausgesprochenen und von mir schon immer „heiß geliebten“ Gruppenzwang) zu verweigern, bis das dämliche Lied nach etwa fünf Minuten endlich vorbei ist. Ich muss einen Moment lang befürchten, dass sich die Nummer wiederholt, aber man macht sich ans Zusammenpacken. Die Formalität des Tages: Die Gruppe fasst sich gegenseitig an den Händen für den Schlussspruch, der Verabschiedungen in etwa 20 Sprachen beinhaltet.

Jin Yûtaka übergibt mir einen Umschlag, in dem sich eine Grußkarte zum anstehenden Knabenfest befindet, sowie Fotos unseres gemeinsamen Essens nach dem Konzert, auf dem Yûtarô gespielt hat. Normalerweise habe ich keine Probleme mit Fotos, die von mir gemacht wurden, aber ich stelle fest, dass ich auf diesen hier ausnahmslos dämlich aussehe. Melanie ist ebenfalls abgebildet und ihr Gesicht ist so rot, dass sie jeder, der das Foto sieht, für komplett betrunken halten muss. Dabei haben wir an dem Abend nichts getrunken (außer einem Glas Apfelwein) und das rote Gesicht (zusammen mit dem Umstand, dass ich nur ein T-Shirt am Oberkörper trage) ist daraus abzuleiten, dass es in dem Raum ziemlich warm war.
Schließlich gehen wir mit der Familie noch in das japanische Restaurant im Touristenzentrum gegenüber vom Park, wo ich mit Melanie bereits gewesen bin. Auf dem Weg dorthin sehe ich, auf der anderen Straßenseite, BiRei in einem (bordeaux-) roten Kimono herumstehen, zusammen mit japanischer Begleitung. Sie steigt aber bereits in ein Taxi, sonst hätte ich den Ausfall gewagt und ein Foto von ihr gemacht – das letzte auf der Kamera.

Wir gehen in das Restaurant, und ich stelle fest, dass ich mir einen Sonnenbrand eingefangen habe. Meine Stirn brennt leicht und ich werde rapide schnell müde. Nach dem Essen fahren wir nach Hause, und ich verliere keine Sekunde, bevor ich meine Zähne schrubbe und schlafen gehe. Und das ist um kurz nach Sechs. In Folge dessen bin ich um etwa 22:30 wieder wach. Ich stehe auf und verfasse schon mal den Teil meines heutigen Eintrages, der sich mit der ersten Tageshälfte beschäftigt. Danach lege ich mich wieder hin und schlafe auch gleich wieder ein.


[1] „Lasst uns den japanischen Selbstverteidigungstruppen beitreten!“, aus einem Spottlied über die Jieitai.

[2] „Wir fallen mit den Kirschblüten“, demselben Spottlied entnommen.

[3] Diese Legende wird in „Kamikaze, Cherryblossoms and Nationalisms“ von Ohnuki-Thierney widerlegt. Es handelt sich auch in diesem Fall um eine japanische Traditionskonstruktion. Fallende Kirschblüten mit dem Tod gleichzusetzen ist eine propagandistische Erfindung der Meiji-Zeit (1868-1912), die am Ende des Zweiten Weltkrieges ihren Höhepunkt fand. Eine Korrektur des konstruierten Irrglaubens fand aber bis heute nicht statt.

[4] Ein Hubschrauber, „Bell UH1“, hinreichend bekannt aus medialen Darstellungen des Vietnam-Kriegs.

[5] „Mannschaftstransportwagen“

[6] Ein US-Kampfpanzer des frühen Kalten Kriegs, benannt nach General Patton.

[7] Der Witz ist lahm, ich gebe es zu, denn man muss ihn erklären: Der Begriff „Nihon“ (= „Japan“) besteht aus den Schriftzeichen für „Sonne“ und „Ursprung“, deshalb „Land der aufgehenden Sonne“. Vertauscht man die beiden Schriftzeichen, liest man das Ergebnis „Honjitsu“ = „heute“.

24. April 2024

Samstag, 24.04.2004 – Zielaufklärung

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 7:00

Ich bin ausnahmsweise wieder um 07:15 aufgestanden, um „SailorMoon“ sehen zu können. Melanie wird durch mein Aufstehen offenbar nicht gestört, also lasse ich sie liegen, wo sie doch dauernd über Schlaflosigkeit klagt. Außerdem wird die Sendung ja aufgezeichnet. Sie kann sie sich am Nachmittag ja ansehen.

Nachdem („Nicht-mehr-ganz-so-Evil-“) Merkur also SailorMoon niedergestreckt hat, geht sie in die Knie und bedauert ihr böses Tun. Soweit waren wir ja schon. Kunzyte teleportiert mit den beiden, aber Ami und Usagi landen in einer Art Wald an einem Wasserfall. In der Nähe stehen zerbrochene Gipsstatuen herum (wie Marmor sehen die wirklich nicht aus). Sie werden von drei Yôma angegriffen, können sich aber nicht verwandeln – also müssen sie davonlaufen und auf bessere Zeiten hoffen. In diesem Miniuniversum läuft man scheinbar ständig im Kreis, sie kommen immer wieder zu den Statuen zurück. Scheint ein wenig an eine Episode der vierten Staffel der Animeserie angelehnt.
Makoto und Rei durchsuchen mittlerweile das Gebäude, das sich im Vorfeld bereits als das Verbindungsglied zwischen Negaversum und Erde herausgestellt hat, und finden ein Portal in der Eingangshalle, wo sie auf magische Art und Weise zuletzt hingelangen – nachdem sie die Eingangstür des Gebäudes durchschritten hatten, waren sie in der Tiefgarage gelandet, wie es scheint.
Ami und Usagi kommen also zurück, Minako stößt dazu und sie kämpfen auf die übliche Art und Weise gegen Kunzyte und seinen Yôma. Wohlgemerkt: Es ist nur einer, obwohl Kunzyte noch kurz vorher gleich drei auf den „Spielplan“ gestellt hatte. Ich gelange immer mehr zu der Überzeugung, dass es nur einen Darsteller für die Yôma gibt. Obwohl… recht nahe am Anfang der Geschichte auch mal drei (identische) gleichzeitig aufgetaucht waren.
Wie dem auch sei, der Yôma wird durch die neue Sammelattacke (durch die bereits erwähnten Power-Ups ermöglicht) gesprengt und Kunzyte zieht sich zurück – um einen Augenblick später hinter Merkur aufzutauchen und sie mit einem Schwerthieb in zwei Hälften zu spalten!

Aber der Versuch misslingt! Natürlich… und ich habe die Vorzeichen richtig gedeutet: Nephlyte fängt den Schlag mit seiner eigenen Waffe ab und rettet Merkur. Nachdem Kunzyte verschwunden ist, bedenkt er sie mit einem sehnsüchtig-traurigen Blick und teleportiert ebenfalls.
So läuft das also… es könnte also passieren, dass die Senshi die Generäle nach und nach, einen nach dem anderen, „umdrehen“. Zoisyte hat die Seiten ja bereits gewechselt; und er verkehrt trotzdem immer noch frisch-fromm-fröhlich-frei im Negaversum, obwohl ich eigentlich annehmen müsste, dass man gerade in solchen Organisationen nicht zimperlich mit Verrätern umgeht.

In der kommenden Episode taucht eine Rivalin für Minako auf – zumindest was Volleyball und Fans angeht. Und die sieht noch verstrahlter aus als Minako selbst! Ich hätte nicht gedacht, dass das möglich ist, aber die junge Dame hier kommt mir vor, als hätte sie gerade eine Wurmkur hinter sich. Der Name der Darstellerin ist Arisa, und Informationen aus dem Internet zu folgen, ist sie eine halbe Amerikanerin. Meine Güte… ihre Visage ist für die Rolle der bösen Hexe wie geschaffen…

Ah ja: Habe ich das Wetter bereits erwähnt? Gestern Abend hat es noch einmal geschneit. Heute Morgen liegt immer noch eine dünne Schneedecke auf den Dächern. Der Winter ist nicht sehr hart, aber er hält sich zäh. Um 08:15 kommt die Sonne erstmals durch die Wolken und sofort beginnt die große Schmelze. Aber ich mache mir keine großen Hoffnungen auf einen sonnigen Tag, dafür ist mir der Himmel zu verhangen.

Ich gehe in die Bibliothek, aus allgemein bekannten Gründen. Ich spiele auch wieder zwei Stunden Combat Mission. Ich verlasse die Bibliothek um 16:20 und fahre nach Süden, um die hiesige Kaserne ausfindig zu machen. Da soll ein „Tag der Offenen Tür“ stattfinden – Dr. Jin hat mir eine Landkarte geschickt, allerdings ohne Angabe eines Maßstabs. Er meinte dazu, der Stützpunkt sei „ein bisschen weit“, was nach meiner Erfahrung mit Japanern lediglich aussagt, dass der Zielort mehr als zwei Kilometer vom Ausgangspunkt entfernt ist.
Und das ist auch der Fall. Nach 15 Minuten äußerst gemütlichen Fahrens (gemessen ab meiner Haustür) stehe ich vor der Kaserne, vor der bereits ein Hinweisschild angebracht ist, das auf die morgige Veranstaltung hinweist. Ich habe das Gelände auch bei meiner letzten Tour bereits bemerkt, aber den Wachposten am Eingang übersehen, weshalb ich dachte, das Gelände sei eine (etwas heruntergekommene) Schule.
Ich folge der Straße weiter und halte die Augen nach dem „Tausend Jahre Park“ offen, der mir letztes Mal entgangen ist. Nach einem weiteren Kilometer finde ich das Gebäude. Es macht auf den ersten Blick auf mich den Eindruck eines Seniorenheims, und die Entzifferung des Torschildes sagt mir, dass es sich um ein Heim für körperlich behinderte Menschen handelt.
Ich fahre weiter in Richtung Stadt zurück, biege aber eine Straße früher ab und lande so direkt vor meiner Haustür. Aber erst muss ich noch was zu trinken kaufen, wenn ich nicht auf den Wasserhahn umsteigen will, was mir sogar hier auf dem Land nicht sonderlich zusagt.

Um 18:00 fahre ich mit Melanie zum Park und ich ziehe vorsorglich meine Winterjacke an, weil es nach Anbruch der Dunkelheit ziemlich kalt zu werden verspricht. Wir wollen von dem Blütenfest noch mehr sehen, außerdem soll es musikalische Vorführungen auf einer kleinen Bühne geben. Natürlich gibt es wieder viele, viele feierliche Fressstände, die alle äußerst unfeierliche Preise haben. Da drüben sehe ich z.B. „Ikayaki“, gebratenen Tintenfisch, für 500 unverschämte Yen pro Portion. Melanie kauft sich ein weiteres „One Piece“ Poster, während wir die Stände abwandern. Da steht ein „Motorradzirkus“, in dem man sich offenbar Kunststücke ansehen kann, und in dessen Nähe gibt es sogar eine Art Geisterbahn, die man zu Fuß durchquert. Ich erinnere mich noch äußerst lebhaft an das alles andere als spannende Konstrukt, das ich damals in Trier gesehen habe, als wir mit Melanies Onkel und dessen Kumpan das Volksfest besucht haben und verzichte auf ein weiteres Erlebnis dieser Art. Ansonsten gibt es hier Donuts mit Kaffee, Fahrgelegenheiten für Kinder, Goldfisch-Schöpfen, kleine Schildkröten, Anime Merchandising jeder Art, Wahrsagerinnen, lokale Kulturprodukte, Kristallgestein, und schließlich auch besagte Bühne, auf der eine Laientruppe (ebenso lebhaft wie liebevoll) „traditionelle“ Tänze und Gesänge zum Besten gibt, die höchstens 400 Jahre alt sind. Keiner der Zuschauer ist jünger als 40 Jahre, bis sich schließlich zwei Leute dazugesellen, die ich aufgrund ihres westlichen Aussehens und ihrer markanten Frisur über dem athletisch anmutenden Körperbau für US-Soldaten halten muss. Es sind heute überhaupt sehr viele von der Sorte anwesend. Sonst sieht man kaum welche in Hirosaki, abgesehen von Studenten. Aber der Großteil der hier vertretenen Ausländer ist definitiv vom Militär. Wir stehen etwa eine Stunde vor der Bühne herum und mir schleicht die Kälte in die Glieder. Ich ziehe es vor, wieder nach Hause zu gehen.

Ein Stück neben der Bühne wird – ich glaube es kaum – Döner Kebab verkauft. Man hat mir schon einiges über die indischen Einflüsse erzählt, unter denen Kebab in Japan leiden soll, also sehe ich mir den Stand an, vor dem die Leute Schlange stehen. Für was also genau? Dem Geruch nach zu urteilen, wird hier tatsächlich Lammfleisch verwendet. Das ist schon mal nicht schlecht. Ich sehe den beiden Jungs kurz zu und es haut mich doch glatt aus den Stiefeln: Für 500 Yen (knapp 4 E) bekommt man hier ein halbes (!) Fladenbrot, in das gerade so viel Fleisch gelegt wird, dass man es für einen besseren Brotbelag halten möchte – und das ist alles. Kein Kraut, kein Salat, kein Schafskäse, keine Peperoni, keine Soße. Nur eine Alibiportion Fleisch. Mehmet erbarme Dich unser! Da warte ich lieber, bis ich wieder in der Heimat bin.

23. April 2024

Freitag, 23.04.2004 – Reis Reis, Baby!

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Ich stehe um 09:00 auf. Die Raumtemperatur beträgt 15 Grad, draußen ist es bewölkt. Aber immerhin regnet es nicht, also fahre ich mit dem Rad, das ich heute an einem offenen Platz abstellen muss, weil die überdachten Plätze komplett voll sind – wie so üblich nach zehn Uhr.

Kuramata-sensei erläutert heute die Ursprünge der Reiskultur in Japan. Zumindest tut er das offiziell. Er erklärt die japanische Frühzeit nach dem Ende der Steinzeit, also die Perioden Jômon, Yayoi und Kôfun. Er zeigt Bilder von entdeckten Siedlungen, die wir bei nächster Gelegenheit besuchen werden. Er zeigt eine Anlage bei Aomori (Stadt), die entdeckt wurde, als man sich daran machte, ein neues Baseball-Stadion zu bauen. Teile der Tribünen standen bereits, aber genau in der Mitte, wo das Spielfeld sein sollte, befindet sich die entdeckte Siedlung, die aufgrund ihrer Art und ihres Alters eine Änderung der Geschichtsbücher notwendig gemacht hat. Nachdem man sie zerlegt und analysiert hatte, war die Anlage zum Schutz vor Wind und Wetter allerdings wieder mit Erde bedeckt worden, und was man besichtigen kann, sind Repliken zu Schauzwecken.

Am Ende der Stunde weiß ich, was ich sowieso schon wusste, nämlich, dass die Jômon-Kultur nach den Seilmustern auf den Töpferwaren benannt ist, dass die Töpfe ohne Drehscheibe hergestellt worden sind, dass die Yayoi-Kultur nach dem Fundort in (oder bei) Tokyo benannt ist usw., aber der direkte Zusammenhang mit Reisanbau ist mir in Teilen entgangen. Wir sehen Bilder, die alte Reisanlagen und Werkzeuge zeigen, die nicht sonderlich anders aussehen als die heutigen, und ein Feld ist mit angeblich alten Fußabdrücken versehen. Im Nachhinein betrachtet muss ich geistig nicht ganz da gewesen sein, sonst hätte ich mal nach Lagerung und Zubereitung des Reises sowie nach der Verwendung der Reisnebenprodukte fragen können.

Nachdem dann auch der Unterricht von Ogasawara-sensei beendet ist (wo außer Misi und Nim auch noch Nun dazugekommen ist), gehe ich ins Center und besorge mir die fehlenden Stempel, die meine Teilnahme an den Sprachkursen bestätigen. Anschließend gebe ich den ganzen Formularkrempel im Sekretariat meiner Fakultät ab.

Ich bleibe noch bis 18:30 im Center, gehe dann aber in die Bibliothek, um einen Zug gegen Frank zu spielen. Noch ist nichts los, obwohl ich die „dunklen Wolken am Horizont“ bereits sehen (bzw. rasseln hören) kann, also gibt es auch noch nicht viel, was ich schreiben könnte. Ich beginne noch den Bericht über den 17.04., aber der wird bis Acht nicht fertig, und um die Uhrzeit verlässt mich die Motivation. Für die Sporthalle ist es mir auch zu spät, denn eigentlich möchte ich allgemein gerne um 21:00 zuhause sein.
Ein kräftiger Regen hat eingesetzt und regnet mein Fahrrad nass. Die Tüte auf dem Sattel macht sich wieder einmal bezahlt. Mein Steißbein wird dennoch nass sein, bis ich zuhause bin, aber so schnell habe ich die Fahrt schon lange nicht mehr geschafft. Wir sehen uns „Nadia“ und „Atashi’n’chi“ an und gehen um 22:30 schlafen.

22. April 2024

Donnerstag, 22.04.2004 – Ein Tag im Sturmschritt

Filed under: Japan,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Es regnet heute mal wieder; nicht sehr stark, aber zur falschen Zeit. Wenn die Bäume schon blühen, dann soll auch die Sonne dazu scheinen! Außerdem bedeutet es, dass ich zu Fuß zur Universität gehen muss. Ich empfinde das Hosenwechseln auf der Toilette dann doch als zu unbequem.

Ich habe heute nur Unterricht bei Yamazaki und daher ab 10:10 den Rest des Tages frei. Die Gestaltung des Tagesablaufs bietet mir auch keine Überraschungen. Ich gehe in die Bibliothek, schreibe Berichte und anderes, und weil ich schnell vorankomme, spiele ich auch zwei Stunden Combat Mission:

1000 Punkte Scharfschützen gegen 1000 Punkte 08/15 Infanterie. Die Zahlenverhältnisse sind markant: Wir haben 45 (Veteranen-) Scharfschutzen gegen 248 (reguläre) Infanteristen, ohne Extras.
Die angreifende Infanterie wird am Ende 33 Mann Verluste einfahren und die Scharfschützen bis auf zwei Mann aufreiben, trotz wunderschön freier Sichtlinien für die Verteidiger. Ich frage mich, ob der Punktewert der Scharfschützen nicht ein wenig hoch angesetzt ist, wenn sie mit einem Aufgebot von 45 Leuten und damit 450 Schuss Munition (zu mehr als 95 % verschossen) nur 33 Gegner ausschalten können.

Um 19:20 gehe ich in die Sporthalle. Sie ist in letzter Zeit gut besucht, und auch der weibliche Anteil wird zur Gewohnheit. Um 20:20 gehe ich nach Hause. Dort liegen noch Vokabeln herum, die ich lernen sollte, und ich schaffe es, nach Abschluss aller Arbeiten bereits um halb Zwölf ins Bett zu kommen.

21. April 2024

Mittwoch, 21.04.2004 – Sakura no Kisetsu[1]

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Der strahlende Sonnenschein bringt die Kirschblüten derzeit besonders gut zur Geltung, aber es weht auch ein recht starker Wind. Die Blüten beginnen daher bereits zu fallen. Inzwischen ist mir auch klar, was japanische Kirschbäume von ihren deutschen Vettern unterscheidet: In Japan kommen die Blüten vor den Blättern zum Vorschein – das Ergebnis aufwändiger Züchtungen. Allerdings ist in der „Japan Times“ zu lesen, dass die Bäume genau deshalb binnen der kommenden Jahre aussterben könnten. Durch die extreme Überzüchtung sind die Bäume viel anfälliger für Krankheiten und Schädlinge.

Yamazaki beginnt den Tag mit einer Konstruktion, die die direkte Folge einer Handlung ausdrückt.
„Naite-ita Kodomo ga rambô-shita totan ni o-Kaa-san wa soto ni okimashita.“
„Als das heulende Kind gewalttätig wurde, stellte die Mutter es nach draußen.“
Nur einer meiner üblichen Beispielsätze.

Ogasawara-sensei hat einen neuen Raum organisiert. Aber während der letzte zu klein war, ist dieser hier viel zu groß. Es ist ein Hörsaal mit einem Volumen von 120 Leuten – für 15 Kursteilnehmer ein wenig zu geräumig. Misi und Nim sind heute zudem nicht erschienen. Nim fühlt sich nicht gut, aber wie ich Misi kenne oder zumindest einschätze, wird er überhaupt nicht mehr erscheinen. „Regeltechnisch“ kann er auf den Kurs verzichten, aber vor allem müsste er sich dieses nicht ganz so billige Lehrbuch kaufen, das unsereins noch vom letzten Semester besitzt.

Die Mittagspause verbringe ich im Center, abgesehen von einem Ausflug zur Post, und ergehe mich mit Mei in englisch-japanischer Konversation, da sie ihren Plan, ihr Englisch zu verbessern, trotz des nicht allzu erfolgreich verlaufenen Kurses im letzten Semester, nicht aufgegeben hat. Sie stellt mir eine weitere Studentin ihrer Heimatuniversität vor, die Anfang April eingetroffen war. Ihr Name liest sich auf Japanisch „Jin Shoku“, aber das klingt für mich wie „Ninniku“ („Knoblauch“), außerdem hört sich das so hart an wie ein Kantholz auf dem Schädel. Dann verbleibe ich bei der in diesem Fall relativ einfachen chinesischen Version: JinShu.
„Der hat Deinen Namen nächste Woche wieder vergessen…“ sagt Mei und lacht. Oh nein, nicht den Namen – ich werde ihr Gesicht nächste Woche bereits nicht mehr erkennen, sofern ich sie nicht in der Zwischenzeit noch einmal bewusst wahrnehme. Mei erzählt mir außerdem, dass es in China keine Zeitzonen gebe, sondern dass alle Uhren nach der Zeit in Peking liefen, also auch an der Grenze zu Kasachstan. Das würde ich einen ausgeprägten Zentralismus nennen. Und es erinnert mich doch direkt an die Episode von „Don Camillo und Peppone“, in der der Bürgermeister den Entschluss fasst, die Uhren im Dorf nach Moskauer Zeit laufen zu lassen, um damit seine Solidarität mit der „großen Sache“ zum Ausdruck zu bringen.

Kondô-sensei redet heute über die Verteilung von Sparvermögen und über die verschiedenen wichtigen Einrichtungen in Japan, die den Finanzmarkt kontrollieren. Dabei ist die japanische Postbank besonders hervorzuheben. Es handelt sich dabei um eine staatliche Einrichtung[2] und die Konten dienen der Regierung öfters als „zweiter Haushalt“, falls hier und da mal ein Loch gestopft werden muss. Natürlich gibt es einige Stimmen, die dagegen protestieren, und es scheint, dass seit der Krise von 1997 immer mehr Sparer und Anleger ihr Geld lieber im Ausland investieren.
Kondô gibt das Procedere, den Text während des Unterrichts vorlesen zu lassen, vorerst nicht auf. Er lässt aber auch immer Leute (den englischen Teil) vorlesen, von denen er der Meinung ist, sie bräuchten etwas Übung – heute muss SangSu dran glauben. Mir scheint, ich werde eine gemütliche Zeit hier verbringen.

Hugosson bleibt bei seinem Diskussionsstil (was auch recht einfach ist mit nur drei bis vier Studenten) und stellt sein Modell von Wirtschaftssektoren oder –faktoren vor. Seine Dissertation, um genau zu sein. Wirtschaftliche Unternehmungen seien privat oder öffentlich, auf finanziellen Gewinn oder sozialen Nutzen ausgelegt, und entweder fest organisiert oder nur ein lockerer Verbund von Leuten. Dazu fragte er eingangs, wie wir denn „Gesellschaft“ („society“) in Untergruppen aufteilen würden. Ich verstehe darunter eine Ansammlung von historisch, kulturell oder anderweitig verbundenen Individuen, die sich durch die Definition des gemeinsamen Nenners ihrer Werte von anderen Gruppen/Gesellschaften abgrenzen, daher gefällt ihm meine Antwort nicht. Er wollte eben auf „Privat vs. Öffentlich“ hinaus, und das sind für mich Untergruppen im Bereich „Wirtschaft“ und nicht „Gesellschaft“. Aber man kann wohl auch sagen, dass eine Gesellschaft aus öffentlichen und privaten Teilen besteht. Er redet über NPOs (Non-Profit Organizations) und sagt, dass der Erlös solcher Körperschaften nicht akkumuliert, sondern in Dinge investiert werden müsse, die der Gruppe zu Gute kämen, wie z.B. einen neuen Teppichboden, einen Computer oder ein Gemeinschaftsfahrzeug. Ich frage, ob man das Geld auch in eine gemeinsame Urlaubsreise investieren könne und er lacht. Ich solle Anwalt werden, sagt er, da genau an dieser Stelle der Schwachpunkt der Definition liege. NPOs zahlen außerdem für gewöhnlich keine Steuern und es gibt natürlich Organisationen, die diesen Umstand entsprechend ausnutzen möchten.
Nach dem Unterricht unterhalten wir uns über dies und das und Hugosson erzählt, dass er Offizier bei der schwedischen Marine gewesen sei. Das ist zumindest nicht uninteressant.

Der heutige Marathon ist also vorbei und ich gehe in die Bibliothek. Im Netz ist nicht viel los, und viel Zeit habe ich eigentlich auch nicht. Ganz zu schweigen von meiner nicht vorhandenen „Aktionsbereitschaft“. Da kommt nämlich Valérie zu mir und sagt, dass ab 18:00 eine Hanami[3]-Party stattfinden werde. Ich weiß, dass ich was verpassen werde, aber ich lehne das Angebot ab. Ich bin zum Umfallen müde und einen Bericht will ich ja auch noch geschrieben kriegen. Um 18:30 gehe ich dennoch für eine Stunde zum Sport. Das gibt mir sozusagen den Rest und ich falle um zehn Uhr ins Bett.


[1] Die Zeit der Kirschblüte

[2] Dieser Zustand wurde auf Betreiben des Premierministers Koizumi anno 2006 behoben. Die japanische Postbank ist seitdem zumindest teilweise privatisiert. Koizumi schuf sich damit ein politisches Vermächtnis und trat zurück – angeblich um das bedeutendere Vermächtnis einem Nachfolger zu überlassen: die dringend notwendige Rentenreform.

[3] Blütenschau

20. April 2024

Dienstag, 20.04.2004 – Mein letztes Hemd

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Kalt ist es nicht, aber der Himmel ist wolkig. Über Nacht hat es den gestern Morgen angekündigten Regen gegeben, und einen kleinen Sturm gleich dazu.

Ein Blick in den Kleiderschrank sagt mir, dass ich dringend zwei neue T-Shirts kaufen sollte. Von den elf („elfen“?), die ich mitgenommen habe, kann ich nur noch fünf in der Öffentlichkeit tragen. Von den vieren, die ich im Discountmarkt Takko erst letzten Sommer gekauft habe, sind zwei dermaßen eingelaufen, dass sie nicht mehr in der Hose bleiben und eines davon hat Löcher vom Waschen bekommen. Die eingelaufenen Hemden könnte ich vielleicht noch im Sommer tragen, wenn es warm genug ist, (beinahe) „bauchfrei“ herumzulaufen. Mein BW-Hemd ist am Kragen völlig abgetragen, ein schwarzes hat hinten am Kragen ein Loch, durch das man das weiße Schildchen sehen kann, und das „otokorashii“ Hemd ziehe ich eh nur zu besonderen Gelegenheiten an. Ich werde ins Kaufhaus fahren und mich nach billigen T-Shirts umsehen… in Japan findet man immer wieder Sonderangebote.

Inzwischen weht wieder ein kräftiger Wind. Vor dem Daiei, auf der anderen Straßenseite, wird die relativ leichte Einkaufstüte einer an der Fußgängerampel wartenden Großmutter aus dem Fahrradkorb mitten auf die Kreuzung geweht. Das ist recht weit, bei laufendem Verkehr, und in der Sekunde, die ich überlege, wie ich reagieren soll, stürzt sich bereits eine OL („Office Lady“ = „Bürodame“) von der gegenüberliegenden Seite her todesmutig in den Verkehr und bringt der Frau ihre Tüte wieder. Meine Hochachtung.
Meine Ampel wird grün und ich gehe ins Kaufhaus. Ich habe Glück. Im Daiei finde ich sofort einen Warenständer mit Hemden für 580 Yen. Ich nehme ein „LL“ (=“XL“) und ein „L“ Exemplar und gehe zur Kasse. Die Verkäuferin schaut mich an und sagt:
„Das könnte ihnen ein bisschen zu klein sein… die Größen sind für japanische Proportionen gedacht…“
Sie zeigt mir auch ein „LLL“ Hemd, das allerdings nicht im Preis reduziert ist. 1500 Yen wollte ich nicht bezahlen. Na gut, dann nehme ich nur das größere der beiden in meiner Auswahl und lasse das kleinere hier – ich brauche „schnellfristig“ ein Hemd. Ich gehe aus anderen Gründen noch in den 100-Yen-Laden (ohne was zu kaufen) und stelle beim Vorbeigehen an der Sportabteilung fest, dass Ueto Aya Werbung für „Converse“ macht. Das ist nicht weltbewegend, aber das Bild gefällt mir.

Ich lese wenig später im Center meine Post, bevor ich um 14:15 in den Raum 315 gehe. Die übrige Gesellschaft trifft nach und nach ein, also Misi, Irena, Nim, Melanie, FanFan, MunJu, MinJi, Jû und SungYi – nur Kondô kommt mal wieder nicht. Nach zehn Minuten gehe ich nachsehen, was denn heute das Problem sein könnte. Chiba-sensei zeigt mir ein übergroßes Schild neben dem Eingang des Centers, auf dem zu lesen ist, dass der Unterricht heute ausfällt. Natürlich ist das peinlich, aber es ist auch beruhigend, dass sogar Spezialisten wie unsere koreanischen Freunde, die den Inhalt eines japanischen Textes auf den ersten Blick erfassen können, das Schild ebenfalls übersehen haben. Ich verkünde die Neuigkeiten und verlege wieder ins Center.

Dort treffe ich Jiang Ning – einen Chinesen, der sich jüngst dazu entschlossen hat, Deutsch zu lernen, und verbringe eine Stunde damit, ihm die deutsche Aussprache näher zu bringen. Da das uvulare „R“ (hinten im Hals) nicht so klappen will, wie man es im Hochdeutschen benötigt, verlege ich mich bei ihm auf das labiodentale, das „bayrische“ R hinter den oberen Vorderzähnen.

Ich finde auch Misi vor Ort, der mich heute in die Sporthalle begleiten will, aber ich kann ihm nicht mehr sagen, als dass ich für gewöhnlich gegen 19:00 dorthin gehe, aber eigentlich keinen festen Plan habe. Aber es wird heute etwas spät und ich erreiche die Halle erst um 19:30. Misi ist nicht da, was natürlich kein Beinbruch ist, aber der Fitnessraum ist völlig überfüllt mit Mitgliedern irgendwelcher Sportclubs, die vor den Geräten bereits Schlange stehen. Also das will ich mir nicht geben und gehe gleich nach Hause.

19. April 2024

Montag, 19.04.2004 – Lange nicht gesehen

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Heute Morgen scheint die Sonne zwar durch die Wolken, aber im Verlauf des Tages soll es möglicherweise noch regnen – mit einer Wahrscheinlichkeit von 10 %.

Yamazakis Stunde bleibt heute der einzige Unterricht für mich und er verläuft in den gewohnten Bahnen, abgesehen davon, dass wir neuerdings für die Beantwortung der Fragen aus seinen Hörspielen extra Blätter zum Ausfüllen ausgeteilt bekommen – reine Materialverschwendung! Lustig ist allerdings sein Versuch, einen Umstand am Beispiel eines Mannes zu erklären, der sich gerade aufhängt, mitsamt der ihm eigenen Körpersprache. Allerdings habe ich nicht verstanden oder bereits wieder vergessen, was uns der Künstler damit sagen wollte.

Nach dem Unterricht gehe ich ins Center und sehe meine Post durch. Ich entleere auch mal wieder meine Kamera und treffe Yôko wieder. Yôko? Moment mal, wer ist Yôko? Ich verüble ihr nicht, dass sie wegen meiner Frage etwas enttäuscht ist. Ich habe sie im Januar einmal getroffen, als sie gerade aus Neuseeland zurück war und habe ihr erfrischend gutes Englisch bewundert. Allerdings hat sich dieser Umstand nicht in meinem Tagebuch niedergeschlagen, also habe ich es vergessen. Warum habe ich bei der Gelegenheit heute nicht gleich ein Bild von ihr gemacht? Weiß der Geier…

Das ist auch etwa der Zeitpunkt, zu dem Melanie das Foto mit den Krankenschwestern entdeckt:
„Dominik!? Was ist denn das für ein Bild??“

Gleich darauf finde ich auch Yui im Center vor und wir verabreden, uns am folgenden Montag um diese Zeit hier zu treffen. Danach gehe ich in die Bibliothek und beschäftige mich dort bis etwa 17:00, dann gehe ich in die Sporthalle. Kurz darauf kommen auch wieder ein paar Volleyballerinnen vorbei und spielen mit den kleinen Gewichten, aber das letzte Drittel meiner Zeit bin ich allein in dem Raum.

Als ich nach Hause gehe, durchquere ich auf dem Weg zu meinem Fahrrad wie üblich das Ingenieursgebäude und finde auf einem Zeitschriftenstapel eine der telefonbuchdicken Mangasammlungen, in denen jede Woche je ein Kapitel verschiedener Serien erscheint. Die Aufmachung ist „Gush Bell“… dann kann ich ja mal reinschauen. Ich kann anhand dieses einen Kapitels nicht sagen, ob der Manga ernst oder bekloppt ist… die kleinen Mädchen mit den kugelrunden Köpfen und den übergroßen Augen sind auf jeden Fall extrem stark und ich nehme bislang an, dass es sich um Androiden handelt.[1] Es scheint hier eine Art Endkampf stattzufinden, so wie die Protagonisten hier zusammengedroschen werden. Einer muss sogar wiederbelebt werden.

Ich gehe nach Hause und wir sehen uns „Atashin’chi“ an, von dem ich nun endlich weiß, was es bedeutet: „Atashi“ ist eine weibliche Selbstbezeichnung, „Ich“ sagen wir im Deutschen einfach, und der Anhang „n’chi“ steht für „no Uchi“, was komplett „Atashi no Uchi“ wäre, und „mein Haus“ = „meine Familie“ bedeutet.

Außerdem komme ich endlich dazu, die „SailorMoon“ Episode vom Samstag zu sehen. Das Mädchen mit den blauen Haaren ist tatsächlich Luna – nennt mich „Gott“! Allerdings folgt sie einem alten und augenfälligen „SailorMoon“ Syndrom: Wenn sie sich verwandelt, tauscht sie ihr Hirn aus. Im Falle von Usagi zu SailorMoon ist das gut, weil Usagi sowieso keine nennenswerten Kapazitäten in der Birne hat, aber Luna folgt dem Beispiel von Mamoru und tauscht ihr Gehirn während der Verwandlung gegen ein aufgeweichtes Milchbrötchen.
Man könnte doch auch mal ein Fansub einer Animeepisode machen, in der Tuxedo Kamen mal wieder irgendwo runterspringt und dann sagt: „Ich bin der Schrecken, der die Nacht durchflattert… ich bin der freche Nachbar, der Deine Rosenbeete plündert…“
Wie dem auch sei… die Katze Luna ist ultra-rational und eine Quelle der Vernunft, die sich weniger von Emotionen leiten lässt. Wenn sie jedoch als Mensch auftritt, verhält sie sich viel mehr wie eine Katze (um dem Catgirl-Klischee zu entsprechen, denke ich). Sie hat Angst vor Hunden (die in meine Hand passen) und läuft im Zeitraffer davon, und im Toys’R’Us (einer der Sponsoren) kommt sie nicht umhin, einer Anzahl herumrollender Bälle hinterher zu springen. Also bitte!

EvilMerkur hat beim letzten Mal wohl ein bisschen zu viel vom positiven Licht der Prinzessin abbekommen und nähert sich in Folge dessen wieder ihrem langweiligen Normalzustand an, lädt aber Usagi zu einem Kampf ein. Und natürlich brät sie ihr eins über und SailorMoon muss von (der menschlichen) Luna gerettet werden. EvilMerkur gerät ins Hintertreffen; Kunzyte kommt ihr zu Hilfe und kümmert sich um Luna. Sie ist schnell und er kann sie nicht erwischen, daher ist er sichtlich genervt. Er macht ein Gesicht wie ein Vater, der mit dem unbändigen Verhalten seiner Tochter überfordert ist. Es ist das Beste an der gesamten Episode. Schließlich trifft er sie doch und beendet damit ihre Verwandlung. Er kommt so gerade noch rechtzeitig, um die endgültige Bekehrung EvilMerkus zum Guten zu verhindern. Sie langt also mit dem Eisschwert noch mal so richtig hin und zerbricht damit den Mondstab, worauf SailorMoon bewusstlos (aber ohne einen Kratzer) zu Boden sinkt. EvilMerkur erkennt bei diesem Anblick ihr böses Tun und beweint ihre Tat, offenbar bekehrt.

Um neun Uhr läuft „Mito Kômon“ – das ist die Sendung, die ich irgendwann einmal als „Thai Ginseng unterwegs“ bezeichnet habe. Natürlich sehe ich mir das weiter an… man muss diesen Mann hin und wieder onkelhaft lachen hören, das macht den ganzen Tag besser. Heute bietet er sich, zum Entsetzen seiner Begleiter, einem geizigen Geldverleiher als Yôjimbô (Leibwächter) an, ohne, dass ich den geäußerten Grund verstanden hätte. Wohl, um diesem eine Lektion erteilen zu können. Es ist lustig, ihn als ungelenken Geldeintreiber zu sehen und wie er den Geizhals dabei ausbremst. Natürlich lacht er am Ende wieder auf die ihm eigene Art und Weise und die Leute fallen massenweise vor ihm in den Staub, wenn sein linker Heinrich das Wappen auspackt. Ich frage mich, ob sich die Serie eigentlich selbst noch ernst nimmt. Aber selbst wenn nicht, macht mir dieser Umstand das Ansehen nur angenehmer.

Den Rest des Tages verbringe ich mit meinem Tagebuch. Vokabeln lerne ich morgen früh, da ich ja erst um 14:20 Unterricht habe. Die Zeit sollte reichen.


[1] Entgegen dem missverständlichen Charakterdesign handelt es sich bei den meisten der gemeinten Charaktere um Jungs, und auch nicht um Androiden, sondern um eine Art von Dämonen.

18. April 2024

Sonntag, 18.04.2004 – Es gibt keinen „Greifer-König“

Filed under: Japan,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Heute ist es spürbar wärmer als gestern und die Sommerjacke reicht wieder. Um halb elf bin ich in der Bibliothek und beginne mein Tagesgeschäft, das ich für eine kurze Partie Combat Mission unterbreche, in der ich mit fünf Tigern ein ganzes Bataillon Neuseeländer aufmische. Entweder sind die Panzer in diesem Spiel völlig überbewertet (ich wiederhole mich diesbezüglich oft) oder aber die KI ist zu berechenbar. Der Anmarschweg erfolgt grundsätzlich durch die bestmögliche Deckung, und mit massiger Bewaldung ist die Route sehr schön vorherzusehen. Ist es nun richtig oder falsch, sich unter Sichtschutz fortzubewegen?

Um 17:00 fahre ich ins Ito Yôkadô, um für meine in Trier wohnende Bekannte Anna den Soundtrack von „Ghost in the Shell“ zu besorgen. Derzeit kommt ein neuer Film von Oshii Mamoru raus, und offenbar nimmt man das zum Anlass, die alten Sachen noch einmal aus der Mottenkiste zu kramen. Melanie hat mich außerdem gebeten, ihr aus dem 100-Yen-Shop einen Film für ihren Fotoapparat mitzubringen, aber nachdem ich den Laden zweimal durchsucht habe (aber nicht weiß, nach was ich eigentlich fragen sollte, weil mir das Vokabular nicht einfällt), gebe ich die Suche auf. Stattdessen kaufe ich mir eine Dose Milchkaffee, kalt, aber immerhin verfügbar, und trinke sie gemütlich auf einer Sitzbank zwischen Spielabteilung und dem Laden aus.

Gegenüber dieser Sitzbank befinden sich ein paar von den allgegenwärtigen Greiferautomaten. Das bedeutet: In einem Glaskasten befinden sich Stofftiere verschiedener Art und man soll, gegen ein Entgelt natürlich, per Schaltkonsole an der Seite des Geräts einen Greifarm in eine günstige Position lenken, ausfahren, und dann hoffen, dass das Stofftier gehalten und dann in den Auswurfschacht befördert wird. Der „Winnie Pooh“ Automat ist mir am nächsten; die Figuren sind etwa so lang wie mein Unterarm (ohne Hand) und ca. 25 cm dick. Es gibt Unmengen von Leuten, die tatsächlich glauben, dass die Greifarme in der Lage seien, irgendetwas aus dem Automaten herauszuheben… jedes Mal, wenn ich hier für fünf Minuten sitze, kommen mindestens zwei Leute vorbei, die es versuchen, und jedes Mal ist es das gleiche Null-Ergebnis. Ich habe auch einige Spieler beobachtet, die den Greifer in optimale Positionen gebracht haben – aber das ist völlig nutzlos! Die Plüschfiguren sind zu schwer für den Greifer. Die Zangen schließen sich zwar um das Stofftier, aber wenn der Arm dann mit der Hebebewegung wieder nach oben fährt, gleiten sie wirkungslos an der Oberfläche ab, ohne irgendeine Art von wahrnehmbar wirksamem Druck auszuüben, der in der Lage wäre, die Zangen um das Stofftier effektiv geschlossen zu halten.

Ich fahre nach Hause und lasse mir dabei viel Zeit. Ich fahre sogar in den kleinen Park und setze mich in das Häuschen auf dem kleinen Hügel, bis die Dunkelheit hereinbricht. Dann fahre ich um 19:30 am Bach entlang nach Hause, und das ist ein kleines Abenteuer für sich, im Dunkeln auf einem 50 cm schmalen Trampelpfad, rechts eine Hauswand und links kein Geländer vor dem zwei Meter tiefen Betonkanal, in dem der Bach fließt.

Zuhause versuche ich noch, eine Handvoll Kanji zu lernen, aber ich kann mich kaum konzentrieren. Der Test wird wahrscheinlich entsprechend ausfallen.
In der Stille ist ein Pfeifen zu hören.

17. April 2024

Samstag, 17.04.2004 – GTD II / Great Teacher Dominik, die Zweite

Filed under: Arbeitswelt,Japan,My Life,Zeitgeschehen — 42317 @ 7:00

Ich stehe um 09:00 auf. Der Tag ist sonnig, aber kühl. Ich setze mich in die Bibliothek und beginne mit meiner Post. Da kommt auch was Interessantes geflogen: Mein alter Kamerad Ritter wird demnächst mit seiner Ausbildung für den gehobenen Polizeidienst im Lande Rheinland-Pfalz beginnen. Das ist doch was!

Ah, und ich bin wieder mal spät dran… ich gratuliere Kai und Frank drei, bzw. zwei Tage verspätet zum Geburtstag. Und ich kann endlich den dritten Zug des Stadtkampfes beenden. Allerdings schreibt Frank auch, dass er bis Donnerstag keine Zeit haben wird. Dann warte ich eben. Ich habe ja auch genug zu tun, um mich nicht zu langweilen. Aber wahrscheinlich wird er dafür besser bezahlt.

Und auch Ritter bekommt Appetit auf Combat Mission… sehr schön. Eine Vergrößerung der Gemeinde ist mir immer Recht. Allerdings mache ich mir angesichts seines Ausbildungsbeginns keine Hoffnungen auf ein Spiel in absehbarer Zeit, auch wenn mir die Idee gefallen würde, gegen einen Feldwebel zu spielen. Außerdem liegt mein Hauptinteresse derzeit bei Kampfberichten, und außer Frank kommt derzeit nur Misi in Frage. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie begeistert Karl von der Idee wäre, einen Bericht in englischer Sprache zu schreiben. Ausführliche Berichte liegen ihm im Blut, habe ich das Gefühl, aber ob er sich die Mühe auf Englisch machen will, ist eine andere Frage. Ich klammere ihn vorerst aus. Die beiden Michaels (Harz und Ritter) sind des Englischen zwar ebenfalls mächtig, aber alles andere als passionierte Schreiber. Die halten sich beide am liebsten kurz. Ich erinnere mich, dass der Herr Harz auf eine Anfrage von mir hin mal einen Bericht über ein Gefecht von dreißig Spielzügen gegen Karl in fünf Zeilen untergebracht hat… das war etwa so befriedigend wie Nudeln ohne Salz und Käse.

Um 11:48 kommt Misi zu mir und fragt mich, ob ich bereit wäre, den Englischunterricht im „York Culture Center“ noch einmal zu übernehmen. Ihm sei heute nicht danach, er hasse den Job sowieso, und Alex sei nicht da. Wie, heute? Ja, heute, um 13 Uhr. Also… jetzt!? In etwas mehr als einer Stunde, und ohne Lehrbuch, weil sie damit fertig seien. Aus dem Stegreif… ja, aber sicher doch! Ich kann die 2000 Yen gebrauchen, außerdem gefällt mir diese Art von Arbeit. Ich suche mir zwei Berichte aus der „Japan Times“ aus und lege mir damit mein wenn auch mageres Konzept zurecht. Ich sehe also zu, dass ich mit meinem Schreibkram fertig werde und fahre um 12:35 ins Ito Yôkadô.
Die Übernahme ist kein Problem und „meine“ Kursteilnehmer sind recht überrascht, mich noch einmal hier anzutreffen. Nachdem alle eingetroffen sind (vier Leute wie beim letzten Mal), erläutere ich, warum ich hier bin und warum die heutigen Inhalte etwas provisorisch erscheinen könnten. Natürlich habe ich mich bei der Auswahl von meinen persönlichen Interessen leiten lassen, aber ich musste ja auch Themen verwenden, von denen ich Ahnung habe. Ich kündige also eine freie Diskussion an.

Erstes Thema: Die umstrittenen Sahalin Inseln.
Sahalin interessiert hier im Raum niemanden, keiner braucht diese Inseln nördlich von Hokkaidô, wo es außer Fisch nichts zu geben scheint; außer konservativen Politikern scheint es niemanden zu geben, den Sahalin interessiert. Bis auf Ozaki-san, den Herrn um die sechzig. Er sagt, dass Sahalin sehr wohl an Japan zurückgegeben werden sollte und er nennt auch einen pragmatischen Grund, der mit Patriotismus, mit japanischem „Blut und Boden“, direkt nichts zu tun hat: Da oben gibt es nicht nur Fisch, sondern, wie er sagt, auch Erdgasvorkommen in einem bisher nicht näher bekannten Ausmaß. Aha, so läuft der Hase! Natürlich gibt es Leute, die eben wegen der Erdgasvorkommen auch auf Erdöl hoffen, das Japan unabhängiger von Importen machen würde.

Zweites Thema: Mülltrennungsvorschriften im Vergleich
Im Großen und Ganzen halte ich an dieser Stelle einen Monolog über die Unterschiede des japanischen Recyclingsystems zum deutschen, aber ich komme zu keinem Ergebnis, welches ich für besser halten würde, da ich die Hintergedanken der jeweiligen Entwickler nicht kenne. Außerdem nutze ich die Gelegenheit, mich über die Schrottkarren im Naturschutzgebiet auszulassen.

Drittes Thema: Die japanischen Jieitai[1] im Irak
Natürlich sind sich alle einig, dass der Irak ein gefährliches Pflaster ist und dass die Familien zuhause mit Recht um das Leben ihrer Angehörigen in Uniform bangen, aber ebenso herrscht darüber Einigkeit, dass der Einsatz auf lange Sicht einen positiven Effekt haben wird. Neben wirtschaftlichen Vorteilen, die sich aus dem Aufbau des Irak ergeben, wird auch das Prestige Japans steigen, dass mit seiner Bautruppe die Lebensverhältnisse im Irak verbessern hilft und keine Besatzungs- oder Sicherungstruppe ist. Allerdings habe ich auch den Eindruck, dass die Tatsache, dass man japanische Leben für irakische Leben riskiert, eine bittere Pille ist, die man aber in die Backentasche schiebt, um sie nicht schlucken zu müssen. Natürlich ist derlei Denken nur menschlich.
Danach kehre ich mit trockener Kehle in die Bibliothek zurück und schreibe den Bericht zum 10. April.

Im Animetric Forum erhalten wir derzeit „Liveberichte“ aus Litauen, wo wohl eine Art Bandenkrieg tobt. Da hat wohl eine Gruppe ethnischer Russen (klassisch in Trainingsanzügen) einen litauischen Metalfan (lange Haare, Nietenleder-Outfit) ins Krankenhaus geprügelt, worauf sich die langhaarigen Metalfans mit kahlköpfigen Skinheads verbündet haben (!), um sich bei den Russen „Respekt“ zu verschaffen. Die Skinheads (40 Mann) haben daraufhin (angeblich ohne Beteiligung der Metalfans) acht von den Russen in die Mangel genommen, und auf der Straße geht das Gerücht, dass einer davon tot sei. „Wir kämpfen hier ums Überleben!“ sagt Cabala, der Autor, „Wenn wir ihnen nicht die Faust zeigen, werden uns die Russen weiter angreifen!“
Ich frage mich, ob wir auf der Linie Königsberg, Brest-Litowsk und weiter nach Süden nicht vielleicht eine Mauer hochziehen sollten…

Um 17:00 gehe ich mit Melanie in den Park, weil heute das Kirschblütenfest beginnt. Mit dabei sind außerdem SangSu, Jû und Mélanie. Die Lufttemperatur beträgt acht Grad und fallend, weil die Sonne in wenigen Stunden untergehen wird, und wenn man normale Kleidung ohne Jacke trägt, ist das ziemlich kühl. SangSu überlässt Mélanie daher seine Jacke. Er scheint härter im Nehmen als er aussieht. Wir fahren auch am Tempel vorbei, der auf dem Weg liegt, weil Jû noch nie dort war und es da auch ein paar schöne Motive für die Kamera gibt. Die Kirschblüten sind noch nicht alle aufgesprungen, das könnte noch ein oder zwei Tage dauern, aber die meisten strahlen uns bereits von den Bäumen entgegen.

SangSu, Melanie, Mélanie, Dominik, Jû hinter der Kamera

Wir treffen im Park auch Masako, eigentlich genau richtig, weil ich ihre Mailadresse überprüfen will. Da sie mit der Uni fertig ist, hat ihre Uni-Mail-Adresse ihre Gültigkeit wohl verloren und ich brauche eine neue, um Kontakt halten zu können.
Der Park ist gut besucht und einige Leute sind schon schwer am Feiern. Ein paar junge Leute sprechen dem Sake kräftig zu und spielen Jan-Ken-Pon; der Verlierer muss ein Kleidungsstück ablegen. Vielleicht sollte ich statt „Leute“ besser „Männer“ sagen, da sich ihre Freundinnen (leider) nicht beteiligen und nur amüsiert zusehen, wie sich ihre Begleiter öffentlich zum Affen machen und sich in Gefahr begeben, sich edle Körperteile abzufrieren. Einer steht schon in Shorts da.

Als wir wieder gehen, schlage ich vor, ins „SkattLand“ was essen zu gehen, aber mein Vorschlag scheitert an finanziellen Bedenken. Jû sagt, er sei diesen Monat bereits ziemlich pleite, und Mélanie hat keine Jacke dabei, da sie die geliehene ja eher früher als später zurückgeben muss. Auf dem Weg nach Hause verliere ich die anderen vier kurzzeitig aus den Augen, weil ich über eine Ampel fahre, die hinter mir rot wird und mich von der Truppe abschneidet. Ich finde mich allein und fahre schnellstens zu der roten Brücke, wo sie vorbeikommen müssen, wie ich vermute. Nach fünf Minuten allerdings kommt noch niemand, also muss ich annehmen, dass sie einen anderen Weg gefahren sind (was eigentlich eher unwahrscheinlich ist) oder dass sie bereits vor mir hier waren und bereits an der Hauptstraße sind. Ich fahre also dorthin und treffe dort sofort wieder auf meine „Reisegruppe“. Ich versuche nicht weiter, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Wir verabreden, uns um acht Uhr bei SangSu zu treffen, um einen Film anzusehen, allerdings ohne Mélanie, die lieber nach Hause möchte. Und wenn wir schon mal da sind, werden wir von SangSu auch mit den Fotos beglückt, die er Anfang April in Korea auf Heimaturlaub gemacht hat. Außerdem zeigt er uns ein Video, dass ihn gewissermaßen als Moderator auf einer Werbeveranstaltung für Oberschüler seiner Universität zeigt. Das sei vor drei Jahren gewesen, sagt er. Er scheint über eine gewisse Prominenz zu verfügen… aber es ist ohne Zweifel festzustellen, dass er schon damals ein Clown war.


[1] Selbstverteidigungskräfte

16. April 2024

Freitag, 16.04.2004 – One more time

Filed under: Japan,My Life,Spiele,Uni — 42317 @ 7:00

Der erste Unterricht heute ist ein Kulturseminar über „die Bedeutung von Reis in der japanischen Gesellschaft“ unter der Leitung von Kuramata-sensei. Er bespricht zuerst die Themen und erläutert dann die „Sondertermine“, also wann der Unterricht ausfällt und wann wir irgendwelche Ausflüge machen. Problematisch an diesen Ausflügen wird sein, dass sie sich zeitlich mit dem nachfolgenden Japanischkurs überschneiden könnten. Ich habe allerdings kein Problem damit, für eine Exkursion Unterricht zu verpassen. Ich bin sicher, Ogasawara-sensei wird dafür Verständnis haben.
Wir sehen auch die Aufzeichnungen des Erstversuchs dieses Seminars vom Wintersemester 2002/2003. Es sind Fotos dabei und wir sehen darauf neben Dave auch Stefan und Hans beim Reiskochen in der Abteilung für Hauswirtschaft. JP erscheint auf dem Bild von einer Exkursion.
Der anschließende Unterricht bei Ogasawara-sensei läuft in den üblichen, entspannten Bahnen.

Danach habe ich frei und schreibe den Bericht zum 09.04.2004, aber das Versenden will nicht hinhauen. Mein Adressbuch wird als Quelle von Empfängern nicht erkannt und ich kenne die 80 Adressen nicht auswendig, um sie von Hand einzutragen – ganz zu schweigen von der Mühsal, die ich mir damit machen müsste. Dann kann diese Angelegenheit auch noch bis morgen warten.

Kazu setzt sich neben mich und brütet über einer Literaturliste von Professor Philips, die auch die wildesten Gerüchte um Listen von Frau Professor Scholz in den dunkelsten Schatten stellt. Die txt-Datei hat knapp ein Megabyte Datenumfang (txt!!), in ein Word-Dokument übertragen ist die Liste 505 Seiten lang (bei „Times New Roman 11“) und enthält nicht weniger als 10.000 Titel. Und das nur zum Thema „Afrikanische Musik“??? Philips muss komplett irre sein. Ich werfe einen Blick in die Liste und entdecke Titel in jeder mir bekannten Sprache. Ich bin sicher, dass Kazu mit japanischen und vielleicht auch englischen Titeln am meisten anfangen könnte und dass diese Beschränkung die Liste auch deutlich kürzer gemacht hätte. Sie hat bis Dienstag Zeit, aus dieser Liste eine Auswahl für ihre Arbeit zu treffen. Sie erzählt, dass sie im Oktober wirklich gerne nach Deutschland gehen möchte, aber es gebe noch Unstimmigkeiten mit der Krankenversicherung, da sie einen empfindlichen Magen und entsprechende Medikamentenrechnungen habe.

Um 17:55 gehe ich mit ihr gemeinsam zu der für heute angesetzten „Welcome Party“, und ich habe mich nicht für eine Vorstellung gemeldet. So groß ist der Kreis der neuen Studenten nicht, und außerdem hat Marc bei der Organisation durchgesetzt, dass nicht wir etwas bieten müssen, sondern dass in erster Linie wir von „Vertretern“ des Gastgeberlandes etwas geboten bekommen sollten.
Für die Organisation wurde wohl extra ein „Party Club“ an der Uni ins Leben gerufen, dessen Aufgabe und Sinn nicht darin besteht, die alkoholischen Wunschvorstellungen seiner Mitglieder umzusetzen, sondern größere Partys zu organisieren. Und das hat diesmal auch gleich viel besser geklappt als das letzte Mal.

Jeder Besucher erhält natürlich ein Namensschild, und auf diese Namensschilder sind Nummern aufgedruckt, so dass jeder eine Zufallsnummer zwischen 1 und 15 erhält. Ich habe die Nummer 13, und diese Zahl sollte alles andere als Pech verheißen. Die erste Aufgabe ist es, Leute mit der gleichen Nummer zu suchen. Ich werde von BiRei gefunden – das war schon mal ein guter Treffer – und wir machen eine Runde durch den Raum, bis wir unsere Genossen gefunden haben. Unter diesen befinden sich Mei, Saitô-san und Sawada-sensei. Daneben sind noch zwei mir nicht bekannte Japanerinnen in der Gruppe, sowie ein Professor der Physik um die sechzig. Aber ich stelle bald fest, dass die Gruppenbildung eine sehr untergeordnete Bedeutung hat. Natürlich soll man ins Gespräch kommen, aber soweit es mich betrifft, kommt es dazu gar nicht. Zuerst mal wird gegessen, und diesmal ist etwa doppelt so viel Nahrung vorhanden wie beim letzten Mal. Als ich gerade eigentlich satt bin (aber immer noch was essen könnte), fallen mir meine Stäbchen auf den Boden und Ersatz scheint es keinen zu geben, also bewahrt mich das Schicksal so davor, mich an den äußerst schmackhaften Hühnerschenkeln (Unter- und Oberschenkel getrennt) zu überfressen.

Ich erspähe irgendwann den Sohn von Sawada-sensei aus dem Augenwinkel. Ich sehe ihn nicht zum ersten Mal, und wie üblich ist er auch diesmal in seiner Schuluniform erschienen. Wie es scheint, also bereits Oberschüler[1], aber für sein Alter deutlich zu kurz geraten, schlank, dunkelblond, aber mit einem Gesicht, dass man keinem der beiden in ihm enthaltenen ethnischen Einflüsse zuordnen kann. Meine Fähigkeit zur Einschätzung von Menschen anhand ihres Äußeren ist sicherlich nicht die beste, aber der Junge hier macht nicht nur heute, sondern eigentlich ständig (da ich ihn ja nur auf Veranstaltungen sehe) einen äußerst verkrampften Eindruck. Wie soll ich das beschreiben? Er sieht aus, als ob er in jeder Sekunde mit einem Angriff rechne und gleichzeitig bemüht sei, einen selbstsicheren und unangreifbaren Eindruck zu machen. Was ihm nicht gelingt, nach meinem Ermessen. Er verzieht sich auch sehr bald in eine Ecke und bleibt dort sitzen, hin und wieder von seiner Mutter „besucht“. Gut, es kümmert sich auch sonst keiner um ihn… und ich wüsste ebenfalls nicht, was ich kommunikativ mit ihm anfangen sollte. Außerdem erhalte ich nicht viel Gelegenheit, weiter über ihn nachzudenken.

Nach dem Essen beginnt das Unterhaltungsprogramm, allerdings muss ich gestehen, dass ich sehr wenig davon mitbekomme. Da wird der „Arielle“ Soundtrack „Unter dem Meer“ karibisch echt auf Klangfässern gespielt, ein sehr ausgelassener Tanz aus Hokkaidô wird vorgeführt, Irena singt ein Lied (und man merkt, dass sie Übung hat), und auch ein Gruppenspiel wird gespielt. Jetzt kommt die Gruppenbildung zu ihrer Bedeutung!
Zuerst wird rotes und weißes Kartonpapier im Format A4 ausgeteilt. Auf einer Leinwand werden dann zwei Fotos gezeigt, worauf je ein Vertreter eines Staates hingeht und eine der beiden Darstellungen beim Namen nennt. Marc zum Beispiel hat den Begriff „Berliner“. Auf einem der Bilder ist eine Schildkröte dargestellt (wofür man das weiße Blatt hochhalten soll) und auf dem anderen drei frittierte Krapfen mit Marmeladenfüllung[2] (wofür man das rote Blatt heben soll). Und so geht das über etwa zehn Versuche. Die Gruppe, die am Ende alles richtig geraten (oder gewusst) hat, bekommt einen kleinen Preis. Gleich zu Beginn hat man mir die beiden Blätter in die Hand gedrückt und die Entscheidungen völlig mir überlassen, anstatt sich abzusprechen, wie eigentlich geplant. Aber natürlich ist das Konzept arg seltsam, denn im Grunde wird ja geraten. Ich habe zweimal falsch geraten, weil ich ein thailändisches Chiligericht begrifflich nicht von thailändischem Tanztheater unterscheiden kann, und auch die slowenischen Begriffe für Schneemann und Feiertagsschmuck kann ich nicht auseinander halten. Immerhin habe ich die chinesische Mikrowelle richtig geraten, und das einfach aufgrund der Tatsache, dass sich die erste Silbe des chinesischen Wortes recht ähnlich anhört, wie die erste Silbe des japanischen Begriffs.

Kaum, dass ich mit dem Essen fertig bin, geht der Andrang, der Sturm wissbegieriger Einheimischer auf die Ausländer, auch schon los. Oh, drei männliche Japaner? Das ist selten. Und ich verstehe auch am Ende des Abends, warum ich lieber mit Frauen verkehre. Die drei stellen nur die üblichen Fragen und ich versuche mit Händen und Füssen, sie zu beantworten – aber ich verstehe kaum, was die drei (bzw. der Wortführer) sagen. In Ordnung, die Musik ist relativ laut, aber die Jungs reden undeutlicher, als mir lieb sein kann. Wenn ich mit Frauen rede, habe ich im Allgemeinen nur Probleme mit den Vokabeln, aber bei den dreien hier kommen auch noch Verständnisschwierigkeiten wegen der Aussprache dazu.

Als die dann nach etwa 30 Minuten wieder abziehen, steht auch schon die erste Japanerin in der Warteschlange. Ihr Name ist Yumi und ich wiederhole mit ihr quasi das gleiche Gespräch, das ich gerade eben geführt habe, mit dem Unterschied, dass ich weniger Wörter nachfragen muss, weil sie eine verständliche Aussprache besitzt. Und kaum ist Yumi zum nächsten Ausländer abgewandert, kommen auch bereits die nächsten beiden zu mir, die sich bald auf drei aufstocken. Die drei studieren Medizin und sind bereits ausgebildete Krankenschwestern, jeweils 21 Jahre alt. Zu den dreien kommen gegen Schluss noch einmal drei (Krankenschwestern) dazu. Ich habe mir nicht alle Namen gemerkt, außer Fukushima (weil „Glücksinsel“ ein interessanter Name ist)[3] und Saori, die aus Tokyo stammt. Sie sagt, die Universitäten in Tokyo könne sie sich entweder nicht leisten oder aber sie habe die Eingangsprüfung nicht geschafft. Die Universität von Hirosaski habe einen soliden Ruf, was die Medizin betrifft, und sowohl die Finanzfrage als auch die Eingangsprüfung seien für sie schaffbar gewesen. Natürlich sei Hirosaki etwas langweilig im Vergleich zu Tokyo, aber sie wolle Bezirkskrankenschwester werden. Sie wohne direkt beim Book Max (in der der gleichen Straße wie Misi) – was natürlich kein Vergleich zu dem Apartment direkt an der Rainbow Bridge sei, wo sie während ihrer Schulzeit gewohnt habe.

Währenddessen singt Irena gerade und Saori fragt mich, wo sie herkäme.
„Aus Slowenien“ sage ich.
„Ist das nicht in der Nähe von Russland?“ fragt sie zurück.
„Ganz Europa liegt in der Nähe von Russland“, antworte ich amüsiert, „aber Slowenien liegt gegenüber von Italien auf der östlichen Seite des Adriatischen Meeres und nicht direkt neben Russland.“
Und dieses Gespräch läuft im Großen und Ganzen sehr flüssig ab (bis auf meine Vokabelsuche und Umschreibungen für unbekannte), was meine Meinung über männliche Studenten keinesfalls weiter hebt. Zum Schluss bitte ich Nim darum, ein Foto von mir mit den Krankenschwestern machen zu lassen, hinter denen ich wie ein Turm herausrage. Vielleicht hätte ich mir eine Mailadresse geben lassen sollen, damit sie auch was von dem Foto haben. Ich könnte in der medizinischen Fakultät ja mal nach Fukushima fragen.[4] So viele kann es davon doch in diesem begrenzten Suchgebiet nicht geben.

Der Dominik und die Sieben, äh, Sechs Krankenschwestern.

Und dann wird auch schon zusammengepackt. Ich ziehe schließlich mit Mei und BiRei ab, weil ich Kazu (die einer anderen Gruppe zugeteilt worden war) aus den Augen verloren habe. BiRei biegt in Richtung der Shimoda Heights I ab, Mei liefere ich an ihrer Haustür ab. Damit sehe ich das „Männer verboten!“ Wohnheim zum ersten Mal live und aus der Nähe. Mei bestaunt mit offenem Mund, dass es in Deutschland völlig normal ist, dass Männer und Frauen nebeneinander auf dem gleichen Gang wohnen, und zwar ohne, dass es deshalb zu einer Geburtenexplosion kommen würde. Ich verstehe ihre Überraschung nicht wirklich gut, da ja auch im Kaikan solche „Verhältnisse“ herrschen.

Ich gehe noch Getränke kaufen und dann nach Hause. Ich lese das Buch des Ehepaars Seagrave zu Ende und befreie den Latour, „Kampf dem Terror – Kampf dem Islam?“, schon mal aus seiner Plastikverschweißung. Ich wusste gleich, dass das Buch der Seagraves nicht lange halten würde.


[1]   Korrekt ist, dass auch die meisten Mittelschulen Uniformen haben.

[2]   Menschen aus Berlin nennen die Dinger „Pfannkuchen“.

[3]   Nach dem Tsunami mit anschließendem Reaktorunglück hat dieser Zufall eine gewisse Ironie.

[4]   Ist leider nicht geschehen.

15. April 2024

Donnerstag, 15.04.2004 – Sportliche Überraschung

Filed under: Japan,My Life,Sport,Uni — 42317 @ 7:00

Der Donnerstag beschert mir wieder den Yamazaki-Kurs über schriftliche Kompetenz, und ich merke gleich, dass ich ihn in diesem Durchgang ebenso genießen werde, wie beim letzten Mal. Aber was will ich mich beschweren? Ich hätte mehr lernen können, aber das hätte meinen Feriengenuss wesentlich geschmälert und mir als Kehrseite der Ehre eines höheren Kurses ein gutes Stück mehr Arbeit aufgehalst.

Wir sind um die 20 Leute in dem Kurs. Yuan ist auch noch da, ebenso die Doktoren – minus Chin, von dem ich noch kein Foto habe und der verschwunden zu sein scheint. Als Ausgleich für „den Chin“ ist ein „Chen“ aufgerückt: Dr. „Dragon“ Chen, und der hat den Drachen deshalb im Namen, weil er so heißt – das chinesische Kanji für „Drache“ ist sein Vorname.

Und dann ist der Unterricht für heute auch schon gelaufen. Ich gehe in die Bibliothek und finde noch keinen Spielzug von Frank vor. Überhaupt ist heute wenig los mit der Post, und auch im Forum herrscht Stille. Ich nehme mir die Zeit, ein Gefecht nach einer Vorlage von Andreas zu spielen. Danach schreibe ich zwei Berichte und erreiche damit heute den 08. April – der Rückstand ist so gering wie in den besten Zeiten Anfang Dezember 2003. Um 18:30 gehe ich wieder für eine Stunde in den Fitnessraum und finde darin… ein Dutzend Frauen vor! Was machen die in dieser Heimstatt für potentielle Neandertaler? Da die Sportteams offenbar ohne Trainer auskommen, ist den Teilnehmerinnen die Art des Aufwärmens wohl selbst überlassen, und etwas Krafttraining kann auch nicht schaden, wenn man Volleyball spielt.

14. April 2024

Mittwoch, 14.04.2004 – Beengte Verhältnisse

Filed under: Japan,My Life,Uni,Zeitgeschehen — 42317 @ 7:00

Mittwoch wird in diesem Semester der „Großkampftag“ werden, weil ich durchgehend Programm von 08:40 bis 16:50 habe. Und der Tag beginnt mit Yamazaki-sensei im Raum 415. Der Raum ist so klein, dass wir gerade so alle hineinpassen, nur die vier Stühle, die neben dem Lehrerpult stehen, sind noch frei.

Danach haben wir Unterricht bei Ogasawara-sensei, im selben Raum, und die Frau zieht für gewöhnlich mehr Publikum als Yamazaki. Außerdem mischen sich auch noch Misi und Nim unter uns, die eigentlich einen Level tiefer angesetzt sind. Schließlich muss einer der Koreaner den kleinen Schrank, in dem der Kassettenrekorder steht, als Schreibunterlage benutzen, weil alle Tische besetzt sind. Wir können nach kurzer Rücksprache mit der Uni-Organisation allerdings in den Raum 421 verlegen, in dem genug Platz für alle ist.
Im Anschluss gehe ich mit Nim einen Stock tiefer, um das zweite Wirtschaftsseminar von Kondô-sensei zu besuchen. Im Vorbeigehen deutet sie auf die Herrentoilette und sagt, dass sie bisher immer diese benutzt habe, weil ihr das Schild am Eingang nicht aufgefallen sei.

Der Unterricht bei Kondô-sensei ist schwach besucht. Misi und Nim sind da, die Koreanerin MunJu und meine Wenigkeit, und außerdem freue ich mich darüber, mit Mei einen Kurs zu teilen. Nur Kondô ist nicht da. Nach 15 Minuten gehe ich ins Center und frage nach. Der Stundenplan, der an seiner Tür hängt, beinhaltet einen Fehler – Kondô hat diese Stunde für Donnerstag eingetragen. Ich würde das in dieser Situation als „aufschlussreich“ bezeichnen. Ich rede mit Chiba-sensei, der meint, dass er sich darum kümmern werde. Wir sollten noch ein wenig warten.

Kondô trifft fünf Minuten später ein, entschuldigt sich für seinen Fehler und überrascht Mei damit, dass der Kurs auf Englisch gehalten werden wird (und sein schriftliches Englisch ist furchtbar – der „Rotary Club“ wird zum „Lottery Club“). Mei hat erst letztes Jahr begonnen, Englisch zu lernen, aber Kondô sorgt auch gleich für Entspannung in diesem Punkt: Er wird keinen Leistungsnachweis außer Anwesenheit verlangen und das Lehrbuch, das er verwendet (und kopiert hat), ist zweisprachig Japanisch-Englisch. In Folge dessen lässt er es abschnittsweise vorlesen. Ich hoffe, dass das nicht so bleibt und denke, dass das daran liegt, dass er für heute eigentlich nichts vorbereitet hat – das Buch kann man auch zuhause vorbereitend lesen. Sehr groß ist es nicht und die Sprache ist leicht verständlich. Nim liest den ersten englischen Abschnitt vor und Mei den japanischen. Und bei Mei spürt man die Macht von acht Jahren Unterricht in Japanisch: Sie zwitschert den japanischen Wirtschaftstext in einer Geschwindigkeit herunter, wie ich es mit der Londoner Ausgabe der „Financial Times“ nicht besser könnte. Beeindruckend.

Zuletzt habe ich Unterricht bei einem relativ jungen Lehrer, dessen leichter, aber vorhandener Akzent mir gleich verdächtig vorkommt: Der Mann heißt Hugosson und stammt aus Schweden. Er ist seit 1992 in Hirosaki. Sein Thema ist „Public Policy“, und nachdem wir die Vorstellungsrunde hinter uns haben, versuchen wir uns an Definitionen für „Wirtschaft“ („Economy“) und „Organisation“. Anders als bei Kondô wird hier allerdings eine Abschlussklausur geschrieben. Die Themen in dem kopierten Lehrbuch sind nichts sagend bis abschreckend, aber der Diskussionsstil gefällt mir. Ich hoffe, dass das so bleibt.

Ich gehe in den Computerraum und finde leider keine Post von Frank vor, wie ich sie gerne haben würde. Als ich mit meinem Krempel fertig bin, gehe ich nach Hause. Melanie hat leider versäumt, „Nadia“ aufzunehmen… aber ich bin etwas zu müde, um diesem Umstand irgendwelche Emotionen entgegenzubringen. Ich sitze eher apathisch vor dem Bildschirm… ich weiß aber noch, dass währenddessen ein Bericht über eine Frau (in den USA) gesendet wurde, die 1977 entführt und während der kommenden sieben Jahre weitgehend in Kisten und ähnlichen Behältnissen gefangen gehalten worden war – bis auf die Zeiten nachts, wo sie mit Handfesseln an einen Balken gehängt und mit einem Gürtel verprügelt wurde. Als das keinen Reiz mehr hatte, wurde sie quasi als Arbeitssklavin gehalten und kümmerte sich um Haus, Garten und Kind – das Kind des Entführers. So was wollte ich jetzt natürlich nicht unbedingt sehen, eher was Entspannendes. Soll ich darüber jetzt denken: „Das war ein unnötig hell beleuchteter Extremfall!“ oder „Man soll die Augen nicht vor unangenehmen Realitäten verschließen!“?

Dann ist da ein 290-kg-Japaner, der in eine spezielle Klinik nach China verschifft wurde und dort binnen vier Monaten 140 kg Gewicht verlor. Die Lösung: Maßvolles Essen und regelmäßige Bewegung.

Zuletzt läuft eine neue Serie an, über ein Ehepaar, dessen kleiner Sohn Autist ist. „Hikaru“ ist sein Name und der Name der Serie. Und jetzt weiß ich, dass „Autismus“ auf Japanisch „Jiheishô“ heißt – ob ich das mal brauche, ist allerdings was Anderes. Es bedeutet in etwa „Krankheit, bei der man sich selbst (vor seiner Umwelt) verschließt“. Yamaguchi Tatsuya (TOKIO) spielt die Hauptrolle als Vater des Jungen.
Das ist mir zu dramatisch… die Schwiegermutter macht natürlich die Mutter des Jungen für die Umstände verantwortlich, der Junge macht lauter Nonsens (wie zum Beispiel den Inhalt sämtlicher Schubladen auf den Boden zu werfen), und es fließen viele Tränen der Verzweiflung. Das muss nicht sein. Nicht ausgerechnet am Abend nach dem längsten Unitag der Woche, wenn ich leichte Unterhaltung brauche.

13. April 2024

Dienstag, 13.04.2004 – VIP Lehrer

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Ui, ein schöner, warmer Tag. Ich laufe die halbe Zeit im T-Shirt herum. Aber erst einmal habe ich den Vormittag frei und muss erst um 14:20 antreten. Bis dahin halte ich mich ab 11:00 im Center auf, und der Raum ist brechend voll.

Alex hatte letztes Jahr Interesse an einer Bergtour den Iwaki hinauf geäußert, hatte aber am entsprechenden Tag keine Zeit. Da ich dem Plan, eine zweite Tour zu machen, selbst nicht abgeneigt bin, frage ich ihn, wie die Sache stehe, und er meint, dass der Berg so ab Ende Mai wieder schneefrei sei. Dann könne man einen Aufstieg versuchen. Dann bleibt ja noch Zeit, um weitere Interessenten einzuladen (oder „anzuwärmen“).

BiRei erzählt mir, dass ihr Englischkurs schwer sei. Sprachen zu lernen, sei überhaupt eine schwere Aufgabe. Und in Naturwissenschaften sei sie auch nicht gut. Eigentlich könne sie gar nichts richtig – „Ich bin doof“, sagt sie. Immer langsam, junge Frau. Niemand, der ein Stipendium nach Japan erhält, kann allen Ernstes dumm sein. (Vielleicht ist das aber nur der Strohhalm, an den ich mich selbst klammere?)

Ich gehe in die Bibliothek und sehe mir ein paar Titel der 4000 (!) alten Automatenspiele an, die Frank mir dieser Tage auf CD-ROM per Post geschickt hat.

Um 14:15 gehe ich in den Unterricht von Kondô-sensei: „Business Management 1B“. Nein, ich habe keineswegs vor, auf die Wirtschaftslaufbahn zu wechseln. Der Unterricht erläutert lediglich Geschäftsmethoden in Japan, und ich dachte, das könnte interessant sein. Sind die Bodenpreise in Tokyo Ende der Achtziger nicht in astronomische Höhen gestiegen, weil das in den „Geschäftsmethoden“ einkalkulierte Schmiergeld für Bauaufträge so hoch geworden war? Wir werden wohl offizielle Versionen hören, während man mit den Korruptionsskandalen der vergangenen fünfzig Jahren wahrscheinlich eine ganze Vortragsreihe füllen könnte. Kondô-sensei scheint mir allerdings (diesem Fachgebiet angemessen?) über einen etwas zynischen Humor zu verfügen. Er hat führende Geschäftsleute aus der Region eingeladen, um über ihr Erfolgsmodell zu sprechen, und Kondô bittet uns ausdrücklich darum, höflich zu sein – weil derlei Leute ein übergroßes Ego hätten, wie er sagt. Am besten sollten wir unsere Fragen vorsorglich auf Englisch stellen, damit er sie in eine passendere Version übersetzen kann, falls notwendig.

Dann erzählt er, einfach so, dass neulich ein Freund von ihm verhaftet worden sei (ohne, dass das irgendwas mit dem Unterrichtsthema zu tun hätte), wegen „unanständiger Angelegenheiten mit Oberschülerinnen“, wie er sich ausdrückt. Ja, und? Nun, er sagt, dieser Freund sei hin und wieder im Fernsehen zu sehen – in den Börsennachrichten. Er kenne ihn von seiner Zeit an der Waseda Universität in Tokyo. Sie beide hätten dort Postgraduiertenlehrgänge in Wirtschaft unterrichtet, und jener Freund kommentiere ab und zu die japanische Börsenentwicklung im staatlichen Fernsehen. Ei, ei, ei… ein bekanntes Gesicht und auch noch ein Professor von der Waseda… ist der Ruf dieser Universität überhaupt noch zu retten, nach alldem, was man in den letzten beiden Jahren von dort so gehört hat?[1]
Und so als Anhang fügt er hinzu, dass jener Freund ein ordentlicher Professor gewesen sei, während er selbst nur einen „besonderen Lehrauftrag“ gehabt hätte, also keinen Lehrstuhl. Eigentlich sei er nämlich, bis zu seiner Pensionierung vor kurzem, der Generalverwalter der Mitsubishi-Bank gewesen. Aha!? Ich renke meinen Unterkiefer wieder ein und versuche zu verstehen, was der ehemalige Generalverwalter der hauseigenen Bank des Mitsubishi Keiretsu (Multikonzerns) in dieser verlassenen Gegend tut, anstatt sich in Odaiba niederzulassen und den Tag auf dem Golfplatz zu verbringen. Oh, er besitze immer noch sein Haus in Yokohama, aber er habe es vermietet und sei mit seiner Frau nach Hirosaki gekommen, weil die Universität ihn eingeladen habe. Aber er werde wohl nur zwei Jahre bleiben, da seine Frau die Vorzüge einer Großstadt sehr schätze und das Land langweilig finde. Vor allem habe seine Frau großen Spaß daran, mit ihrem Sportwagen zu fahren, und den könne sie während der Wintermonate hier im Norden zu ihrem Leidwesen nicht verwenden. Er selbst sei jedoch in Sapporo aufgewachsen und habe mit ländlichen Bedingungen keine Probleme. Ist es nicht schön, wenn man eine Aufgabe im Leben braucht und findet?
Nun ja, nach dieser ersten Stunde bröckelt meine Befürchtung dahin, dass wir von diesem Mann politisch korrekte Versionen der japanischen Geschäftsmethoden zu hören bekommen würden.

Nach dieser Einführung in seine Biografie gehe ich in die Bibliothek und schreibe zwei Berichte. Für viel Anderes reicht die verbliebene Zeit bis acht Uhr auch nicht mehr. Ich gehe im Anschluss nach Hause und lese weiter in meinem „revolutionären“ Buch.


[1] Es gab wohl mindestens zwei Selbstmorde von Studierenden und einen Fall von Gruppenvergewaltigung.

12. April 2024

Montag, 12.04.2004 – Hajime![1]

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Heute ist es einerseits zu warm, um mit Sommerjacke und Pullover unterwegs zu sein, aber der Fahrtwind ist andererseits zu kühl, um darauf zu verzichten.

Unser erster Unterricht offenbart einen Druckfehler im Vorlesungsverzeichnis. Yamazaki – und nicht Kashima-sensei – leitet den Unterricht. Ich hätte letzteren sehr begrüßt. Yamazaki ist lustig, aber auch kleinlich. Kashima maximiert den Spaßfaktor, und das mit einer wesentlich gesteigerten Umgänglichkeit. Außerdem versteht er mich, wenn mir mal wieder nichts anderes übrig bleibt, als eine Vokabel- oder Grammatikfrage auf Englisch zu formulieren. Aber man kann nicht alles haben.
Yamazaki-sensei erklärt uns daraufhin lauter Dinge, die die meisten im Kurs bereits wissen – nämlich die Feinheiten seiner Kursorganisation. Ich stelle fest, dass die meisten Leute vom letzten Semester noch immer hier sind – also bin ich nicht der einzige, bei dem kein Fortschritt auf dem Papier steht. Um 09:40 macht er dann Schluss.

Ich will in den Computerraum gehen, schon aus Gewohnheit, aber der ist unterrichtlich besetzt. Also bleibt mir nur die Bibliothek. Ich setze mich neben Yannick, schreibe vier Berichte, spiele einen Zug gegen Frank, schreibe ein paar Kommentare ins Animetric Forum und tausche dort meinen Avatar aus. Ein Avatar ist ein kleines Bild, das stellvertretend für den Autor steht. Ich verwende im Forum tatsächlich mein eigenes Gesicht als Avatar. Damit dürfte ich der einzige sein, der das hier tut, und einer der Wenigen, die überhaupt auf einen solchen Gedanken kommen.

Um 17:30 habe ich zwar noch eine Menge Zeit, weil die Bibliothek ja wieder bis um Acht geöffnet hat, aber ich will weg vom Monitor. Außerdem lockt mich mein Buch sehr. Um 22:45 schreibe ich meinen Tagebucheintrag und gehe dann schlafen.

[1] „der Anfang“, Startkommando beim Kampfsport.

11. April 2024

Sonntag, 11.04.2004 – Brisantes Material

Filed under: Bücher,Filme,Japan,My Life,Sport — 42317 @ 7:00

Heute ist der letzte Tag vor Beginn des Unterrichts und ich nehme für Volker die „Go“ Sendung auf. Das heißt, Melanie drückt gerade auf den Knopf, als ich aus der Dusche komme. Leider zwei Minuten zu spät. Ich hoffe, Volker kann das entbehren. Aber ansehen will ich mir die Sendung nicht. Ich spiele gerne Go, auch wenn ich ein miserabler (weil planloser) Spieler bin, aber anderen beim Spielen zuzusehen, finde ich schlicht zum Gähnen.

Ich beginne mit dem Buch „Herrscher im Reich der aufgehenden Sonne“ von Peggy und Sterling Seagrave und merke bald, dass ich nicht lange daran haben werde. Es liest sich sehr schnell. Eigentlich dachte ich, dass es sich dabei um eine Biografie ausschließlich des Shôwa Kaisers handele, aber es geht um das japanische Kaiserhaus seit Beginn der Meiji-Ära anno 1868 im Allgemeinen. Ich fühle mich nicht in der Lage, die wissenschaftliche Genauigkeit und die Grundlagen dieses Buches zu beurteilen, deswegen möchte ich wegen der Brisanz des Inhaltes auf einen Kommentar lieber noch verzichten. Einige Grundlagen des Geschichtsunterrichts in Bezug auf Japan werden darin mehr oder weniger über den Haufen geworfen und auf neue Beine gestellt, und ich will erst ein paar Fachleute befragen, um zu ermitteln, was ich davon zu halten habe.[1]

Zwischendurch wasche ich drei Maschinen Wäsche, was die Sammelkörbe entleert. Allerdings ist das Wäschewaschen heute nicht so ganz einfach. Ich habe mir während der Sporteinlage am Freitag die Sehnen am Ellenbogen wohl gewaltig verbogen. Die Muskeln, die daran hängen, sind stark verkrampft und ich kann die Unterarme kaum bewegen. Ich laufe rum wie C3PO. Man sollte eben trotz Aufwärmens keine 20 kg schweren Hanteln aus gestreckter Armposition heben. Zumindest nicht sechzig Mal in Folge…

Wir sehen uns abends „Tomb Raider 2“ an. Melanie hatte diese Eingebung. Netter Film, das Englisch von Till Schweiger ist zum Schreien deutsch. Aber weitere Tinte dafür aufzuwenden, wäre Verschwendung.


[1] Ich habe dazu mehrere Spezialisten für japanische Geschichte per E-Mail befragt und nur eine Antwort von einer deutschen Professorin erhalten. Diese erklärte mir lapidar, dass Mr. Seagrave ja „nur TIME LIFE Journalist“ sei, dessen Schrifttum man als Wissenschaftler nicht ernst nehmen könne – als ob die Heiligen Hallen der Wissenschaft die Quelle aller Wahrheit wären!

10. April 2024

Samstag, 10.04.2004 – Der Schwarzenegger-Gedächtnis-Tag

Filed under: Filme,Japan,My Life — 42317 @ 7:00

Heute Morgen läuft also keine „SailorMoon“ Episode, wegen irgendeines Sportereignisses, und ich kann mich gerade noch zurückhalten, es sehen zu wollen…

Mittags fahren wir ins Ito Yôkadô, um Videokassetten zu besorgen. Ich habe Volker versprochen, ihm die Sendung zum Thema „Go“ jeweils sonntags aufzunehmen. Bei „Go“ handelt es sich um ein japanisches Brettspiel mit blanken weißen und schwarzen Steinen, die man auf einem Brett voller sich rechtwinklig überschneidender Linien taktisch günstig zu positionieren versucht. Ich kann es sogar noch besser spielen, als ich es erklären kann. Ich verliere fast immer.

Im Kaufhaus treffen wir Eve McPherson, die vor einigen Tagen aus Neuseeland eingetroffen ist, um ihren Auslandsaufenthalt hier zu verbringen. Ich gebe ihr meine E-Mail Adresse, falls sie später Fragen haben sollte, da die Einführungsveranstaltung über das „Leben in Hirosaki“ nur die Oberfläche berührt und dem Studenten das Entdecken der Möglichkeiten selbst überlässt.

Wieder zuhause, wasche ich zwei Maschinen Wäsche und wir sehen uns „Terminator 3“ an. Netter Effektefilm ohne bleibenden Wert, meiner Meinung nach. Wer auf Waffen, Explosionen und Schrottfabrikation mittels wilder Verfolgungsjagden steht, sollte den Film mögen. Sehr positiv fand ich aber die selbstbezogenen parodistischen Elemente. Unübersehbar ist allerdings, dass der gute Arnold zu alt wird, noch solche Jobs zu übernehmen. Er sieht eigentlich zu alt aus, um Der Terminator zu sein. Der zweite Teil bleibt der „König“ der Trilogie. Den dritten brauche ich in meinem Regal ganz bestimmt nicht.

Und weil Melanie jetzt „Appetit“ auf Actionfilme hat, leiht sie im Anschluss auch noch den „Predator“ aus, der ihr von ihrem Bruder zwar sehr ans Herz gelegt worden ist, aber so wie ich Melanies Meinung gegenüber Pauls Geschmack einschätze, sagt für sie eine Empfehlung von ihm im Allgemeinen etwa soviel aus wie mir eine solche von meinem alten Kumpel Kai. Ich erinnere mich noch gut an den „Spawn“ Film, den man meines Erachtens in den Mülleimer treten kann. Natürlich bin ich Kai dankbar, dass er mir diese Bewertung ermöglicht hat.

Beim Ansehen des „Predator“ fällt es mir wie Schuppen von den Augen, dass ausgerechnet Arnold Schwarzenegger und Jesse Ventura einen Film zusammen gedreht haben – Schwarzenegger ist derzeit Gouverneur von Kalifornien und Ventura der Gouverneur von Minnesota. Es gibt da eine schöne kleine Szene, die ich so kommentiere: Siehst Du den Hubschrauber da? Da sitzen gleich zwei Gouverneure drin.
Clint Eastwood hat es nur zum Bürgermeister seiner Heimatstadt gebracht.

9. April 2024

Freitag, 09.04.2004 – Extratour

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Die Testergebnisse hängen aus und erzählen mir, was ich auch vorher bereits wusste. Gleicher Level, gleiche Lehrer, Mittelstufe A. Die Organisation hat sich aber scheinbar geändert. Es gibt inzwischen auch einen „gehobenen“ Grundkurs. Mélanie Mathieu ist noch unter uns, Valérie hat den Test nicht mitgeschrieben, also wird sie es auch noch sein, ebenso Yannick (den ich seit einigen Tagen aber nicht mehr gesehen habe). Irena ist in die Oberstufe, Nan in die gehobene Mittelstufe aufgestiegen. Die chinesischen Namen kann ich nicht identifizieren, da ich die Schreibungen nicht erkenne. Aber ich werde früh genug erfahren, wer noch da ist und wer die Stufe gewechselt hat.

Ich gehe ins Center und rede einige Minuten mit Marc, bevor ihn irgendwelche Aufgaben der Organisation der Welcome Party am 16. April rufen. Ich rede auch noch ein paar Sätze mit Nim (sie sieht dünner aus, streitet das aber ab) und gehe dann in die Bibliothek. Aber auch dort bleibe ich nicht lange. Ich sehe nach meiner Post, finde, was ich suche, schreibe noch was ins Forum und verlege dann in den Computerraum, um mir die erste Handlungssequenz meines Gefechts gegen Frank anzusehen. Natürlich ist noch nichts los, und ich schreibe exakt das in meinen Spielbericht. Dann wende ich mich meinem Newsletter zu und schreibe bis zum Datum des 28. März, womit ich nur noch einen Rückstand von zwei Wochen habe. Ich sehe mir die Episoden 02 bis 04 von „Gunslinger Girl“ an und komme zu der Meinung, einen guten Griff getan zu haben.

Um 18:50 mache ich mich auf den Weg in die Sporthalle und bleibe dort bis 19:55. Dann fahre ich in den Beny Mart, weil ich noch was zu trinken brauche und will dann nach Hause. Zumindest ist das mein abwegiger Plan. Mir kommen nämlich zwei Eingebungen auf einmal: Als ich auf halbem Wege nach Hause auf die Uhr sehen will, stelle ich fest, dass ich sie im Umkleideraum habe liegen lassen, alle beide, und das wiederum bringt mich zu der Erleuchtung, dass ich mein Fahrrad aus unerfindlichen Gründen vor dem Supermarkt vergessen habe. Also… im Sturmschritt zum Supermarkt und mit überhöhter Geschwindigkeit zur Sporthalle zurück, wo ich alles noch an seinem Platz vorfinde. Um 20:30 komme ich dann endgültig zuhause an.

Wir schauen uns alles an, was wir innerhalb der vergangenen sieben Tage mangels Zeit auf Video aufnehmen mussten. Das wäre dann „Pretty Cure“, „Gokusen“ (der Anime), „Nadia“ und „SailorMoon“. Ich bin sehr erfreut darüber, dass NHK den Gainax-Anime „Fushigi no Umi no Nadia“ sendet. Ich kann die Serie zwar wahrscheinlich nicht komplett sehen, aber immerhin einmal die wichtigsten Originalstimmen hören. Und die sind sehr entspannend im Vergleich zu der deutschen Synchro. Nichts gegen Beate Pfeiffer, die Frau ist nett (ich habe ein paar Mails mit ihr ausgetauscht) und außerdem Saarländerin aus Neunkirchen, aber an ihre Stimme in dieser Hauptrolle musste ich mich erst gewöhnen, bevor ich Gefallen an der deutschen Version finden konnte – und das, bevor ich die japanische überhaupt kannte.

Die „SailorMoon“ Episode ist die von letzter Woche. Diesen Samstag kommt keine Folge, wegen irgendeinem bedeutenden Sportereignis. Die wichtigsten Dinge der Episode sind zunächst Mamorus Abreise nach London (nicht nach Amerika), wo er eigentlich mit Hina (seiner Verlobten) zusammen studieren wollte, aber sie sagt im letzten Moment ab. Und es gibt je einen Power-Up Gegenstand für jede der SailorSenshi. Das Ding sieht aus wie ChibiUsas „Kuhglocke“, nur ohne die Glocke – eben nur der Griff davon in Form eines (Plastik-) Reifs (grob in Sternform). Die Vorschau auf die nächste Woche zeigt eine Elfjährige im Senshikostüm, deren Name nicht verraten wird, und der paranoide Fan denkt sofort an ChibiUsa, aber eigentlich ist klar, dass es sich hier mit den dunkelblauen Haaren, den Katzenohren und dem Katzenschwanz nur um eine humanoide Luna handeln kann.

8. April 2024

Donnerstag, 08.04.2004 – Lesestoff

Filed under: Filme,Japan,My Life,Sport,Uni — 42317 @ 7:00

Heute findet von 09:00 bis 11:00 der Einstufungstest statt, der die teilnehmenden Studenten einer Unterrichtsstufe zuordnet. Wie bereits erwähnt, haben wir eine Menge neuer Gesichter in Hirosaki, und die sind vor allem chinesisch. Es scheinen diesmal keine Doktoren über Dreißig dabei zu sein, und Frauen um die Zwanzig sind in der Überzahl. FanFan sitzt vor mir und ist erfreulich kommunikativ. Ich nutze die Gelegenheit und mache ein Bild von ihr. Sie demonstriert mir eindrucksvoll (ungewollt) die Schwierigkeiten der chinesischen Aussprache: Ihr Familienname besteht aus einer einzigen Silbe, nämlich „Ma“ (was sich wie „Pferd“ schreibt), und es will mir nicht gelingen, dieser kleinen Silbe den richtigen Tonschwung zu verleihen. Das chinesische Tonsystem[1] verfügt über vier Arten von Tonverläufen, die bedeutungsunterscheidend sind. In ihrem Fall fällt die Tonhöhe nach dem „M“ zum „a“ hin ab, um am Ende des Lautes wieder zu steigen. Das klingt theoretisch ganz einfach, aber ein geübtes chinesisches Ohr ist nicht so leicht zufrieden zu stellen. Ich glaube, ich würde wirklich lieber Arabisch lernen.

Und dann knattern wir den Test durch, und einige „Veteranen“ bemerken, dass es der exakt gleiche Test wie beim letzten Mal vor einem halben Jahr ist. Aber was würde es mir bringen, mich an Testaufgaben zu erinnern? Am Ende würde ich in einer Lernstufe landen, die meinen Fähigkeiten nicht entspricht. Ich werde aber wohl in der gleichen Stufe landen, weil ich mich am Ende nicht sonderlich erfolgreich fühle.

Für 13:00 ist eine Informationsveranstaltung über „Leben in Hirosaki“ geplant, aber die kann ich beruhigt weglassen. Ich weiß inzwischen, wie man Müll trennt. Der nächste „offizielle“ Termin ist morgen früh um 09:00, und er beinhaltet das Ablesen der Testergebnisse und das provisorische Planen meines Stundenplans.
Ich schaue Irena dabei ein wenig über die Schulter, die sich schon jetzt um ihren Stundenplan bemüht, weil sie das Vorlesungsverzeichnis vor sich liegen hat, und ich finde Veranstaltungen, von denen ich nicht weiß, ob sie mich interessieren. „Traditionelle Sportarten Japans“? Nein danke. Man erinnere sich daran, was ich vor einiger Zeit über den in Japan tief verwurzelten Formalismus gesagt habe. Beim Kendô lernt man zuerst mal das Knien, beim Sumô das Wasser holen und Handtuchhalten. Dann gibt es „Kunstformen in Tsugaru“. Das klingt an sich interessant, aber da steht schon wieder Kôgin-Stickerei auf dem Plan, und das habe ich beim letzten Mal schon so unsäglich genossen. Musik ist nicht dabei… eine Shamisen-Vorstellung hätte mich überredet, mich einzutragen.
Ich kann auch keine Veranstaltungen finden, die von Philips oder Westerhoven angeboten werden (dessen Namen man tatsächlich mit „W“ und nicht mit „V“ schreibt – ich hatte letztlich ein Buch von ihm in der Hand). Carpenter ist auch nicht dabei… ich warte bis morgen und mache meinen Plan dann.

Ich gehe wieder in den Computerraum und plane meinen Spielzug gegen Frank, der heute endlich die entsprechende Datei geschickt hat. Dann schreibe ich zwei Berichte und finde eine Mitteilung von Prof. Fuhrt vor, in der er mich wissen lässt, dass die beiden Bücher, die ich bestellt hatte, angekommen seien. Ich könne sie heute abholen, wenn ich wolle, oder nächste Woche in die Sprechstunde kommen. Ich antworte, dass ich versuchen werde, am Nachmittag in seinem Büro vorbeizukommen. Ich verfasse noch ein paar Einträge für das Animetric Forum und gehe um kurz nach Vier zu meinem Betreuer. Er drückt mir die Bücher in die Hand und meint, die 2000 Yen, die ich eigentlich noch zu zahlen hätte, habe er aus dem Resthaushalt (gültig bis 31.03.) abgezweigt. Wow, vielen Dank. Ich brauche jeden Yen.
Ich lasse mich noch über die aktuelle Lage der Universität aufklären, seit sie ja am 01.04. zu einer „Anstalt des öffentlichen Rechts“ teilprivatisiert worden war. Wie erwartet, sei das Budget gekürzt worden und die Adleraugen des Bildungsministeriums lägen paradoxerweise sogar noch schärfer auf der Lehranstalt als vorher, sagt er. Er erzählt weiterhin, dass bis vor wenigen Jahren jeder Professor (unabhängig von seiner Forschung oder Lehre) ein jährliches Budget von 550.000 Yen für Bücher und 90.000 Yen für Forschungsreisen gehabt habe (ca. 4100, bzw. ca. 670 E), und dass dieses System nun geändert worden sei. Jetzt habe jeder ein Budget von insgesamt 430.000 Yen insgesamt (ca. 3200 E), aber man könne über die Verteilung von Literaturanschaffungs- und Reisekosten selbst entscheiden, was ein Lichtblick sei, weil man mit einer Reisekasse von nur 670 E im Jahr nicht weit komme.

Ich bedanke mich für das Gespräch und gehe in die Bibliothek, weil ich ein paar Zeilen über meine vorgenommene Befehlsphase im Spiel gegen Frank zu schreiben will, aber ich kann mich an Details schon nicht mehr erinnern. Ich verlege also wieder in den Computerraum, werfe das Spiel an und sehe mir den Zug noch einmal an. Ich will zum Beispiel die Namen der Truppen nicht umsonst umgeändert haben – bekannte Namen machen die Handlung plastischer, und deswegen nenne ich sie auch in meinem After Action Report. Ich verwende für meine Truppen normalerweise die Namen meiner Bundeswehrbekanntschaften, allerdings sprengt dieses Spiel den bisherigen Rahmen und ich muss auf „noch ältere“ Kontakte zurückgreifen. Karl und Mihel haben in meiner (deutschen) Aufstellung ja schon länger den Job als Panzerfahrer sicher, aber Ronald hätte es sich wohl nicht träumen lassen, dass er mal als OG Saladin in einem Halbkettenfahrzeug landen würde, und Sebb würde sich in einem Kübelwagen wohl ziemlich verloren vorkommen. Irgendwie ist es auch interessant, dass Frank einen deutschen Leutnant treffen wird, der nach ihm benannt ist… der auch noch einen höchst brisanten Job hat.

Ich schreibe danach einen weiteren Newsletter, sammele weitere Abschnitte des „Alpha Reports“ und gehe um 18:50 in den Fitnessraum. Ich habe sogar Wechselkleidung mitgebracht. Aber entgegen meiner Hoffnung kann man die Duschen der Turnhalle nicht benutzen. Das Material ist angerostet und der Boiler außer Funktion. Wasser läuft zwar, aber kalt duschen mochte ich noch nie.
Ich gehe alle Geräte zweimal durch, mit jeweils drei lockeren Wiederholungen, die wegen ihrer Anzahl anstrengend sein sollen, und nicht wegen dem Gewicht am anderen Ende des Zugseils. Immer die Hälfte des Machbaren. Ich teile den Raum mit zwei Japanern, die das wiederholen, was ich beim letzten Mal bereits beobachten konnte: Sie nehmen sich Gewichte vor, die sie gerade so und nur unter großen Mühen höchstens fünfmal stemmen können und fühlen sich danach wie die Könige. Ui, und einer zieht sogar sein Hemd aus. Ich lächle unauffällig in mich hinein. Seine Arme mögen (für einen Japaner) überdurchschnittlich sein, aber das, was dazwischenliegt, möchte ich mal als „Hühnerbrust“ bezeichnen. Unn die mache so gudd, die zwei! Ich muss mich arg konzentrieren, um angesichts ihrer Geräuschkulisse nicht in lautes Lachen auszubrechen. Wie Herkules mit Verstopfung auf dem Donnerbalken.

Um Acht verlasse ich die Halle wieder und fahre nach Hause. Melanie hat „Freddy Vs. Jason“ ausgeliehen und ich bin überrascht, dass mir der Film gefällt. Sehr klassische Horrorelemente, der Kampf der beiden Bösewichte ist interessant – und den Soundtrack will ich auch haben.


[1] Mandarin, um genau zu sein. Kantonesisch z.B. hat sechs Töne.

7. April 2024

Mittwoch, 07.04.2004 – Körperliche Ertüchtigung

Filed under: Filme,Japan,My Life,Sport,Uni — 42317 @ 7:00

Am Morgen trage ich mich im Center in die entsprechende Liste ein, um mich für den Placement Text anzumelden. Ich müsste das eigentlich nicht tun, aber ich bin neugierig, obwohl ich nicht damit rechne, eine Stufe zu steigen – ich habe die Ferien über mit Hochdruck an meinem Newsletter gearbeitet und die Freiheit genossen, mal wieder Romane zu lesen, die absolut nichts mit meinem Studium zu tun haben. Und ich habe das sehr genossen!
Als nächstes sehe ich auf einem der Rechner ein aufgeklebtes Hinweisschild, dass der Computer am 09. April gelöscht und neu installiert werde. Das ist doch was. Oh, aber es ist der Rechner, auf dem sich meine Fotos befinden, und der Neunte ist bereits übermorgen. Ich schreibe Misi sofort eine kurze Mail, in der ich ihn bitte, mir zur Rettung meiner Fotos seinen Memorystick zu leihen, und das so schnell wie überhaupt möglich.

Von Frank ist noch immer keine Post da, also gehe ich in den Computerraum und schreibe zwei Berichte, bis ich eine Antwort von Misi erhalte. Ich könne ihn den ganzen Tag über in der Bibliothek oder im Center antreffen. Ich schreibe den zweiten Bericht also fertig und mache mich auf den Weg ins Center, aber ich treffe ihn bereits an der Tür, und Melanie gleich dazu, die zufällig zur gleichen Zeit eingetroffen ist. Ich bekomme den Memorystick und verlege ins Center. Misi geht mit und erzählt mir auf dem Weg, dass es an der Universität hier einen kostenlos nutzbaren Fitnessraum gebe. Er wolle sich am Abend dort mit Irena und Alex treffen, der wieder aus Rumänien zurückgekehrt sei. Alex war es auch, der ihn auf die Möglichkeit hingewiesen hat. Ich bin interessiert. Dann solle ich ihn um 18:00 vor der Mensa treffen – aus der gegebenen Beschreibung kann ich die richtige Turnhalle nämlich nicht erkennen, weil die Turnhallen alle gleich aussehen. Anstatt mir das Gebäude zu beschreiben, hätte er vielleicht den Weg dorthin in seine Erläuterungen mit einbeziehen können.

Aber erst muss ich meine Daten von diesem ewig langsamen Rechner retten. Das Übertragen von Misis Daten auf den Computer dauert etwa sieben Minuten, das Löschen des Speichers nimmt etwa zwei Minuten in Anspruch, und dann sind für die Übertragung meiner Fotos auf den Speicher noch einmal sieben Minuten fällig. Es dauert… meine Daten müssen ja noch auf den anderen Rechner, der Speicher muss wieder gelöscht werden, um Platz für Misis temporär ausgelagerte Dateien zu machen, die ebenfalls wieder rauf müssen.

Ich bemerke eine Menge neuer Gesichter im Center, und die meisten davon sind asiatisch. Der Sprache nach zu urteilen, habe ich sieben oder acht neue Chinesen und vielleicht eine Koreanerin vor der Nase sitzen. Es sind auch zwei „westliche“ Menschen dabei – männlich und weiblich. Er sitzt an einem der Rechner und will eines der Chatprogramme zum Laufen kriegen, aber er hat ein Problem. Also kommt er damit zu mir, weil ich der einzige bin, der ihm nicht das Gefühl gibt, Japanisch sprechen zu müssen. Er fragt mich, ob ich des Englischen mächtig sei, und er spricht mit einem auffälligen amerikanischen Akzent. Er ist einen Kopf kleiner als ich… eher noch kleiner. Er will wissen, wie man die Tastatureingabe der Computer von Japanisch auf Englisch umschaltet, und ich zeige es ihm. Ich verzichte darauf, weitere Fragen zu stellen. Erstens will er ja chatten und zweitens bin ich selbst beschäftigt. Ich übertrage meine Bilder auf einen der Windows 98 Rechner. Das bedeutet, ich kann meine Bilder wirklich nur zwischenlagern, bis ich die Gelegenheit erhalte, sie auf einen XP-Rechner zu übertragen, weil die Windows 98 Rechner den nötigen Treiber für meine Kamera nicht haben und auch nicht akzeptieren. Also abwarten.

Danach gehe ich nach langer Zeit wieder in die Bibliothek. Die Stühle im Physikgebäude sind mir zu unbequem, und da Frank noch nicht geantwortet hat, besteht auch kein Anlass, einen „diskreten“ Computer zu verwenden. Ich schreibe zwei weitere Berichte und ein paar Einträge ins Forum.

Um 17:50 gehe ich zur Mensa. Ich will nicht mit nüchternem Magen Sport treiben und kaufe mir ein Reisbällchen. Und es wird das letzte sein, das ich hier kaufe. Die Dinger bröseln mir immer auseinander, sobald ich hineinbeiße.

Misi trifft um kurz nach Sechs ein, Irena zwei Minuten später. Wir gehen zu der fraglichen Sporthalle und treffen Alex. Da man im Inneren nur Turnschuhe tragen darf und ich keine besitze, leihe ich mir welche aus den Schuhfächern am Eingang.
Der Fitnessraum an sich sieht eigentlich schäbig aus. Die Geräte sind alt und zum Teil kaputt oder unbenutzbar. Eines kann ich hinbiegen, indem ich das Zugseil aus seiner Verklemmung befreie und wieder über die Laufrolle lege. Ich probiere alles mal aus und drehe dann eine Runde durch den Raum und dann noch eine, und dann ist es auch schon sieben Uhr. Irena hat sich um 18:30 bereits verabschiedet, der Raum ist ihr wohl zu männlich, und ich gebe ihr vollkommen Recht. Da ich allerdings selbst männlich bin, macht mir das weniger aus. Und wieder einmal erhalte ich die Gelegenheit, mit einem Japaner zu reden. Es handelt sich um einen der Fußballspieler, die gerade Training haben, in der Halle nebenan. Im Großen und Ganzen beantworte ich seine Fragen, ohne wirklich viel zu sagen.

Um kurz nach Sieben verlasse ich den Raum mit Misi und Alex, aber wir biegen in die Sporthalle ab, weil wir im Vorbeigehen ein Volleyball-Team erspähen – ein weibliches natürlich. Wir steigen also zur Empore der Halle hoch, wo gewöhnlich die TaeKwonDo Clubs trainieren und auch ein paar Tischtennisplatten herumstehen. Wir bearbeiten erst den Sandsack ein bisschen und leihen uns dann von den anwesenden, aber reichlich inaktiven Spielern zwei Schläger, um etwas Ping Pong zu spielen. Natürlich bin ich schlecht wie eh und je… ich würde lieber mal wieder Badminton spielen. Zwischendurch sehen wir den Volleyballerinnen beim Training zu. Einen Trainer gibt es nicht, man arbeitet nach dem Senioritätsprinzip – erfahrene Spielerinnen leiten die neuen an. Auffällig ist ebenfalls, dass jungen Damen alle ausnahmslos groß sind. Im Schnitt etwa 170 cm würde ich schätzen, plus/minus zehn Zentimeter, und das liegt deutlich über der von mir täglich beobachteten Durchschnittsgröße.[1]
Um 20:15 gehen wir dann endgültig. Misi und Alex wollen sich eine der Unterhaltungs-Sport-Sendungen ansehen, aber ich will nach Hause. Ich bin hungrig und das nicht zu knapp.

Ich sehe mir mit Melanie dann „Zatôichi“ an, mit Kitano „Beat“ Takeshi in der Hauptrolle. Er spielt einen anscheinend blinden Schwertkämpfer gegen Ende der Edo-Zeit (ein Revolver wird gezeigt, daher die Schätzung), der unter einem Yakuza-Clan aufräumt. Sehr blutig. Leider sind alle Bluteffekte am Computer gebastelt worden – und das würde noch nicht einmal auffallen, wenn die Schwertklingen in den durchbohrten Leibern der Gegner nicht eine solche Bewegungsfreiheit hätten. Hin und wieder gibt es auch Musikeinlagen, die überhaupt nicht in das Setting passen wollen – wie zum Beispiel die Stepptanznummer am Schluss, die den Charakter eines Musicals aufweist. Für sich allein ist das jedoch eine sehr interessante Nummer. Insgesamt handelt es sich um einen ansprechenden Film, der nicht nur Takeshi Fans gefallen dürfte. Wie es scheint, handelt es sich dabei um das Remake eines Schwarzweißfilms.


[1] Eine der Spielerinnen war eine Handbreit größer als ich. Leider gibt es kein Foto.

6. April 2024

Dienstag, 06.04.2004 – Die Mutter aller Schlachten

Filed under: Filme,Japan,My Life — 42317 @ 7:00

Ich bin um 10:30 im Computerraum und schreibe die Berichte über den 14. bis 18. März, und spüre damit erstmals, dass ich echte Fortschritte gemacht habe.
Im Forum ist nicht viel los, da bin ich nach zehn Minuten fertig.
Ich kümmere mich dann um meine Post, die auch nicht viel Zeit in Anspruch nimmt. Bis auf die Mail von Tamara vielleicht, deren Fragen ich auch weiterhin beantworte. Und Frank schreibt, dass er sich am Abend um den Spielzug kümmern werde. Abend in Deutschland… also dann morgen in Japan.

Und weil ich gerade dabei bin, suche ich mir auch einen neuen AAR aus, um was zu lesen zu haben. Und ich finde den so genannten „Alpha Report“. Dass der Kampf eigentlich mit „Going to Town“ betitelt ist, wird in der Fangemeinde gerne übersehen. Und der Spielbericht heißt deshalb „Alpha Report“ weil es der allererste Bericht ist, der jemals für Combat Mission geschrieben wurde – und zwar unter Verwendung der Alpha-Version des Spieles, noch bevor die Beta-Version als Demo erhältlich war.
Den Bericht hat auch kein Geringerer als Fionn Kelly mitgeschrieben – eine Legende unter CM Fans und ein herausragender Autor solcher Spielberichte. Er hat in diesem Fall die deutsche Seite gespielt. Ich hebe mir das Beste also für den Schluss auf und kopiere den alliierten Bericht zuerst. In den Zeilen dieser Berichterstattung erfahre ich in einem kleinen Nebensatz, dass Fionn Kelly selbst das Gehirn hinter der taktischen KI ist – er hat die verdammte Taktikkompetenz des Spiels programmiert!? Dann wundert mich wenig, dass er alle Gegner niedermacht wie frisches Gras.
Um 19:00 will ich nach Hause. Der Report beinhaltet insgesamt 80 Abschnitte in der Größenordnung von zwei bis drei DIN A4 Seiten, und weil ich ja alles korrigieren und reeditieren muss, dauert mir das zu lange. Den Rest hole ich mir später.

Um 21:00 läuft ein Film mit dem Titel „Nurseman“ mit Matsuoka Masahiro in der Hauptrolle (und man muss ein J-Pop Fan sein, um das auffällig zu finden; Matsuoka ist der Drummer der Band TOKIO). Er spielt einen passionierten Krankenpfleger und arbeitet als solcher alle existierenden Klischees einer Krankenhausserie herunter.
Eine Oma aus der Nachbarschaft stirbt langsam an Krebs und verheimlicht ihrem Sohn die Krankheit; ein Junge mit Asthma kommt mit seinem Stiefvater und dem erwarteten Nachwuchs seiner Mutter nicht zurecht, haut aus dem Krankenhaus ab, verliert seinen Inhalator und erstickt beinahe, während seine Mutter seinen kleinen Bruder zur Welt bringt; einer der Pfleger ist der Sohn des stinkreichen Besitzers des Krankenhauses und findet die Sonderbehandlung, die ihm unaufgefordert zuteil wird, widerwärtig. Puh… sogar die „Schwarzwaldklinik“ war besser zu ertragen, wenn Matsuoka dem Ganzen auch einen gewissen Humor verleiht. Aber das muss ich mir nicht zweimal ansehen.

5. April 2024

Montag, 05.04.2004 – Jim allein in London

Filed under: Filme,Japan,Manga/Anime,Militaria,Musik,My Life — 42317 @ 7:00

Ich stehe um 08:30 auf, mache mich fertig und fahre zur Uni. Meine Winterjacke kann ich heute beruhigt zuhause lassen. Außerdem ist mir nicht danach, ins Center zu gehen, deswegen setze ich mich ohne Umwege in den Computerraum und schreibe meine Berichte – fünf an der Zahl werden es heute.

Dann kümmere ich mich um meine Post: Ah, Hans-Jott-K hat seine Adresse innerhalb Karlsruhes geändert. Frank schreibt mir, dass er bereit sei, und ich ihm meinen ersten Zug schicken könne. Aha… eigentlich habe ich das bereits vor Tagen gemacht. Ist da technisch etwas schief gegangen oder hat er das System nicht verstanden? Ich packe also meinen Spielzug erneut in einen Mailanhang und erläutere noch einmal das Procedere, um beiden Möglichkeiten gerecht zu werden. Ich hoffe, dass meine Erklärung schlüssig ist.

Schließlich gehe ich ins Animetric Forum, erhöhe die Zahl meiner Einträge und habe dann bis um Fünf noch eine Stunde Zeit. Ich sehe mir die Episoden Nummer 5 und 6 der Serie „Area 88“ an. Der Soundtrack ist übrigens von Vincent de Moor – aber das sollte bestenfalls Fans des Genres was sagen, wenn überhaupt. Ich mag die Serie immer noch. Die grafische Qualität ist hervorragend und die Luftkämpfe finde ich sehr gut animiert. Wer auch immer die Serie ins Leben gerufen hat, muss ein großer Fan von militärischen Jets sein, daran besteht für mich kein Zweifel. Natürlich hat der Realismus etwas gelitten, und ich meine dabei nicht die Machbarkeit irgendwelcher Stunts in der Luft bei Mach 2. „Area 88“ ist der Name der Basis einer fliegenden Söldnerstaffel im Dienste eines sich im Bürgerkrieg befindlichen, ungenannten Staates im Nahen Osten, deren Piloten alle mit privaten Maschinen auf eigene Kosten fliegen und Geld für zerstörte Ziele erhalten. Die Piloten müssen entweder einen Zeitvertrag erfüllen oder sich mit dem Geld, das sie verdient haben, aus dem Vertrag freikaufen. Allerdings stelle ich mir die Versorgungslage einer Basis, auf der jeder Pilot eine andere Maschine fliegt, etwas schwierig vor – jeder Pilot braucht dann individuelle Ersatzteile. Diese Staffel jedenfalls schießt Dutzende von gegnerischen Maschinen ab, und das wundert mich wenig, weil eine Luftwaffe keine große Zukunft hat, wenn sie mit alten MiG-15 gegen moderne Typen wie Harrier, F-14, F-15, F-16, Phantom II oder Mirage antritt.

Um 17:05 setze ich mich auf mein Fahrrad und düse mit Höchstgeschwindigkeit im 18. Gang die Hauptstraße hinunter, um zum Ito Yôkadô zu kommen. Ich gehe geradewegs in die CD Abteilung und greife zielsicher heraus, was ich suche: Den Soundtrack von „Kaiketsu Zorori“. Gerade gestern Abend habe ich erfahren, dass es die CD ab heute zu kaufen gibt. Unter den sonstigen Neuzugängen finde ich auch Soundtracks zu „SailorMoon“, einer davon mit dem abschreckend wirkenden Aufdruck „DJ Moon“. Es ist aber tatsächlich die Sammlung der Original Hintergrundmusik der Serie und keine wilden Technoversionen. Kostet 3000 Yen… das ist mir zu teuer. Die Hintergrundtitel interessieren mich auch eigentlich wenig. Ich bin mehr an Gesang interessiert. Und den gibt’s auch – für insgesamt 5000 Yen. Jede einzelne der fünf Senshi hat, in bester japanisch-kapitalistischer Tradition, ihr eigenes „Character Album“ bekommen, auf dem jeweils zwei Lieder zu finden sind (nur Aino Minako hat drei). Die sind für mich aber auch nur dann interessant, wenn die Darstellerinnen selbst singen, und das kann ich auf den ersten Blick nicht feststellen.
Ich nehme also die „Zorori“ CD mit, und der Verkäufer zeigt mir auch extra noch einmal den Preis, damit ich ihn auch nicht vergesse, bis ich ihn drei Sekunden später auf der Kasse wiedersehe. Aber natürlich habe ich nichts dagegen, dass man mir den Preis zeigt, um festzustellen, ob ich nicht vielleicht doch noch meine Meinung ändern möchte und die Scheibe nicht kaufe. Aber ich bin bereit, die 1300 Yen zu investieren. Als Zusatz zur Erstauflage gibt es eine Zorori-Pappmaske, die man ausschneiden und sich um den Kopf schnallen kann. Des Weiteren gibt es einen gefalteten Bogen Papier mit einzelnen Bildern aus dem Intro und dem Extro zum Ausschneiden, um ein Daumenkino daraus zu basteln. Davon habe ich zwar nichts, aber ich werde es in mein Archiv packen.
Natürlich enthält die CD auch wieder Karaoketitel, für die ich keine Verwendung habe, aber immerhin habe ich sowohl das Intro- als auch das Endlied auf einer CD bekommen. Das ist selten, aber die Musik wurde auch nicht von irgendeiner greifbaren Band gespielt. Das Intro wird von dem Sprecher Zororis selbst gesungen (Yamadera Kôichi!) und auch das Endlied scheint marketingtechnisch eher uninteressant. Ein hübsches, aber wenig publikumstaugliches Liedchen, das niemals in einer Hitparade landen würde. Aber es gefällt mir – und darauf kommt es an.

Ich gehe anschließend in den 100-Yen-Shop im Daiei und kaufe eine Packung salziger Cracker, vergleichbar mit „TUC“. Aber die Dosen mit dem halben Liter Milchkaffee gibt es nicht mehr. Ich muss annehmen, dass diese Läden zum Teil auf sehr kurzfristige Angebote reagieren, und demnach könnte ich von Glück sprechen, wenn ich jemals wieder eine solche Dose überhaupt zu Gesicht bekomme. Na ja, vielleicht sind die Dinger auch einfach nur heute ausverkauft, weil noch mehr Leute auf den Geschmack gekommen sind.

Abends sehen wir uns „28 Days After“ an – „28 Tage danach“. Es ist die Geschichte eines Mannes, der nach einiger Zeit im Koma im Krankenhaus wieder zu sich kommt und London menschenleer vorfindet. Es stellt sich heraus, dass alle entweder von einer Epidemie dahingerafft oder evakuiert worden sind – wohin auch immer, weil scheinbar alle Ortschaften verlassen sind. Nur die Infizierten sind noch da, und die stürzen sich wie wahnsinnig auf alle Gesunden. Es sind keine „klassischen“ Zombies = Untote, sondern Leute, die sich eine Art Tollwut eingefangen haben – das heißt, sie leben im klinischen Sinne, und das wiederum heißt, dass sie Nahrung und Wasser brauchen (das zu sich zu nehmen sie geistig scheinbar nicht in der Lage sind), und einer der Pläne besteht darin, sie einfach auszuhungern.
Der Schluss des Films ist schon beinahe ein Scherz. Nach dem Abspann geht der Film nämlich gewissermaßen weiter und man sieht einen alternativen Schluss. Hätte Melanie nicht die Werbung nach dem Film sehen wollen, wäre uns der „Anhang“ nie aufgefallen. Ich frage mich, wie viele Prozent der Zuschauer den alternativen Schluss gesehen haben, wenn er in jeder nationalen Version so versteckt wird.

Ein paar Fragen lässt das Schauspiel offen: Warum ist das Krankenhaus leer – ohne zumindest ein paar Leute, die ebenfalls nicht transportfähig sind? Unser Komaheld war ja wohl nicht der einzige, den man nicht mitnehmen und nur mit Hilfe von Maschinen am Leben erhalten konnte. Dann würde mich natürlich auch interessieren, warum die Infizierten sich nicht gegenseitig angreifen? Warum veranlassen Hunger und Durst sie nicht dazu, den Inhalt der Supermärkte oder sich gegenseitig zu essen? Andererseits: Nach spätestens einer Woche ohne Wasser ist ein Mensch wohl reichlich handlungsunfähig, und wenn die Seuche nach 28 Tagen noch nicht ausgestorben ist, müssen wohl einige Exemplare auf die Idee gekommen sein, mal einen Schluck aus der Themse zu nehmen – oder aber es sind immer rechtzeitig neue Leute infiziert worden. Und warum kann Jim, der Mann aus dem Krankenhaus, nach längerer Bettlägerigkeit, auch wenn es sich nur um einige Tage handelte, einfach so, aus dem Koma raus und hoch, aufstehen, ohne einen Kreislaufzusammenbruch zu erleiden und sogar sofort richtig gut rennen?[1]

Trotz solcher Unklarheiten ist der Film ganz gut. Enthält ein paar interessante Elemente. Zum Beispiel, dass die Zombies (man kann die Infizierten wohl durchaus so nennen) rennen können. Klassisch wäre ein Pulk von entsetzlich anzusehenden Gestalten, die sich langsam, aber stetig auf der Suche nach lebendem Fleisch und Gehirn nach vorne bewegen. Interessant finde ich auch, dass die Inkubationszeit nur ein paar Sekunden beträgt. Der ebenso klassische Verwundete, der seine Infektion verbirgt oder nichts davon weiß und irgendwann „unerwartet“ zuschlägt, fällt also flach.
Ansonsten werden aber sehr klassische Verfahren angewendet, wenn es um die Erzeugung von Spannung geht, also Musikeinspielungen oder bestimmte Kameraeinstellungen. Wenn man aber ein bisschen was von Raimi oder Romero gesehen hat, weiß man, was kommt und wann man damit zu rechnen hat. Das senkt zwar ein wenig die Spannung, aber Wiedererkennungseffekt und ein wenig Erinnerung „an alte Horrorzeiten“ tragen sehr zum Wohlbefinden des Zuschauers bei.
Mein letzter Punkt: Der Film spielt in England und ich stelle fest, dass ich Probleme habe, Britisches Englisch zu verstehen. Ich bin Amerikanisches Englisch gewöhnt und die Umstellung meiner Ohren geht nicht so flüssig, wie ich das gerne hätte. Vor allem die dargestellten Soldaten reden einen ungewohnten Dialekt.


[1] Als ich selbst nach einer Operation und ein paar Tagen Bettruhe aufgestanden bin, wurde mir nach zwei Schritten schwarz vor Augen und der Pfleger musste mich auffangen.

4. April 2024

Sonntag, 04.04.2004 – J-Rock the Movie

Filed under: Filme,Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 7:00

Das Wetter hat sich deutlich gebessert, dennoch sehe ich davon ab, einen Ausflug mit dem Fahrrad zu machen. Ich würde ja zwangsläufig wieder irgendwo in der Wildnis landen und vom Scheitel bis zur Sohle mit Schlamm bedeckt werden.

Wir sehen uns die erste Kassette der „Atashin’chi“ Sammlung der Videothek an, also die ganz frühen Episoden, und die beschäftigen uns etwa zwei Stunden lang. Es ist auffällig, dass die Stimmen der Figuren zu Beginn anders klangen, vor allem die der Mutter, die später etwas schriller geworden ist. In diesen ersten Episoden ist es viel einfacher, zu hören, dass dieselbe Frau auch JunJun in der „SailorMoon SuperS“ Staffel gesprochen hat.

Zwischendurch muss auch mal wieder ein Korb Wäsche gewaschen werden und es zeigt sich, dass es besser gewesen wäre, das weiße Frotteehandtuch unter der dunklen Wäsche nicht zu übersehen. Meine beiden T-Shirts muss ich noch einmal mitwaschen, weil ich die Fussel mit der Kleiderbürste allein nicht herauskriege, und ich will mich nicht stundenlang daran versuchen, die störenden Fussel mit den Fingernägeln abzukratzen.

Dann schaue ich „Zorori“ von heute morgen an und verschiebe „Pretty Cure“ auf später. Wir sehen uns nämlich „Moon Child“ an. Dabei handelt es sich um einen Film, in dem Hyde und Gackt die Hauptrollen spielen – mit zwei der erfolgreichsten Sänger in Japan. Die Sache fängt ganz cool an – scheint eine Art Actionfilm zu werden, mit dicken Knarren und einem Vampir = Hyde. Der Vampir findet das Straßenkind Shô und nimmt sich seiner an. Doch dann plötzlich wechselt der Film das Genre und ich frage mich, ob vielleicht plötzlich mitten in der Produktion der Regisseur gestorben und durch jemand völlig anderen ersetzt worden ist… denn: Einige Jahre später: Shô, als Erwachsener gespielt von Gackt, hat auf einmal eine eigene Gang und auch noch eine Familie, so richtig mit Frau und Kind. Dann wird seine Gang von der Konkurrenz umgenietet, und sein Bruder wird bei dem Versuch erschossen, den Chef der Konkurrenz zu töten. Und dann wird seine Frau krank… und stirbt… ach Gott, Walter! Nach eben diesem Zeitsprung sitzt sein Freund, der Vampir und Superkämpfer, auch auf einmal in einem fernen Gefängnis und mir ist nicht begreiflich, wie er da hingekommen ist. Aber er büchst natürlich aus, um seinem Freund Shô zu helfen, der auszieht, den Tod seiner Freunde zu rächen. Das Ende des Films ist wieder actionlastiger, als dieser langweilige Durchhänger in der Mitte, aber das rettet die Sache nicht. Der Film fängt wirklich gut an, entwickelt sich dann aber in eine völlig unerwartete und ziemlich langweilige Richtung. Aber es war ganz nett, den Film mal gesehen zu haben.

3. April 2024

Samstag, 03.04.2004 – Japaner Vs. Chat!

Filed under: Filme,Japan,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Heute ist Samstag… aber „SailorMoon“ werden wir heute noch nicht ansehen.

Der Blick aus dem Fenster verrät mir, dass es wärmer ist als gestern. Der Schnee fließt in Form von Wasser literweise die Dächer herunter. Von einem möglichen Fahrspaß kann allerdings noch keine Rede sein.

Wir sehen uns die letzten drei Episoden von „Antique“ an, dann werfe ich einen tieferen Blick in das „Diablo Art Guide Book“. Das Wörtchen „Art“ im Titel hat das Werk allerdings nicht verdient. Die paar Verzierungen, die vorgenommen wurden, sind viel zu unauffällig, um das Gefühl eines „Art Books“ heraufbeschwören zu können. Des Weiteren scheint mir, dass die englischen Abschnitte des Buches aus unerfindlichen Gründen nicht vom Original entnommen wurden, sondern aus dem Englischen Spiel ins Japanische Spiel und für das Buch wieder ins Englische übersetzt worden sind. Da sind Fehler drin, die sich die Jungs beim Hersteller Blizzard garantiert nicht geleistet hätten. Außerdem sind Fehler dabei, die auffällig japanisch sind und gerade dann auffällig sind, wenn man etwas von japanischer Umschrift versteht. Ich will das nicht im Einzelnen aufzählen, aber Verwechslungen von „L“ und „R“ kommen immer wieder vor, und ein Begriff wie „Trainar“ (statt „Trainer“) lässt sich meiner Meinung nach auch nur durch einen japanischen Autor mit mangelnden Englischkenntnissen erklären. Die Beispielsätze im Abschnitt über „How to Chat“ (weil man ja auch online spielen und schriftlich mit anderen Spielern kommunizieren kann) sind zum Teil richtig peinlich – und das nicht einfach nur wegen mangelhafter Orthografie.
Wenn man neue Leute trifft (auch per Computer), dann ist es ja recht üblich, ein wenig Small Talk zu haben und sich kurz vorzustellen. Als erster Beispielssatz steht da:

„Hallo! Mein Name ist (…) und mein Hobby ist Zen-Meditation.“

Nächster Beispielsatz:

„Ich mag Kendo und Grünen Tee.“

(Die Hervorhebungen habe ich selbst hinzugefügt.) Ist das eine Art unterschwellige Propaganda? Soll man im Chat den „200-Prozent-Japaner“ raushängen lassen? Oder ist es tatsächlich das erste, was dem Verfasser eingefallen ist? Vielleicht will er seinen Kulturkreis aber auch auf die Schippe nehmen… ich will nichts ausschließen, aber diese Sätze sind einfach zu seltsam. Da lachen mich Klischees an. Aber am schönsten ist der Satz in Lektion Nummer Fünf, den man laut Autor an Leute schreiben soll, die unfair spielen. Da steht in etwa:

„Deine Art, DIABLO zu spielen, ist falsch. Seit sich die Rollenspiele von Papier und Bleistift mehr und mehr auf Medien wie den PC verlagern, basiert das Spielen weit mehr auf gegenseitiger Rücksichtnahme und Fairness. Dieser Grundgedanke spiegelt sich wider im japanischen Bushidô – dem Weg des Samurai, elegant und stark zu kämpfen. Es heißt, dass man am harmonischsten kämpfen könne, wenn man sich gegenseitig vertraut. Wenn Du also das ultimative Spiel genießen willst, solltest Du fair spielen – verstehst Du?“

Vor meinem geistigen Auge sehe ich, wie sich einige tausend Kilometer von dem Absender entfernt vor einem Bildschirm ein Mittelfinger in die Höhe streckt und der Raum von einem herzhaften Lachen erfüllt wird…

Andere Sätze wirken lustig, wenn man sie außerhalb des Kontextes betrachtet.

  • „Ich bin tot. Bitte hilf mir.“
  • „Wenn Du mich nicht wiederbelebst, bring’ ich Dich um!“

Oder was ist das hier?

  • „Ich bin ein Gentleman, aber ich spiele Tennis“
    oder:
  • „Mama, der da hat Hundekacke auf dem Kopf!“

Weder der englische, noch der ebenfalls vorhandene japanische Satz lässt irgendeine alternative Interpretation zu. Da steht genau das – ein Mann von guten Sitten zu sein, widerspricht einer Mitgliedschaft in einem Tennisclub.

Am Ende des Buches befindet sich, sehr interessant, eine Übersicht der „geistigen Wurzeln“ des Spiels (wobei „Der Herr der Ringe“ natürlich nicht ungenannt bleibt), inklusive verschiedener Rollenspiele seit Erfindung der Computergrafik. Meine Güte, Ultima II! Damals bestand „Grafik“ noch aus Text, Zahlen und simplen Linien zur Verdeutlichung der Umgebung! Auch moderne Spiele sind aufgeführt, von denen ich einige kenne, die aber mit dem vorliegenden Genre überhaupt nichts zu tun haben, wie z.B. der Flugsimulator „Ace Combat“. Auch „Civilization“ und „Master of Orion II“ werden genannt, die mit „Diablo“ wohl so viel zu tun haben wie Bier mit Rotwein.

Am Abend kann ich endlich den „Zorori“ von letzter Woche sehen, und danach kommt ein so genanntes Anime-Special mit „Atashin’chi“, „Crayon Shin-chan“ und „Bôbobo“. Abschließend sehen wir uns „Azumi“ an, was auch seit langem geplant war. Die Hauptrolle wird gespielt von Ueto Aya, die uns mit ihrer Erscheinung bereits in dem TV-Drama „Ace o nerae!“ beglückt hat. Vielleicht eher „mich“ als „uns“. J Wir sehen eine Gruppe junger Ninja (keiner über 20) beim Training, und alle sind die besten Freunde, wie es scheint.
Eines Tages, wohl am Ende der Ausbildung, tritt der Meister vor die Reihe und sagt:
„Ich gehe jetzt ins Haus und wenn ich in fünf Minuten wieder rauskomme, dann ist gefälligst nur noch die Hälfte von Euch am Leben!“ So was in der Art. Daraufhin beginnt ein kurzes, aber heftiges Schlachten mit viel spritzendem Blut und nach wenigen Minuten hat sich die Zahl der Freunde halbiert. Der Rest der Truppe zieht daraufhin los, darunter Azumi, das einzige Mädchen.

Es scheint, dass der Auftrag lautet, irgendein Ereignis zu rächen, das dem Meister auf der Seele liegt. Der Feind, das sind Anhänger des Hauses Toyotomi, die Widersacher des Hauses Tokugawa, das die Würde des Shôgun-Amtes nach der Schlacht von Sekigahara an sich gerissen hat. Und der Boss der bösen Buben wird von Takenaka Naoto („Lion Sensei“) gespielt, der mir in einer bösen Rolle irgendwie seltsam vorkommt.
Und es kommt, was kommen muss: Von den jungen Ninja fällt einer nach dem anderen einem gewaltsamen Tod anheim, bis am Ende nur noch Azumi übrig ist. Und dann beginnt das große Schlachten. Die Bösen haben ein ganzes Dorf voll mit schweren Jungs angeheuert, um die eigenen Truppen zu verstärken und haben in dem befestigten Dorf ihr Hauptquartier aufgeschlagen. Es gelingt ihnen, den Sensei der Ninja zu fangen. Er wird in der Ortsmitte an einem Kreuz aufgehängt. Azumi überwältigt daraufhin zwei Wachen, dreht die dort aufgestellte Kanone zum Dorfeingang um und sprengt das Tor in die Luft. Selbstsicher und nahezu unverwundbar wie anno dazumal John J. Rambo marschiert sie durch das Lager und lässt wahre Leichenberge hinter sich. Der effektivste und völlig durchgeknallte Lohnkiller der Toyotomi ist in seinem Element, schwelgt im Blutrausch und tötet alle, die seinen Weg kreuzen, während die Fußtruppen auch skrupellos auf ihre eigenen Söldner schießen, um Azumi zu erwischen, worauf die Söldner „ihren Vertrag fristlos kündigen“ und sich ebenfalls eine Schlacht mit den Soldaten liefern. Ein ganz irres Gemetzel… und Ueto Aya (Jahrgang 1988, möchte ich erinnern) macht dabei eine deutlich bessere Figur als auf dem Tennisplatz. Sie liegt weitaus seltener auf dem Boden herum. Ich bin noch nicht ganz sicher, ob ich den Film gut finden soll – schlecht würde ich ihn nicht nennen (wenn man dem Geschilderten was abgewinnen kann).

2. April 2024

Freitag, 02.04.2004 – Der Tod des Wochenendes

Filed under: Japan,Musik,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Um 09:00 sehe ich aus dem Fenster, und was leuchtet mir da entgegen? Schnee! Es schneit! Jetzt war bereits die ganze Woche über bester Frühling, ich habe die Winterjacke längst in den Schrank gestopft und das Sommermodell herausgekramt, und jetzt das! Also gehe ich zur Uni – ja, zu Fuß.

Ich setze mich an die entsprechenden Rechner und sehe, dass „Beru Bara“ mittlerweile mit 22 Episoden vertreten ist. Um den Speicherplatz auf dem Rechner nicht weiter zu belegen, will ich die Daten brennen – aber die Nero.exe Datei funktioniert nicht (wie so ziemlich alles auf diesem völlig zerschossenen Müllhaufen). Aber das sollte kein Problem sein. Ich versuche, das Programm von meiner Daten CD aus zu installieren… aber auch das funktioniert nicht, aus nicht näher genannten Gründen. Mein linkes Auge zuckt unkontrolliert. Aber es gibt ja noch Alternativen. Auf dem Computer befindet sich ein funktionierender Real-Media-Player, inklusive Software zum Brennen von CDs. Ja, bis auf die Episoden 11 und 12 geht auch alles glatt – bei denen liegt wohl ein Fehler vor… na klasse. Dann muss ich die einzeln besorgen. Wann auch immer. Aber jetzt reicht’s! Ich nehme mir den Block auf dem Schreibtisch von Sawada-sensei vor, beschreibe den unhaltbaren Zustand der Computer und schlage vor, alle Rechner komplett neu zu installieren und dabei auch nicht ein einziges Bit von dem alten Müll übrig zu lassen.

Dann gehe ich ins Physikgebäude und schreibe Berichte. Franks Spielzug für CM ist noch immer nicht da… die nehmen ihn zuhause arbeitsmäßig offenbar schwer an die Kandare. Natürlich bin ich ungeduldig… vielleicht sollte ich den „Maulwurf“ gegen Misi anleiern, wie ursprünglich geplant, um die Lücke zu schließen.

Nach drei Berichten sehe ich mir die ersten vier Episoden von „Area 88“ an. Der Soundtrack gefällt mir… „Mission (Fuga)“ heißt der Titelsong. Schöne Technoversion eines klassischen Stückes, dessen Name mir entfallen ist. Eine Fuge von Bach. Hm… andererseits weiß ich auch nicht, ob das Stück außer „Fuge“ überhaupt noch eine genauere Bezeichnung hat. Vielleicht ist es ja die Fuge von Bach? Wie dem auch sei… ich wollte auch den recht offensichtlich holländischen Namen des Komponisten (dieser Remix Version) abschreiben, aber leider fällt mir dabei auf, dass ich meinen Kugelschreiber im Center habe liegen lassen.
Um 17:00 verlasse ich das Gebäude und gehe mit Melanie ins Center, um meinen Kugelschreiber zu bergen. Er war zwar umsonst, aber es ist ein guter Kugelschreiber. Er liegt noch auf dem Block, auf den ich geschrieben habe. Sawada-sensei hat bereits etwas darunter geschrieben: Am Abend werde sich jemand darum kümmern.

Tatsächlich sehe ich unseren Zuständigen an den Rechnern herummachen. Ich sehe mal zu, was er so macht, und… was macht der Mann da!? Er hat die Rechner defragmentiert, die Netzverbindung immerhin wiederhergestellt und einen Virenscanner drüberlaufen lassen. Soll das alles sein? Das System ist doch jetzt noch genauso ausgelutscht und langsam wie vorher! Ein Reinstallation macht halt mehr Arbeit… die dieser Mann entweder scheut oder zu einem genehmeren Zeitpunkt nachholen will. Ich gehe derzeit optimistisch von letzterem aus. Da muss ich mir doch an den Kopf fassen… ich gehe lieber nach Hause, bevor mich hier das Grauen packt.

1. April 2024

Donnerstag, 01.04.2004 – Schön genug

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 7:00

Heute ist der erste April, und zum Glück läuft mir kein Scherzkeks über den Weg. Ich gehe ins Center und treffe Misi. Er möchte ein neues Bild für mein Poster machen lassen. Aha… eigentlich finde ich das existierende gar nicht schlecht, aber er möchte ein anderes. Gut, wir machen drei in Folge, von denen ihm keines gefällt – was ich sehr gut verstehen kann: Auf dem ersten liefert er eine Art Lächeln, aber er sieht dabei auch so richtig aus wie einer der harmloseren Fälle aus der Klapsmühle. Auf dem zweiten Foto versucht er es mit einem ernsten Gesicht, aber er sieht dabei aus wie ein leidender Künstler… auf dem dritten versucht er dann eine Mischung, aber dabei sieht er nicht nur wie ein leidender Künstler aus, sondern wie einer, der darüber hinaus auch noch betrunken ist. Wir belassen es dann doch vorerst bei dem alten Bild.

MinJi ist auch da und scheint heute der Meinung zu sein, gut genug für ein Foto auszusehen. Ich kann ein amüsiertes (aber leises) Lachen nicht unterdrücken, als sie zum nahen Spiegel springt, um ihre relativ kurz geschnittenen Haare zu ordnen. Moment mal… hatte sie nicht mal Haare bis etwa zur Hüfte? Aber ich kann mich nicht definitiv erinnern und verwerfe den Gedanken wieder. Natürlich gefällt ihr das Bild nachher nicht und sagt, das sei gar nicht sie; aber Misi teilt meine Meinung, dass das Foto ausgesprochen niedlich sei. Ich finde es sogar ausgesprochen umwerfend auf diesem Gebiet.

Ich wechsele schließlich ins Physikgebäude und gehe meinen täglichen Geschäften nach. Ich werde mit dem Bericht zum 06.03. zwar fertig, aber ich habe keine Zeit mehr, ihn auch zu korrigieren. Das kann auch bis morgen warten.

Abends sehen wir mehr Episoden von „Antique“, und während ich meinen Tagebucheintrag vornehme, auch noch von „Kakegoto Joô“ – ich übersetze das mal ins Englische als „Gambling Queens“, weil der englische Untertitel des Namens zwar „Gambling Queen“ heißt, es aber um vier Damen geht (daher der Plural), und weil der Titel auf Deutsch – „Königinnen des Glücksspiels“ – außerdem doch irgendwie dämlich klingt, oder? Es geht also um vier Schwestern zwischen 16 und 22, die im „gehobenen“ Glücksspielmilieu landen, weil ein führender Kopf desselben in den vieren ein verborgenes Talent für alle Arten von Spielen vermutet. Dazu wird erst einmal eine der Schwestern entführt, um auch die richtige Motivation zu liefern, und der Vater wird dabei überfahren (und später im Krankenhaus ermordet). Die Vier spielen sich eine Art Hierarchie nach oben, und ich habe das Gefühl, dass es hier nicht nur um Glücksspiel geht. Da wird zwar u.a. MahJong gespielt, aber auch Ping Pong oder Darts. Es scheint um Spiele jeder Art zu gehen. Die Serie sieht mir ganz interessant aus, vor allem gefällt mir der Soundtrack. Aber ob die Show interessant bleibt, hängt ganz davon ab, ob nicht vielleicht noch einer umgebracht wird – das passt mir nicht in Shows mit humoristischen Anteilen.

31. März 2024

Mittwoch, 31.03.2004 – Chemokuchen

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 7:00

Ich stehe früh auf, gehe ins Center… und finde nichts Neues vor. In jedem Sinne. Zumindest noch nicht. Ich erhalte die Meldung, dass die letzte Episode der Realserie „Taiho-shichau zo!“ („You’re under Arrest!“) binnen der nächsten sieben Stunden da sein kann. Ich bleibe also vor diesem Rechner sitzen – so kurz vor dem Ziel soll mir nichts dazwischenkommen.

Ich schreibe währenddessen drei Berichte, versende sie aber noch nicht, weil mir die Informationen der “Weltchronik“ hier nicht zur Verfügung stehen. Aber immerhin sind die Berichte geschrieben, und darauf kommt es letztendlich an. Ich schreibe wahrscheinlich sowieso schneller, als irgendjemand lesen will.

Am Nachmittag gehe ich zu Sawada-sensei, und frage sie, ob das Stipendium eine Art Notfallfond beinhalte, für den Fall, dass ein naher Verwandter sterbe und man vielleicht das Begräbnis besuchen möchte. Diese Frage wird verneint. Selbst in einem solchen Fall müsse man selbst für die Kosten aufkommen – mit meinem Budget könnte ich das vergessen.

Wenige Stunden später ist „Taiho shichau zo!“ komplett verfügbar und ich brenne die Daten auf Daten CDs.
Abends lese ich weiter in „No Comebacks“ von Forsyth und bin weiterhin froh, diesen Autor gefunden zu haben.

Melanie hat eine Serie mit dem Titel „Antique“ ausgeliehen. Es geht dabei um eine Art Café-Konditorei dieses Namens, und die Leute die da arbeiten oder essen. Der Chef des Ladens hasst Torten, weil er als Kind reicher Eltern einmal entführt worden und während dieser bangen Zeit nur mit Kuchen gefüttert worden war. Seitdem hat er eine Art Leibwächter (gespielt von Abe Hiroshi, der in „TRICK“ die Rolle des Autors Ueda hatte), der den Kellner mimt. Der Konditor selbst ist genial, wenn es um innovative Designs für Torten geht, aber er scheint ein Problem mit Frauen oder seiner Familie zu haben. Der Lehrling des Konditors ist eigentlich ein recht erfolgreicher Leichtgewichtsboxer… weil er aber Kuchen und Torten liebt, hat er den Beruf gewechselt. Ein Herr im Anzug, um die 40, kommt täglich in den Laden und kauft ausschließlich die neuesten Kreationen, deren ultra-lange Beschreibung der Chef von einem Spickzettel abliest, den er in seiner Handfläche versteckt hält und dabei vorgibt, alles auswendig aufzusagen. Ein junger Mann kommt eigentlich nur, weil er weiß, dass Frauen auf Kuchen stehen und er gerne eine kennen lernen würde, und seine Auserwählte kommt öfters her, sieht die Kuchen an und verlässt dann fluchtartig den Laden wieder – weil sie früher dick war und sich nicht mehr traut, etwas solches zu essen.

Die Serie ist lustig, mit einer Portion Romantik und einer ganzen Wagenladung an Torten und Kuchen, die für mich nicht essbar aussehen – es handelt sich um kitschige Kunstwerke aus essbaren Materialien, ja, aber die Produkte sehen für mich so richtig chemisch aus. Die hiesigen Konditoreien sind voll von dem Zeug… aber einen ganz gewöhnlichen, süßen 08/15 Rahmkuchen muss man mit der beharrlichen Akribie eines Sherlock Holmes suchen (die mir völlig fehlt). Aber auch etwas Tragik fehlt in der Serie offenbar nicht. Da kommt ein Mädchen mit ihren Eltern in den Laden, vielleicht 12, und ist überglücklich, dass sie eine eigene Torte kreieren darf, die dann auch noch schmeckt. Und zwei Wochen darauf kommen die Eltern noch einmal vorbei, bedanken sich für das Lachen ihrer Tochter und teilen mit, dass sie letzte Woche an einem längeren Leiden verstorben sei. Was ist denn das? Das zerstört doch die ganze Stimmung… ach Mensch…

Ich fühle mich am Abend etwas erschlagen und gehe relativ früh ins Bett.

30. März 2024

Dienstag, 30.03.2004 – Keine Veränderung

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Die entsprechenden Rechner im Center sind noch immer ohne Verbindung zum Internet. Ich scanne also nur die beiden Covers der EVA Storyboardbücher, die noch unter meinem Schreibtisch liegen. Die Bücher landen bei E-Bay, sobald ich in den Computerraum komme.

Mein Bruder schreibt weiterhin eher beruhigende Neuigkeiten. Unser Vater darf sich vom Rauchen natürlich verabschieden… was ich in keinster Weise bedauere. Ich frage mich allerdings, was mit seinem Kaffeekonsum ist… immerhin trinkt er pro Tag so viel Kaffee wie ich Zitronentee – und mein Verbrauch ist geradezu legendär.

Ich schreibe Kommentare ins Animetric Forum und zwei oder drei Berichte, bis man mich um 17:15 rausschmeißt. Die Luft riecht nach Regen, also fahre ich lieber gleich nach Hause und lese weiter in meinem Buch.

29. März 2024

Montag, 29.03.2004 – Touring

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Es ist Montag, ich komme also wieder an die Computer, um meine Post zu prüfen. Aber die Windows 98 Rechner im Center sind noch immer offline. In Folge dessen kann ich meine eigenen Mails vom Server nicht ausdrucken, weil die Rechner, die Netzverbindung haben, keine stehende Druckerverbindung oder kein funktionierendes Textverarbeitungsprogramm haben. Wenn ich was drucken will, muss ich es mit einer Diskette auf einen der 98er Rechner transferieren. Eine ganz tolle Wurst ist das! Auf dem gleichen Wege besorge ich mir dann die Scans meiner zu verkaufenden Artbooks – ich scanne das Material auf dem dafür vorgesehenen Windows 98 Rechner ein, speichere das Bild auf Diskette und transferiere es später auf einen der Unirechner, von wo aus ich für gewöhnlich „operiere“. Ich verziehe mich dazu in den Computerraum und lese Post: Was schreibt mein Bruder da? Unser Herr Vater trägt sich mit dem Gedanken, am Mittwoch bereits das Krankenhaus wieder zu verlassen? Ich dachte, der hätte was am Herz und nicht am Kopf!

Um kurz nach Fünf verlasse ich den Raum wieder, und weil es ein schöner Tag ist, fahre ich in die Stadt.
Im Daiei hat der 100-Yen-Shop neu eröffnet und ich wollte mal reinsehen. Das Ding ist neuerdings doppelt so groß wie vorher. Ich kaufe eine Packung Kekse, weil es 300 g für 75 Cent sind… weil aber Kekse trocken sind, kaufe ich auch noch eine große Dose Milchkaffee, um die Kekse den Hals hinunter zu spülen. Die Kekse sind ganz gut, muss ich sagen, aber für einen billigen Milchkaffee ist das Produkt hier wirklich schmackhaft.
Ich fahre auch im Naisu Dô vorbei. Die beiden Artbooks, die ich vor drei Monaten zurückgelegt hatte, sind immer noch da. Dann hoffe ich einfach mal, dass sie nächsten Monat immer noch da sind. Diesen Monat habe ich mein geschrumpftes Luxusbudget bereits aufgebraucht. Ich begebe mich also wieder Richtung Heimat, währenddessen wird es dunkel. Ich habe mir auch schon lange nicht mehr so viel Zeit gelassen wie heute. Außerdem fahre ich heute nur über Nebenstraßen.

Ganz in der Nähe von dem Haus, wo Yui (noch) wohnt, befindet sich eine Kirche, und neben der Kirche befindet sich ein kleiner Park. Auf den ersten Blick dachte ich, dass es sich dabei um eine der üblichen Stadtanlagen handele, vielleicht 50 x 20 Meter groß, um ein paar Bäume als Alibi in der Stadt zu haben. Ich fahre eine Runde im Inneren der Grünanlage und muss stattdessen feststellen, dass das Gelände gar nicht so klein ist, wie ich dachte. 100 x 50 Meter dürften es schon sein. Ich entdecke einen großzügigen Spielplatz, störe ein Pärchen beim Küssen (markanter Geländepunkt: Kleine Hütte auf kleinem Hügel) und finde eine Art Brückenpfad. Der Untergrund verrät mir, dass hier im Sommer wohl Wasser fließt. Könnte ein schönes Plätzchen sein. Und Hunde müssen draußen bleiben.

Um ca. neun Uhr bin ich zuhause und wegen meiner Kaffee-und-Keks Einlage nicht sonderlich hungrig, also esse ich nur ein paar Sushi und hebe den Reis für das Frühstück auf.

28. März 2024

Sonntag, 28.03.2004 – Auf der Straße nach Süden

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 7:00

Der Tag ist schön und mir ist nach Bewegung. Also setze ich mich auf mein Fahrrad und fahre einfach geradeaus Richtung Süden. Und das so lange, bis auf einmal die Straße am Fuß der Berge zwischen Aomori und Akita einfach aufhört. Insgesamt gibt es drei Optionen, weiterzukommen: Die erste verwandelt sich jedoch in einen schlammigen Bergweg, der bestenfalls mit einem geländegängigen Motorrad zu bezwingen wäre. Ein Pfad mit Treppenabschnitten zweigt ab und ein Schild sagt mir, dass man in dieser Richtung einen Tempel erreichen könne – wenn man nicht gerade ein Fahrrad dabei hat, wie ich ergänzen könnte. Die zweite Option beginnt hoffnungsvoll – ein steiler, aber stabiler Schotterweg. Aber auch der endet abrupt. Ein Seil ist quer über die Straße gespannt, mit dem Vermerk „Tachi-iri Kinshi“: „Betreten Verboten“.

Also bleibt mir nur noch ein Weg. Ich fahre zur Straße Richtung Hirosaki zurück, aber nur etwa 100 Meter weit, bis zu einem Schild an einer Abzweigung, auf dem zu lesen ist, dass in dieser Richtung ein Naturschutzgebiet liege. Die Straße ist auch eine solche, aus Asphalt, aber sie windet sich in Serpentinen den kleinen Berg hoch. Deshalb habe ich diese Möglichkeit hinausgeschoben. Aber da mir wenig anderes übrig bleibt, nehme ich diesen Weg. Nach wenigen Kilometern wieder ein Hinweisschild, das auf einen Schrein hindeutet – aber dafür müsste ich mein Fahrrad ebenfalls eine Strecke über Stufen tragen, und danach ist mir nach dem Aufstieg nicht gerade. Ich folge weiter der Asphaltstraße. Die Sonne scheint, mir ist warm und mein Rücken ist feucht unter dem Rucksack. Die Jacke habe ich bereits fünf Kilometer nach meinem Aufbruch ausgezogen. Den Pullover lasse ich auch nur deshalb an, weil ich mich nicht erkälten will.

Erster Eindruck vom Naturschutzgebiet

Das Naturschutzgebiet schließt nach hiesiger Definition scheinbar nur die Waldstücke ein, die freien Flächen zwischen der Straße und den Tannen werden komplett von Apfelplantagen eingenommen, die von den jeweiligen Besitzern offenbar auch gern als Schrottplatz verwendet werden. Mehr als ein halbes Dutzend verlassener Automobile stehen, in unterschiedlichem Verfallszustand, zwischen den Bäumen herum.

Kleinwagen und ein Kühlschrank

In einem, es ist nicht abgeschlossen und sieht eigentlich intakt aus, wenn auch mit Roststellen, finde ich eine lokale Zeitung vom April 2003. Andere sind völlig verrostet oder komplett ausgeschlachtet, ohne Reifen und mit der verrottenden Batterie als Stütze unter der Achse. Ich kann kaum glauben, was ich da sehe.

… mit Autobatterie in stinkender schwarzer Schlacke (hier nicht zu sehen)

Ich mache Fotos von dem so genannten Naturschutzgebiet und fahre weiter. Schließlich geht es wieder bergab – aber nur knapp 100 m weit, dann hört die Straße in einer Kuhle vor dem Wald plötzlich auf. Hier scheint kaum Sonne hin, es liegt noch Schnee auf dem Weg und der Wiese, und ein weiterer, ziemlich angerosteter Kleinbus markiert das Ende des Weges. Ich drehe um und fahre zurück.

Lagerplatz für Arbeitsgeräte

Die Rückfahrt auf der Hauptstraße nach Hirosaki geht wesentlich schneller vonstatten als die Hinfahrt – ich fahre von den Bergen weg, bergab, einen kleinen Fluss entlang. Im 18. Gang geht das flott; die Autos, die 40 km/h fahren (dürfen), kriechen an mir vorbei. Zwei bis drei Kilometer vor dem Stadtteil Nakano befindet sich an einer Kreuzung ein Hinweisschild, auf dem ich lese „Sen-Nen-En“„Tausend-Jahre-Park“? Ich habe noch eine Menge Zeit und biege einfach mal links ab. Nach zwei Kilometern weist mich ein weiteres Schild von der Hauptstraße herunter, rechts in eine kleinere Straße. Ich folge auch diesem Schild, aber dann verliere ich die „Spur“ des Parks und lande kurz darauf in Nishihiro. Ich frage mich, ob „Sen-Nen En“ vielleicht der Name eines Kindergartens sein könnte, den ich natürlich übersehen würde, wenn ich nach einer Erholungsfläche Ausschau halte. Aber warum sollte es für einen Kindergarten (oder überhaupt für eine Art Schule) ein so weit entferntes Hinweisschild geben?[1]

Es ist immer noch früh. Ich fahre nach Südosten. Aber da gibt es nicht schrecklich viel zu sehen. Nach etwa 10 km treffe ich auf die Bundesstraße 7, die meinen Weg kreuzt. Ich weiß nicht, ob es erlaubt ist, aber ich folge ihr in Richtung Norden, um wieder nach Hirosaki zu gelangen. Ich hätte auch weiter einer Landstraße nach Osten folgen können, aber nach den paar Stunden unterwegs schmerzt mein Hintern wegen des harten Sattels und ich will wegen der niedrigen Temperatur nicht lange irgendwo herumsitzen, bis sich mein Sitzfleisch möglicherweise wieder beruhigt. Also fahre ich wieder in Richtung Heimat. Nach drei Kilometern verlasse ich die Bundesstraße und fahre auf einer parallelen Straße in die Stadt. Bis nach Aomori sind es ab diesem Punkt noch 49 km. Nein, da will ich jetzt nicht hin, aber es fällt mir auf und ich denke, dass es eine anspruchsvolle Tagesfahrt wäre.

Eine halbe Stunde später befinde ich mich auf bekanntem Gelände, ich kann das Daiei sehen. Ich biege nach Westen ab, in die Straße, in der Misi wohnt und mache kurz Halt am „Book Max“, um mal zu sehen, was es da so gibt, aber da ist nichts von Interesse. Ich kehre nach Hause zurück und strecke die Beine aus… obwohl ich nicht recht sitzen will, weil sich mein Hintern nach dem Tagesritt anfühlt wie ein weich geklopftes Schnitzel.

Da ich mit dem Asimov fertig bin, nehme ich den nächsten Forsyth zur Hand: „No Comebacks“. Es handelt sich dabei nicht um einen Roman, sondern um eine Sammlung von Kurzgeschichten. Soweit ich das nach drei Geschichten beurteilen kann, sind sie auch sehr gut und entbehren zum Teil nicht eines gewissen Humors.


[1] Eine spätere Recherche enthüllte mir, dass es sich dabei um ein Altersheim handelt.

27. März 2024

Samstag, 27.03.2004 – Rückstandsberechnung

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 7:00

Es ist ein schöner Tag. Sonne, ein paar Wolken, leichter Wind… natürlich merke ich davon erst was, als ich kurz vor Anbruch der Dunkelheit einkaufen gehe, aber immerhin. Zuerst schlafe ich mal bis Mittag, weil ich das ja die ganze Woche über nicht mache – schließlich muss ich den Newsletter in Schwung halten. Ich bin noch immer fünf Wochen hinter dem aktuellen Datum. Pro Woche kann ich… 20 Berichte schreiben, wenn nichts dazwischenkommt, 37 Berichte fehlen mir bis zum heutigen Tag, das wären also zwei Wochen Arbeit, in denen natürlich wieder 14 Tage in meinen Notizen dazukommen. Mit etwas Glück kann ich das in etwas mehr als einem Monat aufgeholt haben, aber das ist eine eher optimistische Schätzung, weil im April das Sommersemester beginnt und damit eine ganze Stange anderer Arbeiten auf mich zukommt. Mein Lichtblick ist, dass dann aber auch die Bibliothek wieder an Wochenenden geöffnet sein wird, das könnte den Zeitverlust während der Woche kompensieren.

Ich lese den ganzen Tag in „I, Robot“ und werde gegen 19:00 damit fertig.
Danach läuft im Fernsehen ein weiterer „Crayon Shin-chan“ Film, wie offenbar üblich mit einem langen Titel, wie schon beim letzten Mal: „Arashi o yobu – Eikô no Yakiniku Roodo“. Auch in diesem Titel wird also ein Sturm gerufen… „Eikô“ ist „Ruhm“ oder „Ehre“, und „Yakiniku“ ist „Brat-/Grillfleisch“, aber „Roodo“ könnte wegen der japanischen Schreibgewohnheiten entweder für „Road“ („Straße“) oder „Lord“ („Herr“) stehen. Ich wage keinen Versuch einer kompletten Übersetzung, weil mir nichts einfallen will, was nicht irgendwie lächerlich oder völlig sinnfrei klingt. Ich hoffe, dass der Film ebenfalls bald als Fansub zu finden ist. Ich würde auch gerne genauer sagen, warum mir der Film gefällt (weil er lustig ist!), aber ich kann die Umstände nicht genauer beschreiben, weil ich den Auftakt des Films nicht gut verstanden habe. Zu Beginn verspricht Misae (die Mutter) der Familie für den Abend ein Yakiniku Essen. Dann bricht ein Auto durch die Mauer vor dem Haus und der Fahrer (er trägt einen weißen Kittel) bittet um Hilfe. Kurze Zeit später wird das Haus von einer Art Sonderkommando gestürmt und Familie Nohara nimmt die Beine in die Hand. Also keine lange Einleitung – „Wir grillen heute Abend!“ und Action! Bald darauf läuft auf allen Kanälen die Meldung, dass die Familie Nohara, inklusive der Kinder und dem Hund, polizeilich gesucht würden und es beginnt eine wilde Jagd nach Aitama. Der Gedanke an das versprochene Essen erhält dabei den Durchhaltewillen aufrecht. Am Strand von Atami kommt es dann zum Showdown und Familie Nohara verprügelt die Verfolger kurzerhand – warum haben sie das nicht schon vorher gemacht? Der Fall scheint sich irgendwie zu klären, denn die einen steigen ins Auto und fahren nach Hause, die anderen steigen in ihre Bell UH-1 und fliegen irgendwohin zum Surfen. Die Erklärung am Ende, über Sinn und Zweck dieser ganzen Aktion, habe ich mangels Vokabular leider nicht verstanden. Wenn ich kein Fansub finde, werde ich den Sinn auch in absehbarer Zeit nicht verstehen.

Sehr schön fand ich die grafischen „Sondereinlagen“. „Shin-chan“ ist für gewöhnlich in einem sehr einfachen Stil gezeichnet, aber diesmal gab es „Fanservice“ in Form von detaillierten Darstellungen der Familienmitglieder in gehobener Zeichenqualität; jeweils nur ein paar Augenblicke, aber dennoch interessant. Warum Shinnosuke allerdings plötzlich blond war, verstehe ich nicht. Es erinnert mich ein bisschen an die „Project A-Ko“ OVA, wo man ein Billardspiel sehen konnte, bei dem die Charaktere so aussahen, wie sie es halt könnten, wenn man das für angebracht gehalten hätte. Die Nebencharaktere sind (in den „Shin-chan“ Filmen) anscheinend grundsätzlich qualitativ besser gezeichnet, als die Hauptpersonen, und ich verstehe nicht, was mir das sagen soll. Vielleicht werden da Leute parodiert, sie ich als Ausländer in Japan nicht erkenne.

Wir schauen uns „Atashin’chi“ an und „SailorMoon“ muss natürlich auch noch rollen.
Nachdem Usagi also weiß, was es mit Mamoru auf sich hat, verrät er ihr, dass er auch über sie Bescheid weiß – er hat ihre Verwandlung vor einiger Zeit in einem Spiegelkabinett eher zufällig beobachtet. Hina, Mamorus Verlobte, kommt allmählich dahinter, dass aus ihr und Mamoru nichts wird und ist deshalb natürlich todunglücklich – und wird (ebenso natürlich) von einem Yôma angegriffen. Jupiter und Mars kämpfen gegen den Yôma und Jedyte… und ich habe schon lange keine solche leblose Choreografie mehr gesehen, auch gemessen an den niedrigen „SailorMoon“ Standards. SailorMoon und Kunzyte kommen dazu, Kunzyte schleudert sie zu Boden und Venus muss sie retten. Dann friert der Yôma Venus, Jupiter und Mars ein und Kunzyte bringt EvilMerkur dazu – erst einmal „in Zivil“ (spüre ich da gerade meine Reißzähne wachsen?), damit wir auch die „böse“ Verwandlungssequenz noch einmal bewundern können. Ich habe aber zweimal hinsehen müssen, um Hama Chisaki in dieser „bad girl“ Aufmachung erkennen zu können.

EvilMerkur kämpft daraufhin mit SailorMoon, wirft sie ebenfalls zu Boden und Kunzyte will sie einen Kopf kürzer machen. Aber diesmal wird Usagi stilecht von Tuxedo Kamen gerettet, der stattdessen den Schwerthieb einsteckt – und stirbt! Einen Moment lang dachte ich: „Jetzt läuft sie Amok und macht alle platt!“ Aber nur einen Moment lang, schließlich würde das nicht zu ihrem Charakter passen. Nein, viel besser! Stattdessen erscheint Prinzessin Serenity (Usagis wahres Ich jenseits von SailorMoon) und der Halbmond auf Minakos Stirn verwandelt sich in einen normalen Stirnreif, wie ihn auch die anderen tragen. Angesichts der Entfesselung positiver Energie ergreifen die Bösen die Flucht, die Senshi erkennen die wahre Prinzessin, dass Venus nur die #1 unter den SailorSenshi, aber keinesfalls die Mondprinzessin ist, und machen einen Kniefall, inklusive, wie von mir prophezeit, Venus (wenn auch früher als von mir gedacht).

Sawai Miyû sieht als Serenity ein gutes Stück älter aus; zumindest für meine Augen, die mit Gesichtern eh nicht so klarkommen, ist sie kaum wieder zu erkennen. Für die kommende Episode wird ein Rückblick auf den Untergang des Mondreiches angekündigt… ich bin gespannt. Wie so oft.

26. März 2024

Freitag, 26.03.2004 – Von der Sense gehüpft

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Melanie steht früh auf, weil sie um 08:30 im Center sein will, um mit Steffi zu chatten Ich stehe um 09:00 auf und bin um 10:10 vor dem Center. Da hängt immer noch ein Schild aus: „Von 08:00 bis 10:00 geschlossen“… Dann wird Melanie mit ihrem Vorhaben wenig Glück gehabt haben.

Ich nehme Platz und rufe meine Post ab. Mein Bruder schreibt, dass der Zustand unseres Vaters noch immer nicht der beste, dass er aber immerhin über den Berg sei. Das beruhigt mich sehr. Ich befinde 52 Jahre als kein gutes Alter, um bereits den Löffel abzugeben, ganz ungeachtet der Tatsache, dass es um meinen eigenen Vater geht.

Ich brenne im Anschluss die übrigen neun der dreizehn Episoden von „Gunslinger Girl“. Bin gespannt, wann ich dazu komme, die Serie auch anzusehen… derzeit mangelt es mir an Zeit dafür. Ich denke einen Augenblick darüber nach, vielleicht eine Kopie zu machen und an meinen alten BW Kameraden Ritter zu schicken. Ich kenne sonst keinen, der sich (ungesehen) dafür interessieren könnte, aber andererseits weiß ich nicht, ob er die Serie nicht vielleicht bereits hat (oder was er überhaupt hat) und es wird ihn nicht umbringen, wenn er warten muss, bis ich zurück bin.

Die Windows 98 Rechner im Center haben heute keinerlei Verbindung zum Netz, und die Hälfte der XP Rechner auch nicht, aber bei zumindest zweien davon ist das nichts neues. Wenn aber von elf verfügbaren Computern nur drei halbwegs so funktionieren, wie sie das sollen, dann ist das etwas übertrieben. Ich sollte eine Notiz auf dem Mitteilungsblock von Sawada-sensei hinterlassen (was ich natürlich verschiebe und vergesse).

Um 13:30 wechsele ich in den Computerraum, das Center schließt heute sowieso bereits um 14:00. Dort kommt Misi auf mich zu und fragt mich, ob ich ihm mein Fahrrad leihen könnte, da er seines von Alexej abgesperrt und ohne Schlüssel zurückerhalten habe. Er wolle deshalb zu dem Russen fahren und seinen Schlüssel abholen. Er sagt, er werde mein Fahrrad am großen Parkplatz abstellen. Alexej wird übrigens in wenigen Tagen nach Hause zurückkehren, seine beiden Semester sind um.

Ich schreibe drei Berichte bis um 17:00, und mache mich dann daran, mit Melanie nach Hause zu gehen. Es regnet. Nicht stark, aber immerhin. Ich entdecke mein Fahrrad an der Kante des Überdaches am Eingang des Gebäudes, und natürlich ist es nass geregnet. Aber die Tüte, die ich ständig über den Sattel stülpe, macht sich wieder bezahlt. Auf dem Fahrradparkplatz treffe ich Tei, den Programmierer aus meinem letzten Japanischkurs, und nutze die Gelegenheit dazu, ein Foto von ihm für mein Posterprojekt zu machen und seine Mailadresse einzusammeln. Ich fahre also mit Melanie nach Hause, über die nasse Straße. Auch dieses Fahrrad hat keine Schutzbleche, also durchnässt das Spritzwasser, das der Reifen von der Straße aufnimmt, meine Hose und ich bin ganz begeistert von diesem Umstand. Aber besser auf dem Heimweg als auf dem Weg zur Uni. Ich sollte mir jetzt, nach Ende des Winters, wieder angewöhnen, eine Hose zum Wechseln im Rucksack mitzuführen, für exakt diesen Fall.

25. März 2024

Donnerstag, 25.03.2004 – Die Sense schwingt…

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 7:07

Geld! Geld! Geld! Saitô-san überreicht mir 80.000 Yen und sofort geht es mir besser. J

Danach brenne ich die ersten vier Episoden von „Gunslinger Girl“ und beende das Verschieben der Daten per Memorystick dann, weil sich das Center immer mehr füllt und ich zwei Rechner belege. Ich wende mich dann meiner Kollektion von Single-CDs zu, die ich in eine MP3-Sammlung verwandle. Das sollte meine Nachmittage am Rechner versüßen.
Gegen 13:30 komme ich in den Computerraum, rufe Post ab und erinnere mich an dieser Stelle daran, dass ich schon wieder vergessen habe, meine alte Post auszudrucken. Aber eigentlich ist das nicht so schrecklich dringend. Das Material läuft mir nicht weg.
Frank hat noch nicht geantwortet, also verzögert sich der Beginn der Kampfhandlungen weiter. Immerhin finde ich eine Möglichkeit, mit dem „PaintShop Pro“ meine BMP Screenshots in JPEGs zu konvertieren, nachdem „MS Paint“ mir diesen Service neuerdings verweigert.

Oh, Post von meinem Bruder? Der will sich bestimmt über meine Darstellungen von vor ein paar Tagen auslassen. Zumindest ist das mein erster Gedanke. Aber weit gefehlt! Stattdessen schafft er es, mich wirklich und ernsthaft zu schocken: Unser Vater hat letzte Nacht einen Herzinfarkt erlitten und ist auf der Intensivstation gelandet. Mehr kann er mir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht mitteilen. Alter und Gesundheit meines Großvaters sind mir schon eine dunkle Wolke am Horizont, aber dieser Blitz trifft mich jetzt quasi von einer Seite, die ich nicht erwartet hätte. Über diese Meldung muss ich erst mal eine Nacht schlafen, bevor ich irgendwelche Schritte (welche auch immer möglich wären) plane… momentan kann ich keinen klaren Gedanken fassen.

Ich schreibe drei Berichte und fahre um 17:45 mit Melanie nach Nishihiro, um die Bentô zu probieren, die Marc empfohlen hat. Ich bestelle das erste auf der Liste, weil mir die ganzen Namen nichts sagen, und das Stück kostet unerhörte 1000 Yen. Dafür bekomme ich eine große Portion Reis, ein großes Stück Lachs (etwa so groß wie meine Hand), eine große Frühlingsrolle, einen frittierten Garnelenschwanz und ein zerkleinertes Schnitzel, dazu etwas Kartoffelsalat (vielleicht zwei Gabeln voll) und Tonkatsu-Soße, und etwas, das ich nicht identifizieren kann. Es sieht aus wie eine Art schwarzes, geraspeltes Kraut und die Soßenmischung dazu ist süßlich. Man kann es essen, das Kraut, aber der Rest ist wirklich gut. Vor allem bin ich nachher pappsatt.

Abends lese ich weiter Asimovs „I, Robot“ und bewundere immer wieder die Fähigkeiten dieses studierten und promovierten Chemikers, gute SF-Geschichten zu schreiben. Der Mann kennt sein Universum und beschreibt es, als wäre es die normalste Sache der Welt. Aber eigentlich muss das so sein, damit der Leser sich auch in die Handlung „hineinlesen“ und „hineinfühlen“ kann.

24. März 2024

Mittwoch, 24.03.2004 – Zeugnistag

Filed under: Bücher,Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Ich gehe mal wieder an mein Postfach im Sekretariat meiner Fakultät und finde mein Zeugnis vor. Aha… die Sprachkurse habe ich bestanden (ich muss annehmen, dass mich meine Mitarbeit im Unterricht über die 60 % Marke gerettet hat), für die Seminare „Kulturgeschichte von Tsugaru“ und „Einführung in das Studium des Buddhismus“ habe ich sogar eine A-Note bekommen. Für das Literaturseminar habe ich natürlich keine Note bekommen, weil ich die Hausarbeit nicht geschrieben habe. Dennoch habe ich die 14 Leistungspunkte, die ich brauche, erreicht, und ich weiß, dass ich bei der nächsten Gelegenheit gegen eine Hausarbeit und für eine Endklausur stimmen werde.

Ich packe das Zeugnis ein und gehe ins Center. „Gunslinger Girl“ ist komplett verfügbar. Dann brauche ich ja nur noch den Memorystick, um das Material verschieben zu können. Aha… und MinJi ist aus dem Heimaturlaub zurück. Ich frage sie, ob ich ein Foto für mein „Poster Projekt“ machen dürfe, aber sie sagt, dass sie heute nicht gut aussehe und es gerne verschieben wolle. MinJi… nicht gut… aussehen? Ich habe hier noch keinen Tag erlebt, an dem sie nicht gut ausgesehen hätte… dann warte ich noch eine Weile. Ich will mich dann aber auch nicht mehr lange aufhalten und gehe in den Computerraum. Ich bearbeite zuerst meine Post (inklusive dessen, was von gestern noch übrig ist), dann schreibe ich drei Berichte und versende das Material über den Zeitraum vom 10. bis zum 16. Februar.

Ich kann auch endlich das Spiel mit Frank in Bewegung setzen und schicke ihm die erste Textdatei. Ich hatte noch keine Zeit, den Auftakt meines Berichtes, über meine Aufstellung usw., zu schreiben. Aber da ich den Verteidiger spiele und die gegnerische Truppenzusammensetzung bis ins kleinste Detail kenne (weil ich die Karte ja selbst gebastelt habe), inklusive des Zeitpunkts, zu dem die Verstärkung eintrifft, muss ich darüber schon mal nicht allzu viel schreiben. Ich weiß, was mich erwartet und es wird nicht einfach. Auf jeden Fall habe ich beschlossen, den Bericht halb-prosaisch zu schreiben… wohl aus der Sicht des Kommandeurs, ohne Dialoge. Vielleicht kann ich auch den einen oder anderen Abschnitt für mein Rollenspiel „Code Alpha“ brauchen oder zumindest irgendwie verwursten.

Ich schaue bei Animetric vorbei und finde ein paar interessante Neuigkeiten. Der Anime „Ah! Megami-sama!“ soll offenbar eine Art Fortsetzung erfahren, und die japanische Vertriebsfirma Toei wird die Lizenz der Animeserie „SailorMoon“ in Nordamerika nicht verlängern – sie läuft am 01.04. aus und keiner weiß, warum. Toei wird die Entscheidung getroffen haben, die sie für das Unternehmen als die beste betrachten, aber die Verkäufe der Serie in den USA scheinen nicht so gering gewesen sein, dass es sich nicht gelohnt hätte. Wenn die Lagerbestände weg sind, gibt’s nichts mehr.

Um 17:00 erscheint ein Textfeld auf dem Bildschirm, das mich an die Schlusszeiten erinnert. Ich gehe ins Center und hole Melanie ab. Wir wollen mal wieder eine Schüssel Ramen essen. Wir gehen aus alter Gewohnheit ins „Bunpuku“, und dort weht wirklich ein neuer Wind. Die ältliche Dame ist durch eine jüngere (um die 40) ersetzt worden, die sich in diesem Metier nicht ganz so wohl zu fühlen scheint, wie ich das von ihrer Vorgängerin zumindest dachte. Die Speisekarten sind komplett neu, um 50 % des alten Angebotes gekürzt und um zwei oder drei neue Angebote bereichert. Na gut, ich probiere Chashû- und Melanie nimmt Yakiniku-Ramen.
Und so lange habe ich noch nie auf mein Essen warten müssen. Ich habe die Zeit nicht gestoppt, aber eine halbe Stunde war es auf jeden Fall. In Ordnung, der Laden ist voll, und wir mussten vorerst an der Theke Platz nehmen, bis ein Tisch frei wurde, aber dennoch finde ich, dass man so lange auch nicht warten müssen sollte. Schließlich reden wir hier über Nudelsuppe und nicht über Ente à l’Orange.

Wir gehen danach noch einkaufen und dann nach Hause. Ich lese Robotergeschichten von Asimov und bewundere die Zukunftsgläubigkeit der Menschen in den fünfziger Jahren. Asimov ging damals davon aus, dass bereits 1998 (die Zahl wird genannt) Roboter für den Hausgebrauch verfügbar seien. Interessant dabei ist, dass das Modell von Roboter, das er beschreibt, auf zwei Beinen gehen (und rennen!) kann und aufgrund technischer Einschränkungen zwar keine Sprachausgabe hat, aber über eine derart komplexe künstliche Intelligenz verfügt, dass der Roboter gesprochene Kommandos versteht und sogar als Spielkamerad für Kinder geeignet ist.
Betrachtet man nun heute, im Jahre 2004, den ASIMO von Honda… der kann auf zwei Beinen gehen, ist aber noch weit davon entfernt, rennen zu können (man geht derzeit davon aus, dass das noch knapp 20 Jahre dauern könnte), er kann Fragen beantworten, verfügt aber nicht über eine echte Sprachsynthese, und davon, dass Roboter auf eigene Initiative hin handeln und komplexe inhaltliche Zusammenhänge von gesprochener Sprache erkennen und verarbeiten können, sind wir wohl noch weit entfernt. Ich habe ja vor einigen Wochen erwähnt, dass die Robotik davon ausgeht, dass Fußballspiele, Menschen gegen Roboter, etwa um 2050 möglich sein sollten.

Melanie sieht sich weiterhin irgendwelche TV-Serien aus der Videothek an, während ich lese. Um 22:00 beschließe ich, Schluss zu machen – aber wie ich mich kenne, bedeutet das bestenfalls, dass ich noch vor Mitternacht unter meiner Bettdecke sein könnte.

23. März 2024

Dienstag, 23.03.2004 – Postansturm

Filed under: Bücher,Japan,My Life — 42317 @ 7:00

Ich stehe um Neun auf und freue mich über das strahlende Wetter, aber der Fahrtwind ist noch recht kühl. Ich gehe zuerst ins Center und prüfe, ob die Internetverbindung steht. Sie tut es, und ich nehme auch gleich ein paar Dinge in Angriff und ziehe mir von den gestern gekauften CDs die Titel, die ich für mich gebrauchen kann.
Der Innenteil einer der Kuraki Mai CDs zeigt die Sängerin in England (London?), was ich den Straßenschildern entnehmen zu können glaube, aber es könnte natürlich auch Australien sein. Auf jeden Fall sieht man Straßen mit Backsteinhäusern, die ich mit England in Verbindung bringe, und parkenden Autos, und die drei Autos, die man am deutlichsten sieht, sind ein Mercedes, ein Audi und ein BMW. Auf einem anderen Bild sieht man einen weiteren vorbeifahrenden Mercedes.

Ich schaffe es dann endlich, den „Crayon Shin-chan“ Film in vier Teile aufzuspalten und mit Misis Hilfe auf einen Rechner mit Brenner zu transferieren. Aber die Dateien lassen sich nicht wieder zusammenfügen! Warum? Weil XP Rechner nicht über eine (benötigte) DOS Plattform verfügen! Ich entschließe mich also dazu, die Einzelteile zu brennen. Ich kann sie ja bei Gelegenheit sonst wo zusammenfügen. Und dieser Computer ist so elend langsam, dass alles scheinbar ewig dauert. Um 15:00 bin ich immer noch nicht fertig. Ich glaube, mit dem Schreiben wird das heute nichts mehr.

Mit ihren Anteil daran haben auch die drei Dutzend Mails, die sich heute in meinem Posteingang befinden, und immerhin kann ich drei Viertel davon beantworten, bevor der Tag vorüber ist. Wenn’s kommt, dann gleich dicke, oder was? Ich bekomme zum Beispiel Post von einem gewissen Andreas Biermann; ich habe seine Internetseite (über eine Fernmeldeeinheit der Wehrmacht) vor etwa zwei Monaten einmal kommentiert und dabei eher zufällig erwähnt, dass ich derzeit in Japan sei. Und jetzt stellt sich heraus, dass er selbst bis vor sechs Jahren über einen nicht näher genannten Zeitraum in Kanazawa gewohnt habe. Ist die Welt doch so klein? Ich erinnere mich auch noch lebhaft an Volkers Aussage, man müsse sich in Tokyo nur an einen öffentlichen Platz stellen und ein wenig warten – über kurz oder lang käme bestimmt jemand vorbei, den man kenne und nicht hier vermutet hätte.
Armin Otto schreibt, dass er in Kürze sein Studium abgeschlossen haben werde und noch immer eine Stelle als EDV… Diplom… was weiß ich… suche. Heute werde ich wirklich mit allem versorgt.

Um 17:00 macht das Center dicht und ich fahre mit Misi zum Book Off. Er möchte den „DragonBall“ Manga günstig kaufen, und ich nutze die Gelegenheit, das „Adam“ Artbook noch zu kaufen. Natürlich finde ich nicht nur das… da ich die Kanji, warum auch immer, noch lesen kann, finde ich ein „Yami no Matsue“ Artbook… nun ja, „eine Art“ Artbook, den Inhalt muss ich erst noch erfassen… und eines von „Gundam Wing“ nehme ich auch mit. Das wird sich wohl irgendwie verkaufen lassen. Alles zusammen hat gerade mal 700 Yen gekostet.

Wieder zuhause, lese ich die „Erdsee“ Tetralogie zu Ende und stelle im Anhang des Sammelbandes fest, dass es noch ein fünftes Buch gibt. Gewundert hätte mich das auch nicht, der Schluss der vierten Geschichte ist so unbefriedigend, dass noch etwas folgen muss. Zuerst zieht sich die Handlung (Handlung?) wie Kaugummi und dann kommt der Schluss so richtig hoppla-hopp, wenn ich das so sagen darf und lässt dabei noch viel Spielraum für eine Fortsetzung (die vermutlich auch geplant war). Aber egal… morgen werde ich mit den Robotergeschichten („I, Robot“) von Isaac Asimov anfangen, dann kann Frau Le Guin von mir aus im Regal verstauben. „Ein Epos vom Weltrang eines Herrn der Ringe“… dass ich nicht lache! Die Geschichte ist gut und ich bedauere das Lesen nicht, aber ich fühle keinerlei Motivation, sie innerhalb der nächsten paar Jahre noch einmal zu lesen. Ich würde lieber zum vierten Mal den „Herrn der Ringe“ lesen.

22. März 2024

Montag, 22.03.2004 – Wie learnt’s ma a richtig’s Action English?

Filed under: Bücher,Japan,Manga/Anime,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Um kurz nach Eins bin ich im Rechenzentrum, aber ich stelle schnell fest, dass nichts geht. Die Verbindung zum Internet ist nicht existent. Das heißt, nach drei Minuten ist die GMX Startseite zwar aufgebaut, aber nach fünf weiteren Minuten mache ich das Explorerfenster zu, weil ich nicht ewig warten will, bis mein Login bestätigt ist. Ich beschäftige mich also offline mit dem Schreiben meiner Berichte. Versenden kann ich sie auch später noch. Ich schreibe über den Zeitraum vom 10. bis zum 14.02., aber mit dem letzten Werk werde ich nicht mehr fertig, weil das Gebäude ab heute (bis zum 05. April) bereits ab 17:00 schließt. Der Wachmann macht mich darauf aufmerksam. Ich habe den Aushang zwar gelesen und verstanden, aber wieder vergessen. Das ist ja ganz toll. Mir gehen also pro Tag drei bis vier Stunden Zeit zum Schreiben verloren. Die könnte ich mit Lesen füllen – mir scheint, ich werde noch mehr Bücher kaufen müssen, sollte mein derzeitiger Stapel nicht reichen.

Aber der Tag ist noch jung. Ich fahre ins Book Off, um die bestellten CDs von Kuraki Mai zu kaufen. Für mich selbst finde ich zumindest nichts von dem, was ich suche. Dafür finde ich andere Sachen. Da wäre zum Beispiel eine Lösungshilfe für „Diablo“ von 1997. Kostenpunkt: 105 Yen = 80 Cent. Ich blättere das Heft schnell durch und finde genügend Informationen, die zumindest nicht uninteressant sind. Da sind Tabellen mit den Werten der Gegner, Waffen, Tränke und Zauber, Charakterbeschreibungen, und alle Dialog- und Buchtexte aus dem Spiel, in Englisch und Japanisch. Das ist für mich das Beste daran, weil ich schon vor langer Zeit geplant hatte, diese (englischen) Sprachsequenzen mal auf Band aufzunehmen, weil es sich ganz einfach cool anhört. Ich bin aber leider nie dazu gekommen… und leider habe ich auch nur eine Playstation Version… von der PC Version kann man bestimmt die einzelnen Dateien auf eine CD brennen. Ich warte ab. Interessant in dem Heft ist auch ein Kapitel mit „Dialoganweisungen“ für japanische Spieler, die online mit anderen Spielern in aller Welt kommunizieren wollen oder müssen. Beim Durchblättern fällt mir zum Beispiel ein kurzes Verzeichnis der gängigen Abkürzungen für Chat-Kommunikation auf.

Des Weiteren kaufe ich das „Eve“ Artbook von „Shin Seiki Evangelion“ für 315 Yen, zum Verkauf. Ich habe bereits eine eigene Ausgabe. Warum ich das „Adam“ Artbook dann nicht auch gleich gekauft habe, ist mir im Nachhinein nicht klar.
Ich finde auch zwei Spielhilfen für „Bust a Groove“, aber ich finde keinen Sinn darin, mir eine Hilfe für ein Spiel zu kaufen, das ich mit links durchspiele und dessen versteckte Charaktere mit gänzlich bekannt sind.

Nach Anbruch der Dunkelheit mache ich mich auf den Heimweg und gehe in den Beny Mart, weil ich was zu trinken brauche. Aber Boco ist ausverkauft. Oder aus dem Angebot gestrichen worden – an der üblichen Stelle befindet sich ein Getränk (ebenfalls von Coca Cola Japan) mit dem Namen „Tadas“, das zwar die gleiche, trüb-weiße Farbe aufweist, aber nach Apfel schmeckt, und das nicht besonders gut. Wenn es kein Boco mehr gibt, dann steige ich kurzerhand auf Aquarius um, weil es mir ebenfalls schmeckt, aber nur genauso viel kostet wie Boco. Wenn ich bedenke… in Deutschland würde ich niemals nie auf die Idee kommen, Aquarius zu trinken – das ist viel zu teuer! Vor allem, weil ich mehr als zwei Liter am Tag brauche. Und wenn ich schon mal hier bin… ich brauche eine neue Packung Fleischstreifen für mein Frühstück, und Ketchup (als Gewürz) für die dazugehörige Soße.

Wieder zuhause, sehe ich „Mujin Wakusei Survive!“ und bewundere die Idee der Drehbuchschreiber, auf einer offensichtlich tropischen Insel Winter mit Schnee einkehren zu lassen. Offenbar herrschen auf anderen Planeten zwangsläufig ganz andere Gesetze der Botanik. Aber auch die Zoologie folgt dort ihren eigenen Bahnen… da existiert auch ein riesiges, elefantenähnliches Vieh, das beim Spazieren durch den Urwald grundsätzlich eine Schneise von umgeknickten Bäumen hinterlässt – warum stehen da überhaupt noch intakte Bäume? Außerdem gibt es davon bislang nur ein Exemplar – es gibt bestimmt ein tolles Fremdwort für „selbstbefruchtend“, aber das fällt mir nicht ein. Man setze ein Fragezeichen dahinter.[1]

Später läuft eine Englisch-Lernsendung mit Shaku Yumiko (die Hauptdarstellerin aus „Sky High“), und allein deshalb sind wir auf die Idee gekommen, die Show anzusehen. Heute werden Leute gefragt, wie man am effektivsten Englisch lernen könne. Man beachte die Auswahl:
Arnold Schwarzenegger empfiehlt, viel zu lesen und viele Filme in englischer Sprache anzusehen. Regelmäßiges Nachschlagen von Vokabeln erweitere zwangsläufig den Wortschatz.
Sylvester Stallone sagt, man solle am besten mit Singen beginnen. Keine Popsongs, sondern Kinderreime, die exakt diesen Zweck erfüllen: Der Sprechapparat gewöhnt sich so, aufbauend auf einer sehr einfachen Basis, an die Sprachlaute und man trainiert auf diese Art und Weise die Artikulation.
Jackie Chan sagt, man solle viel reden, also mit Leuten kommunizieren, so könne man sich stückweise verbessern, weil auch jemand da sei, der korrigierend eingreifen könne. Er sagt weiterhin, dass er in seinen Filmen zwar versuche, betont deutlich zu sprechen, dass er aber sonst am Set einfach „Jackie-Chan-Englisch“ rede – womit die Chinatown-Variante wohl einen Namen bekommen hätte.
Ich verstehe, dass man Arnold und Jackie (als Ausländer) gefragt hat – aber Stallone? Dann doch eher Prochnow. Aber immerhin kann man gut fahren, indem man die vorgestellten Methoden kombiniert.
Und weil es mir noch nicht spät genug ist, beginne ich mit dem vierten (und letzten verfügbaren) „Erdsee“ Roman.


[1] Wie man später herausfinden kann, handelt es sich bei dem Kälteeinbruch um eine Fehlfunktion der Terraformungsanlage, und es gibt auch noch eine kleine Herde dieser „Elefanten“. Das Einzeltier hatte sich nur verlaufen und den Rückweg nicht mehr gefunden.

21. März 2024

Sonntag, 21.03.2004 – Nitabô

Filed under: Japan,Manga/Anime,Musik,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Ich stehe um Zehn auf und lese „Erdsee“. Um 14:00 mache ich mich mit Melanie auf den Weg ins Daiei. In der dortigen Gemeinschaftshalle wird um 15:10 der Film „Nitabô“ gezeigt. Der Anime handelt von einem Shamisen-Meister im 19. Jahrhundert; ich wollte ihn unbedingt sehen und heute ist der letzte Tag.

Wir sind um 14:30 an Ort und Stelle und haben noch ein bisschen Zeit, die wir in der Spieleabteilung verbringen. Melanie spielt ein Spiel, bei dem man auf einer Art Heimtrainer sitzt und mit den Pedalen den Propeller des Fluggerätes antreibt, das man vor sich auf dem Bildschirm sehen kann. Aufgabe des Spielers ist es, riesige Luftballons durch Berührung zum Platzen zu bringen, und natürlich arbeitet man dabei gegen die Zeit. Zwei Mädchen, um die 13 vielleicht, sitzen daneben (sie warten darauf, dass ihre Purikura Fotos ausgedruckt werden) und amüsieren sich darüber. Ihren Kommentaren entnehme ich, dass sie dieses Spiel gerne gespielt haben.

Die Tretmühle

Ich habe Hunger, also gehen wir noch in den Supermarkt im Keller und ich kaufe ein Paket Sandwichbrot.

Es wird schließlich Zeit und wir gehen zur Gemeinschaftshalle. 1300 Yen soll eine Karte kosten. Vorbestellung wäre billiger gewesen. Hier befinden sich vornehmlich Leute über 40 und die Kinder, die mitgebracht wurden, aber wen wundert das? Für die Altersgruppe dazwischen ist Shamisenmusik wahrscheinlich viel zu uncool. Ha, die wissen nicht, was sie verpassen! Ich krame den Geldbeutel heraus. Alle anderen Leute scheinen bereits eine Karte zu haben, also greife ich einen der „Platzanweiser“ heraus und frage ihn, wie wir an eine Karte kämen. Er weist uns zu einem Tisch am Eingang. Er nimmt zwei Karten aus dem Abreißblock und sagt: „Für Sie beide zusammen nur 2000 Yen – ein kleiner Service.“ Oha, dann umso lieber. Da sagen wir nicht nein und bedanken uns dafür.
Daijô-san, der die Biografie geschrieben hat, auf der der Film beruht, ist ebenfalls da und erläutert die Handlung kurz. Ein Mitarbeiter der Produktionsfirma sagt ebenfalls ein paar Worte und dankt allen Beteiligten. Ich hätte etwas solches für die Premiere erwartet, aber nicht für die letzte Vorstellung. Mir gefällt die Idee, obwohl ich vielleicht 10 % von dem verstanden habe, was die beiden Herren tatsächlich gesagt haben.

Eine Vorführung dieser Art bleibt natürlich nicht ohne Begegnungen. Zuerst wäre da eine der Familien aus dem „Happy Hippo Club“, genauer die Familie mit den niedlichen Zwillingstöchtern, denen ich die Bezeichnung „otokorashii Dominik“ zu verdanken habe. Die beiden Mädchen kichern, als ich winke. Mikami weist mich bei der Gelegenheit darauf hin, wer noch hier erscheinen wird, aber das dauert noch ein paar Minuten. Zunächst erscheint eine Dame auf dem Stuhl neben mir, die mich auf Englisch anspricht. Sie will mit dem Reden auch gar nicht mehr aufhören, scheint mir, bis sie mir eröffnet, dass sie mich kenne, bzw. mich bereits getroffen habe. Aha? Ich grübele, aber mein Gedächtnis für Gesichter ist schlecht wie eh und je. Ja, sie sei die Lehrerin von der Seiai Oberschule gewesen, die ich damals (am „Judgment Day“) gebeten habe, ein Gruppenfoto der Juroren zu machen (aus dem leider nichts wurde, weil die verdammte Kamera voll war). Dann erst fällt es mir wie Schuppen von den Augen und ich entschuldige mich für mein schwaches Gedächtnis. Schließlich klopft mir die von Mikami angekündigte Yûmiko auf die Schulter. Sie ist mit ihrer Mutter Eiko hier. Ich bin angenehm überrascht, wenn ich das angesichts der Ankündigung noch so sagen kann.

Oh… und der Film ist gut. Vor allem gefällt mir der Soundtrack und Shamisenmusik allgemein gefällt mir immer besser. Tsugaru Shamisen, um genau zu sein – HiroDai verpflichtet. Ich bin sicher, dass auch Oliver was daran haben könnte, und sei es von einem rein spieltechnischen Standpunkt aus betrachtet.
Die grafische Qualität ist hervorragend, die Geschichte wird in sehr schönen Bildern erzählt, die nach meinem Empfinden einer Ghibli-Produktion durchaus das Wasser reichen kann. Die Handlung ist auch nicht das, was man „Main Stream“ nennen könnte – es geht um einen blinden Musiker, da ist nicht viel Action zu erwarten. Zuletzt sprechen die dargestellten Personen ein sehr klares, deutliches Japanisch und man versteht sie sehr gut. Zumindest habe ich von den Dialogen deutlich mehr verstanden, als von dem, was die zwei Kommentatoren vor Beginn des Films erläutert haben. Mit anderen Worten: Ich will den Film haben.

Gleich nach der Vorführung kommt Jin Eiko zu mir und fragt, ob ich nicht Lust hätte, mit ihnen ein kleines Konzert zu besuchen, an dem auch Yûtarô mitwirke. Ich überlege zuerst, ob ich das Angebot annehmen soll oder nicht, aber dann frage ich mich, ob ich denn bescheuert sei – was gibt es da zu überlegen? Ja, wir sind dabei. Wir haben wirklich nichts Besseres vor. Unsere Fahrräder sollen wir einfach am Haus der Familie abstellen, von da aus würden wir dann mit dem Auto mitgenommen. Genau das machen wir und erhalten jeder ein Crèpe aus eigener Produktion mit Vanilleeisfüllung als „Reiseproviant“. Besten Dank. Sogar ich muss zugeben, dass das Produkt gut ist. Mein Vater allerdings hätte mich wohl in den Kofferraum gesperrt, wenn ich je versucht hätte, in seinem Auto ein Eis zu essen.

Wir gehen in die Halle, wo Essen verboten ist, also wende ich das „englische Transportverfahren“ auf mein verbliebenes Brot an – ich stopfe es unter meine Jacke.[1] Zur großen Belustigung von Jin Eiko. Wir verpassen nur die ersten Minuten. Es handelt sich auch nicht wirklich um ein „homogenes“ Konzert, sondern um eine Veranstaltung, in der mehrere Gruppen auftreten. Alles Kinder bis 14 Jahre, und gespielt wird auf Keyboards des Sponsors – Yamaha. Gespielt wird unter anderem „Unter dem Meer“ aus dem Disneyfilm „Arielle“, die Star Wars Symphonie (Episode IV), Titel von SMAP, und und und. Das Alter der Interpreten steigt im Laufe der Vorstellung, das heißt, Yûtarô und seine Gruppe spielen als letzte. Und ganz am Ende dürfen alle gemeinsam zur Freude der Eltern noch was singen. Ich beglückwünsche Yûtarô zu seiner Leistung und frage ihn, wie er sich fühle. Er sagt, er habe noch ganz heftiges Herzklopfen.

Und weil der frühe Abend so schön ist, werden wir auch noch zum Essen eingeladen. Wir essen in einem traditionell eingerichteten Haus – ohne Stühle. Als Vorspeise bekommen wir Tempura und frittierte Garnelenschwänze, danach gibt es Sushi, eine Platte für jeden, von denen ich allerdings drei esse, weil Jin Eiko ja bekanntlich auf Grund ihrer Familienvorgeschichte keinen Fisch mehr sehen kann und Melanie bereits satt ist. Das Hauptgericht sind Soba Nudeln, kalt. Zum Nachtisch gibt es Eis – und zwar Soba Eis! Es schmeckt irgendwie auf sanfte Art und Weise nach Nuss.

Wir mit Familie Jin inklusive Großeltern

Um kurz nach Neun fahren wir zum Haus der Familie Jin zurück und von dort aus mit dem Fahrrad nach Hause, trotz des mehrfachen Angebots, mit dem Auto nach Hause gefahren zu werden. Aber es ist ja nun wirklich nicht kalt und wir sind schon des Öfteren nach Anbruch der Dunkelheit unterwegs gewesen. Ich werde morgen eine Mail schreiben, in der ich mich ausführlich bedanken kann.

Zuhause sehen wir noch „Tetsuwan Dash“, eine der Shows der Band TOKIO. Und die haben heute niemand geringeren als Jackie Chan zu Gast. Und das nicht zum ersten Mal, wie ich aus den Gesprächen entnehmen kann. Nebenbei sei erwähnt, dass Jackie Chan in Japan einen größeren Volksauflauf von Autogrammjägern verursacht als die einheimische Band TOKIO, deren Gesichter in Japan doch auch jeder kennt. TOKIO fährt hier natürlich keine gesittete Talkshow – hier wird ein Wettkampf veranstaltet. Aufgabe ist es, ein Souvenir aus Hakone zu besorgen – jeder ein anderes – und an einen vorher festgelegten Ort zu bringen. Mit maximal 3000 Schritten.[2] Dazu erhalten alle Teilnehmer einen Schrittzähler. Jedes öffentliche (!) Fortbewegungsmittel ist erlaubt, mit Ausnahme eines Taxis. Das heißt, die Jungs müssen erst einmal nach Hakone kommen und dort ihr Souvenir finden, indem sie Leute fragen. Um die Beschränkung der Schrittzahl weniger hart zu machen, erhält jeder einen Hartschalenkoffer mit Rädern.
Matsuoka hat das Souvenir als erster besorgt, aber er scheitert 2,5 m vor dem Ziel. Jackie kommt als dritter an, aber auch er hat 7,5 m vor der Ziellinie seinen letzten Schritt verbraucht. Jetzt würde ich natürlich gerne den Namen des Siegers nennen, aber ich habe ihn mir nicht gemerkt.

Danach sehe ich noch „Pretty Cure“ und „Zorori“ an, und ich stelle heute den endgültigen Anachronismus jener Welt fest – da gibt es nämlich Automobile und mit Motoren betriebene Luxusliner. Über den mechanischen Drachen der ersten Episode habe ich „hinweggesehen“ und dachte, die moderne Technik sei aus rein humoristischen Gründen eingefügt worden, aber jetzt, wo die damals entführte Prinzessin und ihr Prinz mit einem Chevrolet Cabrio in die Flitterwochen fahren, muss ich die Lage wohl anerkennen. Was nicht heißt, dass ich mir das nicht weiter ansehen werde… Zorori ist immer noch lustig.


[1] Die Bezeichnung geht auf meinen ersten Englandausflug im Schulrahmen anno 1991 zurück. Ohne Rucksack war ich gezwungen, mir gegebene Lunchpakete in meine Jacke zu stopfen. Da viele meiner MitschülerInnen diese Lunchpakete abscheulich fanden, hatte ich immer ein halbes Dutzend davon auf diese Art und Weise bei mir, um sie im Laufe des jeweiligen Tagesausflugs zu verzehren.

[2] Hakone liegt über 80 km südöstlich vom Stadtzentrum von Tokyo entfernt.

20. März 2024

Samstag, 20.03.2004 – On the Road again

Filed under: Filme,Japan,Musik,My Life — 42317 @ 7:00

Wir nehmen während der Nacht die Fress-Show „Gansô! Debuya!“ mit Papaya und Ishida auf, und am Morgen „SailorMoon“. Irgendwas stimmt mit dem Wecker nicht… der geht sechs Stunden nach. Der kann doch nicht schon wieder eine neue Batterie brauchen? Wir haben sie erst im Dezember ausgetauscht!

Wir stehen um 12:00 auf und sehen uns erst „SailorMoon“ und dann „Debuya“ an.

Nephlytes Attacke auf EvilMerkur schlägt natürlich fehl – wer hätte das gedacht? Dafür wird er von Kunzyte dann auch „gezüchtigt“. Ich lächle jetzt gerade laut. Mamoru wird von Zoisyte angesprochen, der ihm ein paar Rückblicke auf seine wahre Identität liefert, aber natürlich will Mamoru das nicht einsehen, läuft erst mal davon und wird von Kunzyte in einem TV-Studio angegriffen. SailorMoon und Zoisyte retten ihn, aber Zoisyte bekommt schwer was ab und muss sich aus der Gefahrenzone teleportieren. Usagi erfährt dann auch endlich, dass Chiba Mamoru und Tuxedo Kamen die gleiche Person sind und ihre Reaktion kann ich nicht wirklich aus ihrem Gesicht lesen.

Papaya und Ishida wiederum waren auf Tour in Niigata und haben dort gekochte Schweinefleischstreifen, frittiertes Schnitzel (mein Gott, wie gewöhnlich!) und Maitake gespachtelt. Und weil Papaya ja eigentlich Choreograph ist, führt er zusammen mit der Belegschaft der Pilzfarm noch ein Tänzchen vor.

Danach will ich selbst mal was essen, und Wäsche waschen wäre auch eine gute Idee. Schließlich hole ich meine (handschriftlichen) Tagebucheinträge seit dem 17. März nach… ich muss mehr Disziplin aufbringen, die Einträge am gleichen Tag zu schreiben, sonst vergesse ich noch ein paar wichtige Dinge. Das Chaos in meinen handschriftlichen Notizen spricht Bände.
Ich lese bis um 17:00 und fahre dann ins Daiei und ins Ito Yôkadô, um ein paar der bestellten CDs zu kaufen. Als ich auf den Eingang des Daiei zugehe, sehe ich hinter der Glastür drei Jugendliche, die sich darüber ärgern, dass die automatische Tür nicht aufgeht. Sie wenden sich unzufrieden von der Tür ab. Ich gehe auf die Tür zu – sie geht anstandslos auf, ich gehe hinein. Ich ernte Blicke von Missgunst bis Unverständnis. Beinahe hätte ich die Beherrschung verloren und die drei ausgelacht. Ich fahre in den vierten Stock… aber das ist einer zu weit, also wieder einen runter. Im Ito Yôkadô befinden sich die CDs im fünften Stock und ich bin wesentlich öfter dort als hier im Daiei, daher der Fehler. Ich kaufe „Nr. 53“ von „Penicillin“ und sehe mich nach CDs von Orikasa Fumiko um, aber da ist Fehlanzeige. Ich verlasse das Daiei wieder auf dem gleichen Weg, wie ich hineingelangt bin. Die Tür öffnet sich.

Ich gehe rüber ins Ito Yôkadô und kaufe dort „Frontiers“ von „Psycho le Cemu“ und eine CD von „Maximum the Hormon“. Den Namen von letzterer CD kann ich nicht lesen, auch nicht mit dem Kanjitank – ich finde eines der Kanji nicht.[1] Von dieser Band habe ich eigentlich nur das Lied „Rolling 1000 tons“ gesucht, das Endlied des „Airmaster“ Anime, aber nach dem Kauf stelle ich fest, dass der Song auf der CD, entgegen einem Hoffnung erweckenden Aufdruck, doch nicht enthalten ist. Zumindest nicht in der Form, wie ich mir das gewünscht hätte: Eine genauere Untersuchung der Sachlage zeigt mir, dass von dem Song das Musikvideo auf die CD gebrannt worden ist. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil! Na, immerhin etwas. Die übrigen Lieder sind für meinen Geschmack auch gut zu gebrauchen, auch wenn Melanie die Musik als „Krach“ bezeichnen wird und das Cover so ziemlich das vulgärste ist, das mir je unter die Augen gekommen ist. Nein, kein „Cannibal Corpse“ Cover schlägt dieses Bild, das auf eine ganz andere Art krank ist. Die CD von „Japaharinet“, die ich ebenfalls kaufen wollte, ist nicht mehr da, ebenso die CD mit den Pianostücken zu „Final Fantasy VII“. Wenn sich Sebastian nicht dazu entscheiden kann, die CD zu kaufen, so lange ich in Japan bin, hat er wahrscheinlich verloren. Auch hier findet sich leider nichts von Orikasa Fumiko… am Ende werde ich die einzige Platte, die es von ihr offenbar gibt, bestellen müssen.

Ich mache mich auf den Heimweg. Und wenn ich schon mal dabei bin, suche ich mir auch gleich ein Fahrrad. Da drüben in dem „Fahrradhaufen“ befinden sich potentielle Kandidaten. Eng verkeilte Fahrräder, teilweise übereinandergestapelt, alle mit trockenen Ketten und leeren Reifen. Das erste Mountainbike erweist sich als zu klein – definitiv ein Kinderrad, für das man nicht größer als 1,60 m sein sollte. Das zweite ist ein wenig größer… wenn ich den Sattel maximal ausfahre, werde ich damit fahren können, denke ich. Sobald wieder Luft in den Reifen ist, heißt das. Es hat eine Lampe! Mit Batteriebetrieb, aha… aber immerhin. Die Gangschaltung hat 18 Gänge und Drehschalter… nett. Die Reifen haben gutes Profil und die Vorderachse hat sogar eine pneumatische Federung. Die Bremsen sind in Ordnung, es hat Reflektoren hinten und welche in den Speichen. Das ist doch nicht schlecht.

Ich schiebe das Rad nach Süden und finde vor einem der Fahrradläden tatsächlich noch den Eimer mit den Luftpumpen drin. Wie kann das sein? Hat ein günstiges Schicksal den Besitzer ausgerechnet heute den Eimer draußen vergessen lassen oder ist mir nie aufgefallen, dass die Pumpen vor diesem Laden rund um die Uhr zur Verfügung stehen? Ich nehme mir eine Pumpe aus dem Eimer, aber sie ist kaputt. Hm… ich nehme die zweite. Sie funktioniert und drei Minuten später haben meine Reifen die Härte, die ich erwarte. Ich fahre also den Rest des Wegs und versuche, mich mit der Gangschaltung vertraut zu machen. Ich brauche Öl für die beweglichen Teile, aber das kriege ich erst am Montag. Ansonsten muss ich mich nur an das neue Fahrgefühl (mit Federung) gewöhnen, weil ich von den Unebenheiten der Bordsteinkanten kaum noch etwas mitbekomme und ich deshalb permanent das Gefühl habe, keine Luft im Reifen zu haben. Obwohl ich erkenne, wie paradox diese Aussage erscheint. Aber die Reifen halten die Luft und ich bin wieder mobil.

Melanie hat für heute Abend einen Film ausgeliehen – „Makai Tensei“. Nach nur zehn Sekunden ist mir glasklar, dass es sich hierbei um die Realfilmvariante eines Anime handelt, der im Westen unter dem Titel „Ninja Resurrection“ bekannt ist. Um was geht es da Atemberaubendes?
Truppen des Shogunats (der jap. Militärregierung) stürmen anno 1638 eine Burg, in der sich Christen verschanzt haben – diese Religion war unter Todesstrafe verboten. Der Daimyô der Burg, noch ein junger Mann, sieht wohl das Scheitern und die Schwäche seines Gottes, als man ihn tötet – worauf er als Der Antichrist wiedergeboren wird! Er ruft die Geister toter Helden der japanischen Geschichte, unter anderem auch keinen geringeren als den Schwertmeister Miyamoto Musashi, um die Tokugawa auszulöschen. Und wer stellt sich ihm entgegen? Der wahrscheinlich zweitbekannteste Held Japans: Der Ninja Yagyû Jûbei. Den Rest kann man sich ausmalen, nur mit noch mehr Blut. Der Film schafft es beinahe, noch langweiliger zu sein als der Anime… eine der unnötigsten Produktionen, die ich in den letzten zwölf Jahren gesehen habe.


[1] Spätere Untersuchungen mit Lexika aus Papier ergaben die Titellesung „Kusoban“ = „Scheißplatte“. Daher die Covergestaltung…

19. März 2024

Freitag, 19.03.2004 – Der Preis der Schnürsenkel

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 7:00

Ich ziehe am Morgen meine Schuhe an, um zur Uni zu fahren, und ich sehe, dass ich es nicht mehr viel länger aufschieben kann: Ich brauche neue Schnürsenkel. Es kann sich nur noch um Tage handeln, bis mein rechter Schnürsenkel reißt. Es sei ihm gegönnt, in Rente zu gehen… fünf Jahre sind eine gute Lebensdauer. Vielleicht hätte ich vorsichtshalber die völlig intakten Schnürsenkel meines nicht mehr ganz so intakten Paars Stiefel aus Deutschland mitbringen sollen, für einen solchen Fall… aber dafür ist es zu spät, ich brauche Schnürsenkel jetzt, und die werden wohl nicht die Welt kosten.
Ich setze mich auf mein Fahrrad und besuche den 100-Yen-Shop. Aber dort gibt es keine Schnürsenkel.
Ich rolle also den Hügel 100 m weit wieder hinunter und gehe ins Sunday Home Center. Aber auch da gibt es keine Schnürsenkel. Eine Angestellte sagt, ich solle in Richtung Westen fahren und das Kaufhaus „Yasuhara“ (offenbar eine Art GLOBUS) aufsuchen, da gebe es sicherlich Schnürsenkel.
Ich fahre in die angegebene Richtung und komme beim örtlichen Max Value vorbei. Warum sollte ich nicht auch da fragen? Ich betrete den Supermarkt und bekomme eine kleine Tüte Erdnüsse geschenkt. Aber dieser Supermarkt verkauft Nahrungsmittel und Küchenbedarf, keine Schnürsenkel. Ich verlasse den Laden durch eine andere Tür wieder und bekomme noch eine Tüte Erdnüsse geschenkt.

Ahaaa… aber neben dem Max Value befindet sich ein Schuhladen. Da gibt es garantiert das, was ich suche. Ich gehe also in das Schuhgeschäft und mache der Verkäuferin klar, was ich gerne hätte. Sie zeigt mir ein Sammelsurium von Schnürsenkeln, aber natürlich sind die meisten zu kurz. Sie sagt, auf die Art von Stiefeln, wie ich sie trage, sei ihr Laden nicht ausgelegt. Ich nehme mir dennoch das längste Paar in schwarz heraus, 140 cm lang. Ich weiß nicht, ob das reicht; ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, wie lange Schnürsenkel für den „Kampfschuh, BW“ sein müssen. Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden. Ich kaufe die Schnürsenkel für 340 Yen, entferne den alten und fädele den neuen ein. Die 140 cm reichen genau – und „genau“ heißt, dass ich das Band nicht, wie gewohnt, noch einmal um den Schaft wickeln kann, bevor ich sie zubinde. Aber ich kann sie zubinden und die Schlaufen in die Seite des Stiefels stopfen, damit sie nicht aufgehen. Und das ist auch notwendig, weil es die Schnürsenkel nämlich nur aus Polyester gibt. Das heißt, die Oberfläche des Materials ist so glatt, dass der Knoten sich nicht selbst halten kann; wenn ich die Schlaufen nicht in den Stiefel stopfen würde, hätte ich dauernd offene Schnürsenkel. Wer hat sich diesen Mist bloß ausgedacht? Schnürsenkel, die nicht zuhalten – warum nicht auch Bücher verkaufen, die aus lauter losen Seiten bestehen? Weil es unpraktisch ist! Aber was soll’s… diese Plastikdinger verschaffen mir auf jeden Fall genug Zeit, mir ordentliche Schnürsenkel zu suchen.

Ich fahre zur Uni. Ich habe noch immer Misis Memorystick, also gehe ich ins Center, um ihn möglicherweise zurückgeben zu können, aber der Ungar ist um diese Zeit natürlich noch nicht da. Stattdessen unterhalte ich mich ein bisschen mit BiRei, die immer noch, allein, in den Shimoda Heights I wohnt. Sie wollte, wie Mei, in das Frauenwohnheim umziehen, aber BiRei erhält ein Stipendium und deshalb bleibt ihr das Wohnheim verwehrt.
SongMin taucht ebenfalls auf und ich mache endlich ein „offizielles“ Bild von ihr für mein Poster mit den Gesichtern. Ich will auch von Jû eines machen, der plötzlich aus dem Boden gewachsen zu sein scheint, aber er möchte das lieber verschieben, weil er eine Verletzung an der Nase hat und deshalb nach seinem Ermessen wohl zu unschön aussieht. Das existierende Foto, das ich während des Essens im Bunpuku gemacht habe, sei doch gut genug, sagt er. Ich sage, es sei zu dunkel. Ich werde ihn später noch einmal fragen.

Ich verlasse das Center, um in den Computerraum zu gehen und stelle fest, dass in meinem Hinterreifen keine Luft mehr ist. Ich schiebe das Fahrrad also 300 m weit zu „Saitô Bicycle“ und pumpe den Reifen wieder auf. Ich höre kein Geräusch, das mir einen Schaden verraten würde, also war es vielleicht irgendein Scherzkeks, der mir die Luft rausgelassen hat. Ich fahre ans Physikgebäude und die Luft ist immer noch drin.

Ich schreibe vier Berichte. Und dann ist das Internet plötzlich nicht mehr zu erreichen. Ich nutze die „Pause“ und sehe mir die Anime an, die ich letztlich gebrannt habe und die dritte Episode der „Taiho shichau zo!“ Realserie. Ich gelange im Anschluss daran zu der Erkenntnis, dass „Comic Party Revolution“ zwar ganz nett ist, aber auch nicht wirklich interessant, das gleiche gilt für „Android Ana Maico“. Aber „Airmaster“ gefällt mir nach der zweiten Episode schon besser als nach der ersten, also werde ich mir den Rest auch noch besorgen.
„Miyuki“ werde ich auf jeden Fall haben wollen – es handelt sich dabei nämlich um die „Miyuki“ Serie, die Anfang der Neunziger auch auf TELE 5 gelaufen ist. Leider war ich damals viel zu ignorant, um die Qualitäten der Serie zu erkennen, bevor TELE 5 den Betrieb eingestellt hat. Es handelt sich, schlicht gesagt, um eine Liebeskomödie um einen Jungen, der ein Mädchen namens Miyuki liebt und eine Schwester mit dem gleichen Namen hat. Ich dachte eigentlich, die Serie hieße „Daburu Miyuki“ („Double Miyuki“), deshalb war ich von dem Titel etwas überrascht.

Zwischendurch kommt Misi hereingeschneit und ich gebe ihm seinen Datenspeicher wieder. Er sieht sich „Airmaster“ und „Mezzo DSA“ an. Bei „Mezzo DSA“ handelt es sich offenbar um das Nachfolgeprodukt von „Mezzo Forte“, mit dem Unterschied, dass „DSA“ ohne… explizite sexuelle Darstellungen auskommt und ich finde das auch ganz gut so. Ansonsten, so scheint mir, ist das gleiche Set an Charakteren vertreten.

Um Acht gehe ich nach Hause. Und ich gehe tatsächlich, weil ich nämlich meinen Hinterreifen platt vorfinde. Also offenbar doch ein Schaden, den ich mir während der „Schnürsenkel Odyssee“ zugezogen habe. Ich werde mir wohl in den nächsten Tagen ein neues, gebrauchtes Fahrrad besorgen müssen. Das hier ist nicht mehr zu retten. Wenn das Fahrrad Schnellspanner hätte, könnte ich kurzerhand den Reifen austauschen, aber ich brauche leider Werkzeug, das ich nicht habe, und die Schrauben sind auch angerostet. Hmpf… die Gangschaltung ist eh hinüber, ich kann nur noch in einem Gang fahren, und das auch nur, weil ich die vordere Zahnradeinstellung mit einer kleinen Metallstange fixiert habe. Außerdem knackt das Rad ganz verdächtig, wenn ich in die Pedale trete. Nein, dieses Stück geht in Rente. Ich lasse es vorerst hier stehen, bis ich es dahin zurückbringe, wo ich es gefunden habe.
Um 21:00 läuft „Spy Kids 2“ im Fernsehen, aber ich sehe nicht viel hin, weil ich immer noch „Erdsee“ lese. Erst um 23:15 lege ich das Buch weg – heute läuft die leider vorerst letzte Episode von „Skyhigh 2“.

18. März 2024

Donnerstag, 18.03.2004 – Mail Order Dominik

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 7:00

Ich gehe um 11:00 in den Computerraum, und… ja, das Übliche. Volker hat bereits geantwortet und macht Tamara keine Hoffnung auf ein Praktikum in Japan. Unbezahlte Praktika seien schon extrem schwer zu bekommen, sagt er, und das auch nur mit guten Beziehungen zu den richtigen Stellen – die ich nicht habe.

Es erreicht mich auch eine CD Bestellung im Wert von 150 E. So weit ich das auf die Schnelle feststellen kann, sind alle Titel käuflich zu erwerben, und die 150 E kann ich vorstrecken – die Quelle ist verlässlich. Allerdings wird das meine Pläne, mir eine Gakuran zu besorgen, weiter zurückwerfen (um einen ganzen Monat), da mir das Geld zwar ersetzt wird, das aber auf mein fernes deutsches Konto, das Geld wird mir daher in Japan fehlen. Ich schätze, ich werde das Geld dann für meinen Semesterbeitrag aufwenden, und der hat größere Bedeutung als was zum Anziehen.

Ich schaue mir die erste Episode von „Gunslinger Girl“ an. Der Titel klingt furchtbar, ich dachte zuerst an eine Art Wildwest-Szenario, aber es geht um was Anderes, was in der folgenden Beschreibung wahrscheinlich nicht weniger abschreckend wirkt: Da existiert eine Regierungsorganisation (?) in Italien, die kleine Mädchen, Waisenkinder, möglichst jung und Opfer von Verbrechen oder Unfällen (alle diese Bedingungen müssen zutreffen), für tot erklären und zu Cyborgs umbauen lässt, um sie als Sonderkommandos gegen böse Buben einzusetzen. Weil die Mädchen so harmlos aussehen, sind sie nicht verdächtig und werden vom Feind nicht als gefährlich eingestuft – zumindest so lange, bis sie ihre Sturmgewehre aus dem Geigenkoffer holen und aufräumen. Ich sagte ja, es klingt nicht besonders toll.
Die genannte Organisation instrumentalisiert also die Kinder, macht sie zu Maschinen und vergisst dabei die Tatsache, dass es sich dennoch um Kinder handelt. Nur wenige der Trainer, von denen jedes Mädchen einen hat, sehen ein, dass dieses Konzept inakzeptable ethisch-moralische Mängel aufweist und sträuben sich dagegen.

Mehr kann ich derzeit nicht darüber sagen, aber ich würde gerne sehen, wie die Geschichte weitergeht und wohin sie führt. Im Forum wird die Serie jedenfalls hoch gelobt, und das in erster Linie wegen der Storyelemente, nicht wegen des Konzepts „Girls with Guns“.
Bis ich damit fertig bin, ist es kurz vor Neun und der Wachmann bittet mich höflich, Schluss zu machen.

17. März 2024

Mittwoch, 17.03.2004 – Angelabert

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 7:00

Es ist warm heute. Sogar sehr warm, möchte ich sagen. Ich fahre ohne Jacke ins Center, zum ersten Mal im neuen Jahr. Ich finde eine E-Mail von einer „Tamara Di Florio“ vor, mit dem Betreff „anlaber“. Ah ja… wäre ich einem natürlichen Impuls gefolgt, hätte ich die Mail sofort ans Anti-Spam Team von GMX gemeldet und sie in den Datenmülleimer befördert. Aber der Betreff erscheint mir eher unüblich für eine Werbemail für erotische Dienstleistungen und ich sehe mir an, was ich da habe. Wäre der Inhalt reines HTML-Format gewesen, wäre sie auch tatsächlich verschwunden – aber ich finde einen Text vor. Darinnen schreibt mir eine (ihrem Schreibstil nach zu urteilen) äußerst nervöse junge Frau, die billig nach Japan kommen und dafür ein „Work-Holiday-Visum“ in Anspruch nehmen möchte. Aha, einer meiner mit ihr bekannten E-Bay Kunden war so frei, sie an mich zu verweisen. Na gut, das macht ja nichts, aber er hätte mich vorwarnen können.

Was soll’s… sie will also ein solches Visum, und die Voraussetzung dafür ist, dass sie in Japan einen Job findet, der ihren Unterhalt sicherstellt – ein ganz normaler Aushilfsjob würde reichen, sagt sie, also Regale einräumen oder kellnern oder alles, was sich anbietet. Ob ich ihr dabei helfen könne, möchte sie wissen. Ich mache sie darauf aufmerksam, dass ich hier in der tiefsten Provinz sitze und ihr in keiner Weise helfen kann, in einer der großen Städte besser zurechtzukommen. Es stellt sich weiterhin heraus, dass sie das Visum auch erst bekommen kann, nachdem ihr Touristenvisum ausgelaufen ist – das heißt, sie hat ein paar Wochen Zeit, sich selbst einen Job zu suchen. Große Hoffnungen kann ich ihr natürlich nicht machen.

In dem Moment kommt Nun herein. Sie sieht erschöpft aus und ich frage, ob es ihr gut gehe. Ja, sagt sie, sie sei nur unausgeschlafen. Warum dieses? Es sind doch Ferien? Ja, schon, aber sie sei Mitglied des Reitclubs der Universität, die Ausritte seien derzeit täglich und begännen morgens um 06:00 (im Sommer sogar schon ab 05:00), was entsprechend frühes Aufstehen nötig mache. Außerdem müsse sie in 50 Minuten zur Arbeit. Oha, Arbeit? Erzähl mir mehr… Sie erzählt, dass sie zuhause in Thailand ganz professionell Thai-Fußmassage gelernt habe. Sie sei hier in Hirosaki einfach in einen Schönheitssalon marschiert und habe einfach gefragt, ob sie arbeiten dürfe. Sie darf und sichert sich so ein zusätzliches Einkommen. Das macht etwas Mut und ich schildere Tamara den Fall. Danach schreibe ich Volker und frage ihn nach Auslandspraktika, mit denen er ja zwei Jahre Erfahrung hat.

Ich spiele bereits mit dem Gedanken, in den Computerraum zu gehen, als Misi das Center betritt. Ich leihe mir seinen Memorystick und drei leere CDs und fange an, ein paar Sachen zu brennen. Ich habe jetzt je eine Episode von „Comic Party Revolution“, „Android Ana Maico“, „Miyuki“, „Mezzo DSA“ und „Gunslinger Girl“, sowie zwei Episoden von „Airmaster“. Ich werde mir die Stücke bei Gelegenheit anschauen und dann entscheiden, wovon ich mehr brauche und was ich sein lasse. Ich habe auch den „Crayon Shin-chan“ Film „Das Imperium der Erwachsenen schlägt zurück“, aber keine Möglichkeit, ein 700 MB Paket auf einen Rechner zu verpflanzen, der einen Brenner hat. Misi hat bereits festgestellt, dass man den Standard DivX-Player auf den Unirechnern installieren kann, und ich werde das alsbald in Angriff nehmen, damit ich nicht immer den Computer im Center verwenden muss. Außerdem empfiehlt er mir für den „Shin-chan“ Film einen so genannten Filesplitter – damit könne man die große Datei in mehrere kleine aufspalten und Stück für Stück transferieren. Ich installiere ein solches Programm und versuche erst einmal, mit der Bedienung klarzukommen. Aber das ist nicht schwer. Ich lasse das Programm einfach mal laufen und hoffe, dass alles fertig und bereit ist, bevor das Center schließt (und den Rechner möglicherweise mitten im Vorgang ausschaltet).

Ich gehe schließlich in den Computerraum und schreibe Berichte. Ich finde außerdem bereits die Antwort von Tamara vor. Zeitverschiebung kann, etwas Timing vorausgesetzt, auch Vorteile haben. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich ihr allerdings noch nichts Neues mitteilen.
Ansonsten ist nur Post von Frank da, der sich zwei Tage Zeit ausbittet, um sich mit dem Gelände der Stadtkarte vertraut zu machen. Ja, soll er haben, kein Problem. Er fragt weiterhin, ob es in Hirosaki eine Webcam gäbe, damit ich mal winken könne. Er meint natürlich eine öffentliche Kamera, die ihre Bilder ins Internet entsendet. Offiziell gibt es eine solche Kamera im Park, aber die ist entweder außer Funktion, oder aber sie ist gebucht von einem Service, der Geld dafür verlangt, den Park von Hirosaki im Internet live betrachten zu können. Ich muss die Frage also vorerst verneinen.

Aber… es gibt ja WebCams direkt an der Universität! Ich stelle fest, dass ich unter dem Link http://133.60.236.50/imglnk/1FE_C3.jpg tatsächlich zu sehen bin (sofern die Kamera funktioniert, und das scheint sie heute nicht zu tun), und das zwischen 11:00 und 17:00 japanischer Zeit. Zumindest im Moment, weil Ferien sind und das Gebäude um 17:00 schließt. Ab dem 06.04. wird sich das wieder ändern… das Gebäude bleibt dann wieder bis um 21:00 geöffnet, aber ein paar Tage darauf wird das Sommersemester beginnen und ich kenne meinen Stundenplan natürlich noch nicht. Das heißt, dass ich erst am späten Nachmittag dort auftauchen werde. Zeitumrechnung… wenn es in Japan fünf Uhr nachmittags ist, zeigt die Uhr in Deutschland zehn Uhr am Morgen (im Sommer).

Ich fahre nach Hause. Entgegen der angenehmen Tagestemperatur ist es nach Anbruch der Dunkelheit allerdings richtig kalt. Ich vermisse meine Jacke und beeile mich, nach Hause zu kommen.